Warum müsst ihr Muslime euch immer um jedes kleinste Detail Gedanken machen, das ist völlig übertrieben?

Support

Lieber ManuTheMaiar,

"ihr Muslime" ist schon sehr verallgemeinernd. Bitte in zukünftigen Fragen nicht auf Grund beispielsweise einer Religion pauschalisieren.

Herzliche Grüße

Howard Xaver vom gutefrage.net-Support

30 Antworten

Der Gedanke hinter dieser Frage ist genau der Grund, aus dem ich als Kind mit ca. 12 Jahren aufgehört habe, zu glauben (bin "evangelisch erzogen" worden, jedenfalls in Maßen). 

Es gab noch nicht mal Vorgaben von meinen Eltern oder sonstwem, sondern ich habe mir aus dem, was ich so hörte und las selbst Schlüsse gezogen und habe eine Zeit lang jedes Mal um Vergebung gebetet, wenn ich etwas falsch gemacht hatte (keine religiösen Vorgaben, sondern Dinge, für die man als Kind Ärger bekommt). Ich habe zu der Zeit versucht, die Bibel ganz zu lesen, weil das angeblich ein Verwandter in meinem Alter auch gemacht hatte. Nicht aus religiösen Gründen, mehr als Projekt/ Herausforderung. Ich kam zwar nicht weit, und viele sagten mir später auch, dass ich quasi an der falschen Stelle angefangen hatte zu lesen, aber was ich las war: Gott ist unberechenbar und man kann quasi nichts richtig machen; im Gegenteil: Wer sich bemüht wird noch "bestraft".

Ich fand dann diese ganze Idee, sowohl die Idee, dass gerade derjenige, der sich besondere Mühe gibt, Nachteile gegenüber anderen hat, die fröhlich "in Sünde" leben, als auch meine Idee, ständig für "Sünden" um Vergebung bitten zu müssen, um später noch mal in den Himmel zu kommen, so absurd und stressig, dass ich die ganze Idee von Gott verworfen habe. Dazu kam allerdings noch, dass wir einen Dorfpastor hatten, der Bibelgeschichten immer wie Märchen erzählte und nie interpretierte, sondern immer wörtlich übermittelte und wörtlich daran zu glauben schien, was als extrem naiv rüberkam.

Ich hörte dann auf mit dem Glauben, den Zweifeln, den Ängsten, etwas falsch zu machen, eine Sünde zu begehen, irgendwann "bestraft" zu werden, indem ich nicht in den Himmel kommen würde  - ja, ich weiß, dass die meisten Christen nicht in diesen Bahnen denken! - und das war sehr befreiend. 

Mir fiel später auf, dass es zwei Arten von Christen in Deutschland gibt: Diejenige, die fröhlich, aber meist "ungebildet" glauben und denen es mit der Religion gut geht, und diejenigen, die die Bibel fast auswendig lernen, alles richtig machen wollen und ein riesiges Regelwerk vor sich sehen, aus dem sie alle möglichen Ge- und Verbote ableiten (auch welche, über die Experten streiten würden, wie "Yoga ist Teufelswerk" :-/) und die damit ihr eigenes Leben stark einschränken und oft versuchen, das auch anderen aufzudrücken. Diese Leute haben durch ihre Vorgaben ein viel eingeschränkteres, stressigeres Leben mit mehr Sorgen: Mache ich alles richtig? Muss ich mich mehr anstrengen? Darf ich das? Sollte ich das anders machen?

Einige glauben an das Paradox, dass man je gottgefälliger lebt, desto schlechter es einem geht. Nach diesem Glauben müsste man danach streben, dass es einem möglichst schlecht geht - kein Geld, keine Anerkennung, keine Freude im Leben - damit man später im Himmel belohnt wird. Obwohl man die Haltung aus dem Mittelalter kennt, kann man sie wohl auch aus der Bibel ableiten und sie verdirbt einem doch den Spaß am Leben. Statt mit dem, was man hat, auch wenn es wenig ist (nicht nur materiell, sondern auch Sorgen, große Aufgaben wie Pflege von stark Pflegebedürftigen etc.) zurecht zu kommen und das Leben trotzdem so gut es geht zu genießen, sonnen sich diese Menschen in dem Gedanken, dass sie quasi bessere, geliebtere Christen sind, je schlechter es ihnen geht. So ein Gedanke ist doch langfristig sehr belastend.

Gläubige Menschen argumentieren oft so, wie man es hier in den Antworten findet: Man dürfe sich nicht die Rosinen rauspicken, sondern müsse alle Vorgaben der Religion beachten!

Dabei übersieht man mMn, dass auch die Bibel (und vermutlich der Koran) sich mehrfach widerspricht und außerdem zu einer Zeit geschrieben wurde, als völlig andere Probleme als heute bestanden und ganz andere Maßstäbe galten und ganz anderes Wissen zur Verfügung stand! Von der Bibel weiß man, dass selbst die älteste (ganze) Fassung nicht das Original ist, sondern die griechische Übersetzung, die meines Wissens nach mündlichen Überlieferungen aufgeschrieben wurde und dass es viele Übersetzungsfehler gab (Maria: eine junge Frau, keine Jungfrau!). Trotzdem glaubt man an seine Version, die von dieser "Urfassung" ja noch stark abweicht.

Der Koran mag vielleicht enger am Original sein als die Bibel und weniger frei übersetzt worden sein, aber auch er wurde doch in einer Zeit und von Menschen geschrieben, die weit von uns entfernt sind bzgl. Lebensweise, Wissen, Möglichkeiten, Problemen. Vieles wie bestimmte psychologische Probleme ist sicher universell, anderes, wie Steinigung, in den meisten heutigen Ländern stark veraltet.

Aus meiner Sicht wurden Bibel und Koran aufgrund der Zeiten, in denen sie verfasst wurden, für eine Leserschaft geschrieben, die nicht im Internet fragen kann, die keine ausgearbeiteten, für alle gültigen (Staats-) Gesetzte hat und die einfach Führung suchte oft auch bei ganz irdischen Problemen (was soll ich machen, darf ich das, welche Lösung könnte es geben). Heute haben wir allerdings Gesetze und können jederzeit im Internet fragen, wenn wir unsicher sind, was wir machen sollen. Wir könnten uns auch am Koran (oder der Bibel) orientieren, aber wir müssen das nicht, wir hätten viele Alternativen. Das wird oft übersehen.

Aus meiner Sicht sollte eine Religion hilfreich und Leitlinie sein. Wenn sie nicht mehr hilfreich, sondern stressig wird, und statt eine Leitlinie, die eine Richtung vorgibt, zum unumstößlichen, schwer einzuhaltenden Regelwerk wird, dann sollte man überdenken, ob man wirklich danach leben will und ob das tatsächlich vom Verfasser der Texte oder halt "Gott" so gedacht ist. Ob man sich nicht evtl. in strengen Vorschriften verrennt.

Je nach Haltung ist es einfacher, wortgetreu Vorgaben zu befolgen oder mit "gesundem Menschenverstand" je nach Situation zu entscheiden.

Viele religiöse Vorschriften kollidieren mit unserem modernen Leben, waren aber damals, zur Zeit ihrer Verfassung, völlig sinnvoll. Im Koran gibt es m.W. eine Stelle, in der gesagt wird, dass man sich bei bestimmten Situationen mit Sand einreiben oder enthaaren soll. Und das wurde geschrieben, weil davon ausgegangen wurde, dass die Betroffenen in der Wüste ohne Waschmöglichkeit leben. Die Frage ist: Muss man das heute wortgetreu befolgen oder würde es reichen, sich mit Wasser und Seife zu waschen?

In der Bibel steht dieses tolle Gebot, man sollte Vater und Mutter ehren. Das ist sicher sinnvoll, wenn man auf diese angewiesen ist, sonst wenig Überlebenschancen hätte (weil man etwa im Familienverband arbeitet und ohne die Arbeitskraft aller nicht erfolgreich wäre) und quasi den Eltern "gehört", wie das vor nicht allzu langer Zeit (ca. 200 Jahre?) auch hierzulande noch der Fall war. Was aber, wenn die Eltern einen misshandeln oder einschränken, Vorgaben machen, die nicht passen, z.B. bzgl. der beruflichen Laufbahn oder dem Freund/ Ehemann/ der Freundin/ Ehefrau? Soll man sich dann an die Vorgabe halten, sie "ehren" und sich selbst zurücknehmen/ unglücklich machen, nur weil das die Bibel sagt, oder soll man nachdenken und das tun, was für einen selbst langfristig sinnvoller ist? Und natürlich ist "ehren" ein sehr schwammiger Begriff, der sehr kurz oder sehr weit gefasst werden könnte. 

Ich denke, man sollte Religionen als Leitlinie verstehen - wenn man das denn möchte - aber nicht alles in Stein gemeißelt befolgen, schon gar nicht, weil irgendwelche anderen Leute im Internet das sagen. An dem Punkt, an dem ich nachfragen muss und nicht auf mein Gefühl höre und dann gegen meinen Willen/ mein Gefühl etwas mache, nur weil ich glaube, dass "Gott" das so will, sollte ich aufhören, die Religion derart streng zu befolgen und selbst nachdenken. 

Ist denn Gott ein Erbsenzähler, der nach dem Tod des Gläubigen erst mal sein großes Buch aufschlägt und sagt "wir müssen über den Ramadan 2016 reden, als du vor Sonnenuntergang ein Glas Wasser getrunken hast" oder "wie oft hast du deine Frau/ Freunde angelogen?!" Schon  an der letzten Frage sieht man, dass strenggläubiges Leben, z.B. ohne Lügen, in einer modernen Welt ziemlich unmöglich ist, weil es mit den normalen Umgangsformen gehört (z.B. "lügen" aus Freundlichkeit oder eben Selbstschutz, genormtes Lügen z.B. über Zucker- oder Alkoholkonsum oder das Gewicht etc.).

Ein ganz gottgefälliges Leben nach strengen Vorgaben von religiösen Büchern oder Glaubensvertretern ist eben mMn in der modernen Welt (fast) unmöglich, sehr schwer und macht das Leben auch schwerer, als es sein muss.

Warum soll man sich über Erbsen streiten?

Am Ende wird es für den Gläubigen, der meinetwegen ins Paradies kommt, ganz sicher nicht um Erbsen, um einzelne Verfehlungen gehen, sondern wenn überhaupt um das große Ganze, um das Bemühen, die Einstellung, die Mitmenschlichkeit. Und man kann sich bemühen, ein Leben zu führen, dass sowohl "Gott" gefällt, als auch Mitmenschen hilft, als auch einem selbst gut tut - ohne panisch zu werden bei kleinen Lebensentscheidungen. 

"Gott" in Anführungszeichen, weil man ja noch nicht mal einige darüber ist, wer Gott überhaupt ist in verschiedenen Religionen/ Auslegungen und was er eigentlich möchte. Vielleicht möchte er gar nicht, dass man sich über winzige Details ereifert und sich das Leben damit schwer macht?


Wenn man an den Koran glaubt, dann muss man das halt so machen. Man könnte auch fragen, warum viele, die sich Christen nennen, so Wischi-Waschi Gläubige sind und nicht mehr den Gesetzen folgen. Viele, die sich Christen nennen, scheitern ja oft schon an den 10 Geboten (vor allem an den letzten beiden). Wenn ich mir manchmal so anhöre wie die sich nach der Kirche am Sonntag über andere das Maul zerreißen ... naja, lassen wir das.

Ich finde es nur konsequent, wenn man etwas für "Die Wahrheit" hält, genau danach zu leben. Mir ist vollkommen klar, dass man da nichts falsch machen will. Das kann ich verstehen. Mir mangelt es andererseits am Verständnis dafür, wie man die Existenz eines Gottes, ohne konkrete allgemeingültige Beweise dafür zu haben, für "Die Wahrheit" halten kann, aber das ist ein anderes Thema.

Solange sich die Gesetze der Gläubigen nicht im Widerspruch zu unserer Gesetzgebung befinden habe ich da kein Problem damit. Problematisch wird es erst, wenn diese Gesetze im Widerspruch zum BGB/StGB/etc. stehen. Auf deutschen Behörden gibt es ja auch genug Korinthenkacker, die immer alles ganz genau nach Vorschrift machen, egal wie sinnvoll (oder eben nicht sinnvoll) das im konkreten Einzelfall auch sein mag. Das hirnlose befolgen von Gesetzen und Regeln ist kein Privileg der Gläubigen.

Viele, die sich Christen nennen, scheitern ja oft schon an den 10 Geboten 

Schon an den 10 Geboten?

Mach Dir mal klar, was es bedeutet, die wirklich alle einzuhalten - das ist schwer.....da ist man schon fast ein Heiliger, wenn man das schafft.

Da ist es wesentlich einfacher sich an einen dicken Katalog von zig Handlungsanweisungen für möglichst jede alltägliche Verrichtung zu halten - kann man ja auch nachschlagen, wenn man mal was vergißt.

"Wenn man an den Koran glaubt, dann muss man das halt so machen" - wie einfach!

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@dandy100

Wieso du musst doch auch "nur" die Regeln einhalten. Genauso wie Muslime halt "nur" ihre Regeln einhalten müssen.

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Ich verstehe zumindest deine Ansichten, auch wenn die Aussage an sich natürlich sehr verallgemeinernd ist und sich eigentlich nur auf sehr gläubige und konservative Muslime bezieht.

Du führst diese Frage vermutlich auf hier gestellte Fragen folgender Art zurück:

"Ist es haram Luft einzuatmen, wenn der Wind nicht aus Richtung Mekka kommt?"

"Ich bin über einen Hundehaufen gestiegen in dem möglicherweise Schweinefleisch war. Ich bin aber nicht hineingetreten. Ist es eine Sünde?

"Muss ich die Ganzkörperwaschung wiederholen, nachdem ich Darmwinde habe fahren lassen?"

"Schlägt Allah mich mit Blindheit wenn ich einer Frau auf den Hintern gucke? Ich habe sofort weggeguckt und ihn um Verzeihung gebeten"

Bei solchen Fragen kann man durchaus den Eindruck bekommen, konservative Muslime müssten hochgradig neurotisch sein, an einem pathologischen Waschzwang und chronisch schlechtem Gewissen leiden, weil sie ständig fürchten, ein Gebot zu verletzen

Diskrepanz

Eine solche extreme Reglementierung alltäglicher Handlungen ist mit den westlichen Vorstellungen vom Recht auf Selbstentfaltung nicht vereinbar.

Umgekehrt wird der Westen von streng gläubigen Muslimen häufig als "gottlos" angesehen, weil hier nicht alles nach religiösen Geboten läuft.

Das Problem

Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass konservative Muslime den Quran und die Hadithen nahezu wortwörtlich auslegen und nicht auf die Idee kommen, eine zeitgemäße, moderne Interpretation zu wagen.

Auch viele Geistliche der arabischen Welt sind nicht gerade ein Vorbild für modernes Denken, sondern verbreiten religiöse Lehren, etwa über die Beschaffenheit des Mondes ("Mondspaltung"), die jeder wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechen.

Würde man den Islam in einer Art und Weise interpretieren und ausleben, die der Lebensrealität des 21. Jahrhunderts entspricht, würden auch derart infantile Fragen von Muslimen entfallen.

Ich glaube eher 3 von den hier aufgeführten Fragen sind schlichtweg Trollfragen .

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@Timessquare

Nein das muss nicht sein. Gerade Religion, kann zu solchen Fragen führen. Es geht immerhin um den Platz im Himmel.

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Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass konservative Muslime den Quran und die Hadithen nahezu wortwörtlich auslegen und nicht auf die Idee kommen, eine zeitgemäße, moderne Interpretation zu wagen.

Das kuriose ist eigentlich das selbst eindeutige dinge des Quran hinterfragt werden, sie werden noch extremer Interpretiert als sie eh schon sind. Es gibt einige dinge welche, wenn man den Quran wörtlich nimmt, weit weniger extrem sind als sie gemacht werden. Beispiel wäre die 5 Gebete Pflicht. Selbst der Quran schreibt das es auch ausnahmen gibt, sollten die 5 nicht möglich sein, selbiges gilt für die Waschungen.

Ich denke eher das jenes Problem das ist, das Menschen, Geistliche die Regeln so uminterpretieren wie sie diese für Richtig halten, das sieht man an Gruppen wie die IS und Al Quaida. Anders kann es nicht sein, das gar Heiligste Regeln des Islam verletzt werden und das mit verweis auf den Quran.

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@PlueschTiger

Jede Lesart, auch die "wortwörtliche" ist eine Interpretation, das liegt am Wesen der Sprache.

Das Problem das ich eher sehe ist das es im Islam als Sünde gesehen wird die Ergebnisse und Niederschriften historisch, soziologisch oder psychologisch zu betrachten und einzuordnen.

Findet keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Glauben statt passiert es eben schnell, dass auf diejenigen gehört wird die am lautesten schreien und das sind i.d.R. keine besonders liberalen Menschen.

Die meisten Moslems die ich kenne setzten sich aber schon auch kritisch mit ihrer Religion auseinander oder zumindest damit wie Erzkonservative sie deuten, es gibt halt immer ein paar Hardliner und natürlich fallen die mehr auf als die stille Mehrheit.

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@KolnFC

Das Problem das ich eher sehe ist das es im Islam als Sünde gesehen wird die Ergebnisse und Niederschriften historisch, soziologisch oder psychologisch zu betrachten und einzuordnen.

Ist das nicht ein Wiederspruch im Verhalten? Denn so etwas wird doch von, den Geistlichen und faktisch jedem anderen Muslim auch, permanent gemacht. Gerade wenn man seine Aussage zu einer Regel rechtfertigen will. Oder sehe ich das Falsch?

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