Warum erwarten religiöse Menschen Toleranz, besitzen aber selbst keine?

75 Antworten

Ich glaube, das ist eine (manchmal unbewusste, zunehmend bewusste) Strategie verschiedener Gruppen, die alle quasi-religiös aussehen (von außen betrachtet). Ein Beispiel, das mir einfällt, sind diese ganzen SJWs v.a. in den USA. Toleranz gegen die eigene Gruppe, extremer Zusammenhalt, liebevolle Unterstützung, und Ablehnung, Häme, teilweise echter Hass gegen die andere Gruppe. Es wird also Zusammenhalt aufgebaut durch die beiden Faktoren große Unterstützung, liebevolle Zuwendung in der eigenen Gruppe und große Ablehnung, Häme, Verachtung, teilweise Hass gegen die andere Gruppe.

Das erinnert an Mädchencliquen in der Schule...


Je mehr Ablehnung/ Verachtung/ bis hin zu echtem Hass man für die Gegengruppe empfindet und ausleben darf, desto mehr positive Gefühle kann man der eigenen Gruppe entgegen bringen (man hat ja ein Ziel für jeglichen Frust) und desto liebevoller fühlt man sich deshalb dort aufgehoben, weil diese Gefühle zurück kommen. "Lass dich in den Arm nehmen, die anderen sind alle böse, wir fangen dich auf" in etwa.

Die Strategie, den (selbstgeschaffenen) "Gegner" zu verwirren und zu bestimmten Verhaltensweisen zu zwingen ist nun, ihm Intoleranz vorzuwerfen. Wir lernen in der westlichen Welt doch alle in der Schule, dass Toleranz eine der größten Tugenden ist. Wirft man uns Intoleranz, Engstirnigkeit, Feindseeligkeit vor, strengen wir uns an, das Gegenteil z beweisen, denn wir wollen nicht "die Bösen" sein, die intolerant sind. Daher kann man z.B. jemanden mit dem Vorwurf, er sei rassistisch (wenn beide unterschiedlichen "Rassen" angehören) sehr gut zum Schweigen bringen. Man kann ihm beibringen, alles, was er sagt, in Frage zu stellen, nur weil man behauptet, er sei rassistsich. Denn er will um keinen Preis der Welt so wirken, also ist er bereit, sehr viel dafür zu tun, dass man diese Aussage zurücknimmt. Er gibt einem die Macht, über sein Verhalten zu urteilen und es ihm teilweise sogar vorzuschreiben.

Das gleiche mit religiöser Intoleranz, besonders "Hass auf Muslime". Wird einem (Deutschen, der noch alle Sinne beisammen hat) das vorgeworfen, reagiert er oft reflexartig mit dem Versuch, das Gegenteil zu beweisen, wird teilweise unterwürfig, tut alles, um seine Toleranz zu beweisen. Damit gibt der dem Ankläger aber die Macht, ihm alles mögliche zu diktieren (tu dies, um zu zeigen, dass du mich und meinen Glauben respektierst). Die meisten (normalen**) Christen in Deutschland haben gelernt, dass sie aus Höflichkeit möglichst wenig von anderen verlangen. Wenn man aber jemandem durch Zugeständnisse, die die eigene Toleranz beweisen sollen, die Macht gibt, ständig neue Forderungen zu stellen, wird der sich daran gewöhnen, das als selbstverständlich ansehen und wirklich Forderungen stellen. Ist er einmal so weit, empfindet er die anderen tatsächlich als intolerant, da sie nicht diesen Forderungen ungefragt nachkommen. Das können ganz kleine Dinge sein. Man kann alles mögliche als Intoleranz interpretieren.


(** Es gibt zunehmed auch sehr intolerante christliche Gruppen, die das gleiche Verhalten zeigen und ständig Toleranz fordern, aber keine geben können, weil sie ja als Einzige Gottes wahre Wege kennen.)

Wird das von der eigenen Gruppe (Familie, Freunde, Gemeinde etc.) gestützt, fühlt man sich bestätigt, führt das Verhalten fort, wird immer fordernder und gleichzeitig immer empfindlicher.

Man ist dann in einer Situation, in der man tatsächlich glaubt, keine Toleranz zu erhalten, weil einem von der Gruppe immer bestätigt und suggeriert wird, dass es so ist, dass man mehr fordern müsse und dass man nicht als gleichwertig geachtet wird.

Beispiel: Eine Frau in kompletter schwarzer Verhüllung sagt, dass alle (Deutschen) sie anstarren. Sie empfindet das als respektlos und aggressiv. Sie ist aber in ihrer Kleidung eine Ausnahmeerscheiung in den meisten Städten und genauso würden viele einen Punk mit auffälligen Haaren oder ein Kind mit auffällig geschminktem Gesicht anstarren. Sie redet sich aber nun ein, dass dies ein Zeichen für Respektlosigkeit sei. Und man selbst glaubt das auch, wenn man lange genug mit dem Argument konfrontiert wurde. Also lernt man, bewusst wegzusehen. Was auch als Respektlosigkeit gesehen werden kann (jetzt ignoriert man sie). Egal, was man also tut, man ist intolerant, zeigt, dass man Angehörige dieser Religion ausgrenzen möchte. 

Passiert das gleiche einem (gemäßigten) Christen, bezieht er das gar nicht auf die Religion, sondern auf andere Umstände, und fühlt sich nicht angegriffen. Er hat gelernt, dass die Religion nur ein Teil seiner Persönlichkeit und kein Grund für Ausgrenzung ist. Der Moslem hat vielleicht gelernt, dass er jede Art potentieller Ausgrenzung, die auch anderen passiert (z.B. Blicke von Fremden, mal ignoriert zu werden, kleine Unhöflichkeiten, die im Alltag vorkommen) als Zeichen mangelnden Respekts gegen die Religion ansehen darf. 

Und er hat gelernt, dass er Erfolg hat, wenn er aggressiv Respekt fordert. Von Leuten, auf die er gelernt hat, herabzusehen (denn sonst würde er nicht so aggressiv oder überhaupt Toleranz EINFORDERN). Leuten, auf die man herabsieht, weil sie einem Böses wollen, einen nicht akzeptieren oder überhaupt die falsche Weltanschauung haben, muss man keinen Respekt zollen (man darf intolerant gegen sie sein). Das kennen Nicht-Muslime z.B. im Umgang mit Zeugen Jehoves (Tür wird nicht geöffnet, man geht schnell weiter) oder Obdachlosen (werden ignoriert, man denkt nicht groß über sie nach).

Wow, wenn das keinen Stern bekommt... 

Sehr gute Antwort

3

Es gibt ja jetzt schon einige Antworten, ich allerdings habe einen Punkt noch nicht gelesen.

Dieser Punkt bezieht sich auf die Sichtweise der Einzelnen, ich muss dazu sagen ich bin Christ, zwar nicht wirklich gläubisch, allerdings war ich zur Kommunion und Firmung. Ich habe diese Erfahrung so gesammelt, wenn ihr was anderes erlebt habt, könnt ihr gerne eure Sichtweisen/Erfahrungen dazu äußern.

Bei mir war es immer so die Personen die etwas höher in der Kirche sind also Pfarrer und solche die wirklich an den Glauben festhielten/halten, bei denen hat man gemerkt, dass Sie es aus dem Herzen heraus machen. Diese waren dann auch immer sehr tolerant, wir hatten bei der Firmung einige Themen z. B. Homosexualität, dies wurde von unserem Pfarrer als sehr gutes Thema beschrieben, er erzählte uns dazu Geschichten und erklärte uns, dass man JEDEN Menschen akzeptieren soll egal wie er ist, egal wie er aussieht, welches Geschlecht er als Partner bevorzugt oder welcher Religion er angehört.

Selbst wenn man nicht in der Kirche ist und nicht Gläubisch oder gar einer anderen Religion angehört, kann man mit ihm reden (er ist auch Seelsorger oder wie man das nennt der Kirche) er nimmt jeden an und probiert denen die Probleme haben zu helfen, er macht diesen Beruf wirklich aus Leidenschaft. Solche Personen habe ich mehrere kennengelernt. 

Im Gegensatz habe ich auch viele Personen kennengelernt die so sind wie du es oben beschrieben hast. Diese sind zwar gläubisch aber sind meist nur "Besucher" der Kirche, Moschee, etc. diese sehen das Alles ein wenig anderes und haben für andere Personen die ihren Glauben nicht so schätzen wie sie selbst,  kein Verständnis. Sie sind dadurch auch viel strenger und laufen mit Scheuklappen vor den Augen, weil Sie meist nicht zu tolerant wie die Leute sind, die aus Leidenschaft gläubisch sind, gegenüber nicht Gläubischen bzw. "Randgruppen" (Falls man Schwule, sorry "Homosexuelle" noch so betiteln darf)

Mit ihnen zu reden fühlt sich dann an als ob Sie einen überreden wollen oder einem etwas über ihre Sichtweise des Glaubens erzählen, als wären Sie unsicher, Sie verstehen den Sinn dahinter nicht und Glauben nur, dass was Sie hören und sehen denken aber nicht darüber nach. 

Unser Pfarrer von der Firmung, war der Meinung (was viele andere anders sehen, weil Sie es nicht wahrhaben können), dass mit der Zukunft auch die Kirche verschwinden wird, er meinte dazu wenn die Leute nicht mehr Glauben wollen ist es ihre Sache, allerdings bietet er Jedem der etwas über den Kath. Glauben erfahren möchte, die Möglichkeit an, es von ihm zu erfahren.

Das waren meine Erfahrungen mit der Kirche, ich weiß nicht wie ihr das seht oder welche Erfahrungen ihr gemacht habt, aber ich sehe dies so wie beschrieben.


Ich selbst bin ein religiöser Mensch und sehe für die mangelnde Toleranz bei sehr religiösen Menschen vor allem die Identifikation über ihre Religion.

Identifikation

Diese Menschen versuchen häufig, ihr gesamtes Leben streng nach einer bestimmten, meist konservativen, Auslegung der religiösen Lehren auszurichten.

Jede Kritik an den Lehren, Propheten, oder Schriften, wird daher als eine Art persönlicher Angriff auf die eigene Identität wahrgenommen.

Ähnlich wie ein extrem nationalistisch gesinnter Patriot scharf auf eine scheinbare "Beleidigung" seiner Heimat reagiert.

Mit dem Glauben an die zumindest "einzige Wahrheit" der eigenen Anschauung ist meist ein Überlegenheitsgefühl verbunden.

Man selbst zählt zu den Erretteten, Auserwählten und die übrige Welt wird als negativ, verkommen, sündig, oder zumindest fehlerhaft wahrgenommen.

Wer sich selbst auf ein solches ideologisches Podest erhebt, kann sich leicht angegriffen fühlen, wenn ein scheinbar "minderwertiger" Mensch es wagt, Kritik zu üben.

Toleranz

Andererseits beinhalten die Religionen in der Regel irgendeine Art von "Friedensbotschaft" an die Anhänger dieser Lehre.

Die offene Aggression wird also vermieden und stattdessen in Form von Intoleranz, oder massiven Bekehrungsversuchen und Missionierung kanalisiert.

Da man zu den "Auserwählten" zählt, ist man dem Anderen ohnehin überlegen und kann es sich leisten Gnade, Milde und Nachsicht gegenüber diesen dummen, unverständigen Ungläubigen zu demonstrieren.

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Ich würde das so verstehen:

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