Warum lernt man eine Fremdsprache nicht genau so wie die eigene Muttersprache?

11 Antworten

Als Sprachwissenschaftler habe ich mich viele Jahre lang sehr intensiv mit dieser Frage befasst. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass es nicht grundsätzlich unmöglich ist, eine Sprache auch erst im Erwachsenenalter genauso gut wie seine Muttersprache zu erlernen und dass viele Aussagen, wie zum Beispiel, die Behauptung, dass man etwas umso besser lerne, je jünger man/frau beim Lernen sein, blosse Spekulationen sind, die sich bis heute durch keine einzige wissenschaftlich fundierte bestätigen lassen. Hingegen deuten zahlreiche Untersuchungen, auch solche, die ich selbst durchgeführt habe, darauf hin, dass das Lernen, solange das Gehirn intakt ist, grundsätzlich das ganze Leben lang möglich ist, ja dass bei regelmässigem Training die Aufnahmefähigkeit des Gehirns mit zunehmendem Alter nicht nur nicht ab-, sondern sogar zunimmt. Dass man zumindest Esperanto auf demselben Niveau wie seine Muttersprache erlernen kann, habe ich selber erprobt. Nun aber nach diesem Exkurs zu deiner eigentlichen Frage: Die Antwort und Erklärung ist im Prinzip viel, viel einfacher, als man denkt: Wenn ein Kind seine Muttersprache lernt, so findet der Lernprozess grundsätzlich während seiner gesamten Wachphase rund um die Uhr statt. Das sind je nach Schlafmenge rund 100 Stunden in der Woche. Bis ein Kind seine Muttersprache wirklich beherrscht dauert es dabei mehrere Jahre, ja im Prinzip sogar bis zur Pubertät und darüber hinaus. Das sind insgesamt also hunderttausend oder sogar mehr Übungsstunden. Lernt jemand eine Sprache im Erwachsenenalter, so übt er oder sie in der Regel nur wenige Stunden in der Woche. Selbst dann wenn man als Migrant im Sprachgebiet lebt, verbringt man aus rein praktischen Gründen meist einen erheblichen Teil seiner Zeit in seiner ursprünglichen Muttersprache und kann somit die Verhältnisse beim Muttersprachenerwerb nicht einmal ansatzweise simulieren. Damit man als deutsch-muttersprachiger Erwachsener zum Beispiel Englisch so gut wie Deutsch erlernt müsste man während 3 bis 4 Jahren im englischen Sprachraum leben, eine englischsprachige Schule besuchen und in seiner gesamten Freizeit intensiv Englischunterricht betreiben und dabei strikte nur in Englisch denken und englische Medien konsultieren. Eine solche Konstellation ist jedoch nur für die allerwenigsten Menschen praktisch realisierbar. Da Esperanto rund 10x leichter als Englisch ist, lässt sich bei dieser Sprache ein entsprechendes Niveau mit realistisch praktikablem Aufwand tatsächlich erreichen, während jede andere Fremdsprache einem durchschnittlich intelligentem Menschen ewig fremd bleiben wird, sofern er nicht seinen Lebensmittelpunkt in ein anderes Land verlegt und sich wirklich intensiv um den Spracherwerb bemüht. 

Woher ich das weiß:Berufserfahrung

Ich habe ein altsprachliches Gymnasium besucht. Latein als Pflichtfach schon ab der Prima. Englisch als zweite Fremdsprache. Hinzu kamen in der Folge Altgriechisch, Hebräisch. Wer wollte der konnte Französisch noch als Wahlfach belegen.

Was den Englischunterricht betraf , so waren die Lehrkräfte in all den Jahren Deutsche. Also nie einer dessen Muttersprache die Englische war. Aussprachliche Fehler der Lehrkräfte wurden dann auf die Schüler übertragen.

Um eine Fremdsprache gut zu lernen, sollte man sich ein Umfeld suchen, in dem nur die zu erlernende Sprache gesprochen wird.

Ich hatte irgendwann mal die Idee die italienische Sprache zu erlernen. Besuchte über einen Zeitraum von 6 Monaten die Volkshochschule um mir die Grammatik in dieser Sprache anzueignen.

Zuhause hatte ich an einige Gegenstände Zettel angebracht, wie dieser Gegenstand in der italienischen Sprache heisst. Täglich ging ich daran vorbei und liess dann das jeweilige Wort. Als der Begriff in meinem Gedächtnis gespeichert war,, kamen immer weitere Gegenstände hinzu. Das waren zwar alles nur sog. Hauptwörter, aber diese wusste ich.

So "ausgestattet" besuchte ich Italien viele Male und hatte nur Kontakt mit Menschen, die ausser ihrer Muttersprache keine weitere Sprache kannten.

Zusammengefasst, betrugen meine Italienbesuche ca. 8 Monate. In dieser Zeit war es möglich, mir soviele Grundkenntnisse anzueignen, dass ich mich heute problemlos in dieser Sprache verständigen kann.. Perfekt beherrsche ich diese Sprache dennoch nicht.

Ich bestätige Ihre Argumente dahingehend, dass man eine Fremdsprache nur da richtig lernen kann, so man sich in einem Land aufhält in dem diese Sprache gesprochen wird .

Perfekt wird man eine Fremdsprache wahrscheinlich nie lernen können. Selbst unsere Sprache enthält soviele grammatikalisch schwere Inhalte, dass ich behaupten möchte, dass fast keiner unsere Sprache perfekt beherrscht.

Wir verfügen über einen Wortschatz einiger tausend Wörter und dieser reicht, um uns zu verständigen.

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Es ist halt kaum möglich, in der Schule die Situation des Kleinkindes zu simulieren. Immerhin wird man da 24 Stunden am Stück mit der Sprache dauerbeschallt. Wenn man seine erste Fremdsprache lernt, ist man es hingegen schon gewohnt, in gewissen Strukturen zu denken. Was ja durchaus auch ein Vorteil ist. Immerhin weiß man dann, dass Sprachen gewissen Regeln folgen, was man nutzen kann, um die Grundlagen schneller zu verinnerlichen.

Allerdings würde ich es unterschreiben, dass man es in den Schulen mit dem Hang zu Vokabellisten und Lückentexten zuweilen arg übertreibt. Wirklich effizient ist das nicht und es hat schon seinen Grund, warum ein nicht geringer Teil der Schüler auch nach jahrelangem Englischunterricht kaum Englisch sprechen kann. Wo ich genau ansetzen würde, kann ich zwar nicht sagen, da fehlen mir die didaktischen Kenntnisse. Ich persönlich lerne Sprachen mit relativ wenig Grammatikeinsatz aber ich interessiere mich halt auch dafür und man kann Schülern ja nicht einfach sagen: tut, was euch interessiert.

Der eine Grund dafür liegt daran, dass die meisten Lehrer selbst keine Muttersprachler von der unterrichteten Sprache sind. Die Grammatik lernt man auch, damit man die Unterschiede bzw. die Ursache von der Sprachenbildung weiß und erkennt.

Zum Beispiel, falls du etwas auf Spanisch sagen willst und dabei dieselbe Reihenfolge des Satzes, wie im Deutsch, benutzt. Wird das richtig sein oder nicht? Du weißt es nicht. Deshalb lernt man Grammatik.

Aber wenn du auch die Grammatik nicht lernst, du wirst es trotzdem unbewusst lernen bzw. verstehen. Also sag nicht, dass es komische Methoden sind. Die Methoden wurden jahrelang erstellt und optimiert. Die Frage liegt aber daran, ob es für dich interessant und nützlich ist oder nicht. 

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