Warum hat Bismarck auf die "Demütigung" Österreichs verzichtet?

3 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Preußen hatte im Krieg gegen Österreich 1866 durch den Sieg in der Schlacht bei Königgrätz einen entscheidenden Erfolg erreicht. Die Friedensbedingungen im Vorfrieden von Nikolsburg und im Frieden von Prag boten die Möglichkeit, die von Preußen angestrebte Lösung der Frage der Einheit Deutschlands zu verwirklichen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Österreich stimmte einer Neugestaltung Deutschlands ohne Beteiligung Österreichs zu. Es anerkannte die Bildung eines Bundes nördlich der Mainlinie (Norddeutscher Bund) mit preußischer Führungsrolle. Er erlaubte einen freiwilligen Anschluss der süddeutschen Staaten an diesen Bund. Damit gab es von österreichischer Seite freie Hand für einen deutschen Nationalstaat (deutsche Einheit mit Preußen als Vormacht, die kleindeutsche Lösung).

Preußen annektierte Schleswig-Holstein, Hannover, Hessen-Kassel (Kurhessen), Nassau und Frankfurt. Österreich trat Venetien an Italien ab.

König Wilhelm I. und einige preußische Militärs haben durchaus an weitergehende Forderungen gedacht. Dies waren weitergehende österreichische Gebietsabtretungen, Geldzahlungen und siegreicher Einzug in die Hauptstadt Wien (ein Triumph mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel hätte sicherlich Gefühle verletzt). Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident und Außenmister hat weitsichtig auf solche Demütigungen verzichtet und sogar mit Rücktritt gedroht, um sich durchzusetzen.

Österreich hätte den Krieg fortführen können, wenn ihm die Forderungen unerträglich erschienen, und Frankreich (Kaiser Napoleon III.) hätte an seiner Seite militärisch eingreifen können. Auch eine Einmischung Russlands war nicht völlig ausgeschlossen. Bismarck hat bei den Kriegen, die zur deutschen Einheit führten, geschickt andere Staaten herausgehalten.

Österreich blieb im deutsch-französischen Krieg 1870/1 neutral. Das Deutsche Kaiserreich wurde 1871 geschaffen. Bismarck hat wohl auch langfristig gedacht und 1866 mit einem Frieden, der nicht zu stark zur Revanche herausforderte, eine Möglichkeit für ein Bündnis Deutschlands mit der Großmacht Österreich offengehalten.

Eine Art "groben Undanks" gab es ------- 1864 hatte die österreichische Kriegsmarine (!!!) Preußen vor Helgoland geholfen, die Dänen zu besiegen - Denkmal steht in Hamburg. Dem Eisenbahnbau Hamburg-Lübeck stand nichts mehr im Wege... Das Herzogtum Lauenburg im Süden Schleswig-Holstein sollte der österreichisch Herrschaft unterstellt werden. --- Doch dann kam Königgrätz und die Trennung von Österreich. Zum Hohn schrieb der preußische Militärmusiker PIEFKE den "Königgrätzer Marsch", der es bis heute aus unerfindlichen Gründen nicht schafft, Wiener Hitparaden wie im Fluge zu erobern....

Weil er ein intelligenter, weitblickender Mensch- und aus heutiger Sicht ein Jahrhundertpolitiker war! Eine Demütigung Österreichs wäre ein offizieller Triumpf über den unterlegenen Gegner gewesen.

Es war nie im Sinne Preußens, über ein Brudervolk zu triumpfieren, vielmehr wurde auf lange Sicht zunächst eine Großdeutsche Allianz, ohne die Vielvölkerstaaten auf dem Balkan angestrebt, was Österreich jedoch ablehnte. Nach dem verlorenen 1. WK waren die Balkanstaaten ohnehin kein Thema mehr, was ein Jahrhundertpolitiker auf österreichischer Seite vielleicht zuvor erkannt hätte?

Was möchtest Du wissen?