Warum gibt es an der Nordsee die Gezeiten, aber an der Ostsee nicht?

7 Antworten

Hallo SabrinaPianist,

im Prinzip hast Du die richtige Antwort schon gekriegt: Die Nordsee ist stärker von der Flutwelle beeinflusst, die über den Atlantik hereinrollt.

Ich möchte das aber noch ein bissi erklären. Der Punkt ist nämlich: Die Gezeitenkraft ist eine sehr schwache Kraft; viel schwächer aös man vermuten würde, wenn man sich das Wattenmeer bei Ebbe so anschaut.

ie ist so schwach, dass der Mond das, was die Grafik vieler Schulbücher suggeriert, nicht leisten kann: Wasser hochheben. Die Flutberge entstehen vielmehr dadurch, dass sich die Erde (und damit das Wasser) unter dem Mond wegdreht. Die Wassermoleküle bleiben dabei am Punkte der größten Anziehungskraft ein bissi "hängen", das Wasser folgt der Erddrehung etwas verzögert.

Die Flutberge entstehen also über eine seitliche Verzögerung des Wassers, die viel weniger Kraft braucht als ein Hochheben des Wassers. Das kennt man vom Schneemannbauen: Während es leicht ist, auch große Schneekugeln zu rollen, ist man plötzlich damit überfordert, die Kugeln übereinander zu stellen.

Selbst in den Ozeanen, also den größten Wassermassen des Planeten, entstehen auf diese Weise allerdings nur Tidenhübe von ca. 30 cm bis etwa 1/2 Meter. Bedenkt man, wie viel Wasser in so einem Ozean drin ist, wird klar: Das ist fast nichts.

Nun beobachten wir an den Küsten aber zum Teil ja deutlich höhere Unterschiede zwischen Hoch- und Niedrigstand. Und die kommen nur dadurch zustande, dass da jetzt ein anderer Effekt mit rein spielt: "Resonanz"

Wenn verschiedene Bedingungen zusammenkommen, können sich Schwingungen gegenseitig enorm verstärken. Unter anderen Bedingungen können sie sich fast gegenseitig auslöschen.

Du kannst das mit einer flachen Schale ausprobieren, in die Du etwas Wasser schüttest. (Bitte draußen, es wird nass...) Dann wackelst Du Deine Schüssel etwas hin und her. Das Wasser darin wird anfangen hin - und her zu schwappen. Bei geeigneter Wackelbewegung werden sich die hin und herlaufenden Wellen verstärken und das Wasser wird überschwappen. Und zwar ohne, dass Du besonders heftig an der Schüssel wackelst, es kommt allein auf den Rhythmus an.

Und genau das passiert weltweit an unseren Küsten: Der Rhythmus der vom Meer her einlaufenden Wellen wird durch den Mond vorgegeben. Aber in Küstennähe treffen diese Wellen auf verschiedenst geformte Küstenlinien, die wie lauter einzelne, verschieden geformte Becken wirken. Die vom Meer kommenden Wellen laufen in diese natürlichen Becken hinein - und wieder hinaus. Und wenn dann der Rhythmus der nächsten vom Meer kommenden Flutwelle passt, kommt es zur Resonanz und die Gezeitenunterschiede verstärken sich und werden besonders hoch. An anderen Stellen der Küste heben sie sich auf und es gibt kaum Unterschiede. 

Dabei verändert sich durch diese Überlagerung der Wellen nicht nur die Höhe der Gezeiten, sondern auch ihr Takt an der Küste. Keineswegs ist an allen Küsten alle 6 Stunden Flut und alle 6 Stunden Ebbe. An manchen Orten haben wir nur einen Flutberg pro Tag, der auf die Küste trifft, an anderen ein Wechsel von 1 - 3 Flutbergen verschiedener Höhe.

Also: An der Küste wird die Höhe und der zeitliche Wechsel der Gezeiten maßgeblich durch die Form der Meeresbecken und der Küstenlinie bestimmt, nicht mehr unmittelbar durch den Mond. Der Mond liefert praktisch nur den Motor, Höhe und Rhythmus bestimmen Resonanzeffekte.

Und deshalb geht es der Ostsee so wie dem Mittelmeer: Beide Becken bekommen von der im Atlantik entstehenden Flutwelle schon einmal von vorneherein sehr wenig "ab", weil der Wasseraustausch zwischen offenem Ozean und dem Becken zu gering ist. Beide Becken sind für sich genommen zu klein, als dass die winzige Gezeitenkraft in diesem Becken einen eigenen, beeindruckenden Gezeitenberg schaffen könnte. Und die Form der Becken ist in beiden Fällen so, dass das Wenige, was an Gezeiten da ist, auch nicht effektiv über Resonanzen verstärkt wird. Und deshalb beobachten wir weder am Mittelmeer noch an der Ostsee starke Gezeiten.

Grüße

Es gibt auch an der Ostsee Ebbe und Flut welche aber kaum merkbar ist. Das liegt daran das die Ostsee ein abgeschirmtes Meer ist im Gegensatz zur Nordsee wo die Gezeiten durch den Atlantik verstärkt werden.

Schaust Du dazu auch hier:  http://www.ostseekueste.de/abisz/e.htm

Der mittlere Tidenhub - also der Unterschied zwischen Hochwasser und Niedrig-wasser - beträgt an der Ostseeküste nur wenige Zentimeter. Im Gegensatz dazu beträgt der an der Nordsee unter Umständen mehrere Meter. Du nimmst den Unterschied zwischen Hochwasser und Niedrigwasser an der Ostseeküste mit dem Auge also praktisch kaum wahr ..

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