Warum sind Stadtbewohner meist " gesprächiger " als die Landbevölkerung?

12 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Also ich bin auf dem Dorf (und zwar wirklich Dorf) großgeworden und die Leute quatschen da ständig alle über alle und jeden und alles - vorzugsweise über Sachen, die sie absolut nichts angehen - da wird über den Gartenzaun hinweg und überall wo man sich trifft, getratscht - da wird sich gegrüßt, selbst wenn man sich nur flüchtig kennt und nur von der Affäre der Affäre der Cousine weiß, wer und warum wer was ist... Und außerdem der und die hat beim Schützenfest und der ist doch tatsächlich...

Die Leute auf dem Dorf sind gesprächig - solange sie unter sich sind. Zu Fremden, zumindest in meiner Gegend - Touri-Gegend, war man oberflächlich freundlich - wollte ja auch deren Geld (und das sie möglichst schnell wieder verschwinden) - es brauchte im Dorf aber durchaus 3-10 Jahre Anwesenheit und Mitwirkung bevor man über den Touri-Fremdling-Status hinweg war und mit lästern durfte... (ja, ich weiß, ich male ein typisches klischeehaftes Horrorbild vom Land - aber ganz ehrlich als Kind von Wessis in einem Ossidorf - ich darf so reden!)

In der Stadt, in der ich jetzt seit ein paar Jahren lebe, ist es anders. Hier redet man nicht über die Affären der Cousine des Bürgermeisters, dafür kommt man aber viel leichter mit den Leuten ins Gespräch. Man kann, zumindest hier, einen Fremden auf der Straße anquatschen und nach den Fußballergebnissen fragen und was er so von der Politik hält - ohne dafür angeschaut zu werden, als wäre man ein potentieller Massenmörder oder Feind - gut, ich wohne in einer Fußballstadt - hier ist Fußball immer ein Türöffner ;). Du kannst hier locker auf einer Party mit Leuten quatschen, die du noch gesehen hast - aber auch deshalb locker, weil du die im Zweifel eben auch nie wieder siehst - es ist hier egal, was du Fremden erzählst - im Dorf, weiß es danach das ganze Dorf, in der Stadt - ja wem, der wen kennt, sollte man sowas denn weiter tratschen? Hier kann sich unterhalten, bleibt dabei aber fremd und anonym. Im Dorf bleibt man vielleicht fremd aber nicht anonym - deswegen ist es soviel einfacher in der Stadt Leute zu treffen und mit ihnen zu reden, als auf dem Dorf - denn da musst du immer aufpassen, was du wem erzählst.

Nur als Disclaimer - ja, ich liebe das Stadtleben und hasse das Dorfgetratsche - deswegen, natürlich ist diese Meinungsäußerung hier absolut gefärbt ;).

Nachtrag: und ich weiß, dass ich inzwischen die typische Arroganz der Städter aufweise :D (das ist nämlich das gegenteilige Vorurteil ;)) - das merke ich jedes Mal, wenn ich meine Eltern ein paar Tage auf dem Land besuche - wo ich inzwischen wieder den wohligen Status eines Fremdlings habe ;).

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Sicher ist der Menschenschlag wichtiger als Stadt oder Land. Ein Rheinländer ist (im Schnitt) gesprächiger als ein Westfale oder ein Friese. Ein Sachse gesprächiger als ein Mecklenburger.

In ausgesprochen ländlichen Gebieten wird aber noch mehr Dialekt gesprochen. Da fühlt man sich mit jemandem, der Hochdeutsch spricht, nicht unbedingt wohl. (Auch denke ich an eine kleine Episode mit meiner Frau, die im Ausland keinerlei Berührungsängste hat und sich viel besser verständigen kann als ich. Als wir im Odenwald nach dem Wege fragen wollten und einen urtümlichen alten Odenwälder sahen, meinte sie. "Den frage ich lieber nicht, ich weiß nicht, ob ich ihn verstehe." Und dem wäre es vermutlich ebenso gegangen.)

In der Großstadt hat man öfter mit "Fremden" zu tun als in abgelegenen Gegenden auf dem Land mit wenig Tourismus.

Aber offenbar ist deine Beobachtung auch subjektiv gefärbt, wenn dir so viele widersprechen.

Hallo!

Das kann man so kaum stehen lassen, es kommt immer auch auf die Kreise an, in denen man sich bewegt und wie man selbst auftritt.

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Stadtmenschen auch oft sehr kühl und distanziert bis unfreundlich sind, es ist sicher auch eine Mentalitätsfrage -----> die schlechtesten Erfahrungen habe ich mit "Intellektuellen" gemacht, Freiburg im Breisgau war bisher am schlimmsten & die Großstädter aus den neuen Bundesländern sowie Frankfurter und Kölner habe ich als am lockersten und gesprächigsten wahrgenommen.

Andererseits kommt es auch gut hin, dass die "Leute vom Land" bisweilen mauernd und schrullig wirken. Ich war mal mit einem Mädchen auf einem kleinen Dorf zusammen, wo schon Leute als "komisch" galten, weil sie nicht im Musikverein und nicht beim Fußball waren oder weil sie aus den größeren Städten kamen oder weil sie statt im Handwerk oder der Landwirtschaft in einem Büro oder im Sozialbereich arbeiteten. Dann gab es auch solche, die anfänglich sehr skeptisch waren, mit denen man aber dann doch bald warm wurde nachdem sie merkten -----> der Typ ist doch gar nicht so übel und ja eigentlich ganz nett.

In einem anderen Dorf starb vor wenigen Jahren ein Mann, der dort nach der Vertreibung aus Sudetendeutschland rund 70 Jahre lebte. Als ich eine alte Frau fragte, wer denn gestorben sei, weil ich zufällig beruflich in dem Dorf zu tun hatte und dort manchen kenne, sagte sie "der Zugezogene" ------> das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, der Mann war zeit seines Lebens "der Zugezogene".

Es kommt drauf an, wo man hingeht und wie man auftritt bzw. wie man mit den Leuten umgeht. In diesem Dorf habe ich die Erfahrung gemacht, dass man schneller akzeptiert wurde, wenn man auch mal Kontra gegeben hat und Zähne zeigte, sich nicht übergehen oder anpieschern ließ: Ein direktes Wort, das gesessen hat und schon merkten die, dass man auch nicht grad schwer von Begriff ist und sie haben einen respektiert.

Wer bspw. als Münchner nach Hamburg kommt oder umgekehrt, dürfte ansonsten ähnliche Mentalitätsprobleme haben wie ein schwäbischer oder südbayrischer Dorfbewohner, der nach Berlin zum Studieren geht & sich wundert, warum nicht jeder sofort grüßt -----> ebenso greift der klassische Generationskonflikt.

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