Waren die Deutschen, die nicht jüdisch waren, mit dem Antisemitismus ab 1933 einverstanden?

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9 Antworten

Wenn du Zeitzeugenbericht hörst, dann merkst du einfach, dass ganz viele Deutsche ganz schnell ihr Mäntelchen nach dem Winde gehängt haben.

Plötzlich wurden die Juden alleine gelassen wie Aussätzige, die anderen Kinder spielten nicht mehr mit ihnen, teilweise wurden sie verprügelt, verspottet, gedemütigt, ausgeschlossen, auch von Menschen, die vorher nette Nachbarn oder gar ihre besten Freunde waren.

Es gab auch anständige Menschen, die geholfen haben oder die zumindest bei dieser Ablehnung nicht mitgemacht haben.

aber das herausragende Merkmal war: von heute auf morgen war es anders, von heute auf morgen waren zuvor nette Nachbarn Juden gegenüber plötzlich feindselig.

Mich wundert es etwas, dass das in keiner der anderen Antworten zum Ausdruck gekommen ist.

Daher vermute ich, dass so etwas jeder Zeit wieder passieren könnte, und dass vielleicht die grössten Anti-Nazis von heute morgen die schlimmsten Nazis sein könnten, wenn es plötzlich opportun wäre.

Diese Haltung, "Viele prügeln auf einen ein, er kann uns ja nichts anhaben, wir sind stärker, wir sind mehr" ist in Deutschland meiner Meinung nach weiter verbreitet als in anderen Ländern.

Elementare Menschlichkeit - so etwas mache ich nicht, weil es unmenschlich ist - scheint mir hingegen weniger verbreitet...

earnest 05.07.2017, 16:41

Du bist schon wieder auferstanden?

OneMoreTime?

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Haldor 06.07.2017, 14:53

Ich kann das nur bestätigen, dass es diese Einstellung  bei den Deutschen gegeben hat: Meine Kinder spielen auf keinen Fall mit den Kindern eines Juden! Ob das weit verbreitet war, kann ich nicht beurteilen.

Mann muss überhaupt vorsichtig sein, wenn man von Einzelfällen auf die Allgemeinheit schließt! Viele hatten Angst, ihrer Karriere könnte es schaden, wenn sie sich den Juden gegenüber tolerant verhielten. Es gab eine Menge Denunzianten.

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Zunächst möchte ich festhalten, dass es Antisemitismus auch vor 1933 gegeben hat.

Wer damals antisemitische Einstellungen hatte, legte sie kaum ab, oder? Im Zusammenhang mit der extremen Vorgehensweise gegen Juden denke ich aber auch hartgesottene Antisemiten hatten sobald sie von Verfolgungen und Holocaust hörten erhebliche Selbstzweifel. Wissenschaftlich ist das aber noch nie untersucht worden.

Und man muß auch fragen, ob Hetzreden und der "Stürmer" mit seiner Aufstachelung zum Antisemitismus so große Wirkungen entfalten konnten. Ich denke nach Kriegsbeginn 1939 und 1941 waren Hassreden gegen den Feind in der Hauptsache maßgebend in der Propaganda und der Antisemitismus nur eine Nebensache. 

Vermutlich hatte die Bevölkerung  überwiegend einen ganz einfachen Grund den Antisemitismus gar nicht anzunehmen, weil sie mit ihren Problemen genug zu tun hatten. Also eine egoistische Einstellung hatten.

Ab 1945 war es dann zu Beginn des Zeitalters des Vergessens der Bevölkerung nicht wichtig, was der Antisemitismus unter den Nazis mal war. Wieder hatte die Bevölkerung mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. 


 Also immer noch eine egoistische Einstellung hatten.

Auch bei diesem Ergeignis 1952 gegen den Bundeskanzler war der Großteil der Bevölkerung nicht gerade antisemitistisch eingestellt.


1952 versuchten jüdische Extremisten, den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer zu ermorden.

http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/deutschegeschichte/konrad-adenauer-attentat-wie-der-erste-bundeskanzler-umgebracht-werden-sollte_id_6314332.html

Das muss man sehr differenziert betrachten: Die Deutschen insgesamt haben sich zum letzten Mal bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 frei äußern können. Sie gaben der NSDAP und der DNVP (zusammen) die absolute Mehrheit. Hieraus auf den Antisemitismus der Deutschen zu schließen, ist unredlich. Es ging den Deutschen darum, dass endlich eine starke  Hand mit den verworrenen Verhältnissen der Weimarer Republik Schluss  machte (Regieren war nur per Notverordnungen möglich), vor allem sollte  die „starke Hand“ mit dem Versailler Diktat, das den Deutschen
Reparationen nach dem  Young-Plan bis 1988 auferlegte, Schluss machen.
Hierzu haben die Deutschen der Hitler-Koalition ein normales
demokratisches Gesetzgebungsverfahren ermöglicht, ein Verfahren, das  seit 1930 den verschiedenen Regierungen nicht mehr möglich war.

Dass Hitler hieraus geschlossen hat, er könnte gem. Ermächtigungsgesetz die  totale Macht (am 24.3.33) an sich reißen, liegt nicht mehr in der  Verantwortung der Deutschen. Eine freie Meinungsäußerung war jedenfalls  für die Deutschen spätestens ab 24. 3. 33 nicht mehr möglich; der
Diktator Hitler konnte tun und lassen, was er wollte; wer das Regime trotzdem kritisierte, wer gar Widerstand organisierte, wurde sofort von den Hitler-hörigen Gestapo- und SA /SS-Schergen „abgeholt“. (Beispiel: streikende Arbeiter in Bayern wurden 1936 komplett verhaftet).

Wenn brüllende SA-Leute auf Juden einprügelten, wenn einzelne Deutschen Juden beschimpften, wenn im Reichstag die Abgeordneten die judenfeindlichen Rassegesetze 1935 bejubelten, so kann man von diesen Einzelerscheinungen nicht auf die Einstellung aller 80 Mill. Deutschen schließen; die Deutschen insgesamt jedenfalls konnten sich - wie gesagt - spätestens ab 24. März 1933 nicht mehr frei äußern. Die meisten haben auch schon ab Ende Februar 1933 – aus lauter Vorsicht (angesichts von randalierenden SA-Leuten)  das Maul gehalten.





ChoseNaM 06.07.2017, 21:52

Das Ermächtigungsgesetz wurde ebenfalls nach dem damals gültigen Regeln demokratisch beschlossen, und wäre auch ohne die Verhaftung der Kommunisten durchgekommen... 

Die 2/3-Mehrheit war gegeben, sobald alle Parteien ausser SDP und KP dafür stimmten...

Aber vor allem: es gibt ja nicht nur die Wahlen, es gibt auch die "Zustimmungsraten", die heute durch Umfragen erhoben werden.

Man erforscht immer mehr Volkes Stimme in jener Zeit, durch die Berichte der Geheimdienste (die nicht veröffentlicht wurden, denen die Regierung aber Beachtung schenkte und die sie regelmässig erhob), Tagebuch-Aufzeichnungen, Briefe, etc, und man kommt zu dem Schluss, dass die Grundstimmung der Bevölkerung, abgesehen von den verfolgten Minderheiten, (also von jenen, die direkt etwas zu befürchten hatten), Hitler und den Nazis gegenüber positiv war.

Jüdische Zeitzeugen berichten ziemlich konsistent, dass die Stimmung der Nachbarn, Klassenkameraden, Spielkameraden sich ihnen gegenüber radikal verändert hat, oft von einem Tag auf den anderen.

Der Ausschluss aus Schulen, aus Vereinen, etc - das geschah nicht mit einem Federstrich, dafür mussten Tausende von Vereinspräsidenten, Schuldirektoren, etc. diese Leute ausschliessen.

Die Nazis waren ziemlich sensibel auf Volkes Stimme und brachen z.B. die Aktion T4 aufgrund des Widerstandes ab...

Also zu sagen, dass alle Deutschen unter Zwang standen und dass das ihre einzige Motiavation - das greift meiner Meinung nach zu kurz.

Dann gibt es die zahllosen Intellektuellen, Philosophne, Aerzte, Juristen, Agronomen, Techniker, Geschäftsleute, die sich dem System verschrieben haben - nicht nur, weil es ihnen Vorteile brachte, sondern durchaus auch aus Eifer. z.b. Heidegger, Karl Schmidt, Walter Grundmann, etc.

Die nazis, das waren auch Yuppies - das waren aufstrebende junge Akademiker, die sich dort eine Karriere versprachen, die in dieser Partei ihre Zukunft sahen, unter anderem deshalb, weil sie schnell expandierte und viele Posten zu vergeben hatte...

Die Nazis, das waren auch die ganzen begeisterten Mitglieder der Jugendbewegungen, denen plötzlich Freizeitaktivitäten ermöglicht wurden, die sie vorher nicht hatten, weil die Nazis wahnsinnig viel Geld in Jugendverbände, Prunk-Veranstaltungen, etc. gepumpt habne.

Die Nazis, das waren auch die einfachen Angestellten, die sich über Tonfilm, Volksempfänger und Kraft-durch-Freude-Urlaub freuten... Luxus, den sie davor nicht hatten...

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Haldor 07.07.2017, 14:12
@ChoseNaM

Das ist alles richtig, was du schreibst. Aber die Meinung kann m. E. nicht vertreten werden, die Deutschen insgesamt hätten die Nazis
deshalb sympathisch gefunden, weil die Nazis judenfeindlich eingestellt waren.
Jeder will aus seinem Leben etwas machen; das total herrschende NS.- Regime bot den Deutschen, wie du richtig schreibst, eine Menge Möglichkeiten, Karriere zu machen. Es ist doch so in der Welt, dass der Mensch nicht aus einer Moral heraus nach oben strebt, sondern aufgrund von Ehrgeiz und Willen zur Macht (Nietzsche: Der Mensch ist Wille zur Macht und nichts außerdem). Schon im normalen Leben trifft der Satz Nietzsches zu: „Man
befördert sein Ich stets auf Kosten des Andern!“.

Im Normalfalle spielt dann aber doch die Moral eine Rolle, und zwar im Sinne von Institutionenethik. Die aber war durch die Nazis aufgehoben. Die diktatorische Staatsmacht der Nazis deklarierte eine Gruppe (die Juden) zu Feinden Deutschlands, diskriminierte sie entsprechend, gleichzeitig war zumindest der Eindruck weit verbreitet, ein Eintreten für diese diskriminierte Gruppe bringe erhebliche Nachteile mit sich (während des Krieges begab sich einer, der Juden half, sogar in Lebensgefahr).

Leider liegt es in der Schwäche der menschlichen Natur (nicht nur der Deutschen), dass sich viele der Deutschen von Juden distanzierten (Hilfe konnte man allenfalls heimlich leisten, offenes
Eintreten für Juden hätte gesellschaftliche Nachteile bedeutet. Wer war schon so altruistisch eingestellt, dass er solche Nachteile für sich und seine Familie in Kauf nahm?). Hier moralisch zu werten bzw. zu verurteilen, ist zu billig.

Was sollten die Deutschen auch anders machen? So tun, als wäre alles normal, Juden also wie normale Mitbürger behandeln? Wer das tat, landete sehr schnell auf der Gestapodienststelle; überall lauerten Spitzel und Denunzianten! Wenn es viele taten – ohne Organisation wäre das gar nicht möglich gewesen, die Organisatoren  wären rasch im KZ gelandet.

Das Problem hat der Philosoph Karl Jaspers in seinem Essay
„Die Schuldfrage“ behandelt, und er ist durch den Begriff der „metaphysischen Schuld“ zu einer Lösung gekommen, die m.E. die Unlösbarkeit der Schuldfrage geradezu aufscheinen lässt (deshalb sollte man vorsichtig sein mit billigen moralischen Schuldvorwürfen). Jaspers: „Wenn es geschieht, und wenn ich dabei war, und wenn ich überlebe, wo der andere getötet wird, (auch wenn ich verzweifelt erkenne, dass ich nichts unternehmen kann), so ist in mir eine Stimme, durch die ich weiß: dass ich noch lebe, ist meine Schuld.”  - Die französische Bevölkerung, die 1792 bis 1794 nichts unternahm, als unschuldige Adlige, auch Kinder von den Machthabern zur Guillotine geschleppt wurden, ist also auch metaphysisch schuldig? Hier fehlen mir, angesichts solcher Erkenntnisse Jaspers‘ die Worte, abgesehen davon, dass niemand weiß, wie Gott, gegenüber dem man allein metaphysisch schuldig werden kann, zu dieser Schuldfrage steht.

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Haldor 07.07.2017, 14:22
@Haldor

Ein Wort noch zum Ermächtigungsgesetz. Dass es zustande kam
(immerhin wurde durch dieses Gesetz der Reichstag ausgeschaltet, die Diktatur Hitlers begründet) – was hatten „die Deutschen“ damit zu tun. Dass das E.-Gesetz zustande kam, lag in der Verantwortung der Parteien (deren Fraktionen). Die Deutschen hatten der Hitlerkoalition nicht das Mandat erteilt, die Demokratie aus den Angeln zu heben.

Am 5. März 1933 bekam die Hitlerkoalition vom Wahlvolk das Mandat, Gesetze nach dem normalen Gesetzgebungsverfahren
(Zustimmung des Reichstages mit absoluter Mehrheit) zu erlassen  (nicht mehr und nicht weniger!).  Zur Aufhebung der Weimarer Demokratie hatte das Wahlvolk kein Mandat erteilt.

Die Aktion am 24. März 1933 war nach meinem Verständnis eine Usurpation Hitlers, zumal die Abgeordneten durch Brüllen der SA – und SS- Scharen vor dem und im Reichstag unter Druck gesetzt wurden. Hitler beendete seine Rede zum E.- Gesetz mit dem Satz: „Sie können jetzt wählen: entweder Annahme des Gesetzes oder Krieg!“

(siehe auch Karl Jaspers in „Die Schuldfrage“ S. 63: „1933, als nach dem Verfassungsbruch durch eine Scheinlegalität die Diktatur errichtet wurde…“)

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So allgemein kann man das nicht beantworten. Zu Beginn war wohl ein rechter  Teil der Bevölkerung nicht einverstanden oder beteiligte sich nicht aktiv an der Verfolgung. Doch mit einer unglaublichen Perfidität wurde der Hass auf die Juden von der Presse und der Politik von Tag zu Tag gesteigert. 

Als Beispiel die Gesetze:

http://forge.fh-potsdam.de/~SWABD/gesetze.htm

Viele realisierten, dass da Mitmenschen verschwanden. Doch zu Beginn wussten nur wenige von den Arbeits- und Vernichtungslagern. Ich denke, wenn die Kriegserfolge ausgeblieben wären, dann hätte es die Judenverfolgung in diesem Ausmasse nicht gegeben. So aber wurde auch die Schweigende Mehrheit immer mehr zu aktiven Sympathisanten des siegreichen Regimes.  

Dann realisierten die Menschen auch immer mehr, dass es gefährlich wurde, wenn man sich für Juden und andere Verfolgte einsetzte. 

Hilfe für Juden gab es mehr im Untergrund. Leute aller Gesellschaftsschichten versteckten und halfen den Verfolgten. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung waren es aber wenige. 

BVBDortmund 15.07.2017, 10:12

Aber schweigende Mehrheiten geben nicht unbedingt ihre Einstellung zum Antisemitismus preis.

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Aus deiner Fragestellung ersehe ich, dass du die deutsche Geschichte nicht kennst. Unter der deutschen Bevölkerung gab es viele Deutsche jüdischen Glaubens. Diejenigen, die nich jüdisch waren, das waren die übrigen Deutschen, die die antisemitischen Gesetze Deutschlands größtenteils akzeptiert haben Das waren auch keine ausserirdischen Fremden, nein das waren unsere deutschen Vorfahren, die Großeltern oder Urgroßeltern.

Der Antisemitismus war weltweit verbreitet , nur Hitlers Regierung hat konsequent die Vernichtung der jüdischen Rasse beschlossen. Öffentlich verkündet und durchgeführt. Wer nicht blind war, konnte es sehen. Zu jener Zeit war das "Menschlich- sein" nicht modern. Hör dir nur Hitlers Reden an. Da traute sich keiner zu widersprechen. (Damit erklärt sich auch die Frage, ob sie sich darüber freuten oder ob die geistige Elite auch dafür war.)

nur wenn man gutgläubist waren sie Mitläufer

nein, sicher nicht. Eine ganze Reihe von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in dieser Zeit waren überhaupt nicht vorzeigbar, und schon gar nicht waren sie Bestandteil der propagandistischen Selbstdarstellung des Systems. Natürlich waren die Aktivitäten der Gestapo usw in allgemeiner Form durchaus bekannt und gefürchtet, aber die Mehrheit der Menschen hat sie nicht gebilligt, sie hat nur nicht die Zivilcourage gehabt, sich organisiert dagegen zu wehren.

Dazu sind besonders aufschlußreich, bei sorgfältiger linguistischer Analyse, die Goebbelstagebücher 1933-1945, etwa die parteiimmanenten Kontroversen um die Behandlung von Juden, um die Vernichtung unwerten Lebens, um das Verhalten gegenüber der katholischen Kirche und ihrer Nazi-Kritik (zb Kardinal Graf von Galen), um den Umgang mit jüdischer Hochfinanz an der Wallstreet, um die schweren Kontroversen zwischen Goebbels und Göhring wegen der Reichspogromnacht wegen ihrer Auswirkung auf die Öffenlichkeit und die Wirtschaft.

1934 war es nötig, nach den ersten Massenverhaftungen politischer Gegner, einen riesigen "Feldzug gegen Miesmacher und Kritikaster" zu organisieren, was allein schon darauf hinweist, dass es eben keine breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit gab.

Interessant sind auch Stimmungsberichte, zb des SS Inlandsdienstes, der so eine Art Meinungsforschung betrieb, auch solche Anekdoten in Henry Picker "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, wo beschrieben wird, wie Baldur von Schirachs Ehefrau beim abendlichen "Kamingespräch" Hitler fragt, ob und warum es nötig ist, diese ekelhaften Judentransporte, in Viehwagen, aus Frankreich nach dem Osten zu machen, sie wüßte keinen Reichsbürger, der sowas mitansehen möchte, und sie als gute Deutsche möchte schon gar nicht sowas sehen. Hitler hat die Frau danach ausgeschlossen von seinen geselligen Abenden. Interessant ist das aber als Stimmungsbild. Interessant ist überdies, dass Gefühlsmensch Hitler keine Lazarett und keine KZ-Besuche unternahm und auch von HImmler keine Detail-Berichte wünschte - er sagte, ein Führer dürfe sich nicht in den hässlichen schmutzigen Details verlieren, sondern müsse immer nur das Große Ganze im Auge haben. Der Antisemitismus war ja auch nur ein Teilaspekt des Nationalsozialismus, und die Juden wahrlich nicht seine einzigen Opfer.

Ein Nachbar meines Großvaters hat sich politisch gegen den Antisemitismus und die Rassengesetze  eingesetzt und später auch einer jüdischen Familie geholfen. Dieser Nachbar kam dadurch selbst in Not und mein Großvater unterstütze ihn mit Nahrungsmitteln.

Eines Tages wurde dieser Nachbar von der Gestapo abgeholt. Ein paar Tage später dessen 5 Kinder in ein Kinderheim in eine anderen Stadt verbracht. Nur 2 Tage später war die Ehefrau des Nachbarn verschwunden.

Um es kurz zu machen: Mein Opa sowie meine Oma konnten Juden nicht leiden, waren aber gegen jede Art von Gewalt. Da sie aber panische Angst um ihr Leben und das Leben ihrer 6 Kinder hatten, ließen sie die Dinge um sich herum geschehen und kümmerten sich nicht darum.

So, das waren 2 Deutsche. Jetzt musst du nur noch die Restlichen fragen.

"Die deutsche Bevölkerung" gab es damals so wenig wie heute. Die Einwohner eines Landes sind immer ein Gemisch von Gebildeten, Ungebildeten, Wohlhabenden und Armen, Jungen und Alten.

Es hat damals viele Deutschen gegeben, die schon früh erkannt haben, wohin die ganze Maßnahmen führen. Aber der soziale Druck war groß, und sie passten sich an, verliessen das Land, oder wurden verfolgt. 

Auch viele gläubige Christen sahen mit Sorgen wie die Juden verfolgt und drangsaliert wurden, und versuchten sich zu organisieren. Dietrich Bonhoeffer mit seiner Bekennende Kirche ist im Gedächtnis geblieben, aber es hat auch andere gegeben, die weniger im Rampenlicht standen.

Aber damals wie heute setzt sich nicht immer die Vernunft und das Gute durch.

OneMoreTime10 05.07.2017, 15:41
"Die deutsche Bevölkerung" gab es damals so wenig wie heute"

Deutschland hat keine Bevölkerung?

Ich dachte, Deutschland hat ca. 80 Millionen Einwohner.

Und du sagst, die Zahl ist 0?

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earnest 05.07.2017, 15:43
@OneMoreTime10

Tu nicht so.

Du hast genau verstanden, was Schwervelke gesagt und gemeint hat.

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Bodesurry 05.07.2017, 20:08

Es kommt darauf an, wie man Gläubig definiert. Wenn man es mit Frömmigkeit gleichsetzt, dann waren es, verglichen mit der Gesamtzahl eher wenige, die sich aktiv gegen den Holocaust wandten. 

Nicht einmal die Bekennende Kirche setzte sich so für die Juden ein, wie es möglich gewesen wäre.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bekennende_Kirche

Dietrich Bonhoeffer und einige andere taten es im Geheimen. 

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Schwervelke 05.07.2017, 20:11
@Bodesurry

Stimmt, aber bei allen Menschen ist der Selbsterhaltungstrieb groß,  und dass sich die Gegner der Nazis nicht unbedingt selber gefährden wollen, finde ich verständlich. Dennoch haben sie sich organisiert. Viele taten das nicht, aus Angst, oder auch weil die Propaganda doch langsam Wirkung zeigte, und sie von den Parolen vereinnahmt wurden.

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ChoseUseNam 06.07.2017, 10:31
Aber der soziale Druck war groß, und sie passten sich an, verliessen das Land, oder wurden verfolgt.

Die Aktion T4 (Ermordung von Behinderten) wurde aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung sehr schnell eingestellt.

Es stimmt nicht, dass das Nazi-Regime da einfach oben sein Ding durchzog, während das ganze Volk die Faust im Sack machte.

Die Nazis waren sehr sensibel auf die Reaktionen der Bevölkerung, sie beobachteten ständig, wie die Stimmung war, und sie passten immer auf, dass die Stimmung nicht kippte. Wenn Aktionen grosse Empörung bei der Bevölkerung auslösten wurden sie im Allgemeinen nicht wiederholt oder abgebrochen.

Die Judenverfolgung löste keine grosse Empörung bei der Bevölkerung aus.

Von 1933 bis 1945 erliess die deutsche Regierung fast 2'000 judenfeindliche Dekrete. Es begann sofort nach der Machtübernahme. Diese Dekrete waren öffentlich. Jeder wusste davon.

Diese Dekrete wurden von vielen Einzeltätern umgesetzt. Unzählige Firmenchefs haben jüdische Mitarbeiter rausgeschmissen, unzählige Vereine haben jüdische Mitglieder ausgeschlossen, unzählige Bildungsinstitutionen haben Juden den Zutritt verweigert, unzählige Parkwärter verwehrten Juden den Zugang zu Pärken, unzählige Steuerbeamte haben "Strafsteuern" und "Emigrationssteuern" und wie sie alle heissen einkassiert, unzählige Beamte haben "J" in Pässe gestempelt, unzählige Beamten haben Juden Radios, Fahrräder, Pelzmäntel, Autos, Kunstwerke abgenommen, unzählige Leute haben Juden aus Wohnungen geschmissen, unzählige Leute sind in diese Wohnungen als Nachmieter eingezogen, unzählige Leute haben Gegenstände, Immobilien, Geschäfte unter Wert gekauft...

Und sehr viele haben es leider mit grosser Freude und Ueberzeugung gemacht. Ja, es gab auch welche, die sich schämten, es gab vereinzelt auch Solidaritätskundgebungen, das wird alles sehr dankbar vermerkt.

Aber es waren keine Massnahmen von der Regierung gegen die Bevölkerung. Die Bevölkerung hat schön mitgemacht.

Auch viele gläubige Christen sahen mit Sorgen wie die Juden verfolgt und drangsaliert wurden, und versuchten sich zu organisieren. Dietrich Bonhoeffer mit seiner Bekennende Kirche ist im Gedächtnis geblieben, aber es hat auch andere gegeben, die weniger im Rampenlicht standen.

Ja, auch das hat es gegeben, aber dein Bild ist insofern verzerrt, als das Gegenteil die Mehrheit war, und das, was du hier sagst, die Minderheit...

Auch die Kirchen jeglicher Couleur haben sich in ihrer überwältigenden Mehrheit schön mit dem Regime arrangiert, haben schön ihr Schärflein christliche Judenfeindschaft zum "rassischen" Antisemitismus der Nazis beigetragen, und fanden auch gar nichts dabei...

Was sie an den Nazis störte war eher dieser Allmachtsanspruch der Nazi-Ideologie, mit dem sie sich auch über die Kirchen, über die Religion, über Gott stellten. Das konnten die Kirchen nicht akzeptieren. Aber sie haben weitgehend trotzdem mitgemacht....

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Schwervelke 06.07.2017, 10:37
@ChoseUseNam

".. dein Bild ist insofern verzerrt, als das Gegenteil die Mehrheit war, und das, was du hier sagst, die Minderheit..."

1) Das trifft nicht zu. Ich habe nirgendwo von Mehr- oder Minderheiten gesprochen, sondern "viele" gesagt. "Viele" ist nicht das gleiche wie "die meisten".

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ChoseUseNam 06.07.2017, 11:00
@Schwervelke

ich sage einfach: das Bild ist verzerrt, weil der Widerstand immer so hervorgehoben wird und Kollaboration unter den Tisch gewischt wird.

Du machst das in deiner Antwort auch.

Du redest lange vom Widerstand und "bekennender Kirche", du erwähnst die Kollaboration der Kirchen in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht.

aber natürlich ist es mehr "Feel Good", wenn man nur über Widerstand spricht...

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Schwervelke 06.07.2017, 11:42
@ChoseUseNam

Du projizierst etwas in meine Aussage hinein, was unrichtig ist. Mir ist das Verhalten der Deutschen im Dritten Reich herzlich egal. Damals war ich nicht auf der Welt und meine Eltern waren keine Deutschen. 

Nur habe ich sehr viel gelesen, und mit Menschen gesprochen, die damals geflohen sind, in Widerstand waren, von Krieg profitierten oder gar nichts mitgekriegt haben (wobei ich die auch glaube, denn  sie Propaganda war allgegenwärtig, die wahre Berichte hinkten hinterher). Wenn ich das alles reflektiere, bleibt ein unsicheres Gemisch an widersprüchliche Aussagen. Es gibt gar keine verlässliche Erhebungen über die Meinung, die Gefühle und die Zukunftserwartungen der Deutschen während der NS Zeit. Außerdem änderte sich das Gemenge ja: mit fortschreitendem Krieg und nach den Flächenbombardements der Alliierten dürfte doch der ein oder andere überzeugte Nazi umgedacht haben.

Die Juden waren schon weit vor Hitlers Machtübernahme unter Beschuss geraten, und wurden angefeindet. Das es ein leichtes war, sie für die Wirtschaftskrise und sonstiges Elend verantwortlich zu machen, ist gut nachvollziehbar. 

Aber die Frage lautete ob "die Bevölkerung" mit den Maßnahmen und Gesetzen einverstanden war, lässt sich in dieser zeitlichen Distanz gar nicht ermitteln. 

Und wie gesagt, deine "Feelgood-aussage" ist eine Projizierung, die rein spekulativ ist. Ich bleibe bei allen Nazidebatten immer eine unbeteiligte Ausländerin.

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ChoseUseNam 06.07.2017, 13:29
@Schwervelke

Je mehr geforscht wird, desto mehr erfährt man über die Motive der Täter und über die Stimmung, die in der Bevölkerung herrschte.

Da werden Feldpostbriefe ausgewertet und Gespräche von deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft, immer mehr Archive werden geöffnet, tw. auch von einzelnen Firmen, sowie auch die ständigen Geheimdienst- und Spitzel-Berichte an das Regime, die die Stimmung in der Bevölkerung reflektieren.

Und je mehr man forscht, desto mehr wird der Mythos, der in der Nachkriegszeit in Deutschland gerne gepflegt wurde "Wir waren alle dagegen, aber wir konnten nichts machen" "Aber davon wusste doch niemand", widerlegt...

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earnest 14.07.2017, 21:01
@ChoseUseNam

Hinweis: Auch dieser Nutzer ist inzwischen "inaktiv".

Er ist mit dem Fragesteller identisch.

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Schwervelke 15.07.2017, 13:21
@earnest

Danke! Wie kriegt man so etwas heraus? Dazu muss man doch fast Buch führen über die jeweilige Teilnehmer, oder?

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earnest 16.07.2017, 15:21
@Schwervelke

Nein, Schwervelke.

Man muss "nur" die Masche und den Stil genau erkennen - und von einem bestimmten User in seinen verschiedensten Erscheinungsformen über viele Monate gestalkt worden sein.

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Wieso stellst du dir selbst Fragen und beantwortest sie dann auch selbst mit einem anderen Account? 

earnest 14.07.2017, 20:59

Das ist die Strategie dieses Users mit den inzwischen ca. 25 Accounts: Es soll so aussehen, als sei er VIELE.

Hinweis: Nutzer inzwischen "inaktiv". Jedenfalls in dieser Gestalt.

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Clarissant 14.07.2017, 22:59
@earnest

Es soll so aussehen, als sei er VIELE.

Aber ist das nicht total kontraproduktiv? Gleichzeitig kritisiert er ja selbst, dass viel zu viele Leute nicht genug in der Schule gelernt haben, eine bedenkliche Meinung haben usw. 

Wenn es plötzlich so aussieht, als wären es viele, die seine Meinung teilen, würde er doch sein eigenes Argument "kaputt" machen. 

Er hat bereits einen neuen Account (oder mehrere). Allerdings frage ich mich schon, warum der Support (?) seine Accounts oder Beiträge sperrt/löscht, aber viele andere fragwürdige User munter weiterschreiben lässt. Ich bin nicht unbedingt für Zensur, aber etwas unausgewogen scheint es mir hin und wieder schon. 

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earnest 15.07.2017, 10:10
@Clarissant

Diesem multipersonalen User geht es darum, in jeder seiner Erscheinungsformen immer wieder zu betonen, dass DIE Deutschen - auch die Deutschen von heute - ein "Nazi-Gen" in sich tragen.

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