Warum durfte es früher keine Nähe zwischen Kindern und Eltern geben?

8 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Du sprichst da von wohlhabenderen Oberschichtfamilien (Erzieherinnen etc.). Selbst dort war es nicht überall so.

Erst mal müssen wir uns klar werden, von welchem Jahrhundert wir reden. Selbst im 19. Jahrhundert finden wir aber bei wohlhabenderen Familien noch eine sehr starke Trennung verschiedener Lebensbereiche, z.B. Haushalt und Herrschaften. Die Herrin war im Allgemeinen nicht in der Küche, leerte ihren Nachttopf nicht selbst usw. Man leistete sich ein Amme, wenn das ging. Einige, aber wengie Mütter stillten auch selbst.

Das Leben der Mütter war wie das aller Menschen stark reglementiert: Es gab Kleidervorschriften, Essensvorschriften für Herrschaft und Dienstboten, begrenzte Hobbys, oft strenge Tagesabläufe (mit Besuchen, Festen, Tänzen, Jagden etc.). Über allem stand im 19. Jahrhundert Disziplin, man zeigte selten ausgelassene Gefühle usw.

Also wildes Spielen mit Kindern, Kuscheln im Bett etc. passte eher nicht ins Gesellschaftsbild. Oft gab es auch (vor dem 19. Jahrhundert) die Idee, dass Kinder "wild" seien, wie Tiere und erst mal quasi gezähmt werden müssten (daher strenge Regeln und Strafen für Kinder). Das machten dann also strenge Erzieher.

19 Jahrhundert: Wir reden von einer Zeit, als Frauen jungfräulich in die Ehe gingen, man nicht über Intimes sprach, keine Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit austauschte, Kleidung trug, die oft Zärtlichkeiten eher behinderte, sehr strenge Regeln für fast alle Lebensbereiche/ den gesamten Tagesablauf hatte - was sich gehörte und was nicht - und dabei ständig von allen beobachtet und bewertet wurde.

Kinder mussten natürlich darauf vorbereitet werden, später in diese Gesellschaft zu passen, sich zu zügeln, ruhig zu sein, Anweisungen zu befolgen.

Trotzdem gibt es immer wieder auch Berichte von Eltern-Kind-Liebe, gemeinsamem Spiel, "Verwöhnen", dem Herumtragen von Kleinkindern usw.

Die Vorstellung einer Kindheit entwickelte sich aber erst spät, erst im oder nach dem 19. Jahrhundert, vorher (Mittelalter zumindest) dachte man ja, Kinder seien wie kleine Erwachsene, nur wilder. Also gab es gar keine Anlässe fürs "Verwöhnen" (Spielen, Kuscheln etc.).

Allerdings findest du in der Literatur immer auch Berichte von Empathie, von liebevollen Eltern-Kind-Beziehung, von vernachlässigten Kindern (um darüber zu schreiben, muss man die Bedürfnisse der Kinder kennen). Oft wird das nur angedeutet. Z.B. Austen, Mansfield Park, da wird ein Mädchen (Fanny) beschrieben, das zur Erziehung der reicheren Schwester übergeben wird und dort sehr einsam ist und vernachlässigt wird (aber dankbar sein soll, dass es in einem reichen Haushalt untergebracht wird). Es klingt immer wieder Verständnis für die Einsamkeit und Verunsicherung Fannys an, allerdings wird dann betont, dass sie sehr früh rational und quasi "familienökonomisch" denkt (immer darüber nachdenkt, was sich gehört, wer sich wie verhalten sollte, was jetzt bei anderen richtig und falsch war, was wessen Leben wie beeinflussen kann). Dabei dreht sich der größte Teil der Handlung um ihre Entwicklung von ca. 10 bis 18 Jahren. Also es wurde wohl erwartet, dass man mit 10 schon kein Kind mehr ist, ruhig irgendwo sitzt, rational denkt und nicht kreativ ist und sich ausprobiert. Auf der anderen Seite wird deutlich gemacht, dass das Kind am Anfang eben einsam und traurig ist, seine Familie vermisst, keinen Freund hat, keinen Fürsprecher, ausgenutzt wird usw. - also diese Aspekte und die Bedürfnisse einer Zehnjährigen waren wohl grundsätzlich schon klar.

Bei Austen kann man aber sehr schön dieses Lebensmodell der Gouvernante, Erziehung durch Fremde, Kindheit als Anpassung/ Ausbildung für das eingeengte Erwachsenenlen statt Entwicklung und behütetem Aufwachsen sehen. Behütet heißt dort immer reich mit Aussicht auf gute Heirat, nicht geliebt, gefördert, begleitet, sondern wertgeschätzt, bewertet und angeleitet (als reiches Kind).

Das mit keinem Sex vor der Ehe war früher auch wesentlich leichter als heute. Mädchen bekamen ihre Periode viel später als heute und haben meist mit Anfang 20 schon geheiratet.

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Im Kleinkindalter ist viel Nähe zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs sicher wichtig, ja.

Man sieht ja, wie auch die mit uns am nächsten verwandten Spezies, die Menschenaffen, ihre Kinder herumschleppen und betüdeln.

Ich denke, früher war das auch eine Frage des Status. Wer es sich leisten konnte, hatte eine Amme für die Kinder. Und später eine Erzieherin. Nur Frauen von niedrigem sozialen Status betreuten ihre Kinder selbst.

Die heute teilweise verbreitete "Mama ist meine beste Freundin und Papa mein dickster Kumpel"-Mentalität halte ich bei erwachsenen Töchtern und Söhnen hingegen für extrem problematisch. Stichwort: mangelnde Abnabelung. Ich finde es unnatürlich, als Erwachsene noch so an den Eltern zu kleben (ich rede hier wohlgemerkt nicht von einem "normalen" guten Verhältnis, in dem man sich eben miteinander versteht, aber ansonsten eigenständig lebt!). In der Lebensphase sollten wir unser eigenes Leben leben und eigene Ziele verfolgen.

Ich finde es auch immer befremdlich, wenn Kinder die Eltern beim Vornamen rufen oder die Eltern mit den Kindern ganz offen über Sex reden. Ich weiß nicht. Irgendwie finde ich das halt befremdlich.

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@Hessen001

Ich kenne niemanden, der seine Eltern bei den Vornamen nennt.

Kinder müssen früher oder später etwas über Sexualität erfahren und die Eltern sollten da die erste Anlaufstelle sein. Was ist daran befremdlich?

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@kurokuchen

Kommt immer darauf an, welche Wörter die Eltern dabei verwenden.

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Die Babys wurden sogar in Krankenhaus fest verschnürt der Mutter fern gehalten. Stillen war erlaubt - ja. Aber gar Hautkontakt: Nein, nein!

Alles krank, wenn Du mich fragst. Da wurden Werte vermittelt, die keine sind! Warum das so war, weiß ich leider auch nicht. Ich weiß aber, dass dem so war!

Die Kinder wurden eben zu hörigen Kampf-, Geburts- und Arbeitsmaschinen herangezogen. Es galten ja komplett andere Werte als heute die du deinen Kindern auch erstmal beibringen musst. Mit Liebe, Zuneigung und Verstand erhältst du am Ende keinen Wehrmachtssoldaten, Minen- oder Feldarbeiter.

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