Waren die allermeisten Leute in der Nazi-Zeit rassistisch?

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In erster Linie waren das normale Leute, die halt eben einem System gefolgt sind, das auf den ersten Blick tatsächlich auch einiges besser gemacht hat-

Natürlich haben wir damals einiges mehr an Rassismus, der einfach vermittelt und in der Gesellschaft auch akzeptiert wird, doch wenn man sich mal anschaut warum die NSDAP gewählt wurde, als sie gewählt wurde, dann würde ich nicht sagen, dass das in erster Linie rassistische Motive waren.

Hitler warb mit vielen Mitteln um Wählergunst, einen Punkt, den er ansprach und der auch heute wieder ganz besonders relevant ist, war die Angst vor Verlufst, die in Zeiten der Weltwirtschaftskrise durch die ganze Bevölkerung ging. Deutschland hatte gerade harte Zeiten überwunden, es hatte die Hyperinflation gegeben usw. und nun halt eben die Weltwirtschaftskrise, die die Menschen erneut verunsicherte. Und Hitler... der versprach Stabilität, der versprach Jobs und zunächst hat er die ja auch geliefert, zunächst hat er die Wirtschaft angekurbelt.

Und obwohl er von vornherein Juden als Feindbild deklariert hat, denke ich kaum, dass die Mehrheit der Bevölkerung ihn wegen seiner Haltung zu den Juden gewählt hat. Stattdessen halte ich mich an Haffner und damit an die Überzeugung, die damals z.B. auch ein Franz von Papen teilte, nämlich dass Hitler in einer richtigen Koalition entsprechend zu bändigen sei. Über die komplette Vernichtung der Juden, die Hitler auf dem Plan hatte, wurde hinweggesehen als 'Spinnerei', die jedoch nicht diesen großen, wichtigen Punkt mit Hitler und der NSDAP als Arbeitsbeschaffer waren.

Ein Typisches Wahlplakat aus der Zeit, das auch in vielen Schulbüchern abgedruckt ist, preist Hitler als letzte Hoffnung... und in Anbetracht der Radikalisierung der Gesellschaft durch die Krise würde ich auch annehmen, dass die Leute EHER zur NSDAP strebten, die es damals geschafft hat eine richtige Volkspartei zu werden mit wählern aus ganz verschiedenen Schichten, während die anderen Parteien und besonders die KPD, die ähnlich radikal war, EHER Klientelparteien darstellten, die entsprechend auch nur vom jeweiligen Klientel gewählt wurden.

Um die Frage nochmal aufzugreifen, denn ich schreibe hier schon wieder einen Roman: Die meisten Leute werden NATÜRLICH rassistisch gewesen sein, was aber daran liegt, dass damals ALLE rassistisch waren. Das war gesellschaftlich akzeptiert. Wenn es darum geht, ob dieser Rassismus dem Nationalsozialismus bzw. der Wahl Hitlers bzw. der NSDAP großen Vorschub geleistet hat, dann würde ich sagen, dass es ggf. ein Punkt gewesen sein könnte, aber kein besonders wesentlicher. Nicht in der damaligen Anfangsphase.

Und mit der Machtergreifung, der Gleichschaltung usw. war das nationalsozialistische Leitbild halt eben Alternativlos für die Menschen, also fand man sich in einer Gesellschaft ein, in der es einem nicht mal zwangsweise schlecht sondern teilweise besser ging als zuvor und nahm eben auch dieses Bild als seines an. Was aber nicht unbedingt rassistisch motiviert gewesen sein nuss.

Nebenbei: Das was du als 'Rassismus' definierst ist eigentlich etwas, das nennt sich 'Chauvinismus'.

Ja, sie waren rassistisch und sie wußten nicht, dass es falsch war.

Für die ganze Welt war es ganz normal Menschen einzuordnen und zu sortieren. In dieser Zeit befaßten sich viele Wissenschaftler und Künstler aller Fachrichtungen damit. In der Kiminologie versuchte man anhand von Rassemerkmalen oder Körpermaßen böse von guten Bürgern zu trennen und huldigte der Schönheit.

Die Vererbungslehren waren gerade sehr modern und man übertrug was man aus dem Pflanzen- und Tierreich wußte auf Menschen. Nicht nur in Deutschland machte man sich auf die suche nach dem perfekten Menschen. Die Wissenschaftler aller Länder versuchten sich zu übertrumpfen mit neuen Erkenntnissen. So wurde die Einzigartigkeit von Fingerabdrücken herausgefunden und Blutgruppen. Verbrecherkarteien wurden mit Fotos angelegt. Dabei musste man die Personen auch beschreiben. Das geschah mit Begriffen die heute undenkbar wären.

Auch Deutschland blickte auf eine Kolonialzeit zurück. Kolonialherr wird man nur, wenn man sicher ist einer anderen Menschengruppe überlegen zu sein.

Zudem gab es in Europa ein starkes Standesbewußtsein. Adelige oder Bürgerliche versuchten sich von weniger vornehmen Menschen abzugrenzen. Man versuchte immer über jemandem zu stehen, so war die allgemeine Hackordnung. Wenn man ganz unten ist, weil man arm oder schwach ist kann man nur noch rassistisch argumentieren, wenn man das weiter machen möchte. Niemand machte den Menschen deshalb Vorwürfe. Somit entstand auch kein schlechtes Gewissen. Man hielt das für die allgemeine Ordnung der Welt. Selbst moralische Instanzen, wie z. B. die Kirchen machten dabei mit.

Ich denke, dass eine grosse Mehrheit der Deutschen in der Nazi-Zeit (und teilweise auch davor und danach) davon überzeugt waren, dass sie, die deutschen "Arier" eine "Herrenrasse" seien, und dass sie das Recht haben, andere Völker, insbesonder Polen, Ukrainer, Tschechen, Russen zu versklaven oder gar systematisch zu ermorden, wie sie es mit Juden, Sinti, Roma und russischen Kriegsgefangenen gemacht haben.

Eine Menge, eine zu große Menge ja, aber nicht die Allermeisten.

Als die Allermeisten gemerkt haben, worauf sie da hereingefallen sind, war es zu spät und hatten Angst ihren Mund aufzumachen, denn das hieße KZ.

Man kann darüber streiten, aber niemand, der heute lebt, kann ehrlich sagen, dass er, bei den Überwachungsverhältnissen die damals herrschten, nicht auch Augen und Ohren verschlossen hätte...

Als ob "Mein Kampf", in dem ja alles schon stand, wirklich gelesen wurde, die meisten waren froh, etwas zu essen zu haben... Zumal das Buch selbst für Interessierte kaum zu lesen ist. Und bei der Bildung damals erst recht nicht...

Übrigens war der Antisemitismus, besser die Judenfeindlichkeit, damals --und vorher schon-- ein europäisches Problem und wurde bis zum Kriegsbeginn von anderen europäischen Staaten sogar hingenommen. Oder war Chambelain wirklich so naiv, das alles nicht zu sehen?

Dass allerdings die industrielle Vernichtung nur von deutscher Seite ausging, ist unbestritten und kann auch nicht schön geredet werden. Auch dass manche "normale" Deutsche zu bestialischen Tätern wurden. Niemand wurde gezwungen KZ-Wächter zu werden, aber die die es wurden, haben ihre schon vorhandene perverse Art brutal ausgelebt...

Von wegen "ich habe nur meine Pflicht getan"...

Wie gesagt, den Rassismusvorwurf kann man sicher keiner Mehrheit vorwerfen, dass sich zu wenige getraut haben dagegen vorzugehen schon.

Übrigens werden ja jedes Jahr die Männer des 20.Juli gefeiert. Ich frage mich warum machten die es erst '44?

Als Antwort bekommt man immer wieder die Begründung, dass Hitler bis' 42 militärische Erfolge vorweisen konnte... Na und...?

Tätig wurden die also erst als es den Bach runter ging, waren also nicht unbedingt gegen den Krieg...

Und deshalb sind für mich die Scholls und vor allem Georg Elser die wahren Helden......

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