Warum benutzen wir das Präteritum eigentlich nur in der Literatur?

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10 Antworten

EIN Grund dafür dürfte sein, dass die Verbformen des Präteritums bei vielen Verben "unregelmäßig" und deshalb zu "kompliziert" für den Normalmenschen sind. Beispiele:

briet; gebar; wusch; schalt; focht; genoss; bot....

Hier ein wissenschaftlciher Artikel zum Thema  :
home.uni-leipzig.de/doelling/semzirkpdf/krause1a.pdf

Hier ist zu lesen, dass schon im 16. Jh. der "Präteritumschwund" begann. Der Text enthält auch einige Gründe für den Präteritumschwund.

Dein Vergleich mit dem Englischen aber hinkt einw enig , weil ja im Englischen simple past  und present perfect BEIDE aktiv verwendet werden (zumindest im britischen Englisch) .Aber abhängig vom Sinn / Kontext  ist dann in der Regel nur EINE der beiden Versionen korrekt.

Gestern war ich in Berlin = Gestern bin ich in Berlin gewesen. (Bedeutung gleich)

ABER nur: I was in Berlin yesterday ist richtig, "have been" wäre falsch.

I've been to Berlin before ist richtig - I was in Berlin before (im britischen Englisch) nicht.

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Kommentar von sweetmelonxx3
29.04.2016, 18:11

Ich meinte nur, dass die Engländer es überhaupt benutzen in der gesprochenen Sprache, also ich weiß schon was du meinst. Und Vielen Dank für die Antwort, dass ist ja sehr interessant und ausführlich. LG.

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Kommentar von LolleFee
29.04.2016, 21:47

Nein, die Unregelmäßigkeit mag ich nicht gelten lassen, denn sie erklärt 1. nicht, warum man bei den regelmäßigen Verben auch das Perfekt nimmt (ich kochte, ich duschte...), und 2. sind die Partizip-Perfekt-Formen von starken Verben auch unregelmäßig: ich habe gebraten (statt *gebratet), ich habe geboren (statt *gebärt),  ich habe gewaschen (statt *gewascht),  ich habe gefochten (statt *gefechtet), ich habe genossen (statt *genießt), ich habe gebeten (statt *gebittet).

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Das Perfekt gibt etwas über den Zustand nach Handlung wieder, und das ist die übliche Situation beim Sprechen, denn jede Handlung, die nicht gerade zur Sprechzeit stattfindet, liegt zeitlich zurück (ob nun abgeschlossen oder nicht).

Das Imperfekt dient zum Berichten eines Vorgangs, etwa bei Schilderungen eines Ereignisses (Protokolle für die Polizei, Versicherung, Arzt, usw.). Dabei wird der Zuhörer/Leser in die Situation mit hineingenommen und verfolgt, wie diese abläuft.

Auch dann wird nicht immer konsequent das Imperfekt verwendet, wohl weil den Unregelmäßigkeit der Imperfektformen ausgewichen werden soll.

Teilweise trifft man ein Superperfekt, das die Abgeschlossenheit der Handlung in der Vergangenheit betonen soll. Also statt "Ich fragte ihn ..." (Bericht) oder "Ich habe ihn gefragt ..." (Mitteilung): *"Ich habe ihn gefragt gehabt", auch noch als Superplusquamperfekt: *"Ich hatte ihn gefragt gehabt ..." 

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Kommentar von LiloB
30.04.2016, 11:18

wie wahr, wie wahr - und leider nur eine von vielen übertriebenen , überflüssigen Sprechblasen ohne viel Inhalt. Wohltuend , hier eine humorvolle Antwort zu lesen! Danke dafür !!!

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Ich schätze, dass der Grund dafür in der Sprachgeschichte liegt und da vor allem in dem Umstand, dass sich der Spontansprache jeder bediente, während die Schriftsprache nicht jedem zugänglich war.

Das Perfekt als Vergangenheitsform hat sich zuerst in Süddeutschland durchgesetzt (fast seit Beginn der Neuzeit = Zeit nach dem Mittelalter!) - vielleicht wegen der Nähe zu den romanischen Sprachen, die aus dem Lateinischen entstanden sind, das wiederum auch das Perfekt zum Ausdruck von Vergangenem nutzte. (Allerdings sind Spanisch, Italienisch und Französisch im Gegensatz zum Deutschen Aspektsprachen. Dort werden beide Vergangenheitsformen gebraucht, um Vergangenes auszudrücken.)

Erst viel später setzte sich das Perfekt auch in Norddeutschland durch. 

Anders ist das in der Schriftsprache. Da ist das Präteritum nach wie vor existent - vielleicht, weil ihm der Sprachkontakt mit den "Romanisten" nicht so viel anhaben konnte?

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Ich denke, dass das einfach etwas mit unserer Umgangssprache zu tun hat und damit, was im Alltag einfacher zu gebrauchen ist. Das Perfekt ist meistens einfacher zu bilden als das Präteritum. Anders sieht es allerdings bei sein/haben oder Hilfsverben aus, da verwenden wir meist das Präteritum im Alltag. Schließlich sagen wir eher "Ich hatte keine Zeit" als "Ich habe keine Zeit gehabt", eher "Ich war mal wieder zu spät" als "Ich bin mal wieder zu spät gewesen" und eher "Ich konnte vorhin nicht" als "Ich habe vorhin nicht gekonnt".
Wir vereinfachen und ja die Sprache soweit es möglich ist, deswegen verwenden wir das Perfekt meist beim Reden und das Präteritum in der Schriftsprache. Aber es ist doch ein gutes Zeichen, dass es dir auffällt. Sich Gedanken über den eigenen Sprachgebrauch zu machen ist immer gut! :-)

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Kommentar von sweetmelonxx3
29.04.2016, 18:00

Gute Anregungen :). Ja ich bin in einigen Sprachen aktiv und dabei vergleicht man ja immer. So ist mir diese Eigenart unserer Sprache schon so oft in den Kopf gekommen. Es ist ja wirklich ein faszinierender Gedanke, wenn wir bedenken es ist eine völlig normale Zeit aber niemand benutzt sie :"D .

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Kommentar von BerthaDieBaer
29.04.2016, 18:03

Wenn dich das wirklich interessiert, lies mal die Bücher von Bastian Sick :D
Ich finde das Präteritum der Höflichkeit viel seltsamer. Zum Beispiel, wenn man im Restaurant sein Essen bekommt und gefragt wird "Sie hatten die Spaghetti, oder?". Nein, ich hatte sie ja eben noch nicht. Oder wenn die Frage kommt "Ach sie waren doch Frau Bertha oder?". Nein, bin ich immer noch.
Muss man mal drauf achten :D

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Kommentar von sweetmelonxx3
29.04.2016, 18:17

Stimmt ja, wenn man gefragt wird " Wer waren sie noch einmal?" , wobei es so oder so nicht höflich wäre xD . Mal interessante Gedankenanstöße auf gutefrage, wer hätte das gedacht ;P.

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Meiner Meinung nach ist es so, weil Perfekt einfacher zu bilden ist:

Präteritum:

essen ->  Ich aß

sehen -> Ich sah

laufen -> Ich lief

etc. etc. etc.

Beim Perfekt:

Ich habe gesehen

Ich habe gegessen

Ich bin gelaufen

etc. etc. etc.

Beim Perfekt muss man sich bloß die Formen von haben/sein merken und dann am Anfang des Infinitivs ein ge (gibt auch Ausnahmen geritten) dranhängen.

Beim Präteritum muss man sich die ganzen irregulären Verben merken.

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Naja, "eigentlich" ist eine sehr schwammige Kategorie. 

Ich zum Beispiel sage durchaus: "Gestern war ich im Kino." Oder: "Vorgestern war ich bei Aldi." Oder: "Ich hatte eine Erkältung." Oder: "Ich hatte mal eine Freundin mit Pferdeschwanz."

Natürlich hast du recht, dass sich das Perfekt auf Kosten des Präteritums ausbreitet, insbesondere in der gesprochenen Sprache. So klingt z.B.: "Ich kaufte gestern ein Hemd" arg verschnarcht. In der Schriftsprache findet sich das Präteritum dagegen noch häufiger: "Gestern kam es zu einem Stau auf der A7." "Faber betrachtete Hanna."

Der Schwund des Präteritums ist eine Entwicklung, die sicher schon vor Jahrhunderten begann. EIN Grund dafür könnte sein, dass für Otto Normalverbraucher die Vergangenheitsform bei starken Verben Schwierigkeiten bereitet. "Er wusch sich" erfordert die Kenntnis der Vergangenheit des Verbs, "er hat sich gewaschen" aber nicht. 

Das Perfekt ist also einfacher zu "händeln". Es klingt zudem für die jungen Generation deutlich "cooler": "Da hab ich doch den Typ allegemacht."

Der Verweis auf die englische Sprache ist jedoch irreführend: Das Present Perfect hat eine völlig andere Funktion als das deutsche Perfekt und ist im britischen Englisch in keinem Fall mit dem Past Tense austauschbar.

Schriftsprache und gesprochene Sprache sind nicht deckungsgleich; Sprache verändert sich; Sprache ent-regelt sich. 

All das sind völlig normale Prozesse. 

Gruß, earnest


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Kommentar von earnest
29.04.2016, 21:04

-edit: für die junge Generation

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Kommentar von LolleFee
29.04.2016, 21:07

Aïe aïe! Waschen ist auch beim Partizip Perfekt ein starkes Verb - oder sagst Du "ich habe mich gewascht"? ;))
Die "einfache" Partizip-Perfekt-Markierung ist "ge...t": Ich habe geduscht, geputzt, gemalt, gebaut, gesteckt, gebohrt, gekocht.

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Wir benutzen das Präteritum nicht in der Alltegassprache, weil es in der Literatur benutzt wird.

Zudem gehen uns Konstruktionen mit Hilfsverben ("ich habe gegessen" statt "ich aß") leichter von den Lippen, als die Veränderung der Hauptverbs.

Wir klingen ganz allgemein gestelzt und verquast, wenn wir Formulierungen aus der Literatur benutzen, denn die Alltagssprache will informieren, die Literatursprache dagegen mit Bildern eine "höhere" Wahrheit von Ereignissen ausdrücken.

Deshalb sagen wir auch "ich hab' heute morgen einen Sonnenaufgang gesehen" und nicht "ich sah heute morgen, wie sich der Sonnenball feurig über dem Horizont erhob und sich anschickte, seinen Weg durch des Himmels Azur gen Westen anzutreten".

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Deutsch ist nicht meine Muttersprache und ich benutze tatsächlich öfters das Präteritum, als hier üblich ist. Es klingt deswegen etwas seltsam altmodisch manchmal, und das ist genau wie ich es mag. Das Präteritum ist die Zeitform des Erzählens, und ich kann mir seine Bedeutungslosigkeit nur damit erklären, daß in Deutschland auch die Kultur des Erzählens verloren geht, die Kunst des Zuhörens und die Wichtigkeit von Phantasie und Mythen.

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Kommentar von earnest
30.04.2016, 07:18

Och nee, das finde ich aber nun zu kulturpessimistisch. 

Man sollte sich halt nicht ausschließlich am sprachlichen Elend bei GF orientieren ... 

;-)

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Ich sage im Alltag zum Beispiel nie: Ich ging zum Flughafen.

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Kommentar von earnest
30.04.2016, 07:19

Ich auch nicht. Da fahre ich lieber.

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Eine gute Beobachtung!

In der Tat kenne ich niemanden, weder Bekannte, Freunde, Verwandte noch Personen des öffentlichen Lebens, die das Präterium konsequent anwenden. Auch von älteren Leuten ist mir das nicht bekannt.

Ein Philologe oder Germanist könnte vielleicht eine Erklärung liefern. Die sind allerdings auf gutefrage eher selten anzutreffen - es sei denn, einer sucht eine Kaufempfehlung für einen Gäming-PC oder eine weibliche Wissenschaftlerin ist verzweifelt, weil sie auf einem Herrenfahrrad gesessen hat und nun fürchtet, schwanger zu sein...

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Kommentar von sweetmelonxx3
29.04.2016, 18:04

Vielleicht gibt's ja doch einen ..haha :D Aber naja. Manche Sachen sind wohl einfach nicht aus bestimmten Gründen entstanden. LG.

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