Warum hat Psychoanalyse einen schlechten Ruf?

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9 Antworten

Akademisch, also was die psychologische Lehre und Forschung an der Universität angeht, hat die PA in der Tat viel Ablehnung erfahren, seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wo man sich in modischer Manier stark an der US-amerikanischen Psychotherapieforschung orientierte. Diese hatte neue Impulse durch den sogenannten Behavio(u)rismus (in etwa: 'Verhaltenslehre' bzw. 'Verhaltenspsychologie' und in der klinischen Ausrichtung 'Verhaltenstherapie') bekommen. Stichwort: die berühmten 'Ratten-Experimente', die das Erlernen von Verhaltensweisen (somit auch 'krankhaften' Verhaltensweisen) zum Gegenstand hatten.
Man versuchte, in Anlehnung an die experimentellen Vorgehensweisen der Naturwissenschaften, in kontrollierten Laborsituationen das Problem psychischer Erkrankungen 'wissenschaftlich' zu lösen.

Der Vorwurf an die PA als Theorie und Krankheits-Erklärungsmodell war im Kern, dass die Begriffe nicht präzise und eindeutig wären, und somit eine exakte wissenschaftliche Überprüfung nicht möglich wäre.

PA ist aber nicht nur (akademische) Theorie, sondern daneben auch psychotherapeutische Behandlungspraxis.
Hier war der Kern der Kritik nach meiner Auffassung folgender:
- die Arbeit mit 'Deutungen' (also Erklärungen des Therapeuten für das unbewusste Verhalten des Patienten und seine 'wahren' Motive dafür) wäre ziemlich willkürlich
- die positiven (Langzeit-)Effekte der Behandlung wären eher schwach
- die Behandlungen würden viel zu zeitaufwändig sein.

Meine persönliche Einschätzung (ich selbst bin psychotherapeutisch ausgebildet und tiefenpsychologisch orientiert):

- Die PA hat - mit ihren unterschiedlichen Einzelschulen - ganz entscheidende Pionierarbeit geleistet und wesentliche Erkenntnisse erbracht über die psychische Entwicklung im Allgemeinen und über die Entwicklung psychischer Störungen

- Psychoanalytiker, von denen ich etliche persönlich kennengelernt habe, sind in aller Regel sehr kenntnisreiche, kultivierte und belesene Personen

- Die PA hat sich weiterentwickelt und geöffnet für Einbeziehung von Elementen der Humanistischen Psychologie (von der 'abstinenten' Haltung des Therapeuten hin zu einer zwischenmenschlichen 'Beziehungstherapie'). Zugleich hat sie die Entwicklung der sogenannten 'Tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapie' ermöglicht.

- Die (stärker akademisch orientierte) Verhaltenstherapie hat ihrerseits gute Impulse gesetzt, konkrete Verhaltensänderungen beim Patienten zu fördern (was manchmal in der pa. Behandlung vernachlässigt wurde).

Ich hoffe, der Text ist für dich nachvollziehbar - unter fachlichen Aspekten habe ich natürlich noch ganz Vieles nicht erörtert, was eigentlich auch noch zu sagen wäre.






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Kommentar von schloh80
20.11.2016, 22:44

Akademisch wurde die Psychoanalyse (PA) durchaus aufgegriffen. Zunächst aber in der Medizin mit Schwerpunkt auf der PA als Krankheitslehre (also ein ausgestanzter Bereich). Auch in der Psychologie wurde sie rezipiert, wogegen sich u.a. Freund verwahrt hat, denn mit der akademischen Psychologie wollte die PA nichts zu tun haben.

Zu kritisieren ist sicher auch, dass die akademische Psychologie  metapsychologische Konzepte (ohne sie verstanden zu haben) wie psychologische Konstrukte behandelt hat. Dass das nicht funktionieren kann und damit auch nicht funktioniert hat, wurde dann als Mangel der PA angelastet.

Die Geschichte der akademischen Psychologie, der Medizin und der Psychotherapie (die Anfang des 20. Jh. v.a. von Berliner Analytikern folkussiert wurde, breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht und Ergebnisse statistisch evaluiert wurden, auf dem damals machbaren Niveau) sollte man trennen. Alle drei haben durch den Nazinalsozialismus schwere, aber unterschiedliche, oft unrühmliche Veränderungen in Deutschland erfahren.

Auch sonst muss zwischen PA als (psychologische) Theorie (des dynamischen Unbewussten), PA als eigenständige Wissenschaft (vom dynamischen Unbewussten) und PA als darauf fußender Krankenbehandlung und weiterhin noch zwischen dieser und daraus entwickelter Psychotherapie-Verfahren und dort noch -methoden unterschieden werden.

In UK und USA war die PA aber durchgängig bedeutsam (auch durch die Immigranten / v.a. jüdischen Flüchtlinge). Insbes. die heute so wichtigen kognitiven Therapien wurden aus einer (aus europäischen Sicht zurecht kritisierten) ich-psychologischen Auslegung der PA entwickelt und mit Mythen versehen (zB Leugnung der empirischen Psychotherapieforschungen der PA, Erstellung von Behandlngsmanualen schon Ende der 1940er / in den frühen 1950er Jahren usw.).

Auch die Kritik an Deutungen, Abstinenz usw. zeigt eher, dass diese Konzepte und deren Einbettung in eine therapeutische Situation mit Setting, Rahmen usw. gar nicht verstanden wurden.

In den 1970er Jahren erreichte die PA international (auch in Deutschland) einen wissenschaftlichen Höhepunkt, allerdings in den Sozial- und Kulturwissenschaften (in Deutschland sicher v.a. in der Frankfurter Schule).

Die Einführung der Psychotherapie als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ist ebenfalls auf empirische Psychotherapieforschung (1960er und 70er Jahre) der damaligen AOK (als Volkskrankenkasse zu der Zeit) zurück zu führen. Hier lagen auch für analytische psychotherapeutische Behandlungen in Deutschland wie auch UK und USA zahlreiche empirische Belege vor; jedoch nicht für die "klassische" PA als Krankenbehandlung (s.o.).

Die Entwicklung der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie (TP) (die es nur in Deutschland gibt) hat andere Hintergründe (Forderungen nach sehr kurzer Ausbildung für psychotherapeutisch tätige Ärzte).

Insofern haben wir in Deutschland eine Unterscheidung zwischen TP und analytischer Psychotherapie (AP); wobei eben eine Ausbildung in TP auch ohne analytische Ausbildung in relativ kurzer Zeit absolviert werden kann. Psychoanalytisch ausgebildtete Psychotherapeuten bieten sowohl AP wie auch TP an (ggf. als Privatleistung außerhalb der Krankenbehandlung zusätzlich PA). Für Analytiker sind das aber weniger unterschiedliche Verfahren (wie es die Psychotherapie-Richtlinie vorschreibt), sondern EIN Verfahren, aus dem unterschiedliche Methoden angewendet werden (auch nicht selten manualisiert).

Ich persönlich Teile die Kritik des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie und würde auch für die Abschaffung der TP zugunsten einer psychoanalytischen bzw. psychdynamischen Psychotherapie mit einer verpflichtenden Ausbildung in PA plädieren.

Dass Psychoanalyse und psychoanalytische Psychotherapie aus unterschiedlichen Richtungen und v.a. intern kritisiert wird und werden muss, liegt in einem wissenschaftlichen Diskurs auf der Hand. Letztlich zeigen ja die rasanten und ich meine auch durchaus richtungsweisenden Veränderungen der PA, wie fruchtbar diese hart geführten Diskurse sind. Man sehe es den Beteiligten nach, dass sie sich aber eher um die fundierten Kritiken kümmern und sich mit diesen auseinandersetzen, und daher die unsubstaziierten, aus Unkenntnis heraus formulierten "Kritiken" (und Kritiker) ignorieren.

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Die Psychoanalyse ist (teilweise) sehr sexualbezogen. Viele halten das deswegen für schwachsinn. Sigmund Freud hatte z.B. selber den Ödipus-Komplex, wie viele vermuten. Seine Mutter war deutlich jünger als sein Vater. Und dem Mythos nach hat ja Ödipus seinen Vater umgebracht und seine Mutter dann geheiratet. Siegmund Freud behauptete dann also, dass bei allen Menschen dieser hang in der Kindheit besteht. Man kann auch nicht alle erkenntnisse, die nicht bewiesen sind, auf alle Menschen beziehen bzw. in jeder Situation deuten wie die der Psychoanalyse. Man sollte auch wissen dass Freud nicht gerade ein Mann von guter Moral war. Er war außerdem Freimaurer der Loge B'nai B'rith. Viele Freudianer werden jetzt was einzuwenden haben...also bitteschön, immer raus mit den Kommentaren ;-)

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Kommentar von Dahika
20.11.2016, 12:34

Sigmund Freud hatte z.B. selber den Ödipus-Komplex,

Allein der Satz zeigt mir, dass du die PA nicht verstanden hast. Der Öd. Komplex ist kein Komplex, wie eine Krankheit, den man hat oder auch nicht. Er bezeichnet nichts anderes als die Entwicklung einer normalen seel.Struktur, die man ca im Alter von 5 Jahren anfängt zu entwickeln: das Kind muss lernen, Ambivalenzen auszuhalten. Es lernt, wenn alles gut geht, Grautöne zwischen Schwarz - und Weiß zu entwickeln.

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Kommentar von schloh80
20.11.2016, 22:53

Wir schreiben das Jahr 2016 und nicht 1915. Aber auch 1899 ging es nicht um Sexualität, wie immer gern schmunzelnd behauptet wird, sondern um Psychosexualität und deren Entwicklung im Menschen.

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hat sie das?

Bei Leuten, die keinen Dunst von Psychologie, Wissenschaftstheorie haben, die Freud überhaupt nicht verstanden haben, hat sie das.  *Achselzuck. Ich bin daher eine strikte Gegnerin, dass die Psychoanalyse in der Schule unterrichtet wird. Da kommt nur Unsinn dabei heraus. Freud hat den Nachteil, dass er sehr geschliffen und eingängig schreibt. Man meint dann, dass man ihn verstehen würde, aber das ist nicht der Fall.

Die PA hat den Verdienst, den Blick auf unbewusste Vorgänge gelenkt zu haben. Natürlich ist manches veraltet, sieht man heutzutage vieles anders. Freud war auch ein Kind seiner Zeit.

Aber meistens wird die PA von Leuten kritisiert, die keinen Dunst haben.

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Kommentar von niceandslow
20.11.2016, 12:30

mir hat sogar eine Psychotherapeutin gesagt dass Psychoanalyse mist ist.

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Kommentar von Tamtamy
20.11.2016, 21:48

Hallo Dahika!
Mich würde interessieren, ob du als Fachkundige meiner hier - etwas auf die Schnelle - gegebenen Darstellung zur Kritik an der PA zustimmen kannst, oder wenn Einwände bestehen, wie diese
lauten. Danke schön!

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Kommentar von Gartenphilo
21.11.2016, 00:36

Sehr interessant. In der Wissenschaftsgemeinde hat nämlich die PA einen äusserst schlechten Ruf. Ich bin selber Psychologe und je mehr ich mich mit der PA befasst habe, desto lächerlicher fand ich sie. Zudem sperren sich PAten gegen jegliche Form der Überprüfung ihrer Theorien. Damit hat die PA in der Wissenschaft leider nichts verloren. Und ob es ethisch ist, Patienten mit einer Methode zu behandeln, von der man "davon ausgeht" dass sie wirkt?

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Hi, Psychoanalyse hat m. E. keinen schlechten Ruf, sondern wird häufig nur missverstanden; trotz aller diese Methodik prägenden logischen Strukturen haftet ihr bis heute der Nimbus des "Unerklärlichen, Rätselhaften" an. Dazu kommt, dass psychoanalytische Erfolge nicht konkret messbar sind.

Aus meiner Sicht basiert der "schlechte Ruf" vordergründig auf emotionalen Widerständen und Vorurteilen, zumal sich der Aspekt des "Unbewussten" erst auf rein verstandesmäßiger Ebene zu erschließen vermag.

Zur Verunsicherung trägt wohl auch bei, dass die fachspezifische Literatur (insbesondere FREUD, dem Begründer der Psychoanalytik) nicht gerade dann verständlich wird, wenn sich eine "emotionale Voreingenommenheit" bereits eingestellt hat.

LG   

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Kommentar von schloh80
20.11.2016, 23:05


Dazu kommt, dass psychoanalytische Erfolge nicht konkret messbar sind.

Doch, sind sie, und sie wurden auch gemessen. In Deutschland zB von der AOK, was zur Einführung der analytischen Behandlung in den Leistungskatalog der Krankenkassen führte.

Um 2000 herum wurde vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie zur Wirksamkeit ein Gutachten erstellt und diese ebenfalls als positiv beurteilt.

Weiterhin gibt es analytische Behandlungen, die in den internationalen Behandlungsleitlinien wegen der Nachweise gleichwertig zu solchen der Verhaltenstherapie enthalten sind. usw.

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Die Psychoanalyse hat einen guten Ruf (bei mir), weil sie Antworten bereithält und Heilungserfolge erzielt. Aber ich bin eine Laie. Meine Tochter ist studierte Psychologin, und ich kann bestätigen, dass die Psychoanalyse bei den Psychologen einen schlechten Ruf hat, weil viele ihrer Annahmen im wissenschaftlichen Sinn völlig unbewiesen sind. Aber meine Tochter hat in Kiel studiert, und dort ist das Fach Psychologie streng behavioristisch ausgerichtet. Die Psychoanalyse dagegen ist ein Teilbereich der Medizin, und da ist wahr, was Heilungserfolge zeitigt.

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Kommentar von Gartenphilo
21.11.2016, 00:40

Die Psychoanalyse dagegen ist ein Teilbereich der Medizin  

  Stimmt ja überhaupt nicht. PA ist in erster Linie eine psychologische Disziplin. Sie kann auch von Medizinern im Sinne einer Psychotherapie angewandt werden, dabei bleibt sie aber eine Psychologische Disziplin

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Weil viel Unsinn verbreitet wird, wie man auch hier wieder nachlesen kann.

Allein schon die Gleichsetzung mit Freud oder propagierten Spaltungen zwischen Freud und Freud-Gegnern ist bereits nur lachhaft.

Es wird so getan, als gäbe es Psychoanalyse nur in einer Zeitkapsel, die die Zeit des ersten Weltkriegs nicht verlassen hätte. Hinzu kommen Behauptungen, es gäbe keine emprirische Forschung und (daher) auch keine Belege, was aber nicht zutrifft.

Und letztlich geht es auch um Macht und Geld. Verlässt man die Theorie und wendet sich der Psychotherapie zu, so verwendet die Verhaltenstherapie zunehmend (allerdings in der Psychoanalyse schon wieder veraltete) psychoanalytische Konzepte (freilich idR ohne sie zu zitieren) und arbeitet offenbar recht erfolgreich damit. Zu nennen wäre u.a. CBASP, Schema-Therapie, Dialektisch-Behaviorale-Therapie oder auch die Klärungsorientierte Therapie.

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Kommentar von Tamtamy
20.11.2016, 21:46

Hallo Schloh80!
Mich würde interessieren, ob du als Fachkundiger meiner hier - etwas auf die Schnelle - gegebenen Darstellung zur Kritik an der PA zustimmen kannst, oder wenn Einwände bestehen, wie diese lauten. Danke schön!

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Einen schlechten Ruf hat sie nicht. Viele Ansätze von Freud sind leider nur noch nicht empirisch belegt. Auch sind Vertreter des Behaviorismus starke Kritiker. Allerdings hat nahezu jede Theorie ihre Kritikpunkte.

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Kommentar von watchdog
20.11.2016, 10:42

Also bitte!!!

Die Psychoanlayse ist klar gespalten in ein Lager mit Freudianern und ein Lager von Freud Gegner.

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Ganz einfach: Es ist keine Wissenschaft. Wissenschaftliche Methoden werden abgelehnt, die Theorien wurden kaum je empirisch bestätigt. Man kann daher nicht einmal sagen, dass es keine Quacksalberei sei. Denn es hat alle Merkmale davon. In einigen Dingen liegt die Psychoanalyse vielleicht richtig, allerdings eher durch Zufall als durch Methode.

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Weil man mögliche Ergebnisse nur "annimmt" und es praktisch nicht eindeutig nachweisbar ist, ob die Ergebnisse nun stimmen. Die Leute glauben erst daran, wenn man es auf Papier ausrechnen kann.

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