Warum nur ist Martin Schulz bei vielen so unbeliebt?

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Warum nur ist Martin Schulz bei vielen so unbeliebt?

Martin Schulz ist zentraler Vertreter jener SPD, die niemand mehr haben will und niemand mehr braucht. Seine kurzfristige "Beliebtheit" ist einzig auf die Verzweiflung der (potenziellen) Wähler zurückzuführen, die jedoch schnell der Ernüchterung Platz machte.

Martin Schulz kann mir fast schon leid tun. er ist ein sehr erfahrener Politiker

Was nutzt die Erfahrung, wenn man unbrauchbare Postulate vertritt? Vielleicht solltest du nicht vergessen: Das ist kein "Schönheitswettbewerb der Erfahrung", sondern der "Wettbewerb um die VERTRETUNG DES VOLKES". Und selbiges fühlt sich von der SPD schon lange nicht mehr vertreten; ganz egal, wer gerade am Ruder sitzt...

er gibt sein bestes wo er nur kann

So? Ist das so? Als er unmittelbar nach der Wahl verkündete, was der Partei-Vorstand vor der Wahl hinter verschlossenen Türen(!) beschlossen hatte, nämlich, dass man unterhalb von 23 Prozent KEINESFALLS die Große Koalition fortsetzen werde, tat er nur, was man - genauer: der raffgierige Kreis um Gabriel, Nahles & Co. - ihm befahl.

Und der Eintritt in die Sondierungen ist der BRUCH EINER FESTEN ZUSAGE. Auch hier agiert Schulz lediglich auf den Befehl der grauen Eminenzen, die nun hoffen, ihre Stühle doch nicht abgeben zu müssen.

Schulz ist nichts weiter als eine Marionette, die sich willig in alle Richtungen biegen lässt, in die der selbstsüchtige und habgierige Teil der Partei-Elite ihn haben will. Mal in diese Richtung; dann in jene.

Wenn der Mann ein Kreuz hätte, würde er das gerade machen und sagen: "Mit mir nicht! Ich verrate die SPD-Wähler nicht. Macht das allein!" .... DANN - und NUR DANN - könnte man den Mann ernst nehmen und in Betracht ziehen, seine Vergangenheit (auch die basiert auf massivem Klüngel auf dem Rücken der SPD-Wähler) wohlwollend zu vergessen.

versucht nun alles, damit wir mit einer - möglichen - Neuauflage einer Großen Koalition wieder eine stabile Regierung haben

An dieser Stelle sollten wir uns vielleicht mal mit den Grundlagen parlamentarischer(!) Demokratie auseinandersetzen:

Die Regierung ist in parlamentarischen Demokratie nichts anderes als der Erfüllungsgehilfe des Parlaments. Sie soll lediglich in Form gießen und realisieren, was das Parlament beschließt.

Eine "Regierung mit Mehrheit im Parlament" ist nichts anderes als eine getarnte Diktatur.

Denn sie regiert AM PARLAMENT VORBEI. Sie entzieht dem Parlament die Macht, die das Volk im qua Wahl gegeben hat.

In diesem Sinne wäre es - auch, wenn es der SPD schwer fallen mag - das Beste, wenn die SPD sich an ihre Tradition* erinnert und daran denkt, dass sie einst Vorreiter bei der Etablierung der Demokratie in Deutschland war. Das gibt ihr jedoch keinesfalls das Recht, sich zugleich als Totengräber der Demokratie zu gerieren, indem sie nun krampfhaft und um jeden Preis hilft, die anti-parlamentarische Diktatur zu stabilisieren, wo sie dem Volkswillen nach schon lange bröckelt.

*) Mit "Tradition" meine ich übrigens jene Zeit von vor mehr als 104 Jahren; also die Zeit, als die SPD noch als Ziel die Etablierung/Festigung der Demokratie hatte. Nicht jene Zeit der letzten 104 Jahre, in der die SPD wiederholt alles daran setzte, die Demokratie wieder abschaffen zu helfen.

in den Medien wird Martin Schulz immer nur als " Verlierer " dargestellt. Gerhard Schröder war mit seinem neoliberalen Kurs doch viel " schlimmer ". 

Die beiden unterscheidet nur wenig. Schröder hat den Neoliberalismus in der SPD salonfähig gemacht; doch dazu brauchte er die Vorarbeiten von Brandt über Schmidt bis Müntefering. Und Schulz ist es aus eben diesem Grund der robusten Etablierung der Anti-Sozialdemokratie in der SPD nicht gelungen, das sinkende Schiff zu wenden; selbst wenn er es versucht HÄTTE.

"Hätte"; denn ich unterstelle ihm, dass er es noch nicht einmal versucht hat. Auch ihm geht es nach dem Verlust seines einträglichen und klüngelfördernden Postens in der EU lediglich darum, die eigenen Scherflein bis zur nahen Rente ins Trockene zu bringen....

Kurz gesagt: Schröder handelte aus reinem Eigennutz. Schulz ebenfalls. Beiden ist sowohl das Land, als auch das Schicksal der Partei völlig gleichgültig. Und das SEIT JAHRZEHNTEN.

Schulz ist tatsächlich ein sehr gebildeter Mensch, der über beachtliche politische Erfahrung verfügt. In Sachen Kompetenz würde ich ihn gegenüber Angela Merkel definitiv bevorzugen.

Allerdings hat er im Wahlkampf entscheidende Fehler gemacht. Er hat versucht, sich auf billige Weise populistisch als "einer von uns" darzustellen, als freundlichen kleinen Bürgermeister, der die Menschen umarmt und stundenlang mit ihnen diskutiert. Die Wähler hat er damit jedenfalls nicht beeindruckt, denn die erwarteten und wünschten sich einen starken, kompetenten und überzeugenden Staatsmann. Zwar ist auch Merkel nichts von alledem, aber sie kann sich besser als Führungskraft verkaufen.
Schulz hätte seine europapolitische Expertise aggressiv zur Schau stellen müssen, seine wirklich beeindruckenden Sprachkenntnisse, und seine persönliche Beziehung zu bekannten Politikern im Ausland. Vielleicht hätte er auf diese Weise den Menschen zeigen können, dass er das Zeug zum Staatsmann hat. Ob er Merkel wirklich geschlagen hätte, steht in den Sternen. Aber ein passableres Wahlergebnis wäre sicher absolut machbar gewesen.

Es hätte auch nicht geschadet, ein anderes Wahlkampfthema zu finden, als die ewiggestrige, ausgelutschte "soziale Gerechtigkeit"... Wie wäre es gewesen mit: "Deutschland zukunftsfähig machen"? Wie soll die Gesellschaft der Zukunft aussehen, mit immerweiter voranschreitenden technologischen Fortschritten? Sollte Deutschland seine Rolle in der Weltpolitik überdenken? Brauchen wir mehr Demokratie, um den Menschen des 21. Jahrhunderts an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen? Solche Themen hätten einen radikalen Kontrast zu Merkels "gut und gerne leben"-Geschwurbel gebildet, und Fragen aufgeworfen, mit denen die CDU am liebsten garnichts zu tun haben möchte und demnach auch keine adäquate Wahlkampfstrategie besessen hätte.

Insofern kann man ihm den Vorwurf machen, einen lustlosen, uninteressanten und erfolglosen Wahlkampf geführt zu haben. Angesichts des Potenzials, das Schulz als zunächst weitgehend unbekannter Politiker besaß, ist das Endergebnis vom September eine völlige Katastrophe.

Dass er jetzt mit der Frau, deren Abtritt er noch vor wenigen Monaten gefordert hat an einem Tisch sitzt und sogar bereit ist, eventuell unter ihr einen Ministerposten anzunehmen, beweist, dass man sich in ihm getäuscht hat, und er letztlich genauso opportunistisch ist, wie die meisten anderen Politiker auch. Bei Neuwahlen könnte die SPD froh sein, wenn sie es schafft, wenigstens die 20% zu retten.

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vielen Dank für Deine ausführliche, interessante und kompetente Antwort !

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Es mag sein, daß Martin Schulz wirklich der ist, für den er sich selber hält, aber der kleine Buchhändler aus Würselen scheint immer mal wieder durch. Ja, er selbst kokettiert mit seiner "einfachen" Herkunft, weil sie nun mal so ist, wie sie eben ist.

Gerhard Schröder kam auch aus einfachen Verhältnissen, aber  er kokettierte nicht damit, er instrumentalisierte seine Herkunft als Quelle für persönliche Kampf- und Durchsetzungskraft. Schröder hat Zeit seiner politischen Karriere diese"Komm, bring mal 'n Bier mit"-Attitüde nie abgelegt. Man bemerke aber sie Feinheit: es war nie er, der Bier mitbrachte oder holte, sondern er hat immer als selbstverständlich vorausgesetzt, daß, wenn er eine Ansage machte, immer einer bereit war, für ihn zu laufen. Das nennt man angeborene Führerqualität, die man Martin Schulz so nicht ansieht und auch nicht abnimmt.

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Er hängt sein Fähnchen stets in den Wind und hat kein Profil. Solcher Politiker ist das Wahlvolk überdrüssig.

Die SPD-Basis drängt quasi auf eine Minderheitsregierung Merkels, aber die alteingesessenen Genossen, Schulz eingeschlossen, wollen partout mitregieren, entgegen ihrer Versprechungen noch vor wenigen Wochen.

Diese Große Koalition ist noch lange nicht in trockenen Tüchern, aber ich befürchte es.

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