War dieses Gebiet wirklich 700 Jahre Deutsche Heimat?

8 Antworten

Das Schild ist richtig, sofern damit gemeint ist, dass in diesen Städten seit über 700 Jahren deutschsprachige Einwohner lebten und ihre Heimat hatten. Denn im Mittelalter eroberten und christianisierten deutsche Fürsten nach und nach slawische Gebiete östlich des damaligen "Deutschland" (genauer gesagt des Heiligen Römischen Reiches). Der deutsche Ritterorden unterwarf die heidnischen Pruzzen, um sie zu christianisieren, und gründete im späteren Ostpreußen einen Ordensstaat. Damit das Land mehr Steuern einbrachte, holten die neuen Herren v.a. ab dem 13. Jh. Fachkräfte aus dem Westen ins Land, die Erfahrung mit moderner Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Städtebau hatten. Interessenten gab es genug, denn in Mitteleuropa herrschte ein Bevölkerungsüberschuss. So kamen Menschen aus Deutschland, Holland und Belgien nach Schlesien, Preußen und andere Regionen Ostmitteleuropas.

Allerdings heißt das nicht, dass diese Gebiete seither rein deutsch waren. Slawische Dörfer, Städte und Fürsten gab es dort schon und gab es auch weiterhin. Die Neusiedler haben sich neben den alteingesessenen Polen, Schlesiern, Kaschuben und Prußen niedergelassen. In manchen Regionen ist diese durchmischte Sprachlandschaft bis zu den Vertreibungen im 20. Jahrhundert erhalten geblieben. In anderen Gegenden hat sich mit der Zeit eine Sprache durchgesetzt. Deutsch- oder holländischsprachige Siedler haben sich ihrer slawischen Umgebung angepasst oder umgekehrt.

So gab es bis ins 17. Jahrhundert hinein in Ostpreußen noch Leute, die Prußisch gesprochen haben (die baltische Sprache der Urbevölkerung, verwandt mit Lettisch und Litauisch). Die sind auch nicht ausgestorben, sondern irgendwann hat die jüngere Generation eher deutsch gesprochen und hat die Sprache ihrer Vorfahren verlernt.

Staatlich gesehen war dort auch nicht alles "Deutschland". Deutsche Dörfer gab es auch weiter im Osten, bis hinein nach Russland. Und Ostpreußen beispielsweise gehörte nie zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation! Erst 1871 kam Ostpreußen als Provinz des Königreichs Preußen erstmals zu Deutschland. Und einige größtenteils deutsche Handelsstädte hatten sich schon im 15. Jahrhundert dem polnischen Königreich angeschlossen, um vom Deutschordensstaat wegzukommen. Erst als Russland und Preußen im 18. Jh. das Königreich Polen zerschlagen und zerstückelt haben, wurden viele polnische Gebiete (deutsch- wie auch polnischsprachige) von Preußen annektiert.

Das Schild ist also von der Zeitangabe her in etwa richtig, aber in der Aussage natürlich sehr vereinfacht.

Sogar sehr viel länger, denn die Slaven sind erst im 6. Jhrd. aus der russischen Steppe in den Raum westlich der Weichsel eingewandert.

Um die Zeitenwende wurde Schlesien von Silingern, Vandalen, Lugiern und anderen germanischen Völkern besiedelt. Für diesen Zeitabschnitt sind Schriftzeugnisse antiker Autoren fassbar, die das Gebiet in ihre Berichte über den als Germania magna bezeichneten Siedlungsraum zwischen Rhein und Weichsel einbezogen.

Nach dem Zerfall des Karolingerreich wurde Schlesien böhmisch-mährisch, später dann österreichisch-habsburgerisch und dann preußisch. Einen historischen Anspruch haben die Polen nicht. Breslau ist eine Gründung der heutigen Tschechen.

Nur sind Silingen, Wandalen und Lugier keine Deutschen. Deutsche gab es um die Zeitenwende noch gar nicht. Ab der Spätantike gibt es Völker (Alamannen, Franken, Thüringer, Bajuwaren usw.), aus denen sich später (ab dem 8.-10. Jh.) die Deutschen herausgebildet haben. Das waren aber alles westgermanische Stämme.

Die genannten Völker in Osteuropa waren Ostgermanen, wie Goten und Burgunden. Deutsche waren und sind das ebensowenig wie die Nordgermanen (Norweger, Schweden usw.).

Schlesien gehörte im 11./12. Jahrhundert zeitweise zu Polen und wurde von Polen aus christianisiert. So wurde das Bistum Breslau vom polnischen König gegründet. Im 12. Jahrhundert zersplitterte Polen und Schlesien wurde unter einer polnischen Herzogsdynastie quasi unabhängig und erst im 14. Jh. wieder Böhmen unterstellt.

Das begründet natürlich keinen Anspruch, genausowenig wie irgendwelche Germanen vor 2000 Jahren, eine Stadtgründung im Mittelalter oder die kriegerische Annektion des österreichischen Schlesien durch Preußen im 18. Jh.

2
@Archaeopterix

Du scheinst nicht zu wissen welche Bedeutung der Ausdruck "diutisc" im althochdeutsch besaß. Aus diesem Begriff entstand nach der 2. Lautverschiebung das Wort Deutsch.

Deutsch ist daher keine Volksbezeichnung sondern die gemeinsame Sprache des Volkes und deren Sprecher nannte man Deutsche.

Ludwig der Deutsche, der Enkel des Karl d. Gr und späterer König des fränkischen Ostreiches , war ein Franke. Den Zusatz der Deutsche bekam er weil er die Sprache des Volkes sprach, im Gegensatz zum Adel und Klerus, die nur Latein sprachen.

0
@Karl37

Ich verstehe nicht ganz, was du damit sagen willst. Mir ist allerdings schon klar, dass das Wort "thiudisk" ursprünglich lediglich "volksmäßig" bzw. "volkssprachig" bedeutete. So ist es z. B. einmal auch in England für die Volkssprache im Gegensatz zum Latein verwendet.

Die Bedeutung hat sich aber in der Folge auf die westgermanischen Sprachen bzw. Dialekte im Frankenreich verengt. Denn dort hat sich aus den durch Eroberungen der Franken in einem Staat vereinten Völker der Alamannen, Bajuwaren, Sachsen, Hessen, Franken usw. mit der Zeit ein neues "Volk" herausgebildet - eben die Deutschen. Von der Bezeichnung für ihre Sprachen ist der Begriff schon im Laufe des Mittelalters als Volksbezeichnung übernommen worden. "Deutsche" in diesem Sinne gibt es daher frühestens seit dem Frühmittelalter. Ostgermanische Stämme waren an der Volksbildung der Deutschen nicht beteiligt, ihre Sprachen zu dieser Zeit sogar teilweise schon ausgestorben. Man kann sie daher wohl kaum als Deutsche bezeichnen, auch wenn es im 18./19. Jahrhundert sehr beliebt war, alle germanischen Stämme nachträglich als "Deutsche" zu vereinnahmen. Sachlich historisch gerechtfertigt ist das nicht. Das wollte ich hauptsächlich mit meinem Kommentar aussagen.

Im Westfrankenreich gab es übrigens auch eine Volkssprache, die im Gegensatz zum Latein der Gelehrten stand. Die wurde aber nicht "diutisk" genannt, sondern als romanische Volkssprache oder später "französisch" bezeichnet.

Ludwig der Deutsche bekam seinen Zusatz nicht wegen seiner Sprachkenntnisse, sondern weil er den östlichen Reichsteil regierte. Diese Region rechts des Rheins hieß in Anlehnung an die antike Geographie "Germania" und dementsprechend nannte man Ludwig II. "rex Germaniae" oder "rex Germanorum". Den Zusatz "der Deutsche" hat er erst nachträglich durch die Geschichtsschreibung im 18./19. Jahrhundert erhalten.

2

Ja klar. Seit der deutschen Ostkolonisation zwischen dem 8. und dem 14. Jahrhundert sind Ostpreußen, Pommern, Schlesien und das Sudetenland von Deutschen besiedelt, die natürlich deutsch sprechen. Die Städte sind nach deutschem Stadtrecht organisiert und gehören zum Hl. Römischen Reich Deutscher Nation bzw. zum Deutsch-Ordensgebiet. 700 Jahre stimmt also durchaus.

Was möchtest Du wissen?