Warum blieb der Kommentar von Walter Grundmann so lange Pflichtstoff im Theologiestudium in Deutschland?

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5 Antworten

Weil es in der Realität nicht nur weiß oder schwarz gibt.

Weil auch Nazis sinnvolle Dinge getan, gedacht und geschrieben haben.

Weil es vielen nicht wirklich bewusst war und andere es nicht wissen wollten.

Weil bestimmte Gedanken in der Kirche schon lange vor 1933 gedacht wurden und auch noch lange nach 1945. Die Nazis sind nicht einfach vom Himmel gefallen und waren auch nicht einfach die Bösen, und die Nicht-Nazis waren nicht einfach die Guten.

Es hat dann noch lange gedauert, bis speziell durch den jüdisch-christlichen Dialog selbstkritisch über christliche Vorurteile gegenüber dem Judentum nachgedacht wurde. Dabei mussten sehr viele liebgewordene Lehrsätze über den Haufen geworfen werden. Und manche tauchen sogar heute wieder auf, wo man doch eigentlich denken würde, dass sie jedem Erstsemester sofort ins Auge springen müssten.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es auch schlicht nicht genügend unbelastete Lehrer und Dozenten.

Schau doch mal in einer Kirchengeschichte über die Nazizeit nach, wie viele ev. Pfarrer Anfang 1933 begeistert "Heil Hitler" brüllten und in Hitler eine Art Messias nach der "Schmach von Versailles" sahen. Wenn ich mich nicht täusche, lag der Prozentsatz bei 95 Prozent.

Das änderte sich nennenswert erst gegen Ende 1933 nach der sogenannten "Sportpalastkundgebung", als bei dem einen oder anderen der Groschen fiel und sie viele von den Nazis abwendeten.

Aber selbst die Bekennende Kirche fand kein offzielles Wort zu den Juden.

Nach dem Krieg gab es schlicht nicht genügend unbelastete Menschen, um die kirchlichen Verwaltungen und die Lehre unbelastet aufzubauen.

Es  könnte sein, dass ich selber auch Grundmannkommentare im Regal hatte, die ich seinerzeit für den Mindestumtausch in der DDR kaufte, um mit dem Geld was Sinnvolles zu machen. Und dann habe ich von seiner Nazivergangenheit schlicht nichts gewusst.

Wenn ich mir nun den Wikipediartikel anschaue, könnte ich auf die Idee kommen, dass er nicht zuletzt auch als IM der Staatssicherheit der DDR entsprechend gefördert wurde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Grundmann

Ich selber habe erst nach 1980 mit dem Theologiestudium begonnen. Grundmann wurde 1975 emeritiert. Die Zeit, in der man Antijudaismus in der Theologie in einer breiteren Maße diskutierte und ablegte (wieviel Antijudaimus steckt etwa in Bultmanns Differenzkriterium bei der Erarbeitung 'echter' Jesusworte) kam m.E. nennenswert erst deutlich später.

Noch mal zurück: Es gibt nirgendwo einfach nur gut und böse. Insbesondere nicht in der Kirche. Wir wären zwar gerne die Guten. Aber wir sind es viel weniger, als es uns lieb sein kann.
Das gilt im Übrigen auch für Dich und mich. Aus der Nummer kommen wir nicht raus.

Letztens sagte ein Historiker im Fernsehen: Die waren doch damals nicht doof. Und sie haben trotzdem diese himmelschreienden Fehler begangen.
Und in 200 Jahren werden Historiker auf uns schauen und genau das über uns sagen: Die waren doch nicht doof. Wie konnten die nur...

Meinst Du wirklich, Du wärst heute besser?
Und was gibt Dir die Sicherheit, nicht selber zu einer Art "Grundmann" zu werden. Nur mit anderen Problemen?!

Je mehr Du nur (wie in Deinen Beiträgen hier) schwarz-weiß denkst, je mehr Du Dich zu den Guten zählst und auf die Bösen herunter schaust, desto mehr ähnelst Du den Grundmännern damals. Und genauso wenig wie jene merkst Du es und bist überzeugt, auf der "richtigen" Seite zu sein.

Und ich habe noch keinen einzigen Menschen mit einer solchen Überzeugung getroffen, der es wirklich war. Ohne Selbstkritik und ohne das Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit ist man immer auf der falschen Seite.

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Kommentar von BeauxRivages
03.07.2017, 16:49

Walter Grundmann wollte die Bibel "judenrein" machen... Also insofern kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Gedankengut nicht ganz offensichtlich aus seinen Kommentaren herausspringt.

Mir fällt auf, auch in deiner Antwort, aber noch mehr in den beiden anderen Antworten, dass die Deutschen bis heute nicht bereit sind, wirklich kritisch über die Nazi-Zeit und die verfehlte "Entnazifizierung" nachzudenken.

Je mehr Antworten ich hier auf GF lese, desto mehr bildet sich in mir die Ueberzeugung, dass die Deutschen nichts bereuen und nie etwas bereut haben, sondern einfach nur opportunistisch mal so und mal so reden...

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Adolf Hitler wurde bis heute nicht aus der römisch katholischen Kirche exkommuniziert, Goebbles schon, weil dieser eine Protestantin geheiratet hat.

Das sollte doch bereits alles sagen, immerhin ist das ein klares Statement.

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Trat seine politische Ansicht denn offensichtlich hervor in den genannten Texten?

Falls nicht, spielt seine politische Ansicht doch keinerlei Rolle.

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Kommentar von BeauxRivages
03.07.2017, 14:25

ach ja?

das ist deine Meinung?

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Kommentar von GoodFella2306
03.07.2017, 14:26

das war zum einen eine Frage, zum anderen meine Ansicht, ja. schade dass du nicht darauf eingehst, aber nun weiß ich zumindest dass es Dir nicht um das Thema Theologie geht, sondern um die Tatsache dass er ein Nazi war.

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Kommentar von GoodFella2306
03.07.2017, 14:35

aufgrund der Entnazifizierung gab es keine Gründe, aktive ehemalige Nationalsozialisten aus dem bürgerlichen Leben weiter auszuschließen. Irgendwann muss ein Schlussstrich gezogen werden, und der drückt sich eben auch dadurch aus dass man die Schriften dieser Menschen teils Jahrzehnte lang noch verwendet hat. Wie gesagt, wenn seine politischen Ansichten nicht zutage traten in seinen Schriften, spricht nichts dagegen. wenn er sich in seinen Schriften rein theologisch geäußert hat, ohne irgendwelche Querverweise zu Nationalsozialismus oder der da damaligen Rassenlehre, sind die Schriften vollkommen legitim. Das hat nichts mit meiner Ansicht zu tun, sondern mit den Ansichten weitaus intelligenterer Leute als wir es sind.

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Kommentar von GoodFella2306
03.07.2017, 14:49

wer sind denn die Deutschen? Ich bin ebenfalls deutsch und das in der x-ten Generation, inwiefern bin ich uneinsichtig? Ich trage keinerlei Schuldgefühl in mir, bin mir allerdings der Verantwortung bewusst, dass so etwas wie vor 80 Jahren nie wieder auf der Welt geschehen darf.

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Kommentar von GoodFella2306
03.07.2017, 15:06

das hat mit glauben nichts zu tun, und meine Frage steht nach wie vor unbeantwortet im Raum ob man aus seinen Werken seine politische Gesinnung herauslesen kann?

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Wenn du Berufspilot bist ubd irgendwann in deiner Freizeit in einen Kindergarten kommst und die dort grad Pilotenschule spielen und ihren Spass haben, würdest du dich da aufregen, wenn der "Lehrer" ein falsches Lehrbuch in der Hand hat?

Lass sie doch spielen. Das hat auf die Wirklichkeit keinen Einfluss. Sie kommen weder in den Himmel noch sonst wo hin. Also: einfach nicht stören lassen.

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Kommentar von BeauxRivages
03.07.2017, 14:50

Symptom in der deutschen Gesellschaft, zumindest BRD: man wollte mit Nazitum nicht wirklich aufräumen...

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Kommentar von PieOPah
03.07.2017, 15:00

Kein deutsches Symptom: es ist menschlich. Wenn mir ein Hund auf den Boden kackt, schimpfe ich da? Nein! Es ist sein natürliches Verhalten. Warum sollte ich also darüber schimpfen, dass sich Menschen wie Menschen verhalten? Sie sind eben so. Und die gute Nachricht: man braucht nur Geduld, die sterben so schnell - nach ein paar Jahrzehnten (vergleichbar mit zwei Stunden) sind sie weg und es wird ruhig.

Also: man kann da ganz ruhig bleiben und nicht vergessen: es ist die jüngste Spezies auf diesem Planeten. Die hatten noch nicht viel Zeit, schlau zu werden. Die sind noch Kinder.

Milde lächeln, "Ach, wie putzig!" sagen und dann einfach weitermachen.

Außerdem ist es doch ganz nett. Beim Anflug kann man sich gut an den Kirchtürmen orientieren. Sind sogar in die Fliegerkarten eingezeichnet.

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Kommentar von PieOPah
03.07.2017, 17:31

Na und? Ich muss ja nicht mitmachen. Warte mal drei bis vier Generationen ab. Dann verliert sich das.

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Es gibt keinen Bibelkommentar als "Pflichtstoff". Bei Grundmann steht aber vermutlich auch was Richtiges. Zur Kenntnis nehmen ist besser als ignorieren.

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