Warum soll in Japan möglichst jedes Kind studieren?

7 Antworten

Erst mal eine Gegenfrage zur Überschrift: Wo auf der Welt ist das denn bitte NICHT so?

Natürlich strebt man einen möglichst hohen Bildungsstand für den eigenen Nachwuchs an. Und das ist nun mal in den meisten Fällen eine universitäre Ausbildung.

Darüber hinaus stimmt die Frage aus deiner Überschrift genau genommen auch nicht so ganz: Viele junge Menschen wählen in Japan eine fachhochschulähnliche oder handwerkliche Ausbildung ohne eine Uni zu besuchen.

Trotzdem gilt für so ziemlich jedes Land der Erde: Eltern wollen nur das beste für ihre Kinder. So natürlich auch in Japan und Deutschland. Und wenn die Möglichkeit besteht, werden die meisten ihre Kinder auch auf eine Uni schicken.

Zum Drill muss ich sagen, dass es auch in Japan viele Kinder und Jugendliche gibt, die nicht lernen, faul sind und ständig zu spät zur Schule kommen. Der Vorteil im Vergleich zu Deutschland ist, dass die dort nicht auf der Strecke, bzw. sitzen bleiben, sondern bei nicht ausreichend bestandenen Tests mehrfach die Möglichkeit zur Wiederholung haben, wobei sie bei jeder Iteration Nachhilfe bekommen, sodass letztendlich (fast) jeder bestehen kann.

Es gibt zwar tatsächlich Kinder, die "sitzen" bleiben, aber das machen sie entweder a) freiwillig um leichter folgen zu können, b) wegen Krankheit oder anderer persönlicher Probleme und c) nur in ganz seltenen Fällen wirklich, wenn sie den Stoff einfach nicht packen.

Auf der anderen Seite sind die Kosten dort sehr hoch für Schulessen, Schuluniform, Schultaschen, Lehr- und Lernmaterialien, sodass sich viele Familien die normale Schule für ihre Kinder tatsächlich nicht mehr leisten können.

Ich habe eine Grundschullehrerin im Bekanntenkreis, und die hat ein Kind in ihrer Klasse, dass plötzlich nicht mehr zum Unterricht kam. Die Eltern sind auf Nachfrage fast weinend zusammen gebrochen, und haben unter Tränen erzählt, dass ihnen das Geld fehlt. Die besagte Lehrerin geht deshalb nach ihrer Arbeit, freiwillig und unbezahlt zu dieser Familie, und gibt dem Kind Einzelunterricht, wobei sie erst mitten in der Nacht nach Hause kommt, relativ kurz schläft und am nächsten Morgen wieder vor ihrer regulären Klasse steht.

Das ist der größte Kritikpunkt, den ich am japanischen Schulsystem habe, dass der Staat einfach nicht die Kosten übernimmt. Es wird gesagt: "Es herrscht Schulpflicht", aber weiter wird nicht gedacht. Ob ein Kind nun trotz theoretisch vorhandener Pflicht die Schule besucht, oder nicht, scheint unterzugehen.

Andere Dinge finde ich im japanischen Schulsystem sehr gut, von denen sich Deutschland eine Scheibe abschneiden könnte.

Aber all das ist politisch, und dir ging es ja eher um die gesellschaftlichen Aspekte; Lerndruck usw.

M. E. n. wird beim Druck japanischer Schüler in der Schule, von dem man in westlichen Medien liest heillos übertrieben. Soooo schlimm ist das nicht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die gibt es in Deutschland auch. Mir geht es um den Durchschnitt!

Mobbing scheint ein großes Thema zu sein, aber an der Stelle sollte Deutschland mal lieber ganz still sein. Denn das Problem existiert in vergleichbarer Schärfe auch dort.

Was mir aber ausdrücklich sehr an der japanischen Mentalität, am Erziehungsstil und am Schulsystem gefällt, ist das Kinder nicht - wie in Deutschland - als Idioten behandelt werden!

Es gibt dort sehr niedliche Lernheftchen um Kindern das Schreiben, Lesen und Rechnen beizubringen. Die sind nach Jahren organisiert, und je nach Alter steigt das Niveau etwas. Viele Deutsche sind erschrocken, dass diese Heftchen mit anderthalb oder zwei Jahren anfangen.

Viele Deutsche sagen dann Dinge wie: "Man kann doch ein zwei Jähriges Kleinkind nicht dazu zwingen, so komplizierte Zeichen zu lernen", und allein in dieser Aussage stimmen gleich mehrere Dinge nicht:

  • Das Kind wird nicht gezwungen. Es hat Spaß daran. Genau wie ein deutsches Kind, das einen Baum oder die Mama malt. Ist das auch Zwang, wenn ein deutsches Kind gerne Kringel mit dem Wachsstift malt?
  • Die Zeichen sind nicht kompliziert! Wo ist der Unterschied, ob der Kringel nun wie ein deutsches "O" oder ein japanisches "の" aussieht? Wer tatsächlich meint, dass das für ein zweijähriges Kind zu hoch ist, der hält sein Kind wohl für bescheuert.
  • Für ein Kind ist das kein "Lernen" im Sinne von "anstrengend", sondern es ist eine Spielerei, wenn im Heftchen eine Spinne mit niedlichen Glubschaugen abgebildet ist, und danaben wird die Silbe "く" gelehrt. Das malt das Kind dann ein paar mal zusammen mit Eltern oder Geschwistern ab, und nimmt dabei ganz automatisch die Form und Aussprache bestimmter Zeichen mit.

Wer also meint, dass sich sein eigenes Kind die beiden Zeichen "の" und "く" mit spätestens drei Jahren nicht merken kann, der sollte vielleicht mal ein bisschen mehr Vertrauen die geistigen Fähigkeiten eines jungen Menschen haben. Niemand kann mir sagen, dass "の" und "く" zu kompliziert und unlernbar sind. Natürlich gibt es noch komplexere Zeichen, aber wenn ein kleines Kind zwei oder drei pro Tag lernt, ist es nach weniger als einem Monat damit durch!

Man hört in deutschen Medien immer vom "Drill", aber aus meiner persönichen bisherigen Erfahrung muss ich leider sagen, dass ich stark das Gefühl habe, dass Deutsche einfach nur Angst vorm Lernen haben.

Was ist so gefährlich daran, wenn ich ein zwei Äpfel und drei Äpfel addieren kann? Wird es dadurch zum Gehirnkrüppel? Oder sollte man sein Kind möglichst dumm halten, damit es ja nicht von anderen Kindern gemobbt wird?

In Deutschland ist Nachhilfe "iihhh bääähh" und da gehen nur die dummen Kinder hin. In Japan gehen auch die sehr guten Kinder zur Nachhilfe, um noch besser zu werden. Dort schämt sich keiner dafür.

Und ganz ehrlich, wenn ich in Deutschland sehe, wie viele Jugendliche rauchen, sich Freitags die Hacke voll saufen, irgendwie über GAR KEINE Erziehung zu verfügen scheinen, dann ist mir das japanische System schon deutlich lieber.

Ich habe vor einigen Monaten das erste mal zwei richtige Assi-Jungs in der Bahn in Japan gesehen! Also ungefähr das Niveau, was nach Schulschluss in jedem einzelnen Waggon einer Berliner U-Bahn normal ist. Seitdem habe ich so etwas glücklicherweise nicht mehr sehen müssen, aber ich war schon geschockt.

Ich denke, niemand wird bestreiten, dass japanische junge Leute im Schnitt (!) um Faktoren besser erzogen sind, als Deutsche. Der Unterschied ist in der Tat so krass, dass man ihn auch nicht wegdiskutieren kann, auch wenn es auf beiden Seiten natürlich Ausnahmen gibt.

Sorry wegen dem Roman! Mein Fazit:

Ja, es gibt Drill in Japan. Vermutlich mehr als in Deutschland. Aber dabei muss man realistisch bleiben, und es ist mitnichten so, wie in vielen Berichten dargestellt.

Von Schulkindern im Bekanntenkreis ackert sich kein einziges tot. Von Universitätsstudenten in den ersten Semestern einige, aber für Deutschland gilt das gleiche. Einen Unterschied sehe ich da nicht. Das einzige was nicht ganz so pralle ist, sind die Überstunden. Ich kenne mehrere Leute, die übernachten auch (un)gerne mal in der Firma, weil sie sonst ihr Pensum nicht schaffen.

Im Endeffekt sind aber nicht die Kinder / Erwachsenen daran schuld, sondern das politische System, bzw. das Schulsystem. Und diese Aussage gilt sowohl für Deutschland, als auch Japan. Beide haben gravierende Nachteile mit katastrophalen Auswirkungen, nur meist an anderen Stellen.

Wenn du Glück hast, antworten dir hier noch ein paar Spezies wie M1603, Balurot, Enzylexikon, und wie sie alle heißen mögen. Die haben bestimmt auch eine ganz eigene Perspektive auf das Problem.

Ich persönlich bin eher der Typ, der Lernen und Bildung als großes Privileg ansieht, und persönlich nach möglichst viel Wissen strebt; fast völlig egal auf welchem Gebiet. Lernen macht mir sehr großen Spaß und ein Gefühl der "Langeweile" kann ich nicht nachvollziehen, weil mir noch nie im Leben langweilig war. Deshalb ist meine Sicht auf das japanische System vermutlich nicht objektiv, aber das nur als Hinweis!

Ansonsten noch einen schönen Tag! :)

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Sehr schön erklärt!

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Wo es nicht so ist?

In jedem Land, in dem Freilernen keine Straftat oder zumindest Ordnungswidrigkeit ist.

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Sehr ausführliche Antwort, es stimmt, Nichts schlägt die eigene Erfahrung,  dennoch hört man immer wieder über den enormen Leistungsdruck in asiatischen Ländern... 

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Sehr schön und vor allem sehr sachlich Erklärt

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Der Antwort von TeeTier ist eigentlich kaum noch etwas hinzuzufuegen. Zwar ein bisschen emotional geschrieben, aber sie handelt eigentlich alle wichtigen Punkte ab.

Ich moechte noch hinzufuegen, dass man bei Fragen, wie dieser, aufpassen sollte, wer (!!) etwas dazu schreibt. Dazu hilft oft ein Blick auf das Profil und andere Fragen/Antworten des Users. Bei solchen Fragen laeuft man naemlich schnell Gefahr, dass man bloss das aufgezeigt bekommt, was man sich eben so erzaehlt/im Internet lesbar ist und schwupps haben sich mal wieder Vorurteile verstaerkt. Natuerlich hat man auch bei Erfahrungsberichten aufzupassen, aber die kann man in der Regel eher fuer voll nehmen, wenn sie von jemanden geschrieben werden, der das ernst meint.

Zum Thema: Ein Studium erlebe ich in Japan als etwas ganz anderes, als in Deutschland und das erzaehle ich so aehnlich auch immer meinen Deutschschuelern, die ich hier (= Japan) unterrichte.

In Deutschland sehe ich ein Studium immer noch als eine Art der privaten Weiterbildung, die dann so oder so aehnlich auch auf das anschliessende Berufsleben angewendet wird. In Deutschland werden viele Leute relativ schnell zu Fachleuten fuer ihr Fach -- Ausbildung und Studium 'bringen was' und mit dem Abschluss hat man auch tatsaechlich was geleistet und wird dann in dem Bereich auch fuer voll genommen, wenn man entsprechend engagiert war/ist.

In Japan ist der Besuch einer Universitaet nicht selten ein Fall von 'das macht man so'. Die Qualitaet der Unis laesst oft zu wuenschen uebrig und der Unialltag ist eher von ausseruniversitaeren Aktivitaeten gepraegt. Viele Studenten studieren, um spaeter mit dem Namensbonus der Uni in einer guten Firma (die selten mit den Studienfaechern zu tun hat) einzusteigen. Dort startet man dann in der Regel bei 0, macht Putzarbeiten und Praktikatenzeugs und wird dann von anderen Leuten angelernt (oder auch nicht), um dann irgendwann eine bestimmte Position in der Firma beziehen zu koennen (oder auch nicht). Ein nicht unbedingt beneidenswertes System.

Was mir in Japan aber gut gefaellt sind die vielen Zusatzqualifikationen, die von verschiedenen Institutionen angeboten werden. Diese Tests und die oft dazu angebotenen Kurse an Fachschulen lassen sich dann tatsaechlich ein wenig mit der deutschen (theoretischen) Ausbildung vergleichen, die dann am Ende tatsaechlich Experten hervorbringt, die in bestimmten Bereichen taetig werden koennen.

Ob Leute jetzt bestimmte Zeiten in ihrer Schullaufbahn als Drill auffassen, kannst du nur Japaner selbst fragen. Ich empfinde das aus Beobachtungen heraus nicht so. Vielmehr sieht man, dass Leute viel und gerne lesen und auch Interesse an neuen Sachen haben (oft aber nur sehr schlechte Lernmethoden haben; gerade im Sprachenbereich). Mit einem Japaner wuerde ich meine Schulzeit nicht tauschen wollen -- aber das hauptsaechlich aus dem Grund, dass ich dem japanischen Schulsystem bis zum Uniabschluss keine grosse Qualitaet zuschreiben wuerde.

Der Drill findet in Japan eigentlich schon vor der Schule im Kindergarten statt. Dort geht es weniger um die Vermittlung von Fähigkeiten, sondern um das Einfügen in die Gesellschaft und das angepasst sein.

Außerdem werden in Japan schon sehr früh die Weichen für das weitere Berufsleben gestellt. Da kann schon die Wahl der Grundschule oder gar des Kindergartens darüber bestimmen, in welcher Firma das Kind später mal anfangen kann. Dabei liegen teure Privatschulen natürlich weit vor den staatlichen Schulen.

Druck entsteht vor allem über die Aufnahmeprüfungen. Um diese an den besten Schulen zu bestehen, wird oft die Ferien durch oder in Abendschulen gepaukt. Und wenn's doch nicht klappt, versuchen es manche lieber im nächsten Jahr nochmal, als sofort an einer Schule mit schlechteren Ruf weiterzumachen.

Medizin studieren - in Japan oder Deutschland?

Hallo.

Meine Freundin möchte Medizin studieren, aber weißt nicht genau wo. Ich kenne mich in dem Bereich nicht aus deshalb frage ich euch.

Sie möchte in Japan studieren, da es dort fortgeschrittener wäre als hier. Ich denke aber, dass das Medizinstudium hier deutlich besser ist.

(Sie plant nach Japan zu ziehen, falls es dort besser ist)

Klar, in anderen Ländern ist es besser, aber wir begrenzen uns nur auf DE und JP.

Habt ihr eine Ahnung?

Danke im Voraus!

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Auch anderen sache gelingen mir nicht, weil immer irgendwer oder was dazwischen kommt und mir alles verbockt.

Ich verstehe das nicht. Ich lasse auch jeden sein Ding machen, warum ist es bei mir so schwierig?? Ich freue mich auch wenn anderen es durchziehen un des schaffen, aber wenn es um mich geht, ist es das Gegenteil.

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