Warum dauerte die Französische Revolution auch nach der Verfassung 1791 noch an?

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2 Antworten

Die Französische Revolution ist aus mehreren Gründen nach der Verfassung vom 3. September 1791 zum Stillstand gekommen, auch wenn sie auf den ersten Blick scheinbar damit abgeschossen wirken konnte. Gründe für eine Radikalisierung der Französischen Revolution nach 1791 waren:

  • teilweise Unzufriedenheit und zunehmende Polarisierung: Die Wünsche, Interessen, Gedanken und Ziele des ganzen Volkes waren nicht völlig gleich. Nicht alle waren mit den Verhältnissen 1791 völlig zufrieden.

So war das Wahlrecht nicht allgemein, sondern an ein Mindestmaß an Steuerzahlung gebunden, also vom Besitz abhängig. Das Wahlrecht hatten Männer über 25 Jahren, die eine bestimmte Mindestsumme an Steuern zahlten. Es gab also sogenannte Aktivbürger aufgrund eines Wahlrechts nach Vermögen/Einkommen (Zensuswahlrecht). Die Aktivbürger konnten Beamte, Richter und die Wahlmänner wählen, die dann die Nationalversammlung wählten. Abgeordneter der Nationalversammlung konnte auch nur werden, wer eine Mindestsumme an Steuern zahlte. Ein nicht geringer Teil des Volkes war damit vom Wahlrecht ausgeschlossen. Diese Regelung entsprach nicht völlig einem Gleichheitsgrundsatz. Es gab aber Forderungen nach einem allgemeinen gleichen Wahlrecht.

Die Einmütigkeit der Revolutionäre war nicht unbegrenzt, es gab verschiedene politische Gruppierungen. In den genauen Zielsetzungen gab es Abweichungen. Es gab Meinungsverschiedenheiten über die Deutung der Revolution und die daraus abzuleitende Taktik. Ein Teil der Jakobiner (ein politischer Klub, nannte sich Société de la Révolution [„Gesellschaft der Revolution“], dann Société des amis de la Constitution [„Gesellschaft der Freunde der Verfassung“; nach seinem Tagungsort in einem aufgehobenen Jakobinerkloster in Paris am der Rue Saint-Honoré wurde dieser Klub als Club des Jacobins ["Jakobinerklub"] bezeichnet.] wie z. B. Robespierre) und die Cordeliers (Mitglieder im politischen Klub der Cordeliers, der Société des droits de l'homme et du citoyen [„Gesellschaft der Menschenrechte und der Bürger “]) waren nicht in jeder Hinsicht zufrieden. Bei den Abgeordneten stellte diese Opposition zwar zunächst nur eine deutliche Minderheit dar, doch konnte sich dies bei auftretenden Problemen verändern.

Die Volksmenge in Paris, in Sektionen der Kommune von Paris organisiert, hat wiederholt mit großen Aktionen einen revolutionären Schub bewirkt. Eine als Sansculotten bezeichnete städtische Massenbewegung des einfachen Volkes hat in einigen Phasen eine wichtige Rolle gespielt.

Eine Anzahl von Aristokraten lehnte die Revolution ab, es gab Emigranten. Priester verweigerten den Eid auf die neue Verfassung, was einen religiösen Konfliktherd (viele traditionelle/konservative Katholiken als Gegner) herbeiführte.

  • Reibungen in der Zusammenarbeit zwischen König und Nationalversammlung, dadurch nicht gut funktionierende Verfassungspraxis im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie: König Louis (Ludwig) XVI. wollte gerne die Entwicklung zurückdrehen, zu der alten absolutistischen Stellung. Er übernahm nicht klar und dauerhaft, also über taktisches Nachgeben hinaus, die neue Rolle in einer konstitutionellen Monarchie. 1791 hatte es schon einen Fluchtversuch der Königsfamilie gegeben. Ludwig XVI. setzte sein Veto ein, das er in der Verfassung erhalten hatte, was Ärger auslöste. Schließlich wurde ein Doppelspiel bei Kontakten ins Ausland entdeckt.

  • Politisierung und gestiegene Bereitschaft zu tätigem Eingreifen im Volk: Die Volksmenge in Paris, in Sektionen der Kommune von Paris organisiert, hat wiederholt mit großen Aktionen einen revolutionären Schub bewirkt.

  • doppelte Bedrohung durch Krieg und Bürgerkrieg, durch die zur Rettung der Revolution ein Druck in Richtung auf scharfe, entschlossene und energische Maßnahmen entstand: Für die Radikalisierung war der Revolutionskrieg ein sehr wesentlicher Grund. Drohungen kamen von anderen Staaten, aber Frankreich hat dann 1792 den Krieg erklärt. Eine schwierige Kriegslage mit doppelter Bedrohung, von außen durch gegnerische Staaten und von innen durch Aufstände und gegenrevolutionäre Bewegungen (z. B. in der Vendée), führte die Revolution in eine existentielle Bedrohung, was die Bereitschaft zu energischen Maßnahmen steigerte. Außerdem war die Wirtschaftslage sehr schwierig (Inflation mit ansteigenden Preisen, zunehmendes Haushaltsdefizit).

  • Neigung von Revolutionären zu einer Weltanschauung, die wenig politischen Spielraum duldete: Revolutionäre (Maximilien de Robespierre ist ein herausragendes Beispiel) neigten dazu, sich in grundsätzlichen Fragen im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sehen, dabei nur einen Standpunkt für anständig und gut vertretbar zu halten und diesen für den allgemeinen Willen (volonté générale) zu erklären. Das Verhalten in politischer Hinsicht wurde in starkem Ausmaß zu einer Frage der Tugendhaftigkeit erhoben und grundsätzlich abweichenden politischen Standpunkten wenig Spielraum gegeben

Albrecht 14.04.2012, 21:36

Darstellungen zur Französischen Revolution enthalten Hinweise, z. B.:

Ernst Schulin, Die Französische Revolution. 4., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2004 (Beck's historische Bibliothek), S. 90 – 131 und S. 202 - 237

Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution. Paderborn , München : Wien ; Zürich : Schöningh, 2005 (UTB : Uni-Taschenbücher : Geschichte ; 2639), S. 22 - 39

Hans-Ulrich Thamer, Die Französische Revolution. Originalausgabe. 3. Auflage. München : Beck, 2009 (Beck'sche Reihe : C.-H.-Beck-Wissen ; 2347), S. 40 – 88

S. 46: „Für die Mehrheit der Abgeordneten war die Verfassung, die schließlich im Herbst 1791 verkündet wurde, Ausdruck eines Kompromisses und der Hoffnung, damit die Revolution beenden zu können. Für den König war die Verfassung innenpolitisches Mittel, um die Revolution zu stoppen und die Ordnung in seinem Sinn wiederherzustellen. Für die demokratische Opposition in der Konstituante war das Ergebnis des Verfassungskompromisses alles andere als befriedigend. Sie kritisierte heftig die Erblichkeit der Monarchie, die Fortexistenz des Hofes und das Wahlrecht. Damit war vorhersehbar, daß die Verfassung kaum ihre Aufgabe der inneren Stabilisierung erfüllen konnte, zumal die inneren Gegensätze im Parlament sich mittlerweile verfestigt, die städtische Volksbewegung sich politisiert und radikalisiert hatte.“

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Lanthieryn 05.05.2012, 15:29

Vielen Dank, sehr guter Text!

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Weil das Volk Blut sehen wollte und die Verfassung alleine nicht stark genug war...

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