Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders und bemerkst nicht den Balken ...

16 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Die vermeintlichen Fehler der Anderen fallen immer mehr auf als die Eigenen. Selbst deren kleine Verfehlungen werden im Gegensatz zum eigenen größerem Fehlverhalten überbewertet.

Dieses Bibelzitat braucht keine Transformation in die Moderne. Ob 700 vor christus oder heute, diesbezüglich ist sich der Mensch gleich geblieben. Wir haben kein vollkommenes Wissen und keine umfassende Bewertung und den Blick in die Zukunft schon gar nicht. Wir sind fehlbar. Es ist eine Frage menschlicher Größe, damit unaufgeregt umgehen zu können. Um solche Menschen zu treffen, muss man leise sein, denn meistens lieben sie nicht das Laute.

Einen Unterschied zwischen 700 vor Chr. und heute gibt es allerdings: Damals brauchten die Menschen viel Gold an sich, um sich ihrer Größe zu vergewissern, heute brauchen sie viel Blech um sich und ein Handy am Ohr, das blinkt und quitscht und "Dieser ist der Größte" schreit.

Zitat:"Dieses Bibelzitat braucht keine Transformation in die Moderne."Zitat Ende

Warum denn nicht?

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@Schreiberlilli

@Schreiberlilli

In einem Merkmal wird sich der Mensch immer gleich bleiben: Er ist fehlbar. Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung - haben wohl schon immer Menschen versucht, von den eigenen Fehlern abzulenken. Wenn man die Fehler anderer in die Aufmerksamkeit zerrt, ist die Chance, dass die eigenen verdeckt bleiben, einfach größer. Das kann man als Lebensstrategie so sehr einüben, dass man es letztendlich selbst glaubt. Man erinnere z.B. das Verhalten der Parteien nach Wahlen: Verloren haben immer nur die anderen. Es gehört schon eine Menge wirkliche Stärke dazu, eigene Fehler zu sehen und zuzugeben, ohne sich deswegen "minderwertig" vorzukommen.

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Ich kenne dieses Zitat nicht und auch die Geschichte dazu nicht. Bin nicht gerade jemand, der sich mal eben die Bibel durch ließt.

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Mich wundert es, dass hier alle von Fehlern sprechen, denn ich interpretiere dieses Zitat etwas anders.

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Bei einem Splitter muss ich an Schmerzen denken. Und wenn sich jemand einen Splitter eingefangen hat, würde ich ihm gerne helfen, den zu entfernen. Funktioniert aber nicht, wenn mein Auge selbst beschädigt ist und vielleicht sogar einen größeren Schaden verkraften muss. Zum einen kann ich zwar versuchen dem anderen zu helfen, aber ich werde nicht genau erkennen können, was ich dort tue. Ich könnte sogar größeren Schaden anrichten.

Zum anderen habe ich eben selbst einen gewaltigeren Schaden, den ich ignorieren möchte, was aber nicht hilfreich für den anderen ist.

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Sprich: Es gibt Menschen, die anderen Menschen gerne helfen möchten. Sie haben so was wie einen Mutterinstinkt. Das Problem ist nur, dass sie nicht wirklich dienlich jemandem helfen können, weil sie sich erst einmal mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen müssen. Bevor sie jemand anderem helfen können, müssen sie erst mit sich selbst ins Reine kommen und ihre Probleme bewältigen.

Die zweite Variante sind einfach Menschen, die helfen möchten, um ihre eigenen Probleme zu verdrängen. Und es kann dabei gut sein, dass der Gegenüber vielleicht gar keine so große Unterstützung benötigt wie sie von dem Helfenden eingeschätzt und gegeben wird.

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Vielleicht spreche ich hier von einer Minderheit, aber ich bin genügend Menschen begegnet, die Hilfestellung geben wollten (entweder für Kinkerlitzchen oder für schwerwiegendere Fälle), es aber nicht konnten oder es übertrieben oder eben falsche Hilfe gaben, weil sie selbst schwere ungelöste Probleme hatten. Das gilt nicht für alle Menschen.

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Jetzt aber im Nachhhinein finde ich die Interpretation mit den Fehlern schon ziemlich zutreffend, da wir diese ja auch irgendwie als Schaden beim anderen wahrnehmen. Wir sind schon ziemlich vorurteilsbelastet und und lenken dabei sehr gerne von uns ab. Es geht eben um das Recht des Stärkeren. Wer seine Gegner und Schwächere in Grund und Boden tritt, ist angesehener, auch wenn er ähnliche Schwächen wie sein Opfer besitzt, die durch seine Taten aber unbemerkt bleiben.

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Ich denke, zwischen den Menschen von gestern und heute gibt es keinen Unterschied. Ob es sich nun um den Menschen mit Mutterinstinkt handelt oder um den, der die Fehler lieber beim anderen sucht als bei sich selbst. Das gab es früher und wird es auch in Zukunft noch geben. Wir sind nun mal so ausgerichtet.

Ich danke dir, dass du diesen Aspekt reinbringst. Ich denke, du siehst das sehr richtig- das mit dem Fehler ist halt die gängige Auslegung der Kirche.

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Ich denke, es hängt das Eine mit dem Aderen zusammen. Im Grunde ist doch Kritik auch eine Art von Helfen-wollen. Nur wird daraus keine Hilfe, solange ich selbst mit der gleichen Schwäche belastet bin.

Das hiesse also, wer anderen Menschen sinnvoll helfen will, muss erst mal an sich selber arbeiten, um nicht womöglich noch grösseren Schaden anzurichten

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@gamine

Stimmt, du hast recht. Es kann wirklich miteinander zusammenhängen.

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Nur muss man dabei auch beachten, dass manche Menschen ihre Schwächen ihr Leben lang nicht ablegen können, auch wenn sie noch so sehr daran arbeiten. Sollten sie deswegen den Drang danach, Hilfe geben zu wollen, ablegen?

Außerdem gibt es ja in einigen Fällen auch Menschen, die gerade dadurch, dass sie Schwächen haben, die ihrem Gegenüber ähnlich sind, bessere Hilfestellung geben können als jemand, der unbeteiligt Hilfe zur Verfügung stellt. Und manchmal kann das Freilegen einer Schwäche auch zu einer Stärke werden.

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Nur weiß man nie genau, wie sich die Hilfe von jemandem auswirken wird, der selbst mit einer großen Schwäche belastet ist. Denn diese kann sich sehr schnell in eine Art Gegenteil wandeln.

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@JackySmith

Ach ja.... Bitte ;) Dieser Aspekt war das Erste, was mir einfiel. Aber mir ist beim Schreiben aufgefallen, dass beides enger mit einander verflochten ist als ich dachte. Dennoch sind beim Flechten hier und dort ein paar Fehler unterlaufen, wodurch es nicht vollkommen zusammenhängt.

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@JackySmith

Die Menschen,die ihre Schwächen nicht besiegen können, haben aber doch auch Stärken. Vielleicht müssen wir darauf achten, in den Bereichen zu helfen, wo wir stark sind. Es kann durchaus sein, dass wir dort besonders stark sind, wo wir unsere Schwäche erkennen - klingt paradox -

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Wo zwei Menschen mit der gleichen Schwäche aufeinander treffen, ist es sicher wichtig klar zu sehen, dass beide einander helfen. Wenn sich einer als Helfer aufspielt, sind wir wieder beim Balken und Splitter.

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Naja, ich weiss auch nicht. Es macht Spass, mit dir zu philosophieren ;-)

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@gamine

@JackySmith:

Zitat:"Bin nicht gerade jemand, der sich mal eben die Bibel durch ließt"Zitat Ende

Das geht nicht! Die Bibel kann man sich nicht mal eben durchlesen!

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@gamine

Ich danke dir. Hat mir mit dir auch eine Freude bereitet :-) Aber jetzt ziehe ich aus der Frage zurück, weil ich ein paar Tage nicht da bin.

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Eine Antwortgeberin hat mich gebeten, meine Interpretation mitzuteilen. Hier ist sie:

  • Wenn du Fehlurteile anderer korrigieren willst, dann darfst du selbst keine Vorurteile haben.

oder ebenfalls als Frage:

  • Was sorgst du dich um die beschränkte Sichtweise deines Bruders, solange du selbst ein Brett vor dem Kopf hast?

Ich denke, es ist nicht rein zufällig das Auge erwählt worden, in welchem Splitter oder Balken festsitzen.

Das Auge befähigt uns zu sehen, das, was wir sehen, nehmen wir in uns auf und ordnen es ein. Ist unser Auge verletzt, sind wir weitgehend im Sehen eingeschränkt, d.h. – wir sehen verzerrte Bilder der Wirklichkeit.

Da wir es bei „Splitter“ und „Balken“ mit Metaphern zu tun haben, sollten wir an ihrer Stelle vielleicht die Begriffe „Fehlurteil“ (Splitter) und „Vorurteil“(Balken) einsetzen. Der Splitter kann entfernt werden und das Sehen korrigiert. Der Balken hat das Sehvermögen so sehr geschädigt, dass wir das, was wir zu hören imstande sind, sehend nicht mehr nachprüfen können.

Somit hätte das Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), östr. Schriftstellerin

„Ein Urteil läßt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil“

sicherlich seine Berechtigung.

Was unser Zitat bestrifft: Hier wurde für das Substantiv „Splitter“ des Verb „kümmern“ angewendet, für das Substantiv „Balken“ das Verb „bemerken“.

Allein das sagt aus:

„Kümmern“ heißt „beseitigen – heilen";

„bemerken“ heißt „feststellen – hinnehmen“.

Da ist nichts mehr zu heilen.

Wenn ich in meiner Frage angegeben habe, das Zitat eventuell auf unsere Gegenwart zu beziehen, habe ich gemeint, es vielleicht anhand eines Beispiels aus dem aktuellen Geschehen zu erläutern.

Aber auch so haben alle Antworten eines gemeinsam:

Sie haben es auf den Punkt gebracht. Die einen sehr kurz und knapp und äußerst treffend, die anderen auf Umwegen, was nicht verkehrt sein muss.

Vielen Dank, dass ihr euch so große Mühe gegeben habt.

Und wieder bin ich in einem Dilemma und möchte den Stern am liebsten zerlegen, aber das geht nun mal nicht.

schreiberlilli, du bekommst ihn. Teile ihn dir mit JackySmith.

Vielen Dank nochmal an euch alle.

LG.C.

Ich fühle mich geehrt, auch ohne Sternchen. Aber das ist nicht das Wichtigste hier bei GF.

Und vielen dank für deine Antwort :) Schön, dass du dabei auch erklärt hast, wie du dabei vorgegangen bist.

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Den Fehler bei anderen sieht man sofort, den eigenen nicht. Das erinnert mich an ein Sprichwort:

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Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür, dann wird die ganze Strasse sauber.

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Herkunft:

chinesisches Sprichwort

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Bedeutung:

Wenn sich jeder um seine eigenen Fehler kümmern würde, würden wir auf einer besseren Welt leben.

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