Warum ist die christliche Mystik der Kirchen ein Dorn?

15 Antworten

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Nun, da kommen Leute daher und erzählen, Gott höchstpersönlich, also nicht sein Sohnemann!, hätte sich IN ihnen in umfassender Weise realisiert; vielmehr noch .. sie seien in ihrer ganzen Essenz Gott. Obendrein nicht nur sie selbst, sondern jeder andere auch. Erlösung, der Eintritt ins Paradies, ist jederzeit möglich, nicht erst nach dem Tod und nach einem gottgefälligen Leben. Für einen Mystiker erreicht man das Heil(-sein) nicht durch den Glauben oder durch Gebet- und Bußübungen. Sondern durch radikale Armut im Geiste (was im Übrigen, an Adresse Frank1968, auch den Verstand einschließt). Das ist die "Lehre" der Mystiker, wenn es ihnen nicht sowieso - und das dürfte bei der Mehrheit der Fall sein, so sie keine Gelehrten, Dichter und Poeten waren - die Sprache verschlagen hat.

Wie geht dat denn nach christlichem Selbstverständnis? Guck Dir den Beitrag von Salzundlicht an, da geht er ja schon los, der katholische Abwehrreflex: Selbsterhöhung, Selbstermächtigung, in gleichem Atemzug mangelnde Demut vor der eigenen Sündhaftigkeit, der Unerreichbarkeit des Ideals, was Gott darstellt. Gott und Mensch können niemals! ein und dasselbe sein. Deshalb braucht es Kirche, deshalb braucht es Welterklärer, deshalb braucht es Sünde, deshalb braucht es Tun und eine Zukunftsverheißung der Erlösung vom Tode. Kurzum: Mystik ist dazu angetan, die gesammelten Kerzprinzipien des christlichen Glaubens einzuschmelzen.

Ein Mystiker braucht die Religion nicht - bewegt sich allerhöchstens bewusst gewählt in diesem begrifflichen Rahmen. Kann aber dasselbe Prinzip weltumspannend in anderen Religionen, in anderer Spiritualität und philosophischen Traditionen finden. Sogar im Atheismus. Gibt damit den christlichen Alleinverheißungsanspruch auf. Was dem berühmten Satz widerspricht "Niemand kommt zum Vater denn durch mich" und jegliche Missionsrechtfertigung vernichtet. Ein gesamtes religiöses Weltbild verschwindet mit einem Schlag in die Bedeutungslosigkeit ;-))

Kirchliche Lehre ist zutiefst dual, Mensch hier, Gott da, und auf eine Zukunft gerichtet.
Mystische Erfahrung findet im Hier und Jetzt statt. Gott ist nicht "irgendwo da draußen", sondern hier, in diesem Augenblick, der auch gleich wieder vorbei ist und den nächsten gebiert. Jetzt ist zeitlos, ewig. Gott ist kein DU, sondern ein ICH BIN.

Hätten wir das Thomas Evangelium im Kanon, all dies stellte überhaupt kein theologisches Problem dar; es lässt sich auf dessen Basis eben nur keine Kirche rechtfertigen oder begründen, was neben seiner Unverständlichkeit und der logischerweise fehlenden Passionsgeschichte der Hauptgrund gewesen sein dürfte, es aus dem Kanon auszuschließen:

Logion 3-Jesus sprach: Wenn die, die euch (auf Abwege) führen, euch sagen: Seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut.

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Logion 113- Seine Jünger sagten zu ihm: Das Königreich, an welchem Tage wird es kommen? Jesus sprach: Es wird nicht kommen, indem man darauf wartet. Man wird nicht sagen: Seht, hier ist es, oder: Seht, dort ist es. Sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.

Das ist! Ketzerei nach den Dogmen der Kirche.
Und selbst die Evangelen stellen es unter einen "eschatologischen Vorbehalt".

Kleine Fußnote noch, vielleicht von Interesse: Meister Eckhart war der Beichtvater von Margarete Porete, die 1311 in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Grund: Ketzerei. Sie weigerte sich, ihren Spiegel der einfachen Seelen zu widerrufen. Eckhart übernahm ihre Positionen, milderte sie ab. Und dennoch fanden sie sich samt und sonders unter den von der Inquisition verurteilten Thesen Eckharts.

So ist es, spricht die Liebe...Die Sünde jedoch ist ein Nichts, und diese Seele ist ganz aufgewühlt und erschrocken durch ihre scheußlichen Fehler, die weniger als nichts sind....Der zweite Punkt besteht darin, dass diese Seele sich durch den Glauben rettet ohne Werke. Das bedeutet: Diese Seele versteht nicht mehr zu wirken, und sie ist sicherlich auch hinreichend entschuldigt und gerechtfertigt, wenn sie ohne Werke glaubt, dass Gott gut und unfasslich ist. Sie erlangt das Heil ohne Werke... Margarete Porete

Hätten wir das Thomas Evangelium im Kanon, all dies stellte überhaupt kein theologisches Problem dar<

stimmt, der Gedanke kam mir auch schon des öfteren.

Es wird schon seine Gründe gehabt haben, warum das Thomas-Evangelium es nicht unter die Top 4 geschafft hat ;) Damit hätte man ganz sicher keine Kirche gründen und aufbauen können...

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@gina86

Nein, hätte man wirklich nicht.
Es ist auch interessant in diesem Zusammenhang, dass die frühesten Darstellungen von Jesus ihn als Lehrer und Philosophen zeigten, und dass die Passionsgeschichte mit dem Kreuz in der künstlerischen Rezeption eine ausgesprochen untergeordnete Rolle spielte.

Im Übrigen stelle ich gerade einen wunderbaren Schreiblapsus fest ..
"die Kerzprinzipien des christlichen Glaubens einzuschmelzen"

Was für ein Bild!
Das Licht der Welt, in der Theologie eine funzelige Kerze aus Wachs.
Ich weiß manchmal auch nicht, wer eigentlich meine Texte schreibt ;-))

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Die Mystik ist im Mittelalter versickert, allenfalls könnte man noch A.K. Emmerich dazu rechnen.  Das liegt aber nicht an der Kirche, sondern an den Menschen selber, die nicht genug danach streben, die völlige Vereinigung mit Gott - schon hier auf Erden - zu erreichen. Es gibt in der kath. Kirche sogar die Möglichkeit, das Fach "Mystik" zu studieren, doch selbst die Professoren können nicht vermitteln, wie man sie richtig lebt.

Auch Teresa von Avila musste sehr vorsichtig sein, sich nicht mit der Inquisition anzulegen, doch es war damals wohl eher ein Problem, nicht in Konflikt mit ihr zu kommen.

Es ist mir nicht bekannt, dass Pater Anselm Grün ein Mystiker wäre, jedenfalls habe ich in einem seiner Bücher  Aussagen entdeckt, die nicht der kath. Lehre entsprechen und eindeutig eine Irrlehre sind.

Der große Theologe Karl Rahner hat gesagt "Der Mensch von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird überhaupt nicht mehr sein".

Das Problem ist vielschichtiger als viele denken, es geht nicht nur darum, daß es etwa einer Kirche oder einem Dogma an den Kragen ginge, wenn man einen (echten) Mystiker sozusagen frei laufen ließe, so wie frank1968 das beschrieben hat. Nehmen wir Eckarts Satz vom Einssein mit Gott oder sein Statement, daß jeder der Sohn Gottes sein kann. Solche Sätze stimmen im Sinn wahrer Mystik. Sie setzen aber auch ein Verständnis voraus, das die meisten Menschen - nennen wir sie "Laien" - nicht haben, weil sie mit der Materie, den Inhalten und der Sprache der Mystik nicht vertraut sind. Nehmen wir die Mystik einer Mechthild von Hackeborn, die sich einer Sprache befleißigt, die an Erotik erinnert. Es ist eine metaphorische Sprache, keine blanke Obszönität. Wenn nun ein Mensch, der sich unter Mystik nichts vorstellen kann, diese Sätze hört oder liest, kann er ganz leicht mißdeuten, was ein Eckart oder eine Mechthild eigentlich sagen wollten. Und es heißt "wenn DER, dann ich auch". Was dabei herauskommt ist allerdings dann ziemlich heillos. Insbesondere die katholische Kirche war immer sehr ängstlich, daß das passiert und hat die Mechthilds, Eckarts und Teresas in ihren Reihen mit Argusaugen beäugt. Teresa (von Avila) mußte stets ihren Oberen in der Kirche Rechenschaft geben, Eckart mußte einen Teil seiner Thesen widerrufen (nicht alle!) und Mechthild war lange verdächtig, bevor man ihre Mystik anerkannte. Auf evangelischer Seite ging es Jakob Böhme nicht viel besser. Du findest reichlich Stoff darüber in den Bücherregalen der theologischen Fachbibliotheken.

Und noch was: Nicht nur im Christentum ist das so, sondern auch in anderen Religionen. Im Islam z. B. sind die meisten Sufi-Orden oder -Gemeinschaften bis heute verboten. Was vom Sufismus blieb ist ein schwacher Abglanz, ein kastrierter Sufismus, der seiner ursprünglichen mystischen Kraft beraubt ist und zu einem erheblichen Teil zur Touristenveranstaltung geworden ist.

Mystik ist immer subversiv, das weckt das Mißtrauen der "Behörden", und sie kann schrecklich mißverstanden werden, das ist leider wahr. Für Schwarmgeister ist Mystik nichts, schon weil es richtige Arbeit ist, ein Mystiker zu werden, kein Geschwelge im Gefühligen. Gruß, q.

Keineswegs ist es immer! mit Arbeit verbunden.
Manch einer kommt dazu, wie die Jungfrau zum Kinde.
Erfahrung spricht ;-))

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Und wieso hat diese Antwort noch keine Dhs? Sie ist viel besser und ausführlicher als z.B. meine.

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Ich hoffe auf ernste und sachliche Unterhaltungen mit Gleich bzw. Ähnlichgesinnten. Bitte ohne Verteufelung von Nichtkonsumenten, weil ihr es vom Staat und der Gesellschaft nicht anderes eingetrichtert bekommen habt. Wer keine Erfahrung mit LSD hat, brauch am besten gar nicht zu Schreiben. Kann auch ein längerer Text werden.

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