Waren die Kirchen auch an der Verbreitung der NS-Ideologie beteiligt?

7 Antworten

Kommt drauf an.

Die Nazis haben sich ja anfangs ein christliches Mäntelchen gegeben, und viele Christen sind drauf reingefallen. Das ist aber nicht das Gleiche wie "NS-Ideologie vorantreiben".

In den evangelischen Kirchen in Deutschland gab es die "Glaubensbewegung Deutscher Christen" (meist DC abgekürzt), die NS-Ideologie aktiv verbreitete. Außerdem wollten die Nazis eine einheitliche protestantische Reichskirche. Als deren Bischof wurde aber zunächst mal ein Gegner der DC gewählt (Friedrich v. Bodelschwingh d.J.), der aber so gemobbt wurde, dass er schließlich zurücktrat und durch einen DC-Mann ersetzt werden konnte.

Ohne die Unterstützung des Staats wär die DC wohl bedeutungslos geblieben, so konnte sie weite Teile der Kirche "erobern".

Gegen die DC stand die "Bekennende Kirche"; deren führende Mitglieder nach 45 an der (Neu-)Gründung der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) maßgeblich beteiligt waren (am bekanntesten vermutlich Niemöller). Die BK hat gegen die Nazi-Ideologie der DC gekämpft (Arierparagraph in der Kirche, Abwertung des ATs, Umdeutung von Weihnachten und Ostern zu nichtchristlichen Festen etc.), aber politisch im engeren Sinn waren sie keine Antinazis (einzelne Mitglieder schon, am bekanntesten Bonhoeffer).

Ja nachdem, an wen du bei "evangelischer Kirche" konkret denkst, fällt die Antwort also unterschiedlich aus.

Die katholische Kirche konnte nicht so erobert werden, weil da der Papst in Rom das sagen hatte und nicht Wahlen wie in der evangelischen Kirche. Aber auch bei den Katholiken sind manche auf die Propaganda der Nazis reingefallen: Der politische Katholizismus verschwand (die "Zentrumspartei" löste sich auf), der Vatikan schloss ein Konkordat. Doch als immer deutlicher wurde, dass die Nazibewegung antichristlich war, gab die rkk kontra, z.B. in der Enzyklika "Mit brennender Sorge". Im zweiten WK wurde der Papst dann leiser, weil er befürchtete, dass sonst der Vatikan von deutschen Truppen besetzt würde.

Die Freikirchen waren weniger im Visier der Nazis, da gab es keinen "Kirchenkampf" wie in den evangelischen Landeskirchen. Viele standen den Nazis grundsätzlich positiv gegenüber, aber spezielle Naziideologie wurde nicht vorangetrieben. Es gab ein paar Ausnahmen, die sich gegen Naziideologie stellten, aber das waren relativ wenige.

In Sekten war es ähnlich wie bei den Freikirchen, hier gab es allerdings eine Ausnahme, die bis heute dafür sorgt, dass sie nicht vergessen wird: Die "Zeugen Jehovas" (die sich damals noch "Bibelforscher" nannten). Was in erster Linie deshalb so war, weil die Nazis nicht auf ein Friedensangebot ("Wir kämpfen auch gegen Bolschewismus und das internationale jüdische Großkapital!") nicht einging. Die einfachen Mitglieder haben die Verfolgung standhaft ertragen.

Teilweise. Am Anfang hat die katholische Kirche (von den anderen weiß ich nichts) versucht, sich mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren (früher war die Kirche ja noch mächtiger). Ich weiß zB von einem Schreiben, ich glaube von Wiener Erzbischof, das mit „Heil Hitler“ beendet wurde (was später zurückgenommen wurde).

Aber relativ bald hat die Kirche bemerkt, dass Hitler sie nicht in seinen Plänen vorsieht (der hat ja die germanische Mythologie und einen Führerkult propagiert) und dann haben sie sich größtenteils ruhig verhalten, damit nicht aktiv gegen sie vorgegangen wird. Ein paar Leute haben sich natürlich trotzdem gegen das System gewehrt und ein paar Leute haben natürlich freudig den Nationalsozialismus angefeuert, aber die Kirche als Institution hat sich rausgehalten

aber die Kirche als Institution hat sich rausgehalten

Völlig rausgehalten hat sie sich nicht: 1937 erschien die Enzyklika "Mit brennender Sorge", die gegen jede Gewohnheit auf Deutsch verfasst war, damit jeder Katholik von der Kanzel hören konnte, dass Nazismus und Katholizismus unvereinbar sind.

Die Verbreitung der gedruckten Enzyklika, ohne dass die Nazis etwas merkten, so dass sie ungehindert in allen katholischen Kirchen verlesen werden können, war ne organisatorische Meisterleistung.

Daneben hat sich die rkk auch gegen die "Euthanasie" gewandt. Und keineswegs nur der bekannte "Löwe von Münster". Übrigens auch Leute aus der evangelischen Kirche.

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Das lässt sich so allgemein nicht behaupten. "Verbreitung der NS-Ideologie" kann man schon gar keiner Kirche vorwerfen.

Es gab allerdings eine Reihe verfänglicher Kooperation, z.B. das "Das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich von 1933"  und die Zustimmung der (weitgehend katholischen) Zentrumspartei zum "Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933".

Auch gab es in der Weimarer Zeit besonders in katholischen Kreisen antisemitische Zirkel, auf deren Lehren sich später die Nazis stützten.

Auf evangelischer Seite gab es eine "christliche" Nazi-Bewegung (DC), gegen die sich die Bekennende Kirche (BK) wandte. Die BK hat aber weitgehend nur die DC, nicht den Nazismus insgesamt als Gegner gesehen, in deren Reihen und erst recht bei den "Neutralen" gab es da so einige "Verfänglichkeiten".

Auch gab es in der Weimarer Zeit besonders in katholischen Kreisen antisemitische Zirkel, auf deren Lehren sich später die Nazis stützten.

Auf evangelischer Seite gab es die erst Recht. Die Antisemiten haben die Schriften von Luther (der vor ca. 170 Jahren noch allgemein als Judenfreund galt, nicht ganz zu Unrecht), in denen er in den letzten Lebensjahren gegen Juden hetzte, aus der Vergessenheit geholt. Zwischen Luther(tum) und Nationlismus gab es sowieso von Anfang an eine gewisse Beziehung, die die Nazis natürlich auch ausnutzten.

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Hab in paar Stunden dazu die Nachprüfung im Abi: Am 20. Juli 1933 wurde das Reichskonkordat unterschrieben (Vertrag zwischen einem Staat und dem Vatikan)

Diente um die Katholische Institution vor der Gleichschaltung seitens der NS zu schützen: Religionsfreiheit der Katholiken IM GEGENZUG verlangte der NS-Staat, dass Katholische Geistliche sich nicht mehr dafür im NS-Staat politisch engagieren dürfen.

Also: eigentlich nicht; es wurde eher geschwiegen dazu ... Natürlich gab es aber auch Ausnahmen die sich dagegen trotzdem Aussprachen

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

Ja.

Google z.B. mal den "ReiBi", Reichsbischof Müller für die evangelische Kirche.

Auch die katholische Kirche hatte sich mit den Nazis ins Bett gelegt. Google z.B. "Reichskonkordat".

Gruß, earnest

Das war jetzt aber etwas einseitig.

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@helmutwk

Ich wäre der Letzte, der die "Bekennende Kirche" abwerten würde. Oder der etwas gegen Bischof Galen sagt. Oder gegen Menschen wie Bonhoeffer.

Aber hier war die Fragestellung eine andere.

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@earnest
Aber hier war die Fragestellung eine andere.

Die BK hatte mehr Anhänger als die DC, und verstand sich von Anfang an als die wahre Kirche, von der die DC abgefallen waren. Auch die heutige EKD sieht sich in der Tradition der BK.

Deshalb darf man die DC nicht einfach mir der deutschen evangelischen Kirche gleichsetzen. Zur Frage, wie die evangelische Kirche in der Nazizeit war, müssen schon beide Seiten erwähnt werden.

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@helmutwk

Habe ich irgendwo so etwas behauptet? Habe ich irgendwo die BK herabgesetzt, für die ich Hochachtung empfinde? Habe ich irgendwo behauptet, der ReiBi hätte ALLE evangelischen Christen vertreten? Habe ich die "Deutschen Christen" mit der deutschen evangelischen Kirche gleichgesetzt?

Mitnichten.

Noch einmal: Die Fragestellung hier war eine andere.

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@earnest
Habe ich irgendwo die BK herabgesetzt

Du hast die mit Stillschweigen übergnagen und nur die DC (bzw. dreren "Reibi") erwähnt. Das war einseitig. Mehr hab ich auch nicht sagen wollen.

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@helmutwk

Es hätte dich niemand daran gehindert, auf deine eigene Antwort hinzuweisen.

Selbstverständlich steht es dir frei, meine Antwort zu kritisieren. Genau wie es mir freisteht, diese Kritik als ungerechtfertigt zurückzuweisen - so wie ich das hier getan habe.

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