Warum sind nicht alle Menschen Utilitaristen?

3 Antworten

Hi,- das liegt daran, dass es doch recht viele Menschen gibt, die auch ohne Abitur und Philostudium erahnen oder verstehen, das der >Utilitarismus< als Hauptvertreter einer, an Zweck (Teleologie) und Konsequenz (Konsquentialismus) ausgerichteten Denkströmung genau deshalb ein massives Plausibilitäts- Logikproblem bei seiner Selbstlegitimierung hat.
Die Behauptung, es bestünde eine Möglichkeit, "Moral" zweck- und konsequenzorientiert zu definieren beinhaltet die Behauptung, dass es einem Menschen möglich sei, a) DEN "guten" Zweck und b) DIE entsprechend abgesicherte Konsequenz a) zu kennen und b) auch 1:1 umsetzen / erreichen zu können.

Und da kommt wieder der "gesunde Menschenverstand" ins Spiel: DAS GEHT NICHT weil der Mensch nun mal nicht "Gott" ist sondern nur über begrenztes Wissen verfügt, deshalb irrtumsbehaftet ist, deshalb nicht legitimiert ist, kategorische Urteile zu fällen und deshalb keine Wert-Vorzugsordnung behaupten kann. - So einfach ist das. - Da sind historische Betrachtungen warum er entstanden ist und in welche "Unterabteilungen" er sich verzweigt hat ziehmlich wurscht.

Sein Kern ist die "Nützlichkeit". Und weil der Utilitarismus da mit einem Begriff hantiert, der für seine eigene logische Grundlage eine Nummer zu groß ist hat er sich einen Trick ausgedacht: nämlich "Nützlichkeit als "größtmögliches Allgemeinwohl" zu definieren und die Feststellung was das ist an eine "empirische" Ableitung gekoppelt.

Einfaches Beispiel: Wenn es aus Gründen der "Nützlichkeit" für die Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft "moralisch" gebotenen erscheint, die Euthanasie für Behinderte wieder einzuführen weil diese ja der Gemeinschaft ökonomische Ressourcen entziehen ohne selbst (ökonomisch) "nützlich" zu sein (kommt dir das bekannt vor?!) wer hat dann darüber entschieden:

1. Warum Ökonomie für menschliche Qualitätsstandards die Leitidee überhaupt sein soll, weil nicht abschließend bestimmt werden kann

2. Inwieweit der Begriff Ökonomie überhaupt "richtig" verstanden und in der Folge in seiner Komplexität adäquat erfaßt und angewendet werden könnte und deshalb auch nicht klar ist wie

3. der Begriff der "Nützlichkeit" überhaupt im Sinne des "Allgemeinwohls" ökonomisch zu bewerten wäre wenn deshalb nicht prognostisch sicher

4. eine Vermehrung dieses "Allgemeinwohls" die tatsächliche Konsequenz der Euthanasieentscheidung wäre weil

5. eine Trennung von Allgemein- und Individualwohl überhaupt nicht mit ökonomischen Paramentern darstellbar ist

6. und das auch noch auf dem Hintergrund, mit ökonomischen Parametern eine universelle Moralgesetzlichkeit zu repräsentieren da, wie jeder weiß

7. Begriffe wie "Nützlichkeit", "Allgemeinwohl", "Moral" unter Einsatz geeigneter Mittel jederzeit psychologisch erzeugbar und manipulierbar sind und deshalb

8. den selbsterhobenen Anspruch eines empirischen Sachverhaltes als Pseudonym für "Faktum" nicht erfüllt weil

9. auch jeder induktiven Ableitungsmethode die deduktive "Interpretation" folgt und deshalb

10. alles Entscheiden, Urteilen und Handeln sich nur an der Logik von Prinzipien und nicht an subjektivistischen Interpretationen von "Gemeinwohl" und "Nützlichkeit" orientieren kann, um sich als "plausibel" zu legitimieren.

Der Utilitarismus könnte sowas wie die Euthanasie begründen - die Menschenrechte niemals. Die sind Ergebnis der Aufklärung und die war von begriffslogischen Grundlagen und den daraus abgeleiteten Prinzipien geprägt.

Der Utilitarismus war niemals Teil der Aufklärung sondern eher das Ergebnis einer Denkströmung von Menschen ("Philosophen"), die wieder hinter die Anstrengungen zurück wollten, die entstehen wenn man logische Maßstäbe an die Rechtfertigung des eigenen Wollens und Handelns anlegen soll.

So gesehen war Hitler und andere die konsequentesten Vertreter des Utilitarismus. Und das die Behauptung einer Ökonomie der Nützlichkeit als Grundlage und Garant für die Entwicklung des "größtmöglichen Allgemeinwohls" ein "Fake" ist erleben wir gerade zeitaktuell weltweit.

Und wer dennoch meint, dass das Heil im Utilitarismus liegt, der wird den Unterschied zur Aufklärung und insbesondere zu Kants Definition des Menschen als >zweckfreies Wesen< und seinen >Kategorischen Imperativ spätestens begreifen, wenn er nicht auf der Seite der Mehrheitsdenke zum Begriff "Nützlichkeit" steht.

Gruß

Der Utilitarismus ist eine Sammelbezeichnung für eine philosophische Einstellung nach der Aufklärung in der Auseinandersetzung um die neue in England entstehende Demokratie. Da ging es darum, die alten Werte des Feudalismus und der Religion abzulösen und neue Werte auf eine profane Basis zu stellen. Das war die große Zeit des Utilitarismus, da hatte er eine sehr wichtige Aufgabe. Danach bezeichnet er immer mehr eine areligiöse Philosophie, die sich bemüht, ein diesseitiges Leben in immer komplexeren Formen und Problemstellungen zu durchdenken, was zu einem Auseinanderdriften führt.

Ob man in heutiger Zeit noch von DEM Utilitarismus sprechen kann, ist fraglich, denn mit der Loslösung der Philosophie von Theologie und religiösen Grundlagen entwickelt sich eine große Breite der Auffassungen, die von Nietzsche über die Existentialisten, die Pragmatisten in den USA und Vertretern der analytischen Philosophie reicht. Fast die gesamte angelsächsische Philosophie ist davon geprägt. Dabei handelt es sich allerdings um Philosophien, die von nicht-professionellen Philosophen nur noch schwer verstanden werden und Laien tun sich damit schwer.

Speziell in Deutschland wuchert wieder ein träumerischer Idealismus auf hohem moralischem Thron und wieder mal stehen die Deutschen an, die Welt auf neue Art zu verbessern und spielen sich als moralische Lehrmeister auf, rechnen sich ihre Selbstzerfleischung als Heiligsprechung an. Die etwas nüchterneren Angelsachsen sehen das mit Staunen und Kopfschütteln. Kaum ist die germanisch-arische Dampfwalze mit viel Blut und Tränen besiegt worden, rollt aus diesem Land die nächste Walze, die von Idealisten und Moralisten befeuert wird, bestückt mit Jugendlichen, die in ihrer Fehlorientierung lieber die ganze Menschheit ausrotten wollen, um so Natur und Welt zu retten.

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