Warum sollen Hypotaxen etwas schlechtes sein?

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9 Antworten

Ich bin ja kein Deutschlehrer, aber mir ist ein Text von Heinrich von Kleist gut in Erinnerung geblieben. Und das legendäre "dergestalt, dass..." war bei uns Schülern zu einem "running gag" geworden.

"Dieser Vorfall, der außerordentliches Aufsehen machte, schreckte auf eine dem Marchese höchst unangenehme Weise mehrere Käufer ab; dergestalt, dass, da sich unter seinem eignen Hausgesinde, befremdend und unbegreiflich, das Gerücht erhob, dass es in dem Zimmer zur Mitternachtstunde umgehe, er, um es mit einem entscheidenden Verfahren niederzuschlagen, beschloss, die Sache in der nächsten Nacht selbst zu untersuchen."

(Heinrich von Kleist, das Bettelweib von Locarno)

Daraus hätte man mehrere Sätze machen können, ohne dass der Sinn darunter gelitten hätte. Sicher ist es ein Stück weit Geschmackssache (wir Schüler hatten uns aber damals schon gefragt, warum er so "verschachtelt" schreibt).

Im Nachhinein würde ich es sogar als Stilmittel ansehen (durch die Einschübe bekommen die Sätze einen etwas "gehetzten", unruhigen Charakter, was zum Inhalt der Spukgeschichte passt). Die Sätze "kommen nicht zur Ruhe", es wirkt, als ob einer eine Geschichte erzählt, ohne Atem zu holen. Das ist aber eine subjektive Empfindung.

Jedenfalls hatte sich von Kleist genau deshalb bei mir eingeprägt.

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Kommentar von rumar
18.06.2017, 16:29

Von den Geschichten von Kleist ist mir leider fast nur in Erinnerung geblieben, dass da solche Satzungetüme vorkamen. Jedenfalls kam mir nach der Schule (wo Kleist offenbar auf dem Lehrplan stand) nie mehr in den Sinn, mir nochmals ein Werk dieses Schreibers zuzumuten ! 

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Wenn man die Logik und Struktur von Hypotaxen erstmal verinnerlicht hat, macht es natürlich einen Riesenspass elend lange Schachtelsätze zu basteln.

Was man als guter Schreiber jedoch nie aus dem Auge verlieren sollte, ist die Lesbarkeit für den Empfänger.

Gerade in Deutschland meint man, durch lange Schachtelsätze eine gewisse Intellektualität vorweisen zu können. Meines Erachtens ist das jedoch ziemlich durchschaubar und überheblich.

Wer sich klar und strukturiert ausdrücken kann, ist auch in der Lage mit kurzen Sätzen das auszudrücken was er sagen will.

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Das kann ich mir mir nicht vorstellen ,dass ein Deutschlehrer etwas gegen lange Sätze hat. Vorausgesetzt, sie sind richtig und korrekt formuliert. Meine frühere Deutschlehrerin hat immer gesagt, dass lange korrekte Sätze ein Zeichen der Sprachbeherrschung seien und hat uns stets Thomas Mann als (für uns unerreichbares) Vorbild hin gestellt.

Von daher glaube ich nicht, dass du korrekte lange Sätze schreiben kannst, ohne Grammatik- und Ausdrucksfehler.

Ich lektoriere oft  Arbeiten meiner Chefin, die  sie für wissenschaftliche Fachzeitungen verfasst. Sie schreibt auch stets sehr lange Sätze. Grammatikfehler macht sie keine, aber irgendwie verliert sie in der Mitte des Satzes den Faden und dann weiß man nicht mehr: was will sie denn nun damit ausdrücken? Ich schreibe dann ihre Satzungetüme  um und mache drei Sätze draus. Das sind aber dann immer noch Sätze mit mehr als der Komplexität eines Kleinkindes.

Frag doch einfach deinen Lehrer, was er an deinen langen Sätzen zu bemängeln hat.

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Hypotaktischer Satzbau ist nicht grundsätzlich schlecht, und Primitiv-Parataxe ist noch schlimmer, vor allem in der Schriftsprache, aber wenn Du Texte schreibst, in denen nur 100-Wort-Sätze mit mehreren Haupt- und Gliedsätzen, Einschüben, Klammern,  und Partizipialkonstruktionen vorkommen, dann ist dies stilistisch wirklich untragbar. Extreme Hypotaxe ist KEIN Merkmal von besonderer Intellektualität.

Gute Texte enthalten eine gesunde Mischung aus Parataxe und Hypotaxe.

Totale Hypotaxe ist eine deutsche Krankheit und führt zur Unleserlichkeit, und deshalb hat Dein Deutschlehrer Recht.

Die deutsche Neigung zum Nominalstil und zur übertriebenen Hypotaxe ist übrigens auch ein Grund, warum deutsche Texte im Ausland nur sehr ungern gelesen werden und auch dafür, dass gutgemeinte "Hypo"-Sätze in Englisch-Klausuren  nur peinlich sind und stilistisch deutlich abgewertet werden müssen.

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Kommentar von GoodFella2306
18.06.2017, 09:52

perfekte Antwort!

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sollen die Sätze die Komplexität des Satzes eines Kleinkindes vorweisen?

Schöner logischer Denkfehler!! Wenn der Lehrer eine Übertreibung in einer Richtung bemängelt, heißt das nicht, dass Du in der entgegengesetzten Richtung übertreiben sollst!

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Kommentar von ulrich1919
18.06.2017, 12:05

Dieser logische Fehler wird oft absichtlich von populistischen, demagogischen Rednern missbraucht um Stimmung gegen eine andere Meinung zu machen.

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Wenn dein Sätze "fast immer" grammatikalisch richtig sind, dann sind sie manchmal falsch! Und das würde mich auch stören. 

Abgesehen davon möchte man ja normalerweise mit dem, was man schreibt, anderen Leuten etwas mitteilen. Wenn die dann das eigene Werk gar nicht lesen, weil es ihnen zu kompliziert ist, hat man das nicht geschafft! 

Ich denke, die wirklich guten Bücher sind auch einfach verständlich. Wenn man sich auf einen Text in einer voll besetzen S-Bahn nicht mehr konzentrieren kann, hat der Autor etwas falsch gemacht. Das ist dann auch kein Zeichen von Intelligenz, sondern davon, dass man das Zielpublikum mit dem Text nicht erreicht hat. 

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Kommentar von giovanii
18.06.2017, 12:37

Fast immer bedeutet, dass eine von 100 Konstruktionen einen Fehler aufweist. Ihn stören nicht die Fehler an sich, sondern einfach das Factum, dass ich diese verwende.

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Kommentar von Dahika
18.06.2017, 12:46


Wenn man sich auf einen Text in einer voll besetzen S-Bahn nicht mehr konzentrieren kann, hat der Autor etwas falsch gemacht.

Na ja, das ist jetzt gewaltig übertrieben. Lies mal Thomas Mann. Da ist ein Satz unter Umständen so lang wie eine halbe Buchseite, eng bedruckt versteht sich.  Den liest du in einer S-Bahn nicht mal so nebenbei.

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Schon Goethe sagte zu komplizierten Satzgebilden "Getret´ner Quark wird breit, nicht stark!". Man verliert bei Schachtelsätzen die eigentliche Aussage zu schnell aus dem Blickfeld.

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Gib doch bitte mal so zwei, drei Beispiele deiner (beanstandeten) Sätze an, damit man sich besser vorstellen kann, was daran allenfalls kritisiert werden kann. 

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Kommentar von giovanii
18.06.2017, 10:11

Durch die zunehmende Emanzipation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat auf auch die Frau in die Arbeitswelt gefunden, was zu begrüßen ist, jedoch negative Auswirkungen auf die Kindererziehung hat, da Mütter dadurch oft erschöpft sind und wenig Mühe für die Erziehung aufwenden.

Das war einer meiner Sätze, die er mir angestrichen hat, weil es für ihn eine komplizierte Hypotaxe war.

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Kommentar von giovanii
18.06.2017, 10:11

Auf weg

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Kommentar von giovanii
18.06.2017, 10:31

Ja ich weiß, das musste ich einfügen, damit es nicht antifeministisch klingt

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Sätze sind einfacher zu lesen und verständlicher, wenn sie keine Schachtelsätze sind.

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