Warum schämen sich arme leute oftmals zur Tafel zu gehen obwohl es eine gute Möglichkeit ist kostenlos essen zu bekommen?


14.03.2023, 23:27

Ich meine das ist kostenloses essen. Ich als jemand der nicht arm ist würde dahin gehen und das holen wenn ich die Möglichkeit hätte(habe ich aber nicht) und man spart geld das man anders ausgeben kann.

6 Antworten

Die meisten anderen Antworten haben das schon ganz gut erklärt. Deshalb denke ich nicht, dass ich das noch beantworten muss.

Ich denke aber auch, dass du ein etwas falsches Bild von den Tafeln hast. Wir gehen da nun schon seit einiger Zeit (über drei Jahre) hin und es ist halt kaum genug für alle da. Das war schon vor Corona und vor dem Ukraine-Krieg so, aber dadurch hat es sich natürlich nochmal extrem verschlimmert. Ich kann froh sein, wenn ich 1-4 Produkte pro Gang (1x die Woche) bekomme. Das deckt halt kaum etwas. Besonders Dinge wie Obst sind auch hin und wieder, zumindest teilweise, verschimmelt oder aufgeweicht. Selbst bei abgepacktem Zeug ist mir das schon nicht oft, aber mehr als einmal passiert. Besonders doof, wenn es einem erst Zuhause auffällt.

Größtenteils muss man sehr lange warten, bis man dort aufgenommen wird. Wir mussten damals gut 9 Monate(!) warten. Jetzt geht das ja über ein Jahr, die Wartezeit. Da geht man nicht einfach hin und schwupps bekommt man eine riesige Kiste voll mit Leckereien, die am besten auch mindestens die Hälfte des Wochenbedarfs decken. Wäre schön.

und man spart geld das man anders investieren könnte.

Man wird halt immer noch einen extremen Großteil seines mickrigen Geldes für normale Lebensmittel vom Supermarkt und Discounter ausgeben müssen. Die Tafel ist nützlich, ja, aber es ist jede Woche aufs Neue ein Glücksspiel.

Du darfst auch nicht vergessen, dass nicht jedes noch so kleine Kaff eine Tafel hat. Auch hat nicht jeder ein Auto oder eine sonstige Mitfahrgelegenheit. Und Fahrtickets (selbst die günstigsten Optionen) kosten extrem viel Kohle, für jemanden, der arm ist. Da ist man schnell einiges bei los. Plötzlich hat man (ich werde das nun anhand von uns als Beispiel berechnen) fast 25€ NUR für die Fahrten los. Und das ist die nächstgelegenste Tafel. Den Preis (6,15€ pro Tagesticket, günstigste Option) für eine 12-minütige(!) Fahrt. Keine Stunde, nicht einmal eine halbe Stunde, nein. Zwölf Minuten.

Dann rechnest du noch den Preis für die Tafel an sich (bei uns 10€ im Monat, 12,50€, falls es 5 Montage im Monat sind) ein und du kommst auf plus, minus 35€ pro Monat. Bei der miesen Auswahl, die es oft bei der Tafel gibt (oder nicht gibt), denkst du dir dann irgendwann selbst: Wäre es nicht sinnvoller, einfach direkt zum Supermarkt/Discounter zu gehen und mir von dem Geld das zu kaufen, was ich brauche? ... Na ja, das, was man sich damit leisten kann zumindest.

Ich wüsste auch nicht, worin ich die 10€ sonst investieren sollte, außer in mehr Essen oder sowas wie Kleidung oder Hygieneartikel. 10€ bringen einen nicht weit und niemand, der wirklich arm ist, hat 10€ über. (Mit "über" meine ich: Nachdem man alle Rechnungen bezahlt, genügend Essen für den Monat, Hygieneartikel, eventuell neue Kleidung und so weiter und sofort gekauft hat, dass man dann noch 10€ über hat.)

Ich meine das ist kostenloses essen.

Wie ich dir ja bereits ausgerechnet habe, ist das Essen nicht kostenlos. Zumindest nicht bei unserer Tafel. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist. Doch selbst bei solchen, die wirklich kostenlos sind, muss man eben sehr oft noch Fahrtkosten mit einberechnen.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung – Keine Ahnung und davon jede Menge 🤓

Weil das Narrativ verbreitet wurde, dass Menschen selbst an ihrer Armut Schuld sind. Teilweise werden z.B. Arbeitslose auch als Parasiten bezeichnet und die Bezeichnung Geringverdiener wird abwertend verwendet. Vorallem Neoliberale tun das, um von den Ursachen und der Menschenfeindlichkeit abzulenken. Deswegen gehen die meisten auch nicht offen damit um. Auch manche Betroffene sehen die Schuld bei sich selbst. Und wenn man in armen Verhältnissen aufwächst, wächst man auch mit der Scham auf. Meistens lernt man von den Eltern, dass man die wirtschaftliche Herkunft möglichst verschleiern soll

Das Essen kostet da auch Geld und man muss erst einmal dahin kommen. Abgesehen davon ist das Essen bei der Tafel auch oft der allerletzte Dreck. Würde ich nicht einmal einem Tier teilweise zu essen geben. Ich habe da mal gearbeitet und das war wirklich schlimm teilweise. Wenn die Leute das wüssten wären sicher 50% weniger da.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung – S. Profil

Weil Du immer geschaut hast, dass Du alleine klarkommst. Egal wie, Du schaffst das schon. Aber dann merkst Du, dass Dein Selbstbild nicht passt. Du schaffst es eben nicht. Wie tief kann man sinken? Hat man nicht alles verloren, am Ende sogar die Selbstachtung?

Viele stellen sich das zu einfach vor. Es ist manchmal das Schwerste der Welt, um Hilfe zu bitten.

weil wir das so an-erzogen bekommen in Deutschland. Wir dürfen nicht um Hilfe bitten.

Meinst du so?

Ich meine in Teilen von Asien ist das z. B. ganz anders.

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@safur

Es ist ein Phänomen der Leistungsgesellschaft. Drop out.

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@mendrup

Es ist eine Mischung! Ich habe Suppenküche in München gesehen, die alles wirklich wegwerfen / wegschütten, wenn der Laden schließt. Die Mitarbeiter wollen es auch nicht mehr.

Wieso? Weil du haftbar bist! 😳 Erkrankt jetzt einer der beschenkten Menschen, bist du verantwortlich.

Ich habe selbst schon in Sterneküchen gekocht!

In Indien ist das ganz anders. Es gibt diese öffentlichen Kühlschränke. Du nimmst dir einfach Reis bzw. ein Gericht raus, kostenlos! 🥰
Wieso machen die das? Na ja man hat eben entsprechend gekocht. Kamen nicht genug Kunden usw. 😉

Fun-Fact: In Indien füttert man ja auch die "heilige Kuh", die gern mal in der Stadt unterwegs ist. Soll heißen - die Ladenbesitzer / Restaurantbesitzer füttern abends mit den Überresten die Kühe und Tiere. Das ist doch echt nett.

In Deutschland wäre das "Littering"

Zurück zur Frage. Würdest du Essen von mir annehmen und kein Misstrauen haben? Ich glaube nämlich genau da besteht das Problem in Deutschland. Viele haben Angst. Könnte vergiftet sein usw.

Wir sprechen doch hier von Essen?!? Ich würde dir niemals etwas schlechtes antun. Genau so denkt man in Indien. Ich würde lieber sterben, als dir etwas schlimmes zum Essen zu geben. Du bist doch ein Mensch!

Woher also dieses krasses Misstrauen bei uns?!?

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@safur

Meiner Mom wurde von nem anderem Auto in die Beifahrerseite gekarrt. Nur Blechschaden halt, aber sonst alles gut. Weil meine Mutter kein Bock und Zeit hatte die Polizei zu rufen hat sie dem netten Mann vertraut und ist natürlich auf dem Schaden sitzen geblieben.Seine Versicherung wusste nix davon und er behauptet unschuldig zu sein. Beifahrertür, B-Säule, Schweller kaputt. Du kannst in Deutschland NIEMANDEM vertrauen! Hier laufen viel zu viele Mistbeutel herum, es ist nur erstaunlich dass so selten was passiert.

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@schortkramer

Kann dir gerade nicht folgen, wir sprachen von Indien :)

Du hast das übertragen gesehen? So meinst du das?

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@safur

Ehrlich gesagt, ist das in Indien ganz anders.

Man versteht vielleicht diesen extrem großen Schaden nicht, aber man bekennt sich zumindest schuldig. 🤷‍♂️
Das Denken ist einfach ganz anders. Man denkt auch gerne tageweise :)

Ich fand das immer so lustig! 🤣 Ich habe Geld abgehoben und nie diesen blöden Slip mitgenommen. Beleg! in Deutsch. Kannst dir nicht vorstellen wie waghalsig sich die indischen Menschen in den schlimmsten Terror gestürzt haben - nur für mich! - safu- um mir meinen blöden Slip zu geben. 🤷‍♂️

Dieses abrechnen und das gute Nacht denken ist schon sehr wichtig.

Man will halt immer positiv dastehen, keiner weiß was am nächsten Tag kommt.

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Es gibt Menschen, die sich gesellschaftlich "abgehängt" dadurch sehen. Für manche Menschen ist das ein Grund sich zu schämen, weil sie auch ein Teil der Gesellschaft sein wollen, um sich unabhängig die Lebensmittel beschaffen zu können.

Manche schämen sich aber auch wohl, weil sie sich dadurch "minderwertiger" vorkommen, weil sie versagt hätten, vielleicht auch Pläne / Ziele gehabt haben im Leben und diese nicht erreicht haben - sich dann an der Tafel anzustellen, um Essen zu beschaffen, ist dann nochmal ein bitterer Rückschlag.

lg

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