Warum ist die deutsche Sprache so missverständlich?

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14 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Solche Erscheinungen gibt es in vielen Sprachen. Sprachwissensschaftlich gibt es dafür die Ausdrücke Homynym (ein Wort hat gleiche Namen, aber verschiedene Bedeutungen) und Polysem (Mehrdeutigkeit eines sprachlichen Zeichens). Homonyme sind aus ursprünglich verschiedenen Lautfolgen/Zeichenfolgen (sprachwissenschaftlich: Morphemen) entstanden, die aufgrund einer Sprachentwicklung im Lauf der Zeit gleichlautend wurden z. B. der Baum und der Knochen "Kiefer"). Polyseme haben eine gemensame Grundbedeutung, die sich im Lauf der Zeit in verschiedene Begriffe aufgeteilt hat (z. B. "Strom" als großer Fluss und als elektrische Größe).

Umgangssprachlich gibt es für solche Äquivokation (Wortgleichheit - Verwendung des gleichen Wortes für verschiedene Begriffe) die Bezeichnung "Teekesselchen". Dazu gibt es umfangreiche Listen.

Zu der Klage über eine schwierige Verständlichkeit gibt es eine Anekdote über den Reichskanzler Otto von Bismarck. Auf einem Empfang oder Festessen wurde Bismarck von der Ehefrau eines Botschafters darauf angesprochen, wie schwierig die deutsche Sprache für einen Ausländer sei. So gebe es für die gleiche Sache zu oft verwirrend viele Ausdrücke: z.B. speisen und essen.

Bismarck verteidigte sich: "Verzeihen Sie, Gnädigste! Diese beiden Wörter sind nicht gleichbedeutend. Denn Christus speiste die fünftausend Mann, aber er aß sie nicht."

"Aber schlagen und hauen sind gleich?"

"Verzeihung, daß ich auch hierin anderer Meinung bin. Sehen Sie, diese prachtvolle Standuhr schlägt die Stunden, aber sie haut sie nicht."

"Das gebe ich zu, aber von den Wörtern senden und schicken ist doch sicher eines ganz überflüssig?"

"Keineswegs. Denn Ihr Gemahl ist zwar ein Gesandter, aber kein Geschickter." [Wortspiel mit dem Begriff Geschicklichkeit]

"Aber in einem müssen Sie mir recht geben, Durchlaucht: Sicher und gewiß ist doch genau dasselbe!"

"Ich bitte um Verzeihung, Gnädigste, daß ich auch hierin gänzlich anderer Ansicht bin. Nehmen wir einmal an, daß hier plötzlich ein Brand ausbricht, so würde es mir eine Ehrenpflicht sein, Sie, gnädige Frau, sogleich an einen sicheren Ort zu führen, aber um Himmelswillen nicht an einen gewissen Ort."

köstlich- ich beginne , ein "Albrecht-Zitate.Büchlein anzulegen." Wenn Du nicht schon zu meinem Freundeskreis gehören würdest,- spätestens jetzt würdest Du ein Angebot bekommen. Toll, mehr davon!!

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Bitte quelle mitschreiben . Das hast du wohl nicht selber geschrieben in 3 Minuten -.-

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@CheaterX1

Die Anekdote habe ich mir einmal aufgeschrieben, es stand aber keine Quellenangabe dabei. Die sprachwissenschaftlichen Ausdrücke kenne ich. Ich hatte sehr viel mehr Zeit als 3 Minuten (Zeitangaben zu Frage und Antwort noch einmal ansehen), die Bemerkung deutet auf Schwierigkeiten mit einfachem Nachrechnen.

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Es kommt - wie immer - auf den Kontext an. Das meine ich so: Wenn ich etwas nicht verstehen WILL, kann ich viele solcher "Missverständnisse" finden. Aber natürlich gibt es auch wirkliche Mehrdeutigkeiten, die nicht durch den Kontext erklärt werden, weil seie eben alle passen könnten. Im Großen und Ganzen jedoch ist gerade die deutsche Sprache doch sehr präzise. Beispiel: Ein Freund, der im Iran aufgewachsen ist, sollte (in Teheran) einen Bericht schreiben. Er gab mir den dann, um ihn hier auch auf deutsch vorliegen zu haben, damit ich ihn auf guten Ausdruck überprüfen sollte. Darin kam diese Passage (nicht Überfahrt!) vor: Mein Bruder und ich gingen die Straße entlang. Mein Bruder und ich betraten das Haus. Mein Bruder und ich klingelten an der Wohnungstür. Mein Bruder und ich wurden hereingebeten (usw.) Ich fragte ihn entsetzt, warum er denn nicht ab dem zweiten Satz statt "Mein Bruder und ich" einfach "wir" geschrieben hatte. Er meinte, dass es in Farsi (also in der Sprache, die man dort spricht) nicht möglich sei, das so auszudrücken, das würde niemand verstehen. Er war sehr erstaunt, dass wir hier sogar noch nach drei Kapiteln wüssten, wer mit "wir" gemeint sei. Schon präzise, oder?

Ist ein Mensch mit der deutschen Sprache aufgewachsen und hat bei seinen Eltern immer gutes Deutsch gehört, dann ist die Sprache nicht schwer. Aber mit dem Elternhaus ist das oft schon so eine Sache. Häufigst wird dort nicht Hochdeutsch, sondern ein Dialekt gesprochen. Ein weiteres Merkmal unserer Sprache ist die Vielfältigkeit der Deutung vieler Worte. Man kann aber auch ein und die selbe Sache mit unterschiedlichen Worten beschreiben. Das kommt daher, dass Deutsch längst nicht immer deutsch ist, weil viele der gebräuchlichen Wörter nicht deutschen Ursprungs sind sondern sogenannte Lehnwörter. Zu Römerszeiten verdrängten viele lateinische Wörter die germanischen Ausdrücke. Später kamen französische Wörter dazu, welche ihrerseits aus dem Latein abgewandelt waren. Eine Zeit lang war es in besseren Kreisen sogar angesagt, dass man Französisch parlierte. Nach dem WK II kamen viele Anglizismen hinzu, dieser Trend hält bis heute an, verstärkt sich sogar noch. Mittlerweile übertreiben wir es und erfinden englisch klingende Worte, die es im Englischen garnicht gibt, so das Handy, oder benutzen engl. Ausdrücke für etwas ganz anderes wie es original gemeint ist, z.B. public viewing ( öffentliche Leichenschau) bei großen Veranstaltungen wie einer WM. Dieses Konglomerat an Worten und Redewendungen macht es den Deutschen zunehmend schwerer richtiges Deutsch zu sprechen, vor allem dann, wenn die Kinder nicht oder sehr wenig lesen, sondern lieber in die Glotze schauen. Dann noch ein Elternhaus mit starkem Dialekt, ausserdem kein Interesse in der Schule am Deutschunterricht ( kann ich doch schon!), und die Hälfte der Mitschüler haben einen Migrationshintergrund. Unter solchen Umständen ist es verständlich, dass einem die eigene Sprache schwer fällt.

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