Warum findet man dicke Menschen oft nicht attraktiv, obwohl der Anblick darauf schließen lässt, dass sie genug zu essen haben?

21 Antworten

Was wir als attraktiv empfinden, spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Die erste Ebene sind evolutionär entstandene und somit in unsere Gene eingeprägte Attraktivitätskriterien. Sie sind in allen verschiedenen Bevölkerungsgruppenvorhanden und scheinen demnach universell gültig zu sein.
Auf der zweiten Ebene es Attraktivitätskriterien, die von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sind. Sie können einerseits Ausdruck ökologisch unterschiedlicher Gegebenheiten (z. B. Nahrungsmangel vs. Nahrungsüberfluss) sein, andererseits sind es aber auch kulturell entstandene und je nach Gesellschaft unterschiedliche Traditionen. Was in einer Gesellschaft als attraktiv gilt, kann sich als Mode oder Trend sogar mit der Zeit verändern und wandeln. Beispielsweise gilt in westlich geprägten Kulturen bei Frauen die Entfernung der Schambehaarung bei Frauen zum Schönheitsideal, während in Japan üppige Schambehaarung als attraktiv geht. Gleichzeitig war die Entfernung der Schamhaare hierzulande aber nicht immer üblich. Während in Europa vor allem in der griechischen Antike und im alten Rom die Entfernung der Körperhaare üblich war, war die Entfernung der Schamhaare in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts, sieht man von einer kurzen Unterbrechung in den 20er Jahren ab, üblich und üppige Schambehaarung galt vor allem in den 1930ern und 1960ern/1970ern als Schönheitsideal. Seit etwa Mitte der 1990er Jahre ist nun wieder die Entfernung der Intimbehaarung das gängige Ideal und dieser Trend hält bis heute noch ab.
Auf der dritten Ebene spielen bei der Partnerwahl schließlich auch noch eigene ganz individuelle Vorlieben eine Rolle. All diese Ebenen können sich darüber hinaus überlagern und gegenseitig beeinflussen.

So scheint bei der Partnerwahl auf der ersten Ebene beispielsweise das optimale Taille-Hüft-Verhältnis (waist to hip ratio, WHR) eine wichtige Rolle zu spielen. Bei Frauen gilt ein WHR von etwa 0.7 als besonders attraktiv, was ziemlich nah an die berühmt-berüchtigten Idealmaße 90-60-90 herankommt (60 cm Taillenumfang : 90 cm Hüftumfang = 0.67).
Warum gilt gerade dieses WHR als attraktiv? Ein breites Becken signalisiert hohe Gebärfähigkeit, denn bei einem breiten Becken ist auch der Geburtskanal weniger eng und dies erleichtert die Geburt. Ein breites Becken allein gibt jedoch keine Garantie für eine hohe Gebärfähigkeit. Denn ein breites Becken kann auch durch starkes Übergewicht verursacht werden, nur dass die Breite von den zusätzlichen Fettpölsterchen verursacht werden und die Gebärfähigkeit in keiner Weise erhöhen. Erst wenn man also den Hüftumfang mit der Taille in Relation setzt, wird eine Beurteilung der Gebärfähigkeit möglich. Dabei gilt dann: ein breites Becken garantiert die Fruchtbarkeit und eine schmale Taille schließt "Schummeln" aus. Außerdem sind athletische und schlanke Körper bekanntlich auch besser in der Lage, bei drohender Gefahr die Flucht zu ergreifen, können über längere Distanzen durchhalten (sie sind, steinzeitlich gesprochen, gute Jäger) und sind gesundheitlich fitter als adipöse Menschen. Wer unter Adipositas leidet, macht dagegen schon nach wenigen Metern schlapp und hat ein hohes Risiko an Herz-Kreislauferkrankungen zu sterben.

Auf der zweiten Ebene müssen wir bedenken, dass es regional starke ökologische und ökonomische Unterschiede gibt. Während in weiten Teilen Europas, Nordamerikas und in Australien Nahrung quasi im Überfluss vorhanden ist (wir "leisten" uns sogar den Luxus der Nahrungsverschwendung!) und die meisten Menschen im Wohlstand leben, sieht dies in vielen Ländern in Afrika und Asien ganz anders aus. Das Bevölkerungseinkommen ist niedrig und Nahrung ist sehr knapp.
In einer Vergleichsstudie in den USA, Kamerun und China sollten Frauen die Attraktivität der Silhouetten von Männern einschätzen und es zeigte sich, dass Frauen in Kamerun häufiger den adipösen Körperumriss als attraktiv bewerteten als in den beiden anderen Ländern (Dixson, 2009). In Kamerun, wo Nahrung knapp ist, können es sich nur reiche Leute leisten, viel zu essen. Übergewicht gilt daher als Zeichen für einen hohen sozialen Status und gesicherte Einkommensverhältnisse. Ein Mann mit hoher sozialer Stellung ist für eine Frau eine gute Partie, denn er ist natürlich weitaus besser in der Lage, den Nachwuchs zu versorgen als ein mittelloser Mann.
In der Vergangenheit hat es das auch hierzulande gegeben. Im 14. und 15. Jahrhundert galten dicke Menschen in Europa als attraktiv. Nicht umsonst haben zahlreiche Maler dieser Epoche häufig in ihren Gemälden füllige Menschen dargestellt und eine beleibtere Frau wird bis heute noch euphemistisch als Rubensfrau bezeichnet, benannt nach dem Maler Peter Paul Rubens (1577 - 1640). Damals herrschte Nahrungsknappheit, denn das Klima war etwa zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert ungünstig ("Kleine Eiszeit"). Zwischen 1618 und 1648 tobte auch noch der Dreißigjährige Krieg über Europa hinweg - was die Ernährungssituation der Bevölkerung sogar noch verschlimmerte. Nur wirklich gut betuchte Menschen von hohem Stand konnten es sich in dieser Zeit leisten, dick zu sein und wer es sich leisten konnte, der prahlte mit seinem dicken Wanst und zeigte damit für alle gut sichtbar, dass er zur besseren Gesellschaft gehörte.

Heute ist das in Europa anders. Nahrung gibt es für alle im Überfluss. Niemand kann mehr mit einem dicken Bauch angeben. Von hohem sozialem Status zeugen heute fitte und durchtrainierte schlanke Körper. Warum? Ganz einfach: Während Nahrung für alle erschwinglich ist, sind teure Abos für Fitness-Center teuer und nicht jeder kann die Kosten für einen Personal Trainer stemmen. Außerdem muss man, damit man seinen Körper formen kann, Freizeit haben, auch das ist ein Merkmal der gehobenen Gesellschaft. Denn wer sozial schwächer gestellt ist, muss viel arbeiten und hat entsprechend wenig Zeit zur Verfügung, die er dann noch in Fitnessaktivitäten investieren könnte. So ist ein trainierter und schlanker Körper heute ein Zeichen dafür, dass man zur betuchten und gehobenen Gesellschaft gehört und gilt als das Schönheitsideal.

Quellen

Dixson, A. F. (2009). Sexual Selection and the Origin of Human Mating Systems, Oxford University Press Oxford.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Biologiestudium, Universität Leipzig

Weil wir nicht im Mittelalter sind, wo es sich nur reiche Leute leisten konnten fett zu sein. In der heutigen Zeit, ist es teurer sich gesund zu ernähren als ungesund. Außerdem sieht es unschön aus und deutet oft auf eine schlechte Lebensweise hin.

Fettleibigkeit steht in unserer Gesellschaft eher für Krankheit, Faulheit, mangelnde Bildung und zu wenig Geld, denn Fett und Kohlenhydrate sind bei uns sehr billig zu bekommen

hochwertiges Essen ist teuer und auch das Wissen um richtige Ernährung setzt ein bestimmtes Bildungsniveau voraus

in armen Ländern gelten füllige Frauen als schön, weil sie reich genug sind um sich Essen zu kaufen und dadurch gesund genug sind um viele Kinder zu bekommen

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – hab Psychologie studiert

Es war mal vor Jahrhunderten attraktiv, etwas mehr Fett auf den Rippen zu haben. Der Maler Rubens hat diese Menschen so oft gemalt, dass sich daraus der Begriff "Rubensfigur" ableitete.

Heute ist das aber nun mal NICHT mehr attraktiv. Sportlich und schlank ist in. Schon 12jährige wollen darum "Muskeln definieren" und ein Sixpack haben. Mittlerweile gibts eine Gegenbewegung, die den Fetten helfen soll, ihren Körper zu akzeptieren und das "Bodyshaming" zu bekämpfen.

Sinnvoller wäre freilich, die Leute zu motivieren, sich in Form zu halten und nicht all den Fastfoodmüll in sich hineinzustopfen.

Gleichzeitig ist in unseren Genen verankert, dass wir körperlich fitte, gesunde Menschen für attraktiv halten. Das ist auch in der Tierwelt so.

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