Warum legen die Franzosen keinen so großen Wert auf das äußere Erscheinungsbild ihrer Häuser wie die Deutschen?

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10 Antworten

Hallo,

meiner Meinung nach gibt es dafür mehrere Gründe.

Den Hauptgrund sehe ich in der Mentalität, die hier schon mehrfach angesprochen wurde: man sieht das alles etwas lockerer.

"Der Franzose" gibt lieber mehr Geld für gutes Essen aus als dafür, sein
Auto auf Hochglanz zu bringen und sein Haus innen und außen perfekt
herzurichten.

Selbst in Großstädten und in Paris gibt es  Wohnungen, die außen wie innen vernachlässigt sind (seit 20 Jahren nicht renoviert...). Ich bin in Paris schon in Arztpraxen gewesen, die in  Deutschland das Ordnungsamt längst geschlossen hätte.Allerdings wird in  Großstädten viel gebaut, die gemütlichen Stadtviertel in Paris werden  kleiner und weniger, die neuen Wohnungen sind schweineteuer, die Gentrifizierung ist ein weltweites Phänomen.

Wie oft habe ich kleine "Unfälle" auf der Straße gesehen, wo ein Auto ein anderes antitscht. Beide Fahrer steigen aus, begutachten den Schaden,
diskutieren eine Weile, steigen wieder ein und fahren weiter. In  Deutschland würde man die Polizei rufen und sich das halbe Auto auf  Versicherungskosten lackieren lassen, damit der Kratzer oder die Beule weg ist.

Ein anderer Grund ist ein rein finanzieller: Frankreich ist ein zentralisiertes Land. Viele junge Menschen verlassen die ländlichen Gebiete und gehen in größere Städte. Zurück bleiben Ältere, Rentner, Kranke, ehemalige Landwirte, die durch die industriellen Landwirtschaft pleite gegangen sind, und die, die auch in der Stadt keine Arbeit finden würden. Und dann gibt es die, die auf dem Land einfach ihre Ruhe haben wollen. Viele dieser Menschen müssen mit wenig Geld auskommen. Da geht das Geld dann für laufende Kosten drauf.

Zurück zur Mentalität.

Dieses "Laisser-faire" war einer der Gründe, die mich nach Frankreich gezogen haben. In Frankreichs Provinz gibt es so viele schöne kleine Dörfer,  alte Häuser, verwilderte Gärten, dass mir jedesmal das Herz aufgeht, wenn ich das sehe.

Dagegen hat die perfekte Sauberkeit, die man in Deutschland antreffen kann, für mich den Charme eines Operationssaals eines Krankenhauses. Ich lebe seit 30 Jahren in Frankreich und werde sicher nicht nach Deutschland zurückgehen. Mich deprimiert diese Perfektion, andere können eine gewisse Nachlässigkeit nicht ertragen. Jeder, wie er es mag. ;-)

Gruß

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Kommentar von Orgrim
21.04.2017, 15:23

Sehr vielen Dank für deine ausführliche und sehr aufschlussreiche Antwort.

Die französischen Dörfer haben wirklich einen wunderbaren Flair. Der gefällt mir auch wirklich sehr gut. Ein Urlaub dort ist einfach wunderbar.

Aber dort dauerhaft Leben könnte ich nicht. Mir würde einfach die Sauberkeit und dieser Perfektionismus der Deutschen fehlen. Ich brauche einfach meine Ordnung. :-)

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In Frankreich sind den Leute eben andere Dinge wichtig. Sie können nicht verstehen, wie wir Deutschen immer nur billige Lebensmittel kaufen. Da sie ihr Geld lieber für gutes Essen ausgeben, bleibt nicht mehr so viel für "schöner wohnen" übrig. Jeder so wie er es mag.

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hat mir mein franz. brieffreund erklärt.

scheißegal welche karre mein nachbar fährt - meine muß mich von A nach B bringen.

scheißegal ob nachbars garten einen brunnen und rasen hat - in meinem muß ich mich wohlfühlen und die ernte muß stimmen.

 scheißegal ob nachbars haus gelb oder grün gestrichen ist - in meinem muß innen alles in ordnung sein und vorhanden.

also könnte man annehmen, das der franzose nicht soo viel wert auf seine wirkung nach außen legt, sondern sich mehr auf das wesentliche konzentriert. der rest kommt, wenn man mal geld übrig hat.

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Kommentar von Orgrim
21.04.2017, 01:45

Im Großen und Ganzen stimme ich dir da zu.

Aber die Deutschen machen dies nicht ausschließlich zum Angeben. Also die Leute in meinem Bekanntenkreis und auch ich selbst würden sich einfach unwohl fühlen, wenn sie in einem Haus leben müssten, dass nicht Tip-Top in Schuss ist.

Kann der Grund dafür nicht einfach ein gewisser Drang zum Perfektionismus sein, der bei den Deutschen vorhanden ist?

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Alles schön und gut was hier dazu geschrieben wurde...aber eines vergessen hier alle Antwortenden die STEUER!

Sobald die Fassade eines Hauses in Frankreich gemacht wurde gibt es eine neue Wertschätzung des Hauses und man darf bis zu 50% mehr Steuern darauf zahlen.... das ist ein relativ böses Erwachen, auch weil die Steuern in den letzten Jahren in Frankreich sowiso sehr viel teurer geworden ist.

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Kommentar von Orgrim
21.04.2017, 15:25

Das war mir jetzt wirklich vollkommen neu.

Sobald man das Haus äußerlich renoviert hat, muss man also mehr Steuern zahlen? Was nehmen die bitte als Grundlage für die Bemessung der Steuern. In Deutschland zahlt man doch nur Steuern auf das Grundstück und nicht auf das Haus.

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Ich glaube nicht, dass die Mentalitätsfrage und somit die Kultur eine grosse Rolle spielt. 

Im Elsass, wo die "deutsche Kultur" noch einen gewissen Stellenwert hat, finden wir - im Vergleich zum übrigen Frankreich - meist sehr gepflegte Häuser. Das liesse sich also durch die Mentalitätsfrage erklären.

Dasselbe finden wir aber auch im Grenzgebiet zum Schweizer Jura, der Franche-Compté, wo eigentlich keine (nachwirkende) "deutsche Kultur" anzutreffen ist.

Die Erklärung dafür liegt hauptsächlich in der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Regionen, die stark durch die Grenzgänger und damit durch deren höheres Einkommen beeinflusst wird.

Das wird auch z.B. von der Polizei bei den Radarkontrollen genutzt, wo man in diesen Gebieten häufiger Raderkontrollen durchführt als anderswo in Frankreich; man muss das Geld dort holen wo es vorhanden ist...

Die Steuern in Frankreich tragen zu dieser Situation das Ihrige bei; Grenzgänger - so wird manchenorts behauptet - bezahlen häeufig nicht aufgrund eines Lohnausweises, sondern werden eingeschätzt. Im mindesten kann hier gesagt werden, dass die Situation relativ undurchsichtig ist.

Konklusion: Die Hauptursache für die "schöneren Orte" liegt also (leider) in der Finanzkraft der Bewohner.

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Ich meine, dass das noch viel stärker auf Italien zutrifft. Zumindest französische und spanische Großstädte machen auf mich einen cleanen, herausgeputzten Eindruck.

In Italien und in ländlichen Gebieten Frankreichs gelten Gebäude mit unrenovierten Fassaden und Gebrauchsspuren wohl als authentisch und schön, etwas was man seit Jüngstem als "Shabby-Chic" bezeichnet.

Wahrscheinlich hängt es mit dem ästhetischen Empfinden der Menschen zusammen, man legt in diesen Ländern und Regionen weniger Wert auf materielle Repräsentation und möchte eher die Altehrwürdigkeit und Geschichtlichkeit des Besitzes betonen, die durch eine perfekte Renovierung verloren gehen würden.

Möglicherweise fehlt es aber einfach an Geld, die Wirtschaftszentren konzentrieren sich in Frankreich auf wenige Großstädte, während ländliche Regionen noch abgelegener und rückständiger sind als in Deutschland.

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Ja, das gibt es schon Unterschiede. Viele Franzosen sind eben ein wenig legerer, man kann auch sagen nachlässiger in solchen Dingen. Ich bin vor Kurzem zu Fuß von einem Schweizer Dorf in ein benachbartes elsässisches/französisches Dorf gegangen, der Unterschied war deutlich und genau so, wie du es beschreibst. Man sieht auch in F öfter Dellen an Autos etc. Dafür gehört es zum traditionellen französischen Selbstverständnis, beim Essen mehr Wert auf Qualität zu legen und auch mehr auszugeben. Aldi und Lidl wurden nicht in F erfunden. 

Ebenso in Italien: Der öffentliche Raum ist oft nicht so gepflegt wie das Innere der Wohnungen. 

Die Kulturen sind eben nicht identisch, ist doch schön so. 

Natürlich ist es auch ein Frage des Geldes. D ist eben reicher als Süditalien, und die Süditaliener würden öfter renovieren, wenn sie nur könnten. 

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Weil die Franzosen nicht so materialistisch sind wie die Deutschen und mehr Wert auf immaterielle Dinge legen, anstatt sich an geleckten Fassaden oder sauberen Autos wie ein Großteil der Deutschen aufzugeilen. Merkt man aber auch in Spanien, Italien usw. 

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Nennt sich https://de.wikipedia.org/wiki/Laissez-faire

Nicht typisch deutsche Perfektion.
Nicht der Staat oder die Gemeinde bezahlt mein Haus, wenn dann jeder selbst.
Mediterraner Flair, nicht preußischer Untertanengeist.

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Zum Einen ist es eher Unfug, alte Sachen, auf "neu" herauszuputzen (wie das leider in Deutschland und in der Schweiz gemacht wird).

In Frankreich haben die Menschen gelernt, dass Gebrauchspuren den Sachen eine "Patina" verleihen.

Dann ist es auch so, dass die Heimwerker-Bewegung, in Frankreich, eher auf "System-D" (= basteln) beruht, wie auf perfekter Handwerkskunst.

Und dann ist es auch so, dass Handwerker, in Frankreich auch nicht so auf "Perfektion" getrimmt werden, sondern darauf, dass sie gewandt, die Probleme lösen, die sie lösen müssen.

Ich habe lange in Frankreich gelebt und es war ganz toll dort, weil man praktisch alles selbst machen darf ... zum Beispiel auch Elektroinstallationen.

Auf diesem Gebiet habe ich oftmals grausame Basteleien gesehen, die sogar Handwerken zusammengebastelt haben.

Das ging oftmals so weit, dass ich das dann lieber selbst gemacht habe, was mir durch das System erleichtert wurde: dadurch, dass ich das dann selbst machen konnte, konnte ich das sogar besser machen, wie das Handwerker in der Schweiz, oder in Deutschland machen. 

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