Warum fühle ich mich schlecht, wenn ich aufhöre zu beten?

18 Antworten

Grüß Dich InvestorEU!

Eigentlich ist das ein übler Mechanismus der da in Dir wirkt. Damit will ich Dich nicht schlecht machen, keineswegs, aber Du musst verstehen, was da tiefenpsychologisch abgeht. Es mag Dich möglicherweise erschrecken, aber keine Angst, es gibt einen Weg heraus und Selbserkenntnis ist der beste Weg zu Lösung Deines Problems. Wahrheit kann weh tun!

Der Berühmte Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm hat das folgendermaßen beschrieben. Er ist derjenige, der sich am Intensivsten mit dieser Art von Problem befasst hat.

Zitat von Erich Fromm aus dem Buch Psychoanalyse und Religion (Seite 49):


"Während Gott in einer humanistischen Religion das Bild des höheren Selbst des Menschen ist, ein Symbol dessen, was der Mensch potentiell ist oder werden sollte, wird er in einer autoritären Religion zum einzigen Besitzer dessen, was ursprünglich dem Menschen gehörte: seiner Vernunft und seiner Liebe. Je vollkommener Gott wird, desto unvollkommener wird der Mensch. Er projiziert das Beste was er hat auf Gott und schwächt sich auf diese Weise selbst. Nun mehr ist alle Liebe, alle Weisheit, alle Gerechtigkeit bei Gott und der Mensch ist dieser Eigenschaften beraubt, ist leer und arm. Er hatte mit einem Gefühl der Kleinheit begonnen, nun aber ist er völlig ohnmächtig und schwach.

Alle seine Kräfte hat er auf Gott übertragen. Alles an ihm gehört jetzt Gott und ihm ist nichts geblieben. Sein einziger Zugang zu sich selbst, geht durch Gott. In der Anbetung Gottes sucht er mit dem Teil seiner selbst in Berührung zu kommen., den er durch die Projektion verloren hat. Nachdem er Gott alles, was sein war, gegeben hat, betet er zu ihm, er möge etwas von dem zurückgeben, was ihm ursprünglich zu eigen war.


Da er dies aber preisgegeben hat, ist er ganz und gar auf Gottes Gnade angewiesen. Er muss sich notwendig wie ein "Sünder" vorkommen, da er sich selbst  all dessen, was gut ist, beraubt hat und nur durch Gottes Erbarmen oder Gnade kann er das zurückerhalten, was allein ihn menschlich macht.
Um Gott zu bewegen , dass er ihn seiner Liebe teilhaftig werden lässt, muss er ihm beweisen, wie sehr er der Liebe entbehrt. Damit Gott ihn mit seiner überlegenen Weisheit leite, hat er zu gestehen, wie bar aller Weisheit er ist, wenn er sich selbst überlassen bleibt. (...)

Gleichzeitig müht er sich um Vergebung , indem er seine eigene Hilflosigkeit und Unwürdigkeit bekennt. Er ist in ein schmerzliches Dilemma geraten. Je mehr er Gott preist, desto leerer wird er. Je leerer er wird, desto sündiger fühlt er sich. Und je sündiger er sich fühlt, desto mehr preist er seinen Gott - und desto weniger ist er imstande, zu sich selbst zurückzufinden."

Das nennt man Entfremdung von sich selbst.

Da gibt es nur einen Ausweg:

Diese Art des Verständnissen von Gott muss verlassen werden.

Nochmal Erich Fromm:

"Die Frage lautet nicht: ob Religion oder ob nicht?, sondern welche Art von Religion? Fördert sie die Entwicklung des Menschen, die Entfaltung der spezifisch menschlichen Kräfte, oder lähmt sie die Kräfte?"


Wenn Du magst, dann lese bitte meinen Vortrag den ich öffentlich in Kassel hielt und den findest Du in meinem Profil  unter 'Meine Lebensphilosophie'. Der Vortrag ist eine Hilfe zur Selbsthilfe und schlägte einen anderen Weg zu einer vernunftgemäßen Religion vor, ohne auf absolute Wahrheit zu pochen Er ist nicht manipulativ konzipiert. Dieser Weg könntwe unter Umständen helfen.

Versuche es mal , aber das eigene Denken darf nicht ausgeschaltet werden. Es bleibt Dir nicht erspart.

Und vor allem: gebe Dir selbst viel Zeit dafür!
Die brauchst du notwendig.

Herzlichen Gruß
Rüdiger

Satzkorrektur:

Diese Art des Verständnisses von Gott muss verlassen werden.

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Wichtiger Zusatz:

InvestorEU!

Es wäre sicher sehr gut, wenn Du psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nimmst. Denn es wird durch das, was du schreibst klar: Du leidest!

Aber bitte keinen Pfarrer o.ä. oder einen Therapeuten aus christlichen Kreisen (oder islamischen??). Darauf solltest Du von vorneherein achten. Man darf sich nicht dort Hilfe holen, wo Dir dieser Schaden zugefügt wurde. Das erscheint mir logisch und würde nicht helfen.

Welche Konfession hast Du? Zu welcher Religionsgemeinschaft gehörst Du genau?

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Gott kennt unsere innersten Motive und sieht unser Herz an. Deshalb ist die Frage, ob es etwas bringt, unter Zwang zu beten...

Auf jeden Fall werden uns alle unsere Sünden vergeben, wenn wir Gott darum bitten: "Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit" (1. Johannes 1,9).

Jesus hat gesagt: "Ich sage euch, so ist auch Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut." (Lukas 15,10).

"Tut Buße" bedeutet wörtlich "Kehrt (in eurer Gesinnung) um!" und nicht: "Tut Bußwerke!" Es geht also darum, dass man nicht nur um Vergebung der eigenen Sünden bittet, sondern sich auch wirklich vornimmt, diese Sünden in Zukunft nicht mehr zu begehen und sich zu ändern. Dass man dabei trotzdem wieder in alte Muster/Sünden zurückfallen kann, ist ein anderes Thema.

Beim Gebet solltest du dich vielleicht nicht zu sehr unter Druck setzen, sondern Gott im Gebet bitten, dich zu führen und zu leiten. Du kannst mit Gott reden wie mit einem Vater oder Freund und deine Worte dabei ganz frei formulieren. Vielleicht ist es hilfreich, ab und zu kürzer zu beten und dann schaust du, ob du in deinen Tagesablauf längere Gebetszeiten einbauen kannst.

Gott will uns mit dem Gebet nicht knechten, sondern macht uns ein Angebot, mit ihm reden und uns von ihm helfen zu lassen. Das Gebet ist vor allem für uns und unsere Beziehung zu Gott wichtig.

Niemand kann sich den Himmel oder die Zuwendung durch Gott verdienen.

Das heißt: du kannst Dir die Zuwendung Gottes auch nicht durch Gebete verdienen.

Warum?

Weil Gott Dir schon immer zugewandt ist. Auch ohne, dass Du betest.

Du könntest ja nicht aus Pflicht, sondern aus Dankbarkeit beten. Dann, wenn Du dankbar bist.

Wenn Du versuchst, eine Sache ordentlich zu machen, dann ist das schon ein gutes Gebet.

Oder wenn Du Sorgen hast....

Aber nur beten, um zu beten?
Manchmal glaube ich, hat der liebe Gott genug zu tun, um mit Gebeten um des Betens willen belästigt zu werden.

Also: Bete nur, wenn Dir gerade danach ist.

Und ansonsten: Versuche so zu leben, dass Gott Dir nicht böse sein muss. Das ist schon Gebet genug.

Und dann sage ihm hin und wieder Danke, dass es Dir so gut geht.

Das ist schon alles.

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