War der Mensch damals emotionaler?

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19 Antworten

Ich habe meine Bachelorarbeit in Literaturwissenschaften über eine ähnliche Fragestellung geschrieben. Schon da habe ich den Ansatz vertreten, dass die kanonische Auswahl meist mit einer Expertise von Empfindsamkeit verbunden ist.

Es ist überhaupt nicht so, dass es nicht "unbekanntere" Autoren gegeben hätte, die nicht viel normaler, ausgeglichener geschrieben hätten.

Im Literaturkanon sind extrem viele depressive und hochempfindsame Autoren, weil sie eben so sehr in das emotionale Detail gehen konnten. Schaut man genauer hin, wird man über Tagebücher etc. bemerken, dass viele dieser Menschen unglaubliche Probleme in diesem Leben aufgrund ihrer Empfinsamkeit hatten.

Ich glaube überhaupt nicht, dass Menschen früher emotionaler waren. Im Gegenteil ging es nach vielen Sachberichten in unteren Gesellschaftsschichten viel schroffer und pragmatischer zu als heutzutage. Auch verständlich, weil die Existenznot eine realistischere Bedrohung war.

Die überlieferten bzw. später kanonischen Texte repräsentieren als Durchschnitt keineswegs das Leben der Zeit.

Hallo rosepetals, 

es ist schwer, dass Heute mit dem Damals zu vergleichen, denn das Heute gibt es zwar nur einmal, aber es gab ganz viele Damals. Es gab darin Epochen, in denen die Literatur sehr gefühlsbetont war, und andere in denen sie es weniger war. Die heutige Zeit gehört eher zu den letzteren. Das liegt aber weniger kaum, dass die Menschen weniger emotional sind. Vor allem haben sie in einiger Hinsicht die Möglichkeit, Emotionen direkter zu zeigen als durch die Produktion und  den Konsum von Literatur. Wenn Du "Psychologie" in einen Themenkatalog bei gutefrage aufnimmst, kannst Du lesen, wie hochemotional heutige Menschen sind. Emotionen zu leben ist heute in mancher Hinsicht leichter als früher. Man denke nur daran, wie viele Emotionen in Liebe und Sexualität stecken. Desto mehr sie früher unterdrückt waren, desto mehr mussten sie sich in der Literatur einen Ausweg suchen.

Die Zeit, in der die großen griechischen Tragödiendichter geschrieben haben, war nur ein einziges Jahrhundert, das sechste a.C.n. Sie wurde abgelöst durch die Zeit der klassischen Philosophie, die gar nicht emotional war. Naja, fast gar nicht, wenn ich an Platos Symposion denke.

Es ist Aufgabe der Tragödie, Emotionen zu wecken, insbesondere Trauer. Aber es geht auch um religiöse Emotionen. Der Mensch ist den Göttern ausgeliefert. Shakespeare hat die Tradition aufgegriffen als Genie. Lessing hat darüber ausführlich geschrieben in seiner Hamburger Dramaturgie.

Letztes Jahr habe ich im Hamburger Schauspielhaus den Medea-Zyklus gesehen mit Maria Schrader in der Hauptrolle. Weinend habe ich das Theater verlassen (nach fünf Stunden Tragödien).

Sehr emotional waren auch Sturm und Drang und dann die Romantik, also insgesamt etwa 1800 bis 1850. Bert Brechts episches Theater war dann das Gegenteil; es wurden zwar auch Emotionen dargestellt, aber nicht zu dem Zweck, sie im Zuschauer zu wecken.

Als relativ sehr emotional habe ich auch die Werke der russischen Klassiker der zweiten Hälfte des 19.Jh. empfunden, die französischen derselben Zeit waren es wohl auch, aber ich habe sie nicht gelesen. Man muss dabei aber natürlich auch berücksichtigen, wer denn solche Bücher gelesen hat. Das einfache Volk sicher nicht.

So viel für diesmal.

Herzlich

Ottavio

Hallo!

Ich denke eher sogar das Gegenteil: Früher stand man weniger zu seinen Gefühlen, so war es z.B. auch verpönt, dass Männer geweint haben oder in irgendeiner Weise Emotionen gezeigt haben. Ebenso war das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern oder gar Großeltern viel distanzierter als heutzutage!

Ich erkläre das von dir Beobachtete in der Sehnsucht nach Gefühl, die in der Literatur verarbeitet wurde ---------> literarisch kann man nämlich "frei sein" & alles schreiben, wonach man sich im Herzen sehnt.. auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass es jemals eintrifft, man kann sich dadurch allein schon befreien, wenn man sowas ausschreibt.

Ich finde eher, dass die Leute heute emotionaler geworden sind, auch wenn oft von einer Ellenbogengesellschaft die Rede ist (oft auch sogar berechtigt!). Sie sind heute viel freier, die Gesellschaft ist liberaler was Gefühle gerade bei Männern betrifft & man darf sich diesbezüglich mehr erlauben :) Mein Eindruck!

Hoffe, ich konnte helfen... übrigens eine sehr gehaltvolle & gute Frage :) DH!

Goethe lebte zur Zeit der Romantik. Und dass es da besonders gefühlvoll zuging, kann man vermuten. Bzw. die Begriffe Romantik, Roman, romantische Stunden etc. leiten sich von dieser Stilepoche ab (der Begriff kommt aber etymologisch von lingua romana („romanische Sprache“)). Man muss aber nicht davon ausgehen, dass die normale (Land-)bevölkerung bzw. der dritte Stand (98% der Bevölkerung) so gelebt haben, wie man es in Dramen vorgeführt bekommt. Bis zum 18. Jahrhundert war z.B. die Zweckehe üblich, bei der es nicht um Zuneigung etc. ging.

Kommentar von Quark1992
04.05.2016, 10:07

Aber Goethe selbst zählt mehr zur Klassik. Nur so als Randbemerkung aber sonst gute Antwort (:

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Nur die extrem emotionalen Werke haben die Zeit überdauert. Was weniger mitreißend war, ist in der Versenkung verschwunden.

Außerdem wurden viele Geschichten fürs Theater geschrieben. Weil ein Zuschauer keinem stundenlangen Monolog folgen kann und man ohne teures Opernglas auch keine Mimik erkennt, mussten Gefühle auf der Bühne durch irrwitzige Gesten ausgedrückt werden.

Wow, das ist tatsächlich mal eine gelungene Frage. Grundsätzlich sind literarische Werke jeglicher Art natürlich fast immer in einem gewissen Rahmen erfunden, daher ist es sicherlich hier und da etwas ausgeschmückt. Auf der anderen Seite gibt es da dieses Sprichwort, "Der Dame den Hof machen", was halt so viel heißt wie sie um ein Date/Ehe zu bitten. Und allein die Formulierung sollte einiges aussagen. 

Ich denke nicht das die Leute unbedingt emotionaler waren, nur dass sie dies viel mehr gezeigt haben. In unserer heutigen Gesellschaft sind wir alle von so vielen Informationen und Menschen umgeben, dass wir oft gar nicht mehr die Möglichkeit haben uns 100% so zu verhalten, wie wir das manchmal gerne würden. Viele Dinge wurden damals vermutlich eher als normal angesehen und das motiviert dann die Massen sich dementsprechend anzupassen. Natürlich gab es schon immer eine Art "cool sein" aber wie das dann genau aussieht ist eben immer eine Frage der Zeit in der man gerade lebt. 

Die Menschen sind genauso emotional. Die Werte sind andere. Heutzutage reissen sie sich die Haare aus wegen einem neuen Stück Metall und Plastik und weinen wenn sie einen "Star" beim Dummrumstehen zusehen dürfen. Liebe und Familie sind abgelöst durch Beziehungen und Partnerschaften. Die konsumeristische Gesellschaft ist eine absolute Karrikatur von einer Menschheit. Und wäre lächerlich wenn es nicht so ernst wäre, geht es doch um unsere Zukunft.

die gesellschaft über ihre literatur bewerten? dann wirds ja in ein paar jahren interessant, wenn einer wie du eine ähnliche frage aufwirft, und über eine zeit nachdenkt, in der die meistverkauften werke titel tragen wie: "harry potter", "twilight" und "shades of grey" :)

lustigerweise vergleichst du obendrein äpfel mit birnen - die klassischen werke sind im wesentlichen aus griechenland, italien, spanien, also länder, in denen die menschen doch eher dem bild des impulsiven und theatralischen südländers entsprechen - und die z.b. deutschen stücke sind diesem vorbild nachempfunden

auf der anderen seite hast du literatur aus dem deutlich weniger aufbrausenden mittel- und nordeuropa, inklusive der ehemaligen europäischen kolonie usa, obendrein aus einer zeit des gutmenschendiktats und der selbstzensur

wo soll den auch emotionalität herkommen, wenn jeder satz argwöhnisch darauf untersucht wird, ob er auch wirklich nichts gegen behinderte, frauen oder ausländer enthält, um gottes willen keine rollenklischees bedient, umweltfreundlich und vegan ist, sich gegen atomkraft, tierversuche und rassismus stellt, die gleichheit der religionen betont, sich von jeder art von extremismus distanziert, und als neue götter angebissenes obst und meerjungfrauen anzubeten hat...?

die literatur von heute wird durch das ungeschriebene verbot beschränkt, die gesamtheit der phantasie nutzen zu dürfen, alles hat politisch korrekt zu sein

ich würde liebend gerne einen roman lesen, der mit dem satz beginnt: "ich hasse kinder, hunde und türken" - nicht weil ich etwas gegen kinder, hunde oder türken hätte, sondern weil es eben eine andere sicht auf die dinge wäre, weil es endlich mehr wäre, als nur die üblichen geschlechterkampfkomödien, in denen zuverlässig die männer als sexgierige trottel und die frauen als bemitleidenswerte opfer dargestellt werden

aber in einem land, das mittlerweile vom reichssicherheitshauptamt in istanbul aus zensiert wird, braucht man literarisch auf absolut nichts mehr hoffen...

Kommentar von rosepetals
05.05.2016, 16:57

Zuerst sprichst du davon politisch korrekt sein zu müssen (anbei: von diesem Muss hab ich, in meinem eher dörflichen Lebenslauf, ja noch nie was gehört), und dass jeder so sehr darauf achtet, ob das in jedem Satz so ist und Sexismus (Rollenklischees) gehören zu der Liste. Danach bewertest du sexistische Romane (Geschlechterkampfkomödien) als üblich. Das war ein wenig unstimmig.

Zu dem Obst muss ich dir zustimmen. Aber auch dazu kann man argumentieren, dass sie wenigstens Obst sind und die Zeit während und nach der Industrialisieren/Mobalisierung ein Motorad ist (um deine Metapher weiterzuführen).

Und ich glaube trotzdem, dass sich Gesellschaftliches in einem Roman widerspiegelt, versteckt in den Zeilen und durch die Augen des Autoren gesehen, natürlich.

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Zu dieser Zeit gab es keine Computer und kein Internet. Die Menschen wurden von den Medien nicht mit idealen Vorstellungen von Aussehen und Sex überschüttet.

Die Menschen heute sehen sich Filme ab, wo einem der Kopf abgetrennt wird und werden dadurch emotional abgestumpft.

Kommentar von rosepetals
04.05.2016, 17:24

Da möchte ich doch noch etwas dazu sagen.

Schon immer gab es eigentlich einen "Idealmenschen", beispielsweise im antiken Griechenland wurde Sport, neben Bildung, als hohe Muse angesehen.Oder man sehe sich die Statuen an, die Michelangelo bildete.

Zum Zweiten gab es damals auch Gladiatoren. Bestimmt hast du schon einmal davon gehört: Menschen werden von anderen Menschen und Tieren in großen Arenen getötet. Und das sogar im echten Leben und nicht nur auf der Leinwand.

So weit auf die Antike und auf die Neuzeit bezogen. Spricht man aber über die Lebzeiten Goethes/Jane Austen kann das stimmen! Aber die Bücher kommen ja sozusagen aus beiden Epochen.

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Kommentar von mychrissie
05.05.2016, 10:07

Heute schauen wir uns solche Filme an, wissend, dass es Fiktion ist.

Früher wurde Verurteilten auf dem Marktplatz der Kopf abgetrennt, sie wurden von Pferdegespannen in vier Teile zerrissen oder ihnen wurden mit schweren Wagenrädern von oben bis unten die Knochen zerstampft, damit man sie besser aufs Rad flechten konnte, wo sie dann den Raben überlassen wurden, denen wurden auch die Leichname der Gehenkten überlassen, die zur Abschreckung öffentlich hängen blieben, bis sie auseinanderfielen.

Und diese Spektakel durften sogar kleine Kinder mitansehen, die wurden sogar hochgehoben, damit sie es besser sehen konnten. Man hielt das für einen sinnvollen Teil der Erziehung.

In diesen Zeiten wären Menschen niemals auf die Idee gekommen ein Grundgesetz zu schaffen, das die Würde des Menschen schützt. Von wegen weniger abgestumpft!!!

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Allgemein gesehen und auf die Allgemeinheit gesehen waren die Menschen früher gewiss nicht emotionaler als heute.

Im "Zeitalter der Empfindsamkeit", insbesondere im "Sturm und Drang" und daran anschließend in manchen Trivialromanen wurde aber eine emotionale Sprache gepflegt. Das vielleicht berühmteste Beispiel findet sich in Goethes Werther: "[...] sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: »Klopstock!« – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! Hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und möcht' ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!"

Als er das schrieb, war Goethe mitnichten depressiv. Er war nur (nachdem er Friederike Brion verlassen hatte) dabei, die Enttäuschung zu verarbeiten, dass Charlotte Buff ihrerseits ihn nicht heiraten wollte. 

Nein.

Rechtstechnisch z.B.war die Ehefrau kraft Gesetz dem Ehemann gegenüber zu Gehorsam verpflichtet. Erbrachte sie keine ansprechende Gehorsamsleistung, war der Mann berechtigt sie körperlich zu züchtigen.

Berufstätigkeit und der Zugang zu höherer Bildung war Frauen verboten.

hallo rosepetal,

vielleicht hat sich an der emotionalen mentalität der menschen nichts geändert. noch heute schwärmen leser/filmkonsumenten über romantische gefühle, träumen und wollen ihre sehnsüchte ausleben, werden von mitgefühl ergriffen und weinen mit ihrem gegenüber oder können sogar in wut und zorn die hand gegen ihre liebsten erheben. an der intensität hat sich nichts geändert, nur die stilmittel sind etwas moderner geworden.

aber auch durch die offene gesellschaft hat sich unser verständnis zur liebe mit all ihren facetten verändert -  damals skandalöse liebesempfindungen und sehnsüchte sind heute nicht mehr skandalös. "eine geschiedene frau verliebt sich neu" ist in unserer heutigen zeit völlig normal und akzeptiert.
und was normal und akzeptiert wird, braucht keine ausschmückende erklärung. daher könnte der eindruck entstehen, dass die intensität der gefühle in unserer heutigen zeit schwindet.

In der Epoche der Stürmer und Dränger haben sich die Leute ausschließlich auf ihre Gefühle konzentriert, genauso wie in der Romantik. 
Fazit: ja damals waren die Menschen emotionaler. <3

Ob die Menschen früher wirklich emotionaler waren, glaube ich schon.  Sie waren auf jedenfall anders.

In Bücherm werden allen Situationen sicher etwas dazugefügt. Reine Tatsachen schreiben, würde keinen Leser mitreißen.

Das ist heute nicht anders als damals.

Was heute so vieles anders macht, sind die Medien.

Wurde früher mal irgendwo jemand umgebracht, oder in Afrika brach ein Bürgerkrieg aus, so erfuhren es die Leute, wenn überhaupt, erst Wochen später.

Heute wissen es alle innerhalb weniger Minuten. Siehe Facebook oder Twitter.

Wie sollen da noch zwischenmenschliche Emotionen aufkommen. Geredet wird kaum noch, nur noch geschrieben.

Wenn man sich dann doch einmal trifft, müssen erst einmal andere gefragt werden, was sie sagen sollen und wie sie sich verhalten sollten.

Da müssen ja die Gefühle bzw. Emotionen auf der Strecke bleiben.

Es könnte an der heutigen Gesellschaft liegen, das keine Emotionen mehr gezeigt werden, da man sofort dafür verurteilt wird.

Glaube eher, dass die Menschen damals einfach wie die von heute waren.

Nur eben ohne technischen Fortschritt und nicht soviel Bildung.

Sie waren ABERGLÄUBISCHER, das waren sie, oh ja!

wie ist das heute mit filme? sind die filme 100% realtiät? oder viele %?

in bücher oder theater möchte was ausdrücken und damit über-oder untertreibt man?

frage mal bei

http://compgen.de/

nach wie die welt in welcher zeit diese sehen?

das sind viel die in kleinarbeit in der geschichte der kleine leute suchen?

In dem Fall ist das der damalige Literaturstil

Kommentar von JBEZorg
04.05.2016, 11:50

Wir haben diesen "Literaturstil" noch gelebt. Und so alt sind wir garnicht.

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