Warauf soll es hindeuten, wenn einer eine sehr gute Aussprache beim Sprechen einer Fremdsprache hat?


22.10.2021, 14:28

Ich möchte auch hinzufügen, dass die Aussprache nicht nur sehr gut ist, sondern auch einem spontan fällt.

4 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Für mich spielen bei der fremdsprachlichen Artikulation vier Faktoren eine Rolle:

  • ein gutes Gehör, und zwar ausdrücklich nicht nur in Bezug auf die Hörfähigkeit, die natürlich wichtig ist. Essentiell für die Artikulation "fremder" Laute und Lautverbindungen ist die auditive Differenzierung - die Fähigkeit, auch ähnliche Laute voneinander zu unterscheiden. Ich meine zu wissen, dass du frankophon bist, richtig? Die nasalierten Vokale sind für Menschen mit Deutsch als Muttersprache fremde Laute; es gibt sie im deutschen Lautsystem einfach nicht. Um diese nun richtig zu artikulieren, müssen sie diese voneinander unterscheiden können: Der Nasalvokal in "dans" ist ein anderer als der in "en" und wieder ein anderer als der in "bon". Gerade die Nasalvokale in "dans" und "bon" sind schwer zu differenzieren.
  • eine sehr gut ausgebildete orofaciale Sensomotorik: Kleinkinder bis zum etwa 12. Lebensmonat können in der Regel alle Laute aller Sprachen artikulieren (lernen). In der 2. Lallperiode vom 6.-12. Monat sortieren Sie die Laute aus, die für die sie wichtige(n) Sprache(n) nicht benötigt werden. Mitunter können bestimmte Laute dann auch nicht mehr artikuliert werden, weil das Bewegungsmuster nicht ausgeführt werden kann. Um fremde Laute zu artikulieren, muss das Bewegungsmuster ggf. neu erlernt werden, was umso leichter fällt, je besser die Muskulatur und die Sensibilität im Mund-Nase/Hals-Bereich ausgebildet sind und je präziser Bewegungen in diesem Bereich ausgeführt werden können. Um fremde Laute zu artikulieren, muss ein fremder, ungewohnter Bewegungsablauf gesteuert werden können, der nicht in bekannte Muster abrutscht bzw. mit ihnen zusammengestellt werden.
  • Unabdingbar ist auch muttersprachliches Feedback. Zum einen sind bestimmte phonetisch-phonologische Unterschiede gar nicht bewusst, weil sie wirklich fein sind und erst wahrgenommen werden, wenn man darum weiß. Zum anderen unterscheiden sich Eigen- und Fremdwahrnehmung in zweierlei Hinsicht: Was ich von mir höre, wenn ich spreche, ist durch die Mitbeteiligung der Knochenleitung anders als das, was andere hören, die nur über die Luftleitung hören. Zudem braucht ein Mensch, der eine Fremdsprache lernt, Rückmeldung von muttersprachlichen Menschen - von Experten der Sprache.
  • Ein letzter Faktor ist die Theorie. Es ist hilfreich zu wissen und nachvollziehen zu können, wie ein bestimmter Laut artikuliert wird. Die Artikulationskategorien sind Artikulationsort, Artikulationsart und Stimmbeteiligung. Damit werden Laute in der Theorie genau beschrieben; sie helfen bei der Umsetzung in die Praxis und ermöglichen den Abgleich der Praxis mit der Theorie.

Auditive Differenzierungsfähigkeit, die orociale Sensomotorik und das deklarativ-prozedurale Wissen kann man grundsätzlich ausbilden und trainieren. Das fällt manchen Menschen leichter als anderen, manche brauchen länger als andere und dabei spielen auch die Lernbereitschaft, das Interesse und die zugeschriebene persönliche Bedeutsamkeit eine Rolle. Dies ist dann aber nicht artikulationsspezifisch, sondern betrifft das Lern- und Arbeitsverhalten allgemein.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Gute Antworten sind nicht selbstverständlich. Gern geschehen

Vielen Dank für den Stern! Er freut mich wirklich sehr! 🍒

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Da kann Verschiedenes hinter stecken:

Vielleicht hat die Person generell eine besondere Sprachbegabung; vielleicht hört sie genauer hin als andere; vielleicht hatte sie beim Lernen den gezielten Anspruch, eine besonders gute Aussprache zu entwickeln; vielleicht hatte sie sehr viel Übung im echten Dialog...

Glaubst nicht , dass alle eine seht gut Aussrpache haben würden, wenn sie die Möglichkeit hätten?

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@Derwissengierig

Hm. "Möglichkeit" ist ein dehnbarer Begriff. Meinst Du eher didaktisch oder intellektuell?

So oder so: Nach meiner Erfahrung muss ich das verneinen. Es gibt einfach Menschen, denen es fürchterlich schwer fällt, sich in eine fremde Sprache "hineinzufühlen".

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@Cooper73

Meinst du mit "hineinfühlen", dass sie eine gute und deutliche Aussprache entwicklen können oder mehr als nur das?

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@Derwissengierig

Nein. Als Sprachlehrerin kann ich dir sagen, dass manche einfach nicht das Ohr oder die Artikulationswerkzeuge für die Fremdsprache haben - auch wenn sie noch so viel üben.

Kannst du auch deutsche Dialekte gut imitieren? Das ist fast noch schwieriger als eine Fremdsprache einigermaßen akzentfrei zu sprechen.

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@adabei

...ich muss bei diesem Thema immer an meinen Freund Lutz im Französischunterricht denken: "Dong le grong magasäng Monoprix." - absolut hoffnungsloser Fall 😄

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@Derwissengierig

Ich kann das auch nur zu einem gewissen Maß, habe aber einen Freund, der so gut wie jeden Dialekt perfekt imitieren kann.

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@adabei

Wenn einer sowohl die Strukturen als auch eine klare Aussprache wiedergeben kann, hat das mit Sprachbegabung zu tun? Ich berücksichtige in diesem Fall nicht die die Fähigkeit, rezeptiv zu sein.

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@adabei

Könnte einer verrückt sein, weil dieser Jemand die Aussprache sehr gut imitiert?

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@adabei

Die Artikulationswerkzeuge haben sie in der Regel schon, denn die unterscheiden sich ja nicht. Ihnen fällt es nur schwer, die fremden Artikulationsmuster zu realisieren.

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Du hast wahrscheinlich ein gutes Gehör.

Die gute Aussprache sagt aber noch nicht unbedingt etwas darüber aus, ob du auch die Strukturen einer Sprache beherrscht.

Es kommt auf die Fremdsprache an. Den typischen Sound von Spanisch oder Italienisch kriegt man ja sehr leicht hin. Das kann man schon als Anfänger besser als z.B. Polnisch nach Jahren oder Chinesisch im ganzen Leben. Das gilt für mich und sicher für viele andere, es gibt aber auch Leute, die behaupten Chinesisch sei einfach - auch von der Aussprache her. Kann ich nicht nachvollziehen, aber vermutlich ist das für die so. Manche sind Genies und könne alles, ich gehöre leider nicht dazu.

Was denkst du, hat das Deutsche eine schwierige Aussprache?

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@Derwissengierig

Ich würde sagen vielleicht "mittelschwer". So kommt das rüber wenn man sich Sprachvideos über Deutsch bei Youtube mal anschaut. Lerner beklagen sich eher über die schwere Grammatik als über die Aussprache. Dagegen gibt es z.B. bei Polnisch und Dänisch viele, die Probleme mit der komplizierten Aussprache haben.

Es geht auch darum, welche Muttersprache jemand hat, der Deutsch lernt. Ostasiaten haben mit europäischen Sprachen immer große Schwierigkeit, genauso wie wir andersherum mit Chinesich oder Japanisch.

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@Tarzanoid

Ich stimme dir zu. Französich ist wohl die Sprache mit der schwierigsten Aussprache. Vielleicht soll der Sprecher zuerst sehen, ob er die französiche AUssrpache meistert. Aber auch danach, wie soll man es interpretieren? Ist das etwa Sprachbegabung?

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@Derwissengierig
Französich ist wohl die Sprache mit der schwierigsten Aussprache.

Ich denke gerade an die afrikanischen Knack- und Klicklaute. An die arabischen Rachenlaute.

Ich wage deine Aussage zu bezweifeln, weil der Schwierigkeitsgrad auch von Faktoren abhängt, die mit der Sprache nichts zu tun haben.

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