Warum müssen Menschen einem anderen grundsätzlich immer Eigenschaften zuschreiben?

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6 Antworten

„Vorurteile“ sparen, wie KronosIsten richtig schreibt, Zeit und Arbeit für das menschliche Hirn. Im Wesentlichen aber ist es sogar eine notwendige Zeitersparnis: Wenn der Schutz der „Brutpflege“ erst fehlt, muss das Individuum selbst schnell zu Abwägungen gelangen, die zumindest keinen Nachteil bedingen, besser natürlich sogar einen Vorteil. Das ist zunächst eine Grunderfordernis im Überlebenskampf. 

Nicht nur wäre der Mensch ohne schnelle (und vornehmlich unterbewusste) Vorbeurteilungen nicht überlebensfähig, sondern er wäre noch nicht einmal ein soziales Wesen. Je mehr nun ein echter Mangel und Überlebensdruck präsent ist, desto stärker bemühen Menschen sich individuell, durch schnelle Abwägungen (mit Hilfe von „Vorurteilen“), andererseits aber auch sozial, also kollektiv, den Mangel zu überwinden und den konkreten Überlebensdruck abzuschwächen. 

Andererseits ist es evolutiv ebenfalls erforderlich, Unterschiede nicht nur zu erkennen, sondern auch selbst zu schaffen, damit Individuen sich hervortun und somit eine Auslese bedienen können. Auslese wiederum stützt sich nicht darauf, alles als gleichwertig gelten zu lassen und alles einem langen Abwägungsprozess zu unterwerfen. Sondern Auslese und auch bedachte Abwägung ist davon abhängig, dass die Auswahl der Möglichkeiten überschaubar bleibt. In immer wieder unterschiedlichen Stufen der Abwägung also ist auch die wohlbedachte Abwägung von schnell anwendbaren Auswahlkriterien abhängig. Und: Wo es auf schnelle Auswahl ankommt, da ist der Bedächtige und Zurückhaltende im Nachteil. Ob es nun um die bloße Auswahl von Nahrung geht oder um die Auswahl eines Geschlechtspartners.

Und somit komme ich nun ganz konkret zu der Frage nach der SCHÜCHTERNHEIT. Denn wer schüchtern ist, ist auch selten schnell in einer Entscheidung – außer der, dass sein Gegenüber mit der größeren Wahrscheinlichkeit vorurteilsbehaftet und damit auch erst einmal grundsätzlich mit „neagtiv“ markiert wird (was aber wiederum ein "Lernprozess" und Resultat zahlreicher Erfahrungen ist). Vereinfacht gesprochen gilt der schüchterne Mann als „blöd“, weil der sich die besten Angebote, die besten Jobs, die „besten“ Frauen vor der Nase wegschnappen lässt. Die schüchterne Frau scheint nicht nur zu „blöd“, die „richtigen“ Kerle auf sich aufmerksam zu machen oder aktiv für sich zu wählen, sondern taugt sogar noch als Feindbild (für andere Frauen), weil sie sich vermeintlich gar nicht oder aber mangelhaft an dem Prozess beteiligt, die patriarchalen Wurzeln unserer Kultur zu egalisieren. – Ich möchte hier kein neues Diskussionsthema über gesellschaftliche Grundstrukturen (Patri- oder Matriarchat) und über den Grad der erreichten Gleichberechtigung in unserer Kultur anstoßen. Das führte hier zu weit. Ich hoffe dennoch, einigermaßen verständlich angedeutet zu haben, worauf ich hinaus möchte.

Nun kommt im Konsumismus (also der ursprünglich „westlichen“ Ausprägung von Kapitalismus, die längst global beherrschend ist) das Prinzip des Mangeldrucks wieder zum Vorschein: Mangel wird suggeriert durch ständige Erneuerung von Produkten, die keineswegs tatsächliche „Bedürfnisse“ befriedigen. Denn die echten Bedürfnisse des Lebens werden von der Nachfrage (Was braucht der Mensch tatsächlich für das bloße Überleben?) geprägt. Andererseits ist der Mensch eines der flexibelsten Lebewesen auf der Erde: Der Mensch hat noch von (fast) keinem Lebensraum gelassen. Aus einem variablen Angebot an nutzbaren Lebensgrundlagen schafft der Mensch einen langfristig nutzbaren Lebensraum. – In genau dieser Variabilität liegt die Gelegenheit des Konsumismus, durch stete und vorauseilende Angebotsveränderung wiederum Nachfragen zu wecken.

Gleichzeitig wird damit ständig erneut der Mensch aufgefordert, (instinktiv) seine individuelle Stärke im nun vermeintlichen Überlebenskampf unter Beweis zu stellen: Das Neueste ist auch zugleich das, was andere nicht haben – dieses erringen zu können wird also zum Synonym für (also auch geschlechtliche) Stärke. Schon wieder ist der „schüchterne“ Mensch benachteiligt, wird als „schwächlich“ oder „dumm“ gebranntmarkt, weil er nicht in der ersten Reihe steht, sondern sich durch Unentschlossenheit zurückdrängen lässt. 

Tatsächlich liegt der Vorteil von Gesellschaft und Kultur natürlich darin – da hast Du Recht, wenn Du versteckt genau diese gesellschaftliche Stärke ansprichst – den unterschiedlichen Stärken unterschiedlicher Charaktere Entfaltungsmöglichkeit zu bieten… und zugleich die Möglichkeit, sich positiv in Gesellschaft einzubringen. Konsumismus aber – als die radikalste Form des Kapitalismus – spricht ganz archaische Instinkte an (siehe oben). Abermals ist, wer „schüchtern“ ist, im Nachteil. Jedoch: Wer überwiegend in Nachteilsposition erscheint, ist auch geeignet als Träger einer negativen Werturteilung.

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wenn Dich andere nicht als "schüchtern" einordnen, obwohl tatsächlich eine gewisse Zurückhaltung vorliegt, so würde eine Grenzüberschreitung sehr schnell gehen, wenn immer wieder dazu gedrängt werden würde, etwas zu erzählen oder sich mit einzubringen. Obwohl eine kognitive Leistungsbereitschaft gar nicht möglich ist, weil sich noch orientiert werden muss in der Umgebung oder was auch immer.

Jeder Mensch möchte seine Grenzen geachtet und gewahrt wissen. Somit ist es auch hilfreich die Empathie einzusetzen, um den Gegenüber einzuschätzen. Es beginnt nämlich schon bei der Frage: wie ist eine "neutrale Person"? Und jeder Mensch hat unterschiedliche "Gemütszustände", soll dann auch darauf keine Rücksicht genommen werden?

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Wenn der Mensch, bzw. das menschliche Gehirn nicht andauernd versuchen würde, alles was im begegnet, in Schubladen zustecken, Stereotypen zuzuordnen oder eben mit Eigenschaften zu beschreiben, dann wäre es hoffnunglos überfordert und könnte nichts anderes währenddessen tun.

Das Einordnen spart eine Menge Denkarbeit und greift meistens auf Erfahrungswerte zurück (schlechte Erinnerung an einen Punk (Achtung, Stereotyp)).


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Warum muss man alles quasi einordnen und abheften?

Die Frage müsstest Du Dir eigentlich selbst beantworten können. Denn in Deiner Frage machst Du genau das, was du an anderen kritisierst.

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Menschen vergleichen sich mit anderen, oder stellen andere in ein schlechtes Licht, um sich selbst besser zu fühlen. Die jenigen die das tun, haben einfach ein Problem mit sich selbst und sind sich selbst nicht genug. Daher suchen sie nach Bestätigung im Außen. Die Leute leben mit Wertvorstellungen, die sie einfach von Familie, Freunden, Gesellschaft etc übernommen haben, ohne selbst mal zu prüfen, ob das denn auch den eigenen Werten entspricht. 

Das ist das Problem unserer "freien" Welt.

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Kommentar von KronosIsten
06.11.2015, 14:43

Ich stimme deinem Argument nicht wirklich zu:

Die jenigen die das tun, haben einfach ein Problem mit sich selbst und sind sich selbst nicht genug.

Und was, wenn man andere als schüchtern und sich selbst als mutig kategoriesiert? Hat man dann ein Problem mit sich selbst?

Oder wenn man jemanden als eine nette Person bezeichnet, hat man dann auch ein Problem mit sich selbst?



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Menschen vergleichen sich nun mal gerne und decken Fehler auf. Ohne diese Eigenschaft würde es der BILD sehr schlecht gehen^^

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