Wäre eine Wiedervereinigung Koreas auf Grundlage der nordkoreanischen (Juche-)Ideologie denkbar (und 2 weitere Fragen)?

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5 Antworten

Dass die Nordkoreaner eine Wiedervereinigung auf Basis ihres eigenen Systems anstreben, ist doch kein Wunder: nach Darstellung der dortigen Regierung ist Südkorea ein von den USA kontrollierter Marionettenstaat, der nur als riesige Kaserne für US-Soldaten herhalten muss. Sie sehen somit sich selbst als die einzigen wirklichen Vertreter eines unabhängigen, freien Koreas.

Eine Wiedervereinigung ist in ferner Zukunft sicher nicht vollkommen unmöglich - sie erfordert aber einen gewaltigen Kompromiss zwischen allen involvierten Mächten. Wenn diese Wiedervereinigung "auf Augenhöhe" stattfinden soll, dann muss sich Nordkorea reformieren und wenigstens in Ansätzen liberalisieren. Sonst wird es bei einer Wiedervereinigung einfach vom Süden "aufgefressen" - ähnlich wie die DDR, die am Ende nur noch wenig mehr als eine heruntergewirtschaftete westdeutsche Kolonie war.

Ich gehe davon aus, dass ein vereintes Korea auf chinesischen Druck sozusagen vertraglich "zwangsneutralisiert" wird. Es würde dann eine Art blockfreier Staat werden, wohl mit einem marktwirtschaftlichen System, aber einer politischen Ausrichtung nach schweizer Modell. Damit könnte sich wohl auch China arrangieren - eine Vereinigung unter Führung Südkoreas würde man in Peking hingegen niemals zulassen, und auch die Amerikaner sind keine allzugroßen Freunde eines vereinten Koreas... Vorallem aus wirtschaftlichen Gründen:

Vorsichtige Prognosen gehen davon aus, dass ein vereintes, marktwirtschaftliches Korea innerhalb weniger Jahre Japan in Sachen Wirtschaftsleistung überflügeln und ziemlich schnell zu einer ökonomischen Führungsmacht in Ostasien werden würde. Für die USA bedeutet dies den Verlust von militärischem Einfluss, kontrollierbaren Märkten und politischem Mitspracherecht. Das ist nicht die Entwicklung, die man sich in Washington D.C. wünscht.

Welche Folgen eine solche Entwicklung im Norden hätte, darüber kann man nur spekulieren. Man weiß nicht, wie diese Gesellschaft tickt. Es ist durchaus möglich, dass eine plötzliche Entmachtung der Kim-Dynastie zu Protesten und Unruhen führen würde. Das ist ein weiterer Grund, warum man den Norden bei einem solchen Prozess nicht einfach übergehen kann. Wir wissen zu wenig über das Land und seine Bewohner, um hier genaue Prognosen machen zu können.

Es käme ganz auf die Auslegung der Chuch'e-Ideologie an.

Klar, dass Nordkorea ein vereintes Korea unter Kim jong-un nach dieser Ideologie begrüssen würde.

Ob ein  vereintes Korea unter "Führung" von Südkorea ohne Kim jong-un, aber mit den wirtschaftlichen Errungenschaften des Südens, erwünscht wäre, das ist schwer zu beantworten. Es käme wahrscheinlich auf die Gesellschaftsschicht an. Die Armeeführung hätte Angst um ihre Privilegien und deren Angehörige müssten die Arbeitslosigkeit befürchten. Auch die Elite dürfte eher dagegen sein.

Die einfache Bevölkerung dürfte in dieser Frage gespalten sein. Freuen würden sich Familien, welche durch den Krieg getrennt wurden. Junge Erwachsene, für die nord-koreanischen Verhältnisse gut ausgebildet, würden  gute Zukunftsaussichten sehen und wären auch dafür. Viel Mühe dürfte die restliche Bevölkerung von Nordkorea haben. Ihnen würde über Jahrzehnte der Führerkult beigebracht. Sie hätten, neben der begrüssenswerten Verbesserung der Lebenssituation, grosse Mühe in einem kapitalistisch geprägten Korea zu leben.

Die Südkoreaner sind sich  in dieser Frage auch nicht einig. Nicht in Frage kommt für die meisten Bewohner ein gemeinsames Land unter Kim jong-un. Sonst sehnen sich viele nach einer Vereinigung. Fürchten aber gleichzeitig die wirtschaftlichen Folgen in den ersten Jahren danach.

 

Brausenkiller2 06.10.2017, 02:40

Wieso sollte sich Nordkorea mit China wiedervereinigen? Was würde das denn bringen? Gar nichts!

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Ich kenne einige Leute, die privat in Nordkorea waren und sich dort relativ frei bewegen konnten und auch Videos machen konnten, ohne daß sie ständig überwacht wurden. Natürlich sind viele dort eingeschüchtert und den Umgang mit Fremden nicht gewöhnt und ängstlich. Es gibt aber auch viele, die mittlerweile relativ offen sind und sich vorsichtig der westlichen Lebensweise anzunähern versuchen. Vor allem in Grenznähe zu China, in der Hauptstadt und in der (leider wieder geschlossenen) Sonderwirtschaftszone macht sich das bemerkbar. Vielfach werden CDs und DVDs über die Grenze geschmuggelt und die Leute kriegen langsam mit, daß es in der Welt etwas anders aussieht, als ihnen täglich im Fernsehen gezeigt wird. Insgesamt ist es aber ein sehr langwieriger und schleichender Prozeß und wir sollten uns da keinen Illusionen hingeben.

Ich habe bisher praktisch keine Nordkorea-Dokumentation gesehen, die ohne überheblich-unverständigen Kommentar ausgekommen wäre.

Die - eh schon durch mehrere Filter ausgewählten - Bilder werden in ihrer Interpretation übelagert von Sätzen wie "Unsere Bewacherin kommt eilig herbei", "Unser Interviewpartner wirkt eingeschüchtert".
Das mag durchaus so sein; was mich irritiert, ist das ständige Bemühen, es mir auch noch zu erklären, über eine notwenige Übersetzung koreanischer Dialoge hinaus. Ein unbezweifelbares Bestreben nordkoreanischer Öffentlichkeitsarbeit, das Land überhöht positiv dargestellt zu wissen, verkompliziert sich dabei durch ein europäisch geprägtes Unverständnis und Misstrauen.

Es ist ein wenig so, als würde eine nordkoreanische Filmcrew Bundesbürger zu "Politik" interviewen und hinterher nachteilig feststellen, dass fast alle Interviewten das Wort "Demokratie" sagen.

Von koreanischer Wiedervereinigung verstehe ich zu wenig.

hguzregtfc 13.08.2017, 22:48

Das mag zwar gut und wahrscheinlich auch sehr möglich wahr sein, aber die Nordkoreaner träumen von einer Wiedervereinigung. Diese wäre aber für uns als "Kapitalisten" unmöglich vorzustellen, dass das Juche-System sich dann im wiedervereinigten Korea durchsetzt. Aber das beobachte ich schon länger so. Ich beschäftige mich ja nicht erst seit gestern mit Nordkorea. ^^

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Die südkoreanische Bevölkerung möchte zwar auch eine Wiedervereinigung, nicht jedoch unter der Herrschaft von Juche.

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