Warum ist in Deutschland bei 112 die FW und RD zusammen und in der Schweiz wird der FW Notruf von der Polizei bearbeitet?

7 Antworten

Hallo saxboy,

kurz gesagt: "Der Notruf" hat sich in den verschiedenen Staaten einfach unterschiedlich und zu unterschiedlichen Zeiten entwickelt. Und das zu einer Zeit, wo eben noch jeder Staat sein eigenes Süppchen gekocht hat und man in Sachen europäischer und/oder weltweiter Vereinheitlichungen nich in den Kinderschuhen steckte.

Die Teilung des Notrufs in 110 (Polizei) und 112 (Feuerwehr/Rettungsdienst) in Deutschland basiert zum einen auf geschichtliche Entwicklungen und zum anderen auf diversen Gesetzen.

Heute ist es so, dass die Polizei eine Landesbehörde ist und der Rettungsdienst und die Feuerwehr auf kommunaler Ebene (Rettungsdienst = Landkreis, Feuerwehr = Gemeinde) angesiedelt sind.
Die Polizei ist landesweit organisiert und verwendet landesweit ein einheitliches System (Organisation und Technik), Rettungsdienst und Feuerwehr sind innerhalb eines Landkreises organisiert. Die Polizei richtet sich innerhalb eines Bundeslands aber nicht nach politischen Grenzen (Gemeinden, Landkreise). Deshalb stimmen Zuständigkeitsbereiche von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei häufig nicht überein.
Rechtlich gesehen kommen dann auch noch Dinge bzw. Datensicherheit, Verschwiegenheitspflicht/Dienstgeheimnisse usw. hinzu.

Deshalb sind selbst dann, wenn die Leitstellen von Polizei und Feuerwehr/Rettungsdienst in einem Gebäude untergebracht sind (Kooperative Leitstellen) beide Leitstellen technisch und räumlich voneinander getrennt.

Warum sind nun Feuerwehr und Rettungsdienst zusammen gefasst? Nun, bis in die 1980er Jahre hinein gab es ja im Grunde genommen keinen Rettungsdienst. Dort gab es nur Krankenwagen, welche verletzte oder erkrankte Menschen möglichst schnell von der Unfallstelle ins Krankenhaus bringen sollten. Viele sind auf der Fahrt verstorben, deshalb hat man dann in den 1980er Jahren nach amerikanischem Vorbild (Paramedics, dort seit Anfang/Mitte der 1970er Jahre) mit einem neuen Rettungsdienstgesetz den heutigen Rettungsdienst mit "Behandlungsräumen auf vier Rädern" (RTW) und dem Berufsbild des Rettungsassistenten (heute Notfallsanitäter) geschaffen.

Die Notrufnummern 110 (Polizei) und 112 (Feuerwehr) gab es bereits seit 1973 (Notrufsystem 73) bzw. in einigen Großstädten bereits seit 1948 Dazu muss man sagen, dass man früher noch mit Wählscheibentelefonen telefoniert hat und die 0 und 1 als außenliegende Fingerlöcher sowie die 2 direkt daneben auch im Dunkeln einfach zu wählen bzw. zu ertasten waren. Der Rettungsdienst existierte da wie gesagt noch gar nicht, Krankenwagen wurden von Ort zu Ort anders angefordert (wahlweise über Polizei oder Feuerwehr oder eigene regionale Nummern). Nach Schaffung des Rettungsdienstes verzichtete man auf die Einführung einer separaten Notrufnummer - alle anderen Zahlen als die 0, 1 und 2 wären auf der Wählscheibe ungleich komplizierter zu wählen gewesen. Zudem ist man früher ja eher von Unfällen als Einsatzgrund des Rettungsdienstes ausgegangen (mit Erkrankungen ging man eher zum Hausarzt bzw. der Hausarzt kam zu einem nach Hause). Und Unfälle wiederum waren und sind ja oft auch Einsatzgrund für die Feuerwehr. Davon abgesehen, dass zumindest in den größeren Städten mit Berufsfeuerwehr diese häufig auch den Rettungsdienst fährt.

In Österreich hat sich das alles wie gesagt anders entwickelt - und deshalb gibt es dort zum einen andere Zuständigkeiten/Aufteilungen und zum anderen andere Notrufnummern.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Zugführer bei der Freiwilligen Feuerwehr

Zum geschichtlichen Teil eine kleine Ergänzung ^^

Die Erkenntnis, dass es sinnvoller ist "den Arzt (bzw. Fachpersonal") zum Patienten zu bringen" als umgekehrt gab es schon deutlich früher - bereits in den 1950ern gab es entsprechende Versuche (z.B. das Clinomobil in Heidelberg).

Diese waren lediglich aufgrund der sehr wörtlichen Umsetzung und schlicht ungeeigneter Technik nicht erfolgreich.

Der wesentlichen Anteil beim Aufbau des Rettungsdienstes erfolgte allerdings schon in den 1970ern.

Parallel zum Notrufsystem 73 etablierte sich die Zwei-Mann-Besatzung (weg von der Rückspiegelrettung), entsprechende Funkausrüstung, medizinische Ausstattung der Fahrzeuge sowie die Einrichtung der Rettungsleitstellen.

Ausbildungstechnisch kam man von rein organisationsinternen Sanitätsausbildungen (der HiOrg-Bereitschaften) über den Rettungshelfer (damals als Ausbildungsrichtlinie der Hilfsorganisationen) zum Rettungssanitäter.

Ende der 1970er hat also durchaus schon flächendeckend ein Rettungsdienst existiert, der dem "modernen" sehr ähnlich war.

3
@SaniOnTheRoad
Ende der 1970er hat also durchaus schon flächendeckend ein Rettungsdienst existiert, der dem "modernen" sehr ähnlich war.

Naja, "ähnlich" ist ja relativ ;-)

In den 1970er und Anfang der 80er Jahre war aber das "Load & Go"-Prinzip in Deutschland noch vorherrschend, zumindest in unseren Breitengraden. Sicherlich schon besser als noch 10 oder 20 Jahre zuvor, aber allein technisch war man damals doch noch weit weg von den heutigen Möglichkeiten eines RTW an der Einsatzstelle bzw. während der Fahrt.

Vorreiter waren ja die USA im Bereich um Los Angeles, die damals das Paramedic-Projekt starteten, wo parallel zu einem (gewerblichen oder kommunalen) Krankenwagen speziell ausgebildete Sanitäter der Feuerwehr samt Equipment zur Einsatzstelle mit ausrückten. Die 70er Jahre Serie "Notruf California" ist daraus entstanden und die Universal Studios wurde vom LACoFD maßgeblich bei der Produktion unterstützt, um Werbung für dieses System zu betreiben und es flächendeckend einzuführen.

Sicherlich ist das dann im Laufe der 70er Jahre schon nach und nach auch in Deutschland mit übernommen worden, wobei die technischen Möglichkeiten da noch begrenzt waren.

1

Jeder Kanton regelt das anders wie die Notrufnummer bearbeitet werden. Sie haben es aufgeteilt, weil dort eben die Fachleute sitzen wie Mediziner, Polizisten, Feuerwehrleute und man weniger Zeit verliert. Darum wird es in der nächsten Zeit auch so bleiben mit den vielen Nummern.

Die politischen Versuche das nur noch eine Notrufnummer gibt, sind alle gescheitert im Parlament. Bei uns in der Schweiz dauert es lange bis mal was passiert. Das Argument ist immer sobald es nur eine Nummer gibt, man verliert zuviele Wertvolle Zeit. Bis teilweise klar ist ob ein Sanitäter oder nur die Polizei gebraucht wird.

Notrufnummer Schweiz :

  • 118 Feuerwehr ,
  • 144 Krankenwagen
  • 117 Polizei
  • 1414 Rega ( Notruf in den Bergen, Rettungshubschrauber)
  • 1415 Air Zermatt (Gleiche wie Rega einfach nur im Walis / Valis Zuhause)
  • 145 Giftnotfall ( bei Schlangenbiss, Baby verschluckt Waschpulver usw)
  • 112 Internationalen Notruf wo auch in der Schweiz geht. Vorallem verwenden wenn das Handy nicht geht, weil gesperrt oder kein Guthaben da ist oder kein Netz usw
  • Mein Persönlicher Tipp noch für Leute wo viel in der Schweiz sind. Lädt euch das App Swisshelp herunter aufs Handy dadurch habt ihr sofort alle Notfallnummern immer griffbereit. Dazu noch als Ergänzung eine App für erste Hilfe. Am besten vom roten Kreuz. Sowas wird es auch für Deutschland geben denke ich.
Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Ich bin Schweizerin seit Geburt.

Ich habe noch nie ein solches unsinniges, kompliziertes und ineffizientes Notrufsystem gesehen, wie dieses. Das macht alles überhaupt keinen Sinn. 1.: Feuerwehr und Rettungsdienst können nur in ganz enger Kooperation effizient arbeiten, deswegen selbe Leitstelle, selbe Nummer, selbe Disponenten, selbe Wache und selbe Mitarbeiter. 2.: Über den Einsatz von einzelnen Rettungsmitteln kann / darf / hat der Laie überhaupt nicht zu entscheiden, aus dem Grunde werden RTHs vernünftigerweise von der örtlich zuständigen Feuerwehrleitstelle disponiert. 3.: Auch der Giftnotruf hat nur von professionellen Einsatzkräften mit medizinischem Überblick konsultiert zu werden, weil die Gesprächspartner die Lage vor Ort von medizinischem Personal geschildert bekommen müssen. Ein Beispiel: auf dem Land habe ich einen medizinischen Notfall, der durch eine Vergiftung zustande gekommen ist: in Deutschland rufe ich die 112 an, der Disponent am Telefon disponiert den Rettungswagen zu mir, merkt, dass er keinen Notarzt frei hat, woraufhin er einen RTH und die dazu nötige Feuerwehr alarmiert und bei der Polizei die RTH Landung meldet, dass ein Streifenwagen geschickt wird. Der dann bei mir eintreffende Notarzt konsultiert nach Erstversorgung den Giftnotruf. In Deutschland: ein Anruf für den Laien, in der Schweiz fünf, herzlichen Glückwunsch.

0

Hi,

Warum ist in Deutschland bei 112 die FW und RD zusammen

Ultrakurzfassung: weil es sinnvoll ist.

Die Einführung von so genannten "integrierten Leitstellen" (kombinierte Feuerwehr- und Rettungsdienstleitstellen) bietet deutliche Vorteile und wird daher in Deutschland flächendeckend angestrebt.

Mit einer zentralen Anlaufstelle für alle nicht-polizeilichen Hilfeersuchen verkürzt man die Erstalarmierung von Feuerwehr, Rettungsdienst und Notarzt, kann kombinierte Einsätze besser koordinieren und verbessert die organisationsübergreifende Kommunikation und Zusammenarbeit im Einsatz. Das "Unterschlagen" relevanter Informationen bei der Weitergabe wird zudem deutlich reduziert.

Zudem ist es deutlich kosteneffizienter - reine Feuerwehrleitstellen (die ebenso vielseitige Technik erfordern) lohnen sich nicht. Feuerwehreinsätze sind im Vergleich zum Rettungsdienst recht selten - bei integrierten Leitstellen machen sie meist nicht einmal 10 % der abgewickelten Einsätze aus.

Vorteil für den Bürger: egal, ob er die Feuerwehr, den Rettungsdienst oder beides braucht - er hat im Notfall einen Ansprechpartner.

und in der Schweiz wird der FW Notruf von der Polizei bearbeitet?

Ist das in der ganzen Schweiz so? Soweit ich mich erinnere, ist das Rettungswesen und damit auch die Zuständigkeit der Leitstellen kantonal geregelt.

Ad hoc würden mir nur ein Grund für das Vorgehen einfallen...

Polizei und Feuerwehr haben insgesamt weniger Notrufe abzuarbeiten, als der Rettungsdienst. Medizinische Notfälle erfordern neben einer genauen Abfrage z.T. auch genauere Handlungsanweisungen für Ersthelfer - das kostet Zeit und Ressourcen.

Somit wäre auch hier die Kostenersparnis wohl der Hauptgrund.

LG

Woher ich das weiß:Beruf – Ausbildung und hauptamtliche Tätigkeit als NFS

Meistens rückt mit der Feuerwehr auch noch eine Polizeistreife aus. Und habe gehört, dass es FW-Notrufe gibt, welche weniger wichtig sind als Rettungssanitätsnotrufe und deshalb wollten sie die Nummer 118 und 144 trennen. Aber meistens wird man mit dem richtigen verbunden, egal was man wählt

0
@saxboy
Und habe gehört, dass es FW-Notrufe gibt, welche weniger wichtig sind als Rettungssanitätsnotrufe und deshalb wollten sie die Nummer 118 und 144 trennen.

Schwer zu differenzieren - eine Priorisierung muss sowohl bei der Feuerwehr als auch in der Sanitätsnotrufzentrale erfolgen. Je nachdem, wie diese ausfällt, ist auf beiden Seiten von "telefonischer Hilfeleistung" bis "Schick mir alles, was Du hast" drin.

Aber meistens wird man mit dem richtigen verbunden, egal was man wählt

Sowieso - daher wird in der Schweiz auch zunehmend zur 112 geraten.

0

Man kann es kurz fassen. In Deutschland gibt es eine Unterteilung in die nichtpolizeiliche (Feuerwehr und Rettungsdienst) und in die polizeiliche Gefahrenabwehr. Deshalb gibt es eigene Leitstellen für die nichtpolizeiliche und für die polizeiliche Gefahrenabwehr.

Weil die Schweizer es anscheinend ineffizient mögen. So viele Notrufnummern machen keinen Sinn, der Laie kann sich ja noch nicht einmals eine merken. Zudem: die "spezielleren Nummern" für Giftnotruf, Luftrettung etc gehen Laien überhaupt nichts an, da der Laie über solcherlei Maßnahmen garnicht entscheiden kann / darf. Würde in Deutschland ein Laie direkt einen RTH alarmieren können, würde (bedingt durch die abartige Übertreiberei der Leute) zu jedem angeknacksten Finger die Schraube kommen.

Woher ich das weiß:Berufserfahrung

Was möchtest Du wissen?