Warum interpretiert man Gedichte in Deutsch?

6 Antworten

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Ja, so wie das üblicherweise in der Schule abläuft, erreicht man damit vor allem eins: den meisten für den Rest ihres Lebens die Freude an Gedichten zu nehmen.

Ich nehme mal an, das läuft auch heute noch ähnlich, wie in meiner Schulzeit: Irgendwann in der Schulstunde heißt es: "Ach ja, und bis nächste Woche lernt ihr noch bitte als Hausaufgabe das Gedicht..." Ein kollektives Stöhnen geht durch die Klasse und die meisten lernen das Gedicht mit Todesverachtung kurz vor Ablauf der Woche. In der Stunde leiert einer nach dem anderen lustlos ohne Gefühl und Betonung das Gelernte herunter und danach wird das Gedicht in seine Bestandteile zerpflückt.

Das ist dann so, als ob man eine Rose zerpflückt ohne sie sich erst einmal in der Natur in Ruhe anzusehen und wenn sie dann zerpflückt auf dem Tisch liegt, sich zu wundern, warum so viele Leute von der Schönheit dieser Blume schwärmen...

Während meiner Schulzeit wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, Gedichte zu mögen. Ich kannte sie nur als Vorlage, um sie zu zerpflücken, und dieses Zerpflücken kam mir als sinnfreie Schülerquälerei vor.

Die Liebe zu Gedichten kam erst später. Da war ich bei einem wunderschönen Urlaub abends an einem Lagerfeuer. Ich war Anfang 20, aber die meisten anderen waren Mitte 30 bis Mitte 40. Auf einmal kam die Sprache auf Lieblingsgedichte und vier der Anwesenden trugen nun abwechselnd auswendig ihre Lieblingsgedichte vor - aber nicht seelenlos heruntergeleiert, sondern richtig mit den passenden Betonungen und Gefühlen. Es war so wunderschön und beeindruckend, daß ich es schade fand, sowas nicht auch zu können. Seitdem sammle ich auch Lieblingsgedichte und lerne von Zeit zu Zeit auch das eine oder andere auswendig, weil man so noch vertrauter damit wird.

Und jetzt kommt es: Auf einmal verstehe ich, daß es auch sinnvoll sein kann, so ein Gedicht zu analysieren - naja, wenn es sich in Maßen hält -, denn so erkennt man das Handwerkzeug mit dem so ein Kunstwerk geschaffen wurde. Dennoch glaube ich auch, daß die meisten Dichter dieses Handwerkzeug eher intuitiv eingesetzt haben und ihre Gedichte ganz sicher nicht in erster Linie verfaßt haben, damit Lehrer ihre Schüler damit quälen und Sprachexperten sie auseinanderpflücken; sondern einfach um für ihre Mitmenschen etwas Schönes zu erschaffen!

doch, das haben sie gemacht das ist DICHTEN als KUNST

was du meinst, ist zuwenig

ein dichter wählt bewusst oder unbewusst rhetorische figuren aus, um seine innersten gefühle, seine Gedanken, seine Botschaft VERDICHTET wiederzugeben, und der Leser muss seinen Gefühlen erst allmählich auf die Schliche kommen

ich fand das immer spannend, meine Schulkameraden weniger..........

Jeder Mensch denkt etwas anders als jeder andere. Es wurden sicher schon Kriege ausgelöst, nur weil die Worte und den dahintersteckenden Sinn nicht so, wie gemeint, verstanden wurde.

Gedichtinterpretation ist eine Schulungsart, das Verständnis dessen, was ein anderer sagt, auch zu verstehen. Bei Gedichten tritt die Komprimierung auf das Wesentliche ganz extrem auf. Da steckt so viel in einzelnen Sätzen, dass man beim Lesen, den eigentlichen Inhalt nicht erfasst

Durch Übung erlernt man bei der Gedichtinterpretation, Texte in ihrer eigentlichen Bedeutung schneller zuerfassen.

Wenn diese Erklärung noch nicht reicht, schau Dir mal die Lyrics von Deinen Lieblingssongs an. Bist Du sicher, dass Du verstehst, was der Texter eigentlich ausdrücken wollte. Da muss man meist schon etwas stark interpretieren und von der Situation oder dem Leben des Schreibers wissen.

Interepretiere mal "Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich, schwarzbraun muss mein Mädel sein, gerade so wie ich." :-)

"Lucy in the sky with Diamonds" Von den Beatles. Von alleine kommt man nicht auf den Sinn des Textes. Was soll der Quatsch? Trotzdem ein Welthit, der allerdings bei vielen Radiosendern verboten war, zu spielen. Dabei klingt der Inhalt zwar wirr aber harmlos.

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Was Du da schreibst, ist zu einfach. Zum einen geht es in Gedichten doch längst nicht immer um "Gefühle", und Reime kommen in der modernen Lyrik praktisch gar nicht mehr vor.

Dichter denken sicher nicht immer daran, welche rhetorische Figur sie warum verwenden wollen, aber die Verwendung von Stilmitteln ist in der Lyrik einfach erforderlich. Dichter denken ganz sicher nicht daran, dass irgendwann Schüler ihre Werke interpretieren sollen. Nur gute, interessante Gedichte finden ihren Weg in den Unterricht in der Schule.

Und: Mit einer Interpretation beweist man, dass man ein Gedicht VERSTANDEN hat, denn "Gefühl" allein ("Oh, wie ist das schön!") ist zu wenig.

Gute Lyriker dachten und denken sehr wohl daran, welche Gefühlswirkung der Rhythmus und die Abfolge der Reime auslösen. Das ist ein bewußtes Stilmittel. Ursprünglich war die Reimerei wohl ein Hilfsmittel, um lange Geschichten (Balladen) auch wortgetreu wieder zu geben. Man merkte sofort, wenn der Erzähler etwas verändert hatte.

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@Paral

Klar, richtig, dem stimme ich zu - aber es widerspricht doch nicht dem, was ich oben geschrieben habe.

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Man beschäftigt sich einfach mit der Entwicklung der Literatur um die heutige auch besser zu verstehen, in ferner Zukunft werden mit Sicherheit auch Romane oder Gedichte aus 2011 interpretiert und analysiert werden und die heutigen Leute denken genauso wenig, "Da muss jetzt eine rhetrorische Figur rein"

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