Warum sind Top-Schachspieler so jung?

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Die Erfahrung spielt durchaus eine Rolle. Nicht umsonst hat bei den letzten Weltmeisterschaften auch Viswanathan Anand mitgespielt, der auch über 40 Jahre alt ist. Auch Spieler wie Kramnik oder Short spielen in der Weltspitze mit und sind beide schon älter. Allerdings hat die Dichte jüngerer Spieler in der Weltspitze in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen. Ich denke, dass es an den verbesserten Trainingsmöglichkeiten liegt: Vor sagen wir 20 Jahren konnte man noch nicht innerhalb von Sekunden im Internet Trainingspartner für Partien, Analysen mit Spitzenprogrammen oder Video-Lernlektionen zu Eröffnungen oder Mittelspielstrategie finden. Durch diese Möglichkeiten kann man in kürzerer Zeit als früher ein enormes Wissen und somit auch Erfahrung aufbauen. Das führt in Kombination mit nachlassender Denkfähigkeit im Alter dazu, dass mehr junge Spieler in der Weltspitze zu finden sind.

Ich spiele ja nun auch schon sehr lange Schach. Wenn ich meinen Spielstil im Alter von 25 mit meinem heutigen (ca. 20 Jahre später) vergleiche, ist dies schon ein Unterschied.

Natürlich spielt Erfahrung auch eine Rolle. Aber Schach ist ein sehr "konkretes" Spiel, man muss auch die konkrete Stellung rechnen können. Da sind junge Spieler schon im Vorteil.

Ich habe früher taktischer gespielt, und habe keine Verwicklung gescheut, und heute spiele ich deutlich strategischer (also eher positionell orientiert).
In langen Partien spiele ich nicht unbedingt schlechter als früher (nur anders), aber in Blitzpartien merke ich schon, dass ich nicht mehr so schnell alles "sehe".

Man muss allerdings auch sagen, dass Carlsens Spielstil sich sehr deutlich unterscheidet von dem Stil, den z.B. noch Kasparov angewendet hat. Carlsen spielt auch positionell sehr stark, im Endspiel fühlt er sich sehr wohl. In Kombination mit seiner (noch zusätzlich vorhandenen) Kalkulationsfähigkeit ist das derzeit kaum zu schlagen. Kasparov hat noch sehr stark von seiner hervorragenden Eröffnungsvorbereitung profitiert, Carlsen bereitet sich natürlich auch vor, aber er spielt die Eröffnung sehr trocken und pragmatisch, und legt seine Schwerpunkte ganz anders.

In den letzten 20 Jahren hat sich der Stil deutlich geändert (sieht man aber auch an Karjakin). Unser Trainer vertritt ja die These, dass man zwar Tal nachahmen könne (seine taktischen Muster sind bis zu einem gewissen Grad erlernbar), aber dass man keinen Carlsen nachahmen könne. Dem stimme ich (bis zu einem gewissen Grad) zu.

Junge Spieler sind (simpel ausgedrückt) aufnahmefähiger und konzentrationsfähiger bei langen Turnieren, bei denen eine Partie 7 oder 8 Stunden dauern kann. Zudem sind junge Spieler auch quasi merkfähiger was die sehr umfangreiche Schachtheorie angeht. Die Erfahrung spielt eher eine untergeordnete Rolle. Hinzu kommt noch, dass junge starke Nachwuchsspieler am ehesten gefördetert werden vom Schachbund der Länder bzw. vom Weltschachbund.

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