Warum ist Latein so wichtig?

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Warum ist Latein so wichtig? 

Ist es nicht. Warum sollte es das auch? Natürlich war Latein einst von großer kultureller Bedeutung und einige Sprachen, die vom Lateinischen abstammen, sind nach wie vor Weltsprachen. Aber diese Sprachen kann man problemlos ohne Latein lernen; manchmal ist es sogar besser, auf Latein zu verzichten und stattdessen eine andere lebendige Sprache zu lernen. Latein ist in vielen Fällen ein Umweg. 

Sicherlich kann Latein wichtig sein, wenn einem die Sprache am Herzen liegt. Wenn man Freude an Latein hat und später z.B. Latein studieren und/oder unterrichten möchte, dann ist Latein sicher wichtig – für einen selbst. Das ändert jedoch nichts daran, dass es für die große Mehrheit aller Schüler, die kein Interesse an Latein haben, absolut keinen Sinn hat, Latein zu lernen. 

Es wird oft gesagt, dass Latein nützlich fürs Studium sein kann. Es ist zwar nicht mehr erforderlich für Medizin, aber dafür für andere Studiengänge. Daher erscheint es vielen erst mal logisch, dass Latein wichtig sein muss, sonst wäre es ja keine Voraussetzung für ein Studium. 

Tatsache ist jedoch, dass selbst in Studiengängen mit Latinumspflicht Latein nur noch selten gebraucht wird. Sicherlich ist das auch abhängig von der Uni, dem jeweiligen Dozenten und der Ausrichtung, aber eine Mehrheit aller Geschichts-, Sprach-, Archäologiestudenten etc. hätte auf Latein getrost verzichten können. Ich hatte gerade kürzlich eine Unterhaltung über die Nützlichkeit von Latein mit einer Gruppe von Studenten (in unterschiedlichen Semestern), darunter u. a. Studenten der Geschichte, Germanistik, Anglistik, Romanistik und Archäologie. Jeder von denen hält Latein heute für überbewertet. Das liebe Schulsystem redet Schülern jedoch ein, dass Latein so viel bringen wird und an der Uni quasi Grundvoraussetzung ist. 

Auch diese ganzen weiteren Vorteile des Lateins lassen sich problemlos auf andere Sprachen übertragen oder sind einfach nur Unsinn … siehe z.B.: 

  • Latein hilft beim Erlernen weiterer Fremdsprachen. --> Das tut jede Sprache, da kann man auch gleich Spanisch lernen. 
  • Latein hilft beim Ableiten anderer romanischen Sprachen. --> Das tun andere romanischen Sprachen auch, dann kann ich auch gleich eine lebendige Sprache nehmen. Mir z.B. hat Französisch immer viel mehr gebracht als Latein, wenn ich Italienisch gelernt habe. 
  • Latein fördert logisches Denken. --> Wurde nie bewiesen. Abgesehen davon, dass jede Sprache das Denken fördert, ist Latein nicht wirklich logischer als andere Sprachen. 
  • Nur mit Latein kann man andere Sprachen verstehen. --> Um Sprachen zu verstehen, braucht theoretisch man keine einzige Fremdsprache, sondern Kenntnisse der Linguistik und Grammatik. Es ist zwar spannender, sich diese über eine andere Sprache anzueignen, aber nicht unbedingt notwendig. 
  • Nur mit Latein kann man Deutsch verstehen. --> Also ich habe Deutsch vor allem durch germanische Sprachgeschichte verstanden. Wenn man wirklich vorhat, Deutsch als Sprache herleiten und verstehen zu können, dann soll man sich doch bitte gleich mit der deutschen Sprachgeschichte und anderen germanischen Sprachen befassen, anstatt den "Umweg" über Latein zu gehen. 
  • Mit Latein kann man Wörter ableiten. --> Und? Wenn man sich dafür interessiert, ist das sicher cool. Durchschnittsmensch wird sich jedoch kaum dafür interessieren, von welcher Sprache Verb XY abstammt, und sollte er es dennoch mal tun, kann man das auch in einem Wörterbuch nachschlagen.  

Latein ist nicht wichtig. Ich habe selbst mein Latinum gemacht und Latein seither kaum/nie wieder gebraucht. Ich halte Latein zwar für eine tolle und interessante Sprache, rate jedoch jedem, der nicht gerade für diese Sprache brennt, davon ab, es zu lernen. Es bringt generell nichts, Sprachen zu lernen, an denen man kein Interesse hat – bei Latein am allerwenigsten. 

In gewisser Weise hast du recht - wenn man Lernen nur zu dem Zwecke tut, einen Nutzen davon zu haben, man also Bildung als rein utilitaristisches Werkzeug zu Reichtum etc. sieht, dann bringt Latein einem natürlich nichts. Wenn man jedoch Interesse daran hat, die romanischen Sprachen zu verstehen, dann ist Latein schon sehr hilfreich. Denn wenn man z.B. Italienisch oder Französisch lernt und dann versucht, die Wörter nach bestimmten Regeln in eine andere romanische Sprache zu übersetzen/übertragen, dann stößt man schnell auf Ungereimtheiten. Es ist daher einfacher, erst den Umweg übers Lateinische zu suchen, denn eine Sprache, die sich in zwei oder mehr Zweige aufteilt, kennt zu jeder dieser Sprachen Lautregeln und jede dieser Sprachen lässt sich von der Muttersprache ableiten. Wenn man dagegen vom einen Zweig auf den anderen kommen will, fehlt schlicht und ergreifend das Bindeglied, dass die Veränderungen in den Sprachen logisch werden lässt. Wenn man also zuerst Latein lernt, lassen sich alle anderen romanischen Sprachen relativ problemlos ableiten - würde man Französisch lernen, wäre das z.B. bei Spanisch oder Italienisch nicht der Fall.

Dass es keine Studien gibt, die belegen, dass Latein logisches Denken fördert, und Latein auch nicht unbedingt logischer ist als andere Sprachen, mag sein. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass es das logische Denkvermögen schult. Lernt man lebende Sprachen, ist alles darauf ausgelegt, die Sprache möglichst schnell zu verstehen. Warum jetzt etwas so ist, wie es ist, interessiert eigentlich niemanden. Bei Latein ist es anders, da geht es darum, später möglichst komplizierte Sätze zu übersetzen, an die man strategisch herangehen muss. Während bei modernen Sprachen der Einfachheit halber meist Wort und Bezugswort nebeneinander stehen, muss das im Lateinischen nicht sein. Bei Latein muss man also erst überlegen, wie man es übersetzt, und kann nicht einfach aufs eigene Gefühl vertrauen, wie man es zum Beispiel bei Englisch kann. Der Satz The beautiful girl fell in love with a handsome guy lässt sich für einen passablen Englischsprecher sofort im Sinn erfassen. Der Satz pulcherrima amore puero capta bello est puella definitiv nicht, auch wenn das so kompliziert wohl kein Römer ausgedrückt hätte, aber solche Fälle gibt es definitiv. Das war nur ein Kongruenz-Beispiel, es gibt auch Sätze mit mehreren ineinander verschränkten Relativsätzen und so weiter.

Ein letzter Punkt: Latein beschäftigt sich - zumindest in der Schule - anders als viele moderne Fremdsprachen viel mit Denken und Philosophie, zwar nicht so viel wie das Altgriechische, aber dennoch mehr als moderne Sprachen. Somit lernen Lateinschüler, eher über Philosophie und das Leben sowie die Hintergründe nachzudenken, als solche, die The Great Gatsby lesen. Natürlich ist so etwas heutzutage nicht mehr gewünscht, da kritisch denkende Menschen dazu neigen, sich nicht dem Willen der Wirtschaft unterwerfen zu wollen. Daher ist Latein insofern wichtig, als es eine Art Oase in der Maschinisierung des Menschseins darstellt, in der man noch lernt, sich nicht auf ein bestimmtes Konzept einzulassen, solange man es nicht hinterfragt hat. Ich selbst lerne Latein und Altgriechisch in der Schule, wage zu behaupten, darin durchaus gut zu sein, und kann mit einiger Sicherheit über meine Mitschüler sagen: Diejenigen, de Latein lernen (und vor allem die, die Griechisch lernen), sind deutlich offener für tiefergehende Ideen und hinterfragen mehr, als solche, die nur moderne Fremdsprachen lernen und noch nie etwas von Cicero, Seneca, Platon und Sokrates gehört haben. Wenn man also will, dass der Mensch, der einzelne, kleine Mensch, einfach funktioniert, dann ist es hilfreich, allen von dem Erwerb alter Sprachen abzuraten. Will man hingegen kritisch denkende Menschen, die auch bereit sind, sich eine eigene Meinung zu bilden, was in diesen Zeiten durchaus ein wichtiger Punkt der Gesellschaft ist, so muss man dringend davon abraten, die alten Sprachen auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen - sie sind zentral für unsere Kultur in Europa, oder wie es der Slogan der alten Sprache in Bayern besagt: Keine Zukunft ohne Vergangenheit.

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Also wichtig ist Latein nicht. Man kann auch sehr gut ohne Lateinkenntnisse leben. Man kann aber auch sehr gut ohne die Schulfächer Musik, Kunst, Religion, etc. leben.

Man lernt in Latein aber viel, was man gemeinhin als "Allgemeinbildung" bezeichnet:

* Geschichte der Antike
* Herkunft von Fremdworten und Vokabeln in Fremdsprachen
* Alltag und Mythologie der Römer
* (Das Latinum ist Voraussetzung für einige Studiengänge: Geschichte, Religion, diverse Fremdsprachen, ...)
* ...

Die beiden wichtigsten Punkte fehlen aber noch:

1.) Grammatik - nicht nur der lateinischen, sondern noch viel mehr der deutschen Sprache. Erst mit Latein verstehst du, wie das Deutsche "funktioniert".

2.) Erst wenn du dich mit einer fremden Kultur beschäftigst, kannst du überhaupt erahnen, was deine eigene Kultur ist. Das ist total spannend. Stell dir vor, du hast einen 2000 Jahre alten Text und kannst verstehen, worum es da ging.

=> Latein ist nicht wichtig, aber manchmal nützlich und immer spannend und bereichernd. :)


LG
MCX

Latein war die Ursprungssprache für Sprachen wie Französisch, Spanisch, Portugiesisch oder Italienisch. Auch im Deutschen benutzen wir viele lateinische Wörter, nicht nur "deutlich erkennbare" Fremdwörter wie z.B. in der Medizin (z.B. os sacrum = Kreuzbein), sondern auch in eingedeutschten Wörtern, die ursprünglich mal lateinischen Ursprungs waren (Pferd, Mühle, Semmel, Karotte, usw.).

Nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell war der Einfluss des römischen Reiches auch hierzulande sehr groß.

Natürlich kann ich auch nicht Latein aktiv sprechen, dennoch ist mein Eindruck, dass ein kleines Latinum (mehr habe ich da auch nicht gemacht, da ich später mehr Englisch gemacht hatte) schon von Nutzen ist (nicht nur in der Medizin).

Jemand hat hier mal geschrieben, dass man erst mit Latein versteht, wie Deutsch funktioniert. Dem stimme ich teilweise zu. Natürlich funktioniert die deutsche Grammatik deutlich anders als die lateinische (kein Wunder, immerhin ist Deutsch ja eine germanische Sprache), dennoch ist es m.E. nach ein Gewinn, sich mit der lateinischen Grammatik zu befassen, da man Begriffe und Konzepte kennenlernt, die man (in gewissen Grenzen) auch anderswo anwenden kann.

Natürlich ahmt das Deutsche die lateinische Sprache nicht grundsätzlich nach, aber das Bemühen um die Übertragung bestimmter Konstruktionen, die in den beiden Sprachen verschieden sind, macht es notwendig, sich in die Strukturen beider Sprechen zu vertiefen, und das nützt dann auch dem persönlich gebrauchten Deutsch.

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