Warum gelten jüdische Speisegesetze für Christen nicht?

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Die jüdischen Speisegesetze gehören (wie auch die 10 Gebote) zum Gesetz, das Mose am Berg Sinai bekam und das dem Volk Israel gegeben wurde. Christen stehen nicht unter diesem Gesetz. Warum das so ist, erkläre ich ausführlich in einem Kommentar zu dieser Antwort.

 Im Endeffekt ist das aber entscheidend: Das Gesetz des Mose wurde dem Volk Israel und nicht den Nationen gegeben. Jesus hat das Gesetz erfüllt (Römer 10,4) und Christen stehen nicht unter dem Gesetz. Ansonsten müssten sich alle Christen beschneiden lassen, wogegen sich die Apostel ausdrücklich aussprechen. Sie müssten den Sabbat (von Freitagabend Sonnenuntergang bis Samstagabend Sonnenuntergang) und die jüdischen Feiertage halten, was Christen im allgemeinen nicht tun. Außerdem müssten sie die ganzen Reinheits- und Opfergebote einhalten, was gar nicht möglich ist.

Bei den Speisegesetzen wurde Petrus deutlich gezeigt, dass es für Christen erlaubt ist, z. B. Schweinefleisch zu essen. Die passende Bibelstelle dazu findet sich in der Apostelgeschichte 10,9-15: "Am folgenden Tag aber, während jene reisten und sich der Stadt näherten, stieg Petrus um die sechste Stunde auf das Dach, um zu beten. Er wurde aber hungrig und verlangte zu essen. Während sie ihm aber zubereiteten, kam eine Verzückung über ihn. Und er sieht den Himmel geöffnet und ein Gefäß, gleich einem großen, leinenen Tuch, herabkommen, an vier Zipfeln auf die Erde herabgelassen; darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme erging an ihn: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: Keineswegs, Herr! Denn niemals habe ich irgendetwas Gemeines oder Unreines gegessen. Und wieder erging eine Stimme zum zweiten Mal an ihn: Was Gott gereinigt hat, mach du nicht gemein!"

Da das Schwein auch zu den vierfüßigen Tieren der Erde gehört, wird es also in der Apg. 10 im Vers 12 beschrieben (mit anderen Tieren). Wichtig ist eben generell, dass die Speisevorschriften, die im Alten Testament für den Bund mit dem Volk Israel aufgestellt wurden, im neuen Bund mit den Christen nicht mehr gelten sollten ("Was Gott gereinigt hat, mach du nicht gemein!").

Wie gesagt, denke ich, dass das Gesetz des Mose für Christen nicht mehr gilt (diese Formulierung verwendet William MacDonald in seinem Bibelkommentar) und außer Kraft gesetzt ist, weil:

Das Alte Testament wurde nicht den Christen aus den Nationen, sondern dem Volk Israel von Mose gegeben und verordnet. Keines der alttestamentlichen Gesetze ist für uns heute bestimmt. Als Jesus am Kreuz starb, setzte er dem Gesetz des Alten Testaments ein Ende (Römer 10,4; Galater 3,23-25; Epheser 2,15).

Das Gesetz ist eine Einheit. Wer ein Gebot übertritt, ist aller Gebote schuldig geworden (Jakobus 2,10). Wir haben uns also am Freitag des gesamten Gesetzes inklusive der 10 Gebote schuldig gemacht, weil wir nicht den Sabbat gehalten haben.

Das Gesetz ist also ein Gesamtpaket, das man nicht unterteilen kann. Wenn Christen meinen, die 10 Gebote halten zu müssen, liegen sie damit völlig falsch (auch wenn die Kirchen das behaupten). Die 10 Gebote haben mit Christsein gar nichts zu tun, Paulus bezeichnet den Dienst am Gesetz (Paulus führt sogar die 10 Gebote auf) sogar als Dienst des Todes (2Kor 3,7) und als Dienst der Verdammnis (2Kor 3,9).

Nach Epheser 2,15 hat Jesus das Gesetz hinweggetan (Schlachter 2000), beseitigt (Elberfelder) bzw. außer Kraft gesetzt (Neue Genfer Übersetzung).

In Galater 3,19 steht: "Was soll nun das Gesetz? Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt - bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung galt -, angeordnet durch Engel in der Hand eines Mittlers."

In Hebr 7,18.19 findet sich: "Denn aufgehoben wird zwar das vorhergehende Gebot seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit wegen - denn das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht -, eingeführt aber eine bessere Hoffnung, durch die wir uns Gott nahen."

Dazu kommt, dass das levitische Priestertum an das mosaische Gesetz gebunden war. Solange das Gesetz in Kraft war, könnte es nur levitische Priester geben. Doch mit dem Messias kam ein Priester, der kein Levit war, sondern aus dem Stamm Juda. Jesus kann nur deshalb ein Priester nach der neu eingeführten Ordnung Melchisedeks sein, weil das mosaische Gesetz außer Kraft gesetzt worden ist. Somit ist das mosaische Gesetz aufgehoben worden, und zwar zugunsten eines neuen Gesetztes, das die Grundlage für das Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks bildet (so schreibt Fruchtenbaum).

Fruchtenbaum schreibt weiter, dass mit dem Kreuz Christi kein einziges dieser Gebote mehr Gültigkeit hat. Das Gesetz kann dazu benutzt werden, auf den Messias hinzuweisen (Gal 3,23-25). Das Gesetz des Mose wurden vollkommen aufgehoben und nun sind die Gläubigen unter einem neuen Gesetz, das Gesetz des Christus (Messias; Gal 6,2; Röm 8,2). Das mosaische Gesetz ist heute null und nichtig. Wir sind heute unter dem Gesetz des Messias.

Das sieht man beispielsweise daran, dass Gott im Gesetz des Mose ausdrücklich das Essen von Schweinefleisch verbot und dass nach dem Gesetz des Messias (den Regeln im Neuen Testament, wenn man so möchte) Schweiniefleischgenuss erlaubt ist. Die Beschneidung wäre auch ein Beispiel dafür oder der Sabbat.

Dass wir bis auf das Sabbat-Gebot alle andern 9 der 10 Gebote auch einhalten sollen als Christen, hängt nur damit zusammen, dass sie im Neuen Testament für Christen aufgestellt werden und nicht, weil Mose sie dem Volk Israel übergeben hat. Diesen Unterschied finden ich schon wichtig, um dieses Thema zu verstehen, da in der heutigen Zeit innerhalb der Christenheit viel Verwirrung um diese Frage herrscht.

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@chrisbyrd

Darf ich eine nicht direkt damit zusammenhängende Anschlussfrage stellen? Wenn in Leviticus 18:22 steht (in Leviticus stehen ja auch viele Speise- und Reinheitsgebote), dass man nicht beim Manne liegen solle wie bei einer Frau - ist das dann auch für Christen nicht mehr aktuell, da wir nicht mehr unter dem Gesetz des Alten Testaments stehen? Warum ist dann die (z.B. katholische) Kirche gegen Schwule? Gibt es da andere Teststellen? 

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@chrisbyrd

Könntest du mir den Gefallen tun, mir den Hintergrund dieses Texts auch zu offenbaren? Paulus will nach Rom, um die Römer zu missionieren und schreibt dann im letzten Teil eine Schmährede auf die Heiden?

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@Retrohure

Im letzten Teil vom ersten Kapitel zeigt Paulus auf, dass der Mensch ein Sünder ist. Im Römerbrief, der insgesamt aus 16 Kapiteln besteht, geht es vor allem darum, aufzuzeigen, dass der Mensch nicht durch seine vermeintlich guten Werke, sondern durch Glaube und Gottes Gnade allein gerettet wird.

Paulus argumentiert, dass der Mensch es nicht schafft, alle Gebote zu halten und ohne Sünde zu leben. Deshalb braucht jeder die Vergebung der Sünden.

Als Schlüsselvers des Römerbriefs könnte man Römer 6,23 bezeichnen: "Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn."

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Vielen Dank für den "Stern", liebe Grüße und Gottes Segen!

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Da die Christen eher dem neuen Testament folgen, wo drin steht das Jesus gesagt hätte man dürfte Schwein essen, machen es auch die meisten."

"Weil Christen keine Juden sind. Jüdische Speisegesetze sind an sich als "nationales" Gesetz für Juden gedacht, ebenso wie Shabbat, Beschneidung, jüdisches Gebet und viele andere mehr. Insofern wäre es nicht unbedingt im Sinne des Erfinders, dass "die ganze Welt" die jüdischen Speisegebote übernimmt."

"Weil Jesus Christus für unsere Schuld am Kreuz gestorben ist. Seine
Erlösung erlangt der Mensch nur und ausschließlich durch das Vertrauen
in das Opfer Jesu und die Gnade Gottes. Es spielt daher auch keine
Rolle, was er isst.

Alles irgendwie richtig, aber auch ganz, ganz viel falsch. Es wurde nach einer theologischen Begründung gefragt. Eine solche Begründung findet man in der christlichen Dogmatik, welche sich tatsächlich aus dem Neuen Testament ableiten lässt.

Interessant ist aber auch die historische Begründung, weshalb die Speisegesetze von Paulus und anderen so vehement außer Kraft gesetzt werden wollten:
Das Chrsitentum hatte von Anfang an einen stark missionarisch geprägten Charakter mit dem Ziel der Bekehrung aller Nichtgläubigen (Heiden) zu der eigenen Religion. Die Missionsbewegung begann natürlich in geographischer Nähe zum Wirkungsgebiet Jesu, also im Nahen Osten. Besonders in den damals römischen Provinzen Syrien und Kleinasien war Schweinefleisch damals eine wichtige Nahrungsgrundlage. Das Fleisch war relativ billig zu bekommen und deshalb auch für die breite Bevölkerung erschwinglich (anders als in Israel, wo Schweinefleisch teuer war und deshalb als dekadent galt, was wohl ursprünglich zu dem religiösen Verbot geführt hatte). Wahrscheinlich sahen schon die Apostel Petrus und Paulus ein, dass eine Abkehr vom Schweinefleischgenuss hier nur schwer durchsetzbar wäre. Bei anderen jüdischen Traditionen wie der Beschneidung wählten sie auch den Weg des geringsten Widerstandes und warfen sie einfach über Bord.

Was aber dennoch unüberwindbar blieb, war der Genuss des Fleisches von
Opfertieren. In der damaligen Zeit war es gemeinhin üblich, den (griechischen und römischen) Göttern Opfer darzubringen. Die Knochen, Sehnen und das Fell wurden als Geschenk für die Götter verbrannt, das Fleisch dann von der Opfergemeinde gemeinsam verzehrt. Dies kam für die Christen überhaupt nicht in Frage. Erstens waren Zeus, Artemis, Jupiter, Mars und all die anderen in ihren Augen falsche Götzenbilder, und zweitens hatten sie mit dem Tod Jesu bereits das ultimative Opfer empfangen, welches sie mit ihrem Gott versöhnte. Eine Teilnahme an Opferfesten war also aus diesen Gründen ein schwerer Frevel.

Trotzdem will ich dir die Bibelstellen, in welchen all dies untermauert wird, nicht vorenthalten. Du solltest trotzdem zuerst den historischen Hintergrund betrachten, dann wird einem beim  Lesen der Stellen einiges klarer.

Apostelgeschichte 10, 10-16:

Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: Onein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel. 

An anderen Stellen wird der Blutgenuss jedoch immer noch als verboten gekennzeichnet (Apostelgeschichte 15, 20 und 28):

...dass sie sich enthalten sollen von Befleckung durch Götzen und von Unzucht und vom Erstickten und vom Blut."

"Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere
Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut,
Ersticktes ... zu meiden.

Auch an anderen Stellen wird der Verzehr vor "unreinen" Tieren erlaubt und ausgedrückt, dass ein Christ sich nicht verunreinige, solange er Jesus annimmt und ihn im Herzen trägt, wie in Markus 7, 18-19:

Seht ihr nicht ein, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden.

Im Römerbrief, 14,17, ist es wieder Paulus, der auf die Speisegesetze Bezug nimmt:

Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist

Und auch in zahlreichen anderen Versen taucht es auf:

Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst und forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert." (1. Korintherbrief 10,25)

"So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank" (Kolosserbrief  2,16)

"Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten? Es sind Gebote und Lehren von Menschen" (Kolosserbrief 2,21)

"Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt sind." (Hebräerbrief 9,10)

"... dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen." (Hebräerbrief 13,9)

"wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott
auch."
(Römerbrief 14,6)

"Denn jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird" (1 Timotheusbrief 4,4)

"Speise aber macht uns nicht angenehm vor Gott; weder sind wir, wenn wir nicht essen, geringer, noch sind wir, wenn wir essen, besser." (1 Korintherbrief 8,8)


Wahrscheinlich taucht dieses Motiv auch an anderen Stellen wieder auf, aber ich denke, für eine theologische Erklärung sollte dies genügen. :-)

Die im Alten Testament aufgeführten Speisegesetze sehe ich nicht nur als von Gott gegeben, sondern halte sie auch für sehr sinnvoll! Man braucht bespielsweise nur einmal an den hohen Cholesteringehalt der verbotenen Schalentiere zu denken, und auch andere als verboten aufgeführte Tiere wie z.B.Kamele, Schweine oder Pferde und viele andere muss man schließlich nicht unbedingt essen wollen.

Seit der Vision des Apostels Petrus, während der ihm die verschiedensten Tiere auf einem Leinentuch gezeigt und geboten wurde, von allen zu essen, waren Christen nicht mehr an diese Speisegesetze gebunden, denn eine Stimme sagte ihm dreimal: „Was Gott für rein erklärt, das nenne du nicht unrein!“  (Ausführlicher nachzulesen  in der Apostelgeschichte 10:11-16)

Petrus durfte also durch diese Vision in das Haus des Kornelius und anderer Nicht-Juden eintreten und mit ihnen essen, um auch außerhalb des Volkes Israel das Evagelium verkünden zu können. Kornelius war bereits ein gottesfürchtiger Mann und wurde daraufhin auch getauft. 

Demzufolge dürfen also Christen die dem Volk Israel verbotenen Speisen zu sich nehmen, um mit allen Völkern guten Kontakt pflegen zu können. Sie sind aber in ihrem Privatleben keinesfalls dazu verpflichtet, Tiere zu essen, auf die sie nur zu gerne verzichten möchten.


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