Warum ist es in Bayern so unpopulär seine Kultur und Geschichte zu kennen?

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3 Antworten

Das wird kein spezifisches Problem der Bayern sein. Ich fürchte, das würde überall in Deutschland so laufen. Das ist wie mit der so gepriesenen Leitkultur. Alle schreien nach der Verteidigung derselben, aber keiner kann benennen, was das eigentlich sein soll. Einigen kann sich das Volk, der "Dichter und Denker" dann für gewöhnlich nur auf die "Früher war alles besser"-Platitüde.


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bagdader 31.08.2016, 18:25

Es ist tatsächlich kein rein bayerisches Problem. Die Verflachung ist flächendeckend. Nur einen Unterschied sehe ich. Kein Niedersachse, Saarländer oder Mecklenburger tritt mit einer derartigen Gockel-auf-dem-Misthaufen-Kikeriki-Haltung auf wie unser Freund der Bayer.

Wer als Platzhirsch auftritt, muss sich auch gefallen lassen hinterfragt und geprüft zu werden.

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Dummie42 31.08.2016, 18:41
@bagdader

:-) Du kennst wohl keine Sachsen und keine Berliner. Und ich weiß auch nicht, ob das wirklich eine Verflachung ist, oder ob sich das die Detuschen nicht auch gerne einreden. Meine Großmutter (Niedersächsin) hat sich gern mit Dichterfedern geschmückt, nur weil es einst Pflicht war, das Lied von der Glocke zu lernen. Ihre gesammelten Werke Goethes habe ich heute noch auf dem Speicher. War damals wohl ein Konfirmationsgeschenk. Ich glaube nicht, dass sie die wirklich jemals auch nur auszugsweise gelesen hat. Die standen nur zum persönlichen Renommee im Wohnzimmerschrank. Sind nichts wert, aber auch zu schade für die Tonne.

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bagdader 31.08.2016, 21:10
@Dummie42

Auch wenn ich abschweife, Goethe hat es in sich und lohnt in die Hand genommen zu werden, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Er gilt als der Nationaldichter der Deutschen, keiner hat ihn gelesen, aber alle meinen, er war ein "großer Deutscher", fertig.

Er war für seine Zeit tatsächlich ein bedeutender Dichter, und er hat auch als Humanist und Naturwissenschaftler gewirkt, er hat sich andererseits Gedanken gemacht, die heute als unpopulär oder politisch unkorrekt angesehen werden würden. So mochte er zum Beispiel keine Katholiken ("Pfaffen") und ließ keine Gelegenheit aus sie zu schmähen, auch Juden wollte er in seinem Bild von einem idealen Deutschland lieber aussparen. Und wie stand er seinen deutschen Landsleuten gegenüber? Einzelnen durchaus auch positiv, der Masse der Deutschen hingegen ablehnend:

»Doch liegt mir Deutschland warm am Herzen. Ich habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist.«

Johann Wolfgang Goethe
Gespräch mit Luden vom 13. Dezember 1813
Gedenkausgabe, Bd. XXII, S. 713

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Leute, ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie spannend und facettenreich unsere Geschichte ist, und wie einfach es ist zu überraschenden Einsichten und höchst befriedigenden Anregungen zu gelangen, durch LESEN!

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Wie es geschrieben wurde mag es stimmen, allerdings halte ich es für ein Gerücht, falls behauptet würde, in anderen Regionen wäre es anders.

Und zu deiner Frage, worauf sind diese Leute stolz, möchte ich sagen, dass es für uns Menschen wichtig ist, zu etwas dazu zu gehören. Eine Heimat zu haben. Und in Deutschland ist es nicht möglich zu sagen, in bin Deutscher, ich bin stolz Deutscher zu sein, ohne dass man zumindest komisch angeschaut wird, wenn icht gar ins Rechte Lager gesteckt wird. Stolz darauf Europäer zu sein? Dass ich nicht lache. Die verkaufen unsere Rechte (TTIP, CETA) und ich kann noch nichteinmal einen Abgeordneten wählen, sondern muss darauf vertrauen das die Partei es richtig macht. Also bleibt lediglich die Region. Ob Franken/Bayern/Baden/Schwaben/Berlin oder was auch immer, man ist stolz darauf, weil es die Heimat ist. Es hat nichts mit Verdiensten zu tun oder mit Erfolgen. Es ist einfach das zu Hause, auf dass man nichts kommen lässt.

p.s. und dass wir alle deutlich Unwissender werden ist doch wohl bekannt.

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bagdader 31.08.2016, 18:19

"...und dass wir alle deutlich Unwissender werden ist doch wohl bekannt."

Das ist doch ein geistiges Armutszeugnis, sich hinter anderen, "allen", zu verbergen und ebenfalls den Kopf in den Sand zu stecken!

Warum nicht mal ein Buch über Bayern zur Hand nehmen und reinschmökern?

Anstatt Stammtisch, TV, SMSen, oder Zank mit der Zenzi? 

Warum nicht ein Bayer werden, der sich auskennt? Weil man dann von den anderen schief angesehen werden könnte ("Streber")?

Lieber Streber als Trottel, meine ich.

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Flohrianus 31.08.2016, 18:43
@bagdader

Um mich aus der Schusslinie zu bringen, ich bin Franke. Und es ist wohl eher ein Armutszeugnis, dass ich für Bayern schreibe. Und ich kann, wie gesagt nur aus Frankensicht sprechen.

Schief angesehen wird man sicher nicht. Eher sogar wohlwollend.

Der Punkt ist wohl eher 1. das (fehlende) Interesse und zweitens, man muss erkennen, das es etwas gibt, das man nicht kennt. Woher bekomme ich das Wissen, dass ich noch etwas lernen könnte? (OK, ins Museum gehen, Schlösser besichtigen...) Aber das Wissen fehlt nicht im normalen Leben.

Und ich muss gestehen, man interessiert sich nicht für alles. Ich könnte dir etwas über Franken im Mittelalter sagen, oder wie die Waffe Franziska aussieht, aber welche Stars und Sternchen aus Franken kommen, oder sie auch nur auf Bildern zu erkennen, dass könnte ich nicht.

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bagdader 31.08.2016, 20:46
@Flohrianus

Werter fränkischer Landsmann, danke für klärende Worte und klärende Sachverhalte.

Gestatte, dass ich noch auf einigen Punkten rumreite:

Wenn ich, wie Du sagst, als Wissender "wohlwollend angesehen" werde, also positiv konnotiert werde, warum trafen wir nur so wenige Wissende an? -- Das Wissen wird von unserer Gesellschaft demnach nicht ausreichend honoriert, es fehlt ihm die breite gesellschaftliche Anerkennung.

Du: "Woher bekomme ich das Wissen, dass ich noch etwas lernen könnte?" - Aus Büchern, die man sich sogar vom kleinsten bayerischen Kaff aus per Fernleihe (bundesweiter Bibliotheksverbund) bestellen kann, oder bei Neubüchern, per Buchversand ins Haus schicken lassen kann.

Du: "Und ich muss gestehen, man interessiert sich nicht für alles." - Aber, aber, hier geht es doch nicht um "alles" oder gar um nichts, sondern um etwas, was uns sehr kostbar sein sollte, um unsere Identität als Deutscher, Bayer, Franke, Fürther etc.

Ich (ich selber zumindest) will doch wissen, wer ich bin, woher meine Vorfahren stammten, wie sie sich in gewissen Grenzsituationen (schon mal) verhalten haben, wie sie mit, möglicherweise mit heutigen Problemen vergleichbaren, Problemen umgegangen sind, ich will doch dazu beitragen es besser zu machen als meine Vorfahren, die vielleicht Sch.... gebaut haben etc.

Birgt nicht das Nichtwissen bzw. das Nichtwissenwollen um die eigene Identität die Gefahr in sich, dass man noch leichter von skrupellosen Politikern übers Ohr gehaut werden kann? Wäre es nicht besser, mit dem nötigen Wissen ausgestattet, in besonderen Fällen Politikern vorzuhalten, seht her, hier und da haben unsere Vorfahren schon mal das und das gemacht und sind damit gescheitert, das wollen wir nicht wiederholen...?

Ich schätze den bayerischen Schriftsteller Lion Feuchtwanger sehr. Der hat bereits damals vor etwa 90 Jahren den Bayern vorgehalten, dass sie nix wissen, sich kein politisches Urteil bilden können, ihre Fäuste auf die Augen pressen und in nostalgischen Gedanken ("früher, unterm Ludwig war ois bessa") versanken. Drei Jahre später regierte Hitler in Deutschland.

Gewiss droht uns derzeit kein neuer Hitler, aber Feuchtwanger zeigte auf, was auch für die heutige Zeit wieder gilt: Breitgestreutes politisches Desinteresse, fehlende Bereitschaft sich für politische Ziele selbst einzusetzen, Bildungsmängel allerorten, fehlendes Verantwortungsgefühl etc.

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Also wenn ich so gedurft hätte, ich mir gewünscht hätte:

Ich interessierte mich schon, kaum dass ich lesen konnte, für Archäologie. Und da hab ich dann so gut wie alles verschlungen, was ich in die Finger bekommen konnte. Und ich hätte gerne Geschichte und Geographie auf Lehramt studiert. Meine Eltern waren aber der Ansicht, dass ein Mädchen so etwas nicht zu wollen hätte. Es waren damals halt noch ein wenig andere Zeiten. Ich sag nur: Küche - Kinder - Kirche, (falls'd verstehst was I damit moan).

Kandidaten bei Quizz-Shows, oft sogar mit Abitur: Und dann ein solch bodenlos schlechtes Allgemeinwissen! Ich versteh das auch nicht! Sind die so blöd oder nur so desinteressiert?

Aber Chapeau: Der Hinweis auf Lion Feuchtwanger!
( תודה )!

Aber jetzt laufen sie doch auch wieder blind einem schlimmen Trend hinterher! Hoffentlich wachen sie noch rechtzeitig auf!!

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