Wandlung von étois zu étais?

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1 Antwort

Diese Form (françois) entspricht der frz. Rechtschreibung vor 1835, die damals schon nicht mehr der Aussprache entsprach. 1835 wurden also Rechtschreibung und Aussprache (durch die Académie française) einfach aufeinander abgestimmt.

Voltaire hatte eine solche Reform schon im 18. Jahrundert verlangt, jedoch erfolglos. Deshalb hat er sie in seinem Werk Le Siècle de Louis XIV (1751) aus eigenen Stücken in die Praxis gesetzt.

Es ist also nicht überraschend, dass Lessing in Minna von Barnhelm die alte Form beibehält, es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass Ricauds Französisch ja ein gesprochenes sein soll, und dass die frz. Aussprache von "oi" damals noch sehr schwankend war.

Herzlichen Dank für diese kompetente Antwort.

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@KHLange

Gerne!

Inzwischen habe ich den Punkt recherchiert, der mir noch nicht ganz klar war, und zwar: ab wann wurde das "oi" tatsächlich "ai" ausgesprochen. Das Ergebnis sieht so aus:

Schon im 17. Jahrhundert steht in einschlägigen Büchern, dass "ai" die gängige Aussprache sei und "ouè" die gehobene. Ménage, der damals eine Autorität war, bemerkt 1672, dass "ai" aus diesem Grund (gängige Aussprache) vorzuziehen sei.

Es ist also davon auszugehen, dass Ricaud seine Tiraden "modern" ausspricht, also mit "ai".

Es bleibt die Frage, warum die alte Rechschreibung "oi" so lange vorherrschend war. Eine überzeugende Antwort ist, dass die offizielle Rechtschreibung seit dem 14. Jahrhundert die des Parlaments (1345 in Paris gegründet, ursprünglich eine rechtssprechende Einrichtung) war, also eine hochwichtige Institution, deren normative Leistung dann im zentralisierten Frankreich selbstverständlich weitergewirkt hat.

LG


 

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