Warum befasst sich der Bundestag mit Völkermord in Armenien?

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9 Antworten

Im Letzten Jahr jährte sich der Beginn des Ereignis zum 100. Mal. Das ist auch der Anlass, dieses Ereignis nicht nur historisch, sondern völkerrechtlich einzuordnen.

Es ist aber auch nicht das erste Mal, dass sich ein deutsches Parlament damit beschäftigt hatte. Am 11. Januar 1916 fragte der Reichstagsabgeordnete Dr. Liebknecht in einer Sitzung des Reichstages an:

Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß während des jetzigen Krieges im verbündeten türkischen Reiche die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben und niedergemacht worden ist?

Welche Schritte hat der Herr Reichskanzler bei der verbündeten türkischen Regierung unternommen, um die gebotene Sühne herbeizuführen, die Lage des Restes der armenischen Bevölkerung in der Türkei menschenwürdig zu gestalten und die Wiederholung ähnlicher Greuel zu verhindern?

Als Antwort bekam er das, was bis heute die Version der türkischen Regierung ist.

Dem Herrn Reichskanzler ist bekannt, daß die Pforte vor einiger Zeit, durch aufrührerische Umtriebe unserer Gegner veranlaßt, die armenische Bevölkerung bestimmter Gebietsteile des türkischen Reiches ausgesiedelt und ihr neue Wohnstätten angewiesen hat. Wegen gewisser Rückwirkungen dieser Maßnahme findet zwischen der deutschen und der türkischen Regierung ein Gedankenaustausch statt. Nähere Einzelheiten können nicht mitgeteilt werden.

http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k13_bsb00003402_00523.html

Liebknecht hakte nach und verwies auf Prof. Lepsius, dem Gründer des armenischen Hilfswerkes, der von einer "Ausrottung der türkischen Armenier" sprach.

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Lepsius 

Dass diese Interpretation so nicht richtig ist, wird deutlich in einem Bericht des Botschafters Wangenheim an Reichskanzler Bethmann Hollweg:

Daß die Verbannung der Armenier nicht allein durch militärische Rücksichten motiviert ist, liegt zutage. Der Minister des Innern Talaat Bey hat sich hierüber kürzlich gegenüber dem zur Zeit bei der Kaiserlichen Botschaft beschäftigten Dr. Mordtmann ohne Rückhalt dahin ausgesprochen "daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wollte, um mit ihren inneren Feinden - den einheimischen Christen - gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden; das sei auch im Interesse der mit der Türkei verbündeten Deutschen, da die Türkei auf diese Weise gestärkt würde."

http://www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1915-06-17-DE-003

Dieser Völkermord stand nicht nur in einer Linie mit den Massakern an den Armeniern in der Türkei der Jahre 1894 – 1896, denen über 200.000 Armenier zum Opfer fielen, sie passte auch in das nationalistische Konzept der damals regierenden Jungtürken. Einer ihrer Führer forderte bereits 1909:

Das Osmanische Reich muss ausschließlich türkisch sein, die Existenz fremder Elemente bietet einen Vorwand für europäische Interventionen. Diese Elemente müssen mit Waffengewalt türkisiert werden.

Zit. nach Klaus Hemmo: Warum sie Feinde wurden. Völkerhass vom Balkan bis zum Nahen Osten. Düsseldorf 2001, S. 68

So kam es zum Deportationsgesetz, über dessen Art und Weise der Umsetzung die deutsche Regierung detaillierte Kenntnisse hatte. Ein deutscher Sanitätsoffizier bschrieb es so:

Die Armenier wurden auf dem Weg in die Wüste von Kurden erschlagen, von Gendarmen beraubt, erschossen, erhängt, vergiftet, erdolcht, erdrosselt, von Seuchen verzehrt, ertränkt, sie erfroren, verdursteten, verhungerten, verfaulten, wurden von Schakalen angefressen. Kinder weinten sich in den Tod, Männer zerschmetterten sich an den Felsen, Mütter warfen ihre Kleinen in die Brunnen,  schwangere stürzten sich mit Gesang in den Euphrat. Alle Tode der Erde, die Tode aller Jahrhunderte starben sie.

Zit. nach: Wolfgang Gust: Der Völkermord an den Armeniern. Die Tragödie des ältesten Christenvolks der Welt. München 1993, S. 12-13

Aus Rücksicht auf den türkischen Bündnispartner wurde alle Kritik an diesem Verbrechen unterdrückt. So wurde auch Prof. Lepsius Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei 1916 von der deutschen Zensur verboten.

Einhundert Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern wird es also Zeit, dass ein deutsches Parlament dieses von einer früheren deutschen Regierung mindestens gedeckte Verbrechen als das benennt, was  es war und entsprechend verurteilt. Es wäre höchst fatal heute aus bündnisstrategischen Überlegungen erneut dazu zu schweigen.

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Der einfachste Weg, um die Frage zu beantworten, ist, auf der Internetseite des Deutschen Bundestages nach den Gründen zu forschen.

Dort liest man dann:

Gedenken an den Völkermord an den Armeniern: Um 11.10 Uhr geht es weiter mit der abschließenden Beratung eines gemeinsamen Antrags von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel „Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten vor 101 Jahren“. Darin wird die Bundesregierung unter anderem aufgefordert, die deutsche Mitverantwortung an den historischen Ereignissen anzuerkennen und unter Nutzung der im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts vorhandenen Akten aufzuarbeiten sowie anzuerkennen, dass es sich bei den Massakern und Vertreibungen an den Armeniern ab 1915 um einen Völkermord gehandelt habe. Abgestimmt wird auch über einen Antrag der Fraktion Die Linke (18/4335, 18/7909), in dem die Bundesregierung anlässlich des Gedenkens an den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 Jahren aufgefordert wird, sich „vorbehaltlos zur historischen Mitverantwortung des Deutschen Reichs“ an diesem Völkermord zu bekennen. Außerdem verlangt sie, dass ein bereits vor zehn Jahren verabschiedeter fraktionsübergreifender Antrag (15/5689), in dem gefordert wurde, dass Deutschland zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen solle, vollständig umgesetzt wird.  Eine Stunde ist für die Aussprache vorgesehen.

http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw22-vorschau/424506

MfG

Arnold

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Weil Deutschland das mit Soldaten unterstützt hat und dem ehemaligen osmanischen Innenminister Talaat Pascha, der dafür direkt verantwortlich war die Flucht ermöglicht hat und auch einen sicheren Zufluchtsort in Berlin geboten hat, wo er ca. 1921 erschossen wurde. Und vielleicht auch weil Hitler bei seinen Reden immer wieder auf Armenien verwiesen hat, wenn es um die Zukunft der Juden in Europa ging.

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Nun, die Resolution wurde schon vor einem Jahr im Bundestag verhandelt und dann erstmal zurück in die Ausschüsse überwiesen. Die Mühlen des Bundestages brauchen halt so ihre Zeit...

Die Resolution selber beschäftigt sich auch mit der deutschen Mitverantwortung für diesen Völkermord, da die Türkei ein Verbündeter des Deutschen Kaiserreichs war und diese auch mit truppen unterstützt hat - aber trotz Wissens nichts gegen den Völkermord unternommen hat.

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Also....."warum gerade jetzt"....ist so nicht richtig.

Das Thema geistert schon seit langem durch die politischen Gänge.

Auslöser waren dabei Dokumente, Bildmaterial und Augenzeugenberichte von Deutschen, die schon seit etlichen Jahren in den Archiven der BRD von einer in die andere Ecke geschoben worden sind.

Dabei ging es dann erstmal gar nicht so um die türkische (osmanische) Schuld, sondern vielmehr um eifrige Bemühungen deutschen Soldaten des Kaiserreiches Unerfreulichkeiten zu beweisen.

Da dies dann auch noch in Form von Reportagen verfilmt wurde, war das urplötzlich öffentlich, und liess sich als solches nicht mehr unter den Tisch kehren.

Unabhängig dieses Sachverhaltes, der dann auch gar nichts mit der derzeitgen Situation zu tun hat, finde ich persönlich es vollkommen richtig, wenn man hier hinsichtlich der angeblichen sauberen Türkei Klartext redet.

Gerade in Bezug auf die Türkei ist in Begünstigung der geographischen Lage schon viel zu viel und viel zu häufig unter den Teppich gekehrt worden.

Ich darf hierzu erinnern:

  • Genozid an den Pontos-Griechen
  • Progrom von Istanbul
  • Zypern
  • Kurden
  • Aleviten
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deutschland sollte mehr auf ihre eigene probleme reagieren, zumbeispiel warum hier alles so teuer geworden ist. und wie ändert man die preise, und man sollte ml daran denken die gesetzte zu ändrern, anstatt andere themen zu öffnen die nix mit deutschland zu tun  hat.

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Weil es Zeit ist, es so zu benennen was es gewesen ist, ein Völkermord.
Von 2 Mio. Armeniern fanden 1 Mio. den Tod, nicht freiwillig.

Das aber ist es nicht was den Bundestag aktuell motiviert, sondern die Flüchtlingskrise und der Türkei-Deal.
Hier muss eine Grenze gezogen werden, nicht dass Erdogan eventuell auf den Trichter kommt die Geschichte zu wiederholen.

Mithin muss nachgeholt werden was längst überfällig ist.

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Nun es geschah vor 100 Jahren, genau wie die Schlacht vor Verdun, derer auch gedacht wird. Großereignisse, die sich zum 100. Mal jähren, können nicht einfach mit einem bloßen neoliberalen Beliebigkeits-Achselzucken abgetan werden.

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Die Türken tun es ja nicht. Vielleicht muss sich ja mal irgendjemand positionieren...

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