Warum unterliegen viele Menschen dem Patriotismus und Zugehörigkeitsgefühl?

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5 Antworten

Du solltest einmal dringend "Die Erfindung der Nation" von Benedict Anderson lesen. Sicherlich ließen sich einige deiner Fragen so beantworten.

Nach Anderson (der auch nicht unbedingt der allererste mit dem Gedanken war) sind Nationen vorgestellte, begrenzte, souveräne Gemeinschaften. Vorgestellt, da du ja selbst maximal persönlich deine Familie, Freunde, Nachbarn kennst und dir den Rest der Nation nur dazu vorstellst, begrenzt, weil eine Nation eben auch Grenzen nach außen zieht und gerade nicht alle Menschen einschließen will, souverän weil sie mit dem souveränen Staat gleichgesetzt wird als eine Gemeinschaft von angeblich Gleichen, ungeachtet aller tatsächlichen Unterschiede.

Warum brauchen Menschen das? Zum einen liegt es durchaus in der Natur des Menschen (zoon politicon, Aristoteles) Gemeinschaften zu bilden, die zunächst sehr klein waren (erst Familie, dann oikos, polis und dann Staat). Tatsächlich ist die psychologische Fähigkeit des Menschen zunächst sehr begrenzt, sein Mitgefühl auf viele Personen zu erweitern. Es gibt eine Grenze, über die hinaus nur Mitgefühl aufgebracht werden kann, wenn mit Fremden echte oder vorgestellte Gemeinsamkeit erkannt werden kann.

Die Erfindung der Nation ist somit zunächst der erste Schritt gewesen, Gemeinschaft zu erweitern und sich Ähnlichkeiten vorzustellen, wo keine sind, was zunächst positiv ist.

Schwierig wird es nun durch die Abgrenzung. Aus Sicht der politischen Psychologie kann eine so große, unterschiedliche Gemeinschaft, die in Wahrheit gar nicht so viel gemeinsam hat, nur bestehen, wenn die Unterschiede in der Gruppe vermindert werden, zum Beispiel eben durch eine Verschiebung der Probleme nach außen: Die Anderen, der Feind, der Gegner, der Widersacher muss abfangen, was in der Gemeinschaft keiner abfangen kann (sie muss ja innerlich zumindest harmonisch erscheinen). Das gilt nicht nur für Nationen, nein auch im kleinen Maßstab für Mannschaften, Dörfer, Schulklassen, Cliquen, Clans, Stämme, Vereine, Religionen, und so weiter und so fort.

Weil dieser Mechanismus so einfach wie effektiv ist, trifft man ihn überall. Identität entsteht durch Abgrenzung, sogar in der Pubertät ist das ersichtlich.

Im besten Falle sind Gruppen und Nationen nach außen dennoch friedlich und kooperativ, was zwar manchmal etwas mühsamer ist aber letztendlich sehr viel mehr bringt. Abgrenzung kann auch "soft" sein und Möglichkeiten des "Dazukommens" beinhalten. Kooperation verschiedener Gruppen, wenigstens auf Zeit, war schon immer die erfolgreichste Variante.

Eine Fussballmannschaft nun ist so eine Art "wir spielen eine solche Gruppe". Wir fühlen uns eine Mannschaft zugehörig, wie viele andere auch. Gruppenzugehörigkeit ist für den Menschen lebensnotwendig, fühlt sich gut an und macht glücklich. Da bei so einem Turnier wie der EM das ganze noch dazu offiziell ja "nur ein Spiel" ist und zudem zeitlich begrenzt, ist es wie Kurzurlaub im Paradies "Gemeinschaft".

Nicht alle wollen das, nicht alle brauchen das, und nicht für alle ist es "nur ein Spiel". Aber wir sind ja auch sehr unterschiedlich, und das ist normal. Egal wie gerne jeder hätte, dass alle so wären wie man selbst ^^... Da bleibt also nur eine imagined Community...

Leider ist es niemals möglich, ausführlich und mit allen Belegen und Erklärungen und auch Gegenansichten, Kritiken komplett in so einem kurzen Text darzustellen, was Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie dazu haben. Daher: Lese dich selbst ein, wenn du mehr wissen willst!

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Die Analogie zu den Religionen ist nicht verkehrt, letztlich ist es das gleiche. Ich verstehe auch nicht, warum dieses Verhalten immer wieder verteidigt wird, dass es etwas "wichtiges" wäre. 

Immer wenn Menschengruppen mit Waffen aufeinander losgehen, dann spielt dieser Faktor eine Rolle. Und zwar auf einer ganz grundlegenden Ebene. Entweder du bist in meiner Gruppe, und damit ok, oder du bist außerhalb meiner Gruppe und darum bist du mir egal, oder noch schlimmer ich schlag dir den Schädel ein. Würden die Leute ihre Umgebung nicht in In-Group und Out-Group einteilen, wäre die Welt zweifellos ein besserer Ort. 

Die Beziehung zu dieser Denkweise ist die gleiche wie Raucher zu Zigaretten haben, oder Fettleibige zu Süßspeisen. Eigentlich ist es noch schlimmer, denn viele tragen ihren Nationalstolz oder ihr durch Religion begründetes Mehrwertgefühl nach außen, als ob es irgendwas tolles wäre.

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Menschen sind von Natur aus Gruppentiere. Egal wie Introvertiert ein Mensch auch sein mag, hat er keine sozialen Kontakte geht er ein. Das die Massen jetzt dem Fußballgeschehen hinterherlaufen ist normal. In unserem Medien wird dieses Thema derart gehypt und aufplüstert, das es für viele einfach schon dazu gehört. Es entsteht eine Art Gemeinschaftsgefühl (Wir gegen den Rest) . Es ist wie eine Art Ideologie. Wer nicht mitmacht gehört nicht dazu und wird ausgeschlossen. Ich mache das manchmal in meinem Bekanntenkreis um zu sehen wie die Leute reagieren. (also sagen das ich das blödsinnig finde usw.) Es ist echt erstaunlich wie schnell man sich mit der Aussage das man kein Fuball schaut (während EM und WM) zum Aussenseiter macht. Ich finde dermaßen dämlig eine Mannschaft anzufeuern bloß weil sie aus dem eigenden Land stammt. Du reduzierst diese Spieler  auf ihre Herkunft mehr nicht. Ganz ehrlich ... in dieser hinsicht ist es, wenn man es mal ganz penibel nimmt , nichts anderes als stumpfer Patriotismus. Ich persönlich feuere keine Mannschaft an, nur weil sie aus dem Land kommen in welchem ich geboren wurde. Hinzu kommt das ich den Sport nicht sonderlich mag.  

Ja ich stimme dir zu. Ein Land ist ein vom Mensch festgelegtes Gebiet mit gleicher Kultur. Bei gleicher Sprache wäre ich vorsichtig. In der Schweiz werden soweit ich weiß auch 3 Sprachen gesprochen. Menschen suchen zugehörigkeit weil sie sich dann mächtiger und unverwundbarer fühlen.

Schlussendlich ist es doch egal aus welchem Land man kommt. Andere Kulturen andere Sitten, doch ist es nicht spannend auch mal etwas neues zu entdecken ? 

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Kommentar von Steff001
13.06.2016, 23:47

Ganz ehrlich : Ich kann auf den ersten Blick keinen Unterschied zwischen "Wutbürgern" und "Fußballpatrioten" erkennen. Beide sind stolz auf ein Land, halten sich für was besserers und laufen grüllend durch die Straßen. Gut ich will jetzt nicht wutbürgern mit Fußballfans gleichsetzten. Mir ist ein fußballfan 100mal lieber, aber gewisse parallelen gibt es da schon 

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Vorab möchte ich festhalten, dass Putin auf keinen Fall mit Erdogan auch nur vergleichbar ist. Erdogan versucht, Völkermord unter dem Namen seiner Nation zu leugnen und ähnliches Geschehen zu fördern, Putin tut das Gegenteil.

Wenn man sich einer Nation zugehörig fühlt, dann hat man den Eindruck, diese hätte irgendetwas, was andere nicht haben. Hinzu kommen Dinge wie Stereotypen anderen Nationen gegenüber, aber das ist natürlich Unsinn, wenn man ein Land bewerten will, muss man sich selbst einen Eindruck verschaffen, wobei es selbst dann um das Land und nicht die Nation geht, da gebe ich dir Recht.

Als Russe kann ich schon nüchtern sagen, dass Russland viele einzigartige Dinge hat, welche ich gegen nichts auf dieser Welt eintauschen würde, aber - und jetzt kommt die Pointe - das hat nichts mit der russischen Nation zu tun. Da kann man noch so viel vom weltbefreienden Volke der Sieger erzählen, aber daran waren nicht minder Kasachen und Letten beteiligt als Russen. In Russland hat über 80 Jahre lang eine Politik geherrscht, welche dieses Land einzigartig und zu meiner (auch Wahl-) Heimat gemacht hat, das ist der einzige Grund. Wenn Russland und die Türkei die Rollen tauschen würden, würde ich mich als Russe der Türkei genauso zugehörig und Russland genauso abgeneigt fühlen, wie es heute umgekehrt der Fall ist, weil es eben keinen Zusammenhang mit den Nationen gibt, welche die Länder mehrheitlich bewohnen, um die es geht, es geht nur darum, was die Vertreter dieser Nationen TUN, also in erster Linie Politik.

Ich freue mich zwar, wenn Russland bei der EM ein Tor schießt, aber mit Stolz hat das nichts zu tun, der gründet sich auf ganz andere Dinge. Ist es eine Leistung, jemanden einzubürgern und in den Kader einzureihen, der dann "für Russland" absahnt? Natürlich nicht... Ist es eine Leistung, den globalen islamistischen Terrorismus als einzige nicht betroffene Nation dieser Welt auf Kosten eigener Ressourcen, Waffen und Menschenleben einzudämmen? Natürlich ist es eine, eine unschätzbare sogar...

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Sind halt Kleingeister, kann man nichts machen.

Viel Spaß noch beim Verzweifeln.

MfG

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