Warum existieren die Benesch-Dekrete noch immer?

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1 Antwort

Hallo Catie 15,

die ganze Problematik ist sehr sehr umfangreich und kompliziert um sie hier mit paar Sätzen erklären zu können. Es ist nichts nur schwarz-weiß, alles hat irgendwelche Ursachen und je weiter zurück man in der Geschichte geht, um so mehr sieht man, dass das Leben noch nie anders als blutig und ungerecht gegenüber den kleinen Leuten, egal welcher Nation, Religion usw., war.

Hier nur paar kleine Bemerkungen:

Nur ein Teil der Benes-Dekrete beschäftigt sich mit der Abschiebung/Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen. Um dieses Teil der Dekrete geht es dir, nehme ich an.

Dem Transfer der Sudetendeutschen nach dem Krieg haben ja auch die Großmächte, also die Sowjetunion, die USA, England und Frankreich zugestimmt, es war keine alleinige Entscheidung der Tschechen, auch wenn ihr großer Wunsch.

Vorher haben die Tschechen und die Deutschen über Jahrhunderte auf diesem Gebiet (des Böhmischen Königreiches übrigens) mehr oder weniger friedlich nebeneinander gelebt. Die Vertreibung (die Tschechen benutzen das Wort Abschiebung) war ja eine Folge der Okkupation durch Deutschland und des Krieges. Sie sollte verhindern, dass es in der Zukunft wieder dazu kommen könnte.

Die "wilde" Vertreibung, die am Anfang statt fand, die vielen Exzesse, das Foltern und Morden der Unschuldigen, waren fürchterlich und sind unentschuldbar. Auch das Prinzip der Kollektivschuld gegenüber den Deutschen ist absolut ungerecht. Es gab Verbrecher bei den Sudetendeutschen, aber das rechtfertigt das Prinzip der Kollektivschuld keinesfalls.

Nun war Politik immer eine sehr schmutzige Sache. Es ging schon immer wenig um Gerechtigkeit, aber um Macht, Profit, Ländergewinn, eigene Vorteile... Das gilt mehr oder weniger für fast alle Länder.

Der tschechische Präsident Václav Havel hat sich nach der Wende für die Vertreibung und für die Greueltaten entschuldigt.

Die Tschechen haben Angst, dass durch das Zurücknehmen der Benes-Dekrete es zu neuem Unrecht kommen könnte, dass viele Vertriebene Ansprüche auf Rückgabe oder Entschädigung stellen würden.

Die Tschechoslowakei bekam ja von Deutschland keine Reparationszahlungen. Obwohl beschlossen, wurden sie nicht gezahlt.

Es gibt viele Menschen, die versuchen alles gegenzurechnen. Das Leid, das Geld, die Verluste, die Toten...Das sind die Ewiggestrigen.

Viel wichtiger ist, dass man alles dafür tut, dass sich so was nie wiederholt. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen mancher Leute (auf beiden Seiten) bringen nichts. Beide Seiten haben blutige Hände...

Wichtig ist, dass sich die Völker gut kennen lernen und dass sie friedlich und freundlich miteinander und nebeneinander leben. Dass es keine Kriege mehr gibt. Und auch keine Vertreibungen.

Liebe Grüße

Petr

P.S. Es gibt zu dem Thema sehr viel Literatur. Leider nicht immer objektiv. Ich habe im Laufe der Jahre sehr viel darüber gelesen, von meinen Eltern und Großeltern viel gehört, mit vielen Sudetendeutschen gesprochen. Es gibt keine objektive Wahrheit. Die Meinungen und Ansichten der Menschen sind immer durch ihre subjektive, persönliche Erfahrungen geprägt. Aber alle, mit denen ich gesprochen habe, ob Deutsche oder Tschechen, wünschten sich eins: das friedliche und freundliche Miteinander.

Catie15 27.06.2013, 20:39

Vielen Dank für die umfangreiche Antwort!!! Habe morgen Geschichtspräsentationsprüfung über das Thema der Vertreibung, und jetzt ist mir einiges klarer!!!

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