Warum ist Suizid noch immer ein Tabu-Thema? Soll man nun offen darüber sprechen oder nicht?

...komplette Frage anzeigen

7 Antworten

Hallo,

ich meine, dass man reden eigentlich über alles können sollte. Und entsprechend auch über alles nachdenken darf. Es heißt ja per se beides erstmal nicht, dass daraus irgendwelche Handlungen folgen müssten. Wie wichtig mir dieser letzte Punkt ist, merke ich gerade daran, dass meine Gedanken um das Stichwort "Fantasien" kreisen; an Fantasien gibt es mMn eigentlich nichts Problematisches, wenn überhaupt, dann können Ausführungen in der realen Welt falsch sein. Es gibt sexuelle Fantasien und gewalttätige und über beides massenhaft fiktionales Filmmaterial–trotzdem besteht die Menschheit offensichtlich nicht aus dauerrattigen Perverslingen und Gewaltverbrechern, sondern stellen solche Taten die Ausnahme dar. Ich sehe eigentlch keinen Grund, warum es mit suizidalen Fantasien anders sein sollte, vor allem, wenn laut Statistik sowieso fast jeder Mensch mindestens einmal im Leben ohnehin darüber nachdenkt (was wohl so viel heißt, wie, einen Suizid als Option in Betracht zieht, obwohl man das beides eigl nicht gleichsetzen darf – sich über die menschliche Anatomie zu informieren ist ja auch nicht das selbe, wie der Beschluss, Chirurg zu werden).

Woran liegt es genau, dass "man von Selbstmordgedanken und von vollzogenen Suiziden nicht zu sprechen hat"?

Ich denke, das liegt vor allem an drei Gründen, einem kulturellen und zwei psychologischen.

Kulturell ist der Tod hier und heute entwurzelt. Einerseits eine tolle Sache, sofern es damit zusammen hängt, dass er die letzten siebzig Jahre nicht mehr mit dem Mähdrescher über das Land gefahren ist, andererseits ist er dadurch zum Absolut Anderen (eine Bezeichnung, die ursprünglich ein Theologe für Gott gefunden hatte, die ich aufgrund der Entfremdung hier aber mal eben übertragen muss, ohne damit blasphemisch werden zu wollen) und zum Letzten Grauen geworden – man begegnet ihm nicht mehr, nimmt ihn nurnoch als latente Bedrohung wahr; was man nicht kennt, wird gefürchtet und dies ist momentan so etwas wie der "Normalzustand" – ihm zu begegnen oder ihm gar entgegen zu eilen, stellt einen damit unweigerlich außerhalb der "Normalität" (was auch daran gemessen werden kann, dass ästhetische Verarbeitungen des Themas zu 10% aus Grabschmuck bestehen und zu 90% als "morbide [krankhafte] Kunst" gelten). Was nun außerhalb der "Normalität" steht, ist dazu geeignet, zu überfordern. Bekannte Aktions-, Reaktions- und Kommunikationsformen werden als nicht oder nur eingeschränkt funktionierend oder gar als in Frage gestellt empfunden, man müsste sich auf diesem unbekannten Terrain völlig neu orientieren, und da ist es einfacher, es zu meiden. Selbstschutz, wie zB bei der Episode am Bahnsteig: Allein der Gedanke daran, dass in der Nähe ein Mensch gestorben sein kann, kann traumatisch werden (wenn der Tod ein solcher Fremder ist); vermeidbar, indem man diesen Aspekt ausblendet, indem man sich auf etwas anderes konzentriert, wie etwa den eigenen Ärger über die Störung des ÖPNV.

Psychologisch haben wir vor allem das Problem, dass eine ernsthafte Erwägung des Suizids als Option nahezu ausschließlich als krankhaft gilt. Damit will ich weder kritisieren noch verharmlosen, dass Suizidalität in den Inventaren vieler psychischer Störungen auftaucht, sehr wohl kritikwürdig ist es aber, wenn daraus der falsche (Umkehr-)Schluss gezogen wird, dass eine solche Erwägung immer auf eine solche Grundstörung zurück gehen müsse. Folge dieser Annahme ist wiederum, dass solche Gedanken als anormal gelten, und man damit von vorn herein in einer gewissen Zwickmühle steckt, wenn man darüber reden wollte – äußert man Verständnis, kann es falsch aufgefasst werden, äußert man blankes Unverständnis, wird dies garantiert nicht hilfreich sein. Die traurige Pointe daran ist, dass man ernsthaften Infragestellungen des Lebens eigentlich nur dann begegnen kann, wenn man weiß, warum und inwiefern der Tod, auch der Freitod, keine gute Option ist – und dafür sollte man ihn mindestens einmal gründlich durchdacht haben.

Ein zweiter psychologischer Aspekt können intrusive obsessive thoughts sein, vllt am besten als "impulsive Fantasien" übersetzbar und da ausführlich erklärt:

http://www.drmartinseif.com/resources/intrusive-thoughts.html

Der für mich hieran wesentliche Punkt ist das Missverständnis vom latenten Willen, den Inhalt solcher Gedanken auszuführen – einen solchen gibt es nicht, trotzdem sind Betroffene und jene, die davon hören, oft verunsichert (letztlich Folge unzureichender Unterscheidung von Gedanke, Vorstellung und Handlung).

Fasse ich alles zusammen, läuft es hinaus auf Angst vor einer dunklen Bedrohung, Unsicherheit sich selbst gegenüber, mit dem Thema nicht klarzukommen und Selbstschutzmaßnahmen gegen die unterstellte Überforderung (direkte Folge der Selbstunsicherheit).

Um dennoch darüber reden zu können, wäre evtl eine offene Frage am Anfang hilfreich. "Was hältst Du eigtl von/ denkst Du eigtl über..." (im Moment durch den Versuch des Sterbehilfegesetzes sogar gar nicht mal so abwegig)

Aus der Antwort oder aus dem Gespräch, das sich daraus ergibt, müsstest Du dann einigermaßen abschätzen können, wie problematisch oder unproblematisch es für Deinen Jemand wäre, mehr von Deiner Sicht zu hören. Wenn es um die Fantasien gehen soll, würde ich auf jeden Fall klar machen, dass es sich um bloße Fantasien ohne Umsetzungsabsicht handelt, das nimmt der Sache die Bedrohlichkeit (Ausnahme hiervon sind meistens Omega-Pläne; für Suizid bei schwerer lethaler Erkrankung haben die meisten eigentlich Verständnis).

Liebe Grüße

und alles Gute wünscht

Nemo

1

Ich denke nicht, dass das ein "Tabu-Thema" ist, zumindest nicht in meinem Umfeld.

Allerdings denke ich, dass die Reaktion der Person, mit der du über so etwas sprichst, unterschiedlich ausfällt, je nachdem, was die Person schon erlebt und wie ihr Charakter veranlagt ist.
Eine Freundin von mir hatte eine zeitlang sehr häufig Suizidgedanken. Wir haben uns natürlich um sie gekümmert, mit ihr gesprochen etc. Aber nach einiger Zeit waren wir nur noch genervt - denn jedesmal wenn wir mit ihr geredet haben, hat es im Prinzip damit geendet, dass man ihr erklären musste, warum das Leben lebenswert ist. Das war einfach nur noch anstrengend, sie hat sich geweigert, zum Psychologen zu gehen und wir hatten keine Lust den für sie zu spielen. Glücklicherweise hat sich das dann wieder gegeben.
Seitdem bin ich immer etwas distanziert wenn es um so etwas geht. Denn klar, es gibt die Leute, die tatsächlich Suizid-Gedanken haben, und wenn ich irgendwie helfen kann, will ich das natürlich tun. Allerdings gibt es auch Leute, die einfach nur die Aufmerksamkeit brauchen. Klar, die muss ihnen auch irgendwer geben, aber (und so hart das jetzt klingt) ich habe besseres zu tun, als solches fishing for compliments zu unterstützen.

Eine sachliche Diskussion über Suizid ist heute eigentlich immer möglich. Die Reaktionen, die du auf dem Bahnsteig beschrieben hast, finde ich sehr verständlich. Zumindest in meinem Freundeskreis haben wir schon mehrfach diskutiert, dass es unglaublich asozial ist, sich vor einen Zug zu werfen, einfach nur wegen des Zugführers. Außerdem denke ich, dass dadurch, dass du die Person nicht kennst und im Moment auf deinen Zug wartest und du sowieso nichts tun kannst, dass man deshalb dazu neigt über die Umstände genervt zu sein.
Ganz ehrlich - ich würde auch nicht anders reagieren. Was soll man denn auch machen?

Wenn du regelmäßig Selbstmordgedanken hast, solltest du einen Psychologen aufsuchen. Der kann dir besser helfen, als irgendeine Person in deinem Umfeld. Deine Freunde sollten dir natürlich trotzdem zuhören können/wollen, wenn du über so etwas sprichst. Aber vergiss nicht, dass die keine Erfahrung mit so etwas haben und es hat schon einen Sinn, warum es ein Psychologie-Studium gibt...

Zum Tabu-Thema möchte ich noch sagen, dass ich denke, dass sich jeder Mal Gedanken über Suizid macht. Bestimmt nicht gleich tiefsinnig, gleich ausgeprägt oder gleich ernst gemeint. Aber jede Person mit der ich über dieses Thema in irgendeiner Form gesprochen habe, hatte eine Meinung dazu. Und eine Meinung entsteht schließlich nur, wenn man sich damit beschäftigt.

Ich verkneife mir jetzt den "Bitte lass deine Fantasien nur Fantasien bleiben"-Anhang, weil ich nicht denke, dass du darauf mit deiner Frage abgezielt hast. Ich hoffe meine Antwort ist in irgendeiner Form hilfreich. Ich will damit niemandem zu Nahe treten und ich möchte damit auch keineswegs respektlos oder gefühlskalt erscheinen.

LG

Hab mit Interesse Deinen Beitrag gelesen. Es soll hier sicherlich nicht in eine Grundsatzdiskussion ausarten, jedoch ist der Begriff "asozial" beim Zugsuizid meiner Empfindung nach unpassend. In einer finalen Ausnahmephase hat der Betreffende wohl nur eine völlig andersartige Gedankenwelt zur Verfügung, sozial verträglich wird da eher nicht gedacht werden. Der Zugführer ist dabei bedauerlicherweise der unmittelbar Folge- Leidtragende.....Vor ein paar Jahren haben sich innerhalb weniger Wochen 50 Meter von meinem Standort entfernt zwei um die 13 Jahre alte Kinder vom Zug überrollen lassen. Die unnötige Reaktion von einigen Zugreisenden aus dem hergebremsten Zug heraus war gelinde gesagt nur gefühllos-kalt..."der gehört sich noch nachträglich abgezogen" (wegen popeliger 2 Stunden Verspätung...).

1

Vielleicht liegt es daran, dass man mit dem Thema tief in die Privatsphäre der Personen eindringt. Vielen ist das vielleicht peinlich oder so. Und wenn bei einer Zugverspätung als Grund nur "Personenunfal" steht ist das halt sehr unpersönlich und die Leute fühlen sich unbeteiligt

Meistens heißt es bei uns "Person im Gleis", viele Menschen halten sich immer die Hand vor den Mund wenn sie das lesen, jeder kann sich denken was da passiert ist...

0

Also warum es nicht öffentlich gemacht wird kann ich dir sagen. Google mal den Werther-Effekt.
Weil es diesen Werther-Effekt tatsächlich gibt, haben sich seriöse Zeitungen und Berichterstatter geeinigt, darüber nicht zu berichten. Aus demselben Grund spricht die Bahn vom "Notarzteinsatz im Gleisbereich", die wollen auch nicht, dass den Leuten bewusst wird, wie gut man sich mit so einem Zug ins Jenseits bringen kann. Ist für die Lokführer und die Fahrgäste die es mitbekommen nicht so toll. Wir Bestatter freuen uns auch nicht aber wir wissen ja wenigstens was uns erwartet...

Ich finde es so was von rücksichtslos von den Leuten die das machen, die wollen noch mal Aufmerksamkeit erregen.
Anständigerweise könnten die sich doch auch einfach zuhause erhängen. 

0

Ich glaube eines der Hauptprobleme fängt schon bei den Menschen an die diese Gedanken haben . Sie können sich nicht öffnen , denken das sie andere Leute mit ihren Problemen nur belasten und reden nicht darüber, weil sie keine lädt sein wollen . Allgemein sind wir eine Gesellschaft wo man eher nur gutes hören möchte . Wenn man wen fragt wie es wen geht ? Dann erwartet man die Antwort gut . Mit was anderen ist man dann eher überfordert . Negatives wird ausgeblendet , deswegen will man über so unschöne Dinge nicht reden . Es könnte ja die Laune herunterziehen und das will man nicht

Dass es Suizid überhaupt gibt + auch noch etliche Tausend alleine in D + dass es vor allem ältere Menschen betrifft, aber auch sehr junge, zeigt, dass man eigentlich recht simpel in Lebensumstände kommen kann, wo so eine unglaubliche und absolut unerhört schwere Entscheidung in Betracht oder gar zu Ausführung kommt. Daran gedacht und vielleicht sogar schon durchgespielt hat nun ja aber auch schon fast jeder so eine Aktion. Ich denke daher, daß die wenigsten auch noch durch eine tiefere öffentliche Diskussion zusätzlich damit in Berührung kommen und ihre individuellen Verdrängungsstrategien stören lassen wollen.

durch selbstmord kannst nicht mehr das erledigen, was du dir vorgeburtlich vorgenommen hattest.

die mjenschen ahnen tief in ihrer seele, daß das so ist und wissen nichts anderes zu tun in ihrem tagesbewußtsein, als den suizid zu tabuisieren.

Was möchtest Du wissen?