Wäre ein Anschluss Oblast-Königsberg schädlich gewesen?

8 Antworten

Erst mal zum historischen Hintergrund:

Dass Gorbatschow Deutschland die Rückgabe des sowjetischen Teils von Ostpreußen angeboten habe, ist ein Gerücht, das im Internet so gern und so oft weitergestreut wird, dass man bei einer Google-Suche massenhaft darauf stößt, in mannigfaltigen Varianten und mit den phantastischsten Ausschmückungen. Die Legende hat aber wohl einen wahren Kern: 1990 soll ein sowjetischer Generalmajor der deutschen Botschaft in Moskau Gespräche über die "Frage des nördlichen Ostpreußens" angeboten haben. Das war 2,5 Monate vor der Unterzeichnung des 2+4-Vertrags. Die deutsche Seite hat abgewunken. Das hat jedenfalls der Spiegel 2010 berichtet:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wiedervereinigung-moskau-bot-verhandlungen-ueber-ostpreussen-an-a-695928.html

Klar wird daraus nur: Es war kein direktes Angebot von Gorbatschow oder der sowjetischen Regierung, und es wurde mit keinem Wort eine Rückgabe Ostpreußens angesprochen. Ob der Generalmajor von der Regierung autorisiert war, was das Ziel des Vorstoßes war - zumindest aus den mir zugänglichen Informationen bleibt das alles unklar. Vorstellbar ist, dass das auf eine Art Freihandelszone hinauslaufen sollte, mit der das Königsberger Gebiet wirtschaftlich entwickelt werden sollte.

Kann man sich aber auch vorstellen, dass die Regierung das Gebiet an Deutschland abstoßen wollte? Ausgeschlossen! Damals gab es ja die Sowjetunion noch, und das Gebiet war noch keine Exklave wie heute. Die Sowjetunion war gerade dabei, ihre Verbündeten in Osteuropa zu verlieren. Das war schon ein Schock für die Weltmacht. Und da sollte sie noch eigenes Territorium, auf dem fast ausschließlich Russen wohnen, an den Westen abgeben? Egal ob verschenkt oder teuer verkauft - Gorbatschow hätte sich in der Sowjetunion unmöglich gemacht mit einem solchen Vorschlag. Daher gibt es auch die Vermutung, das Ganze könnte eine Finte gewesen sein, um Gorbatschow zu diskreditieren. "Die Regierung führt Geheimverhandlungen, um russische Erde und sowjetische Militärstützpunkte an den Westen zu verschleudern!" Mit der Schlagzeile hätte man einen Putsch beginnen können. Und geputscht wurde dann 1991 ja tatsächlich.

Hätte Deutschland auf das Angebot eingehen sollen? Zu der Zeit wurde über die Wiedervereinigung von BRD und DDR verhandelt. Schon davon waren nicht alle ehemaligen Alliierten spontan begeistert. Gerade die Briten und Franzosen hatten Bedenken gegen ein so großes und starkes Deutschland. Manche befürchteten, ein wiedervereinigtes Deutschland würde in früheres Machtstreben verfallen. Solche Ängste würden sich natürlich bestätigt fühlen, wenn mit der Wiedervereinigung sich Deutschland plötzlich um Ostpreußen bemühen würde. In Polen würden alle Alarmglocken angehen, dass als nächstes doch auch die polnischen Grenzen wieder in Frage gestellt würden. Solche Verhandlungen hätten das Potential gehabt, schlimmstenfalls die 2+4-Verhandlungen zu sprengen. Erst recht natürlich, wenn Gorbatschow deswegen gestürzt worden wäre und z. B. eine Regierung aus Militärs an die Macht gekommen wäre. 

Wäre eine Rückgabe für Deutschland verlockend? Ganz nüchtern betrachtet wohl kaum. Deutschland hätte eine mehrere 100 km entfernte Exklave bekommen, die fast ausschließlich von Russen bewohnt ist, vernachlässigt, mit Altlasten verseucht, wirtschaftlich wohl nicht selbständig lebensfähig. Selbst die Wiedervereinigung haben wir noch nicht verdaut.

Ich denke: Über das Finanzielle hinaus ist es natürlich ein Stück ehemaliges Deutschland, um das man bei realistischen Chancen hätte verhandeln müssen. Nur war das weder damals noch heute realistisch. Die Risiken allein schon der Aufnahme von Verhandlungen waren dagegen groß und unkalkulierbar, was man dafür bekäme eine absehbare finanzielle und politische Belastung. Letztlich hätte sich kein vernünftiger Staatsmann auf so etwas eingelassen. Ich halte es ohnehin für ausgeschlossen, dass jemals ernsthaft eine Rückgabe im Raum stand.

Das Nationalgefühl wäre meines Erachtens mit Königsberg auch nicht schneller oder mehr zurückgekommen als mit der Wiedervereinigung. Das ist heute kein Vergleich mehr mit der Zeit vor 1989!

Als "Gründungsort Deutschlands" kann man Königsberg übrigens wirklich nicht bezeichnen. Die Hauptstadt Preußens war damals Berlin, nicht das abgelegene Königsberg. Nur am Rande: Meines Wissens hat Ostpreußen vor 1871 staatsrechtlich nie zu "Deutschland" gehört - weder zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation noch zum Deutschen Bund.

"Meines Wissens hat Ostpreußen vor 1871 staatsrechtlich nie zu "Deutschland" gehört - weder zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation noch zum Deutschen Bund"

Richtig. Königsberg war Krönungsort Preussens und gehörte immer nur zu Preussen. Zum Deutschen Reich erst ab Bismarcks Reichsgründung. 

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@HansH41

Du vergisst den Vertrag von Wehlau aus dem Jahr 1618.

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@Karl37

Der Vetrrag von Wehlau ist aus dem Jahr 1657. Was er mit dem Thema zu tun haben soll, ist mir unklar.

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@Karl37

Durch den Vertrag von Wehlau wurde (Ost)Preußen 1657 unabhängig von Polen, zu dem es bis dahin gehörte. Teil Deutschlands wurde es damit aber noch lange nicht.

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Es gab kein solches offizielles Angebot. Es gab einen Alleingang eines sowjetischen Generals, der wohl in der damaligen Umbruch- und Chaoszeit sein eigenes Süppchen damit kochen wollte.

Mit einer Abtrennung der Oblast Kaliningrad und einer anschließenden Angliederung an Deutschland hätte man viel zu vielen auf die Füße getreten.

Da wären zunächst die Bewohner dieser Oblast gewesen. Das sind in erster Linie Russen, die nach dem zweiten Weltkrieg dort angesiedelt wurden und dieses Gebiet als legitime Kriegsbeute betrachteten und nicht im Traum daran gedacht hätten, es wieder herzugeben. Die Tatsache, dass darunter auch viele sowjetische Militärs waren, hätte das noch verstärkt. Die Oblast Kaliningrad in NATO-Hand - ein Kreml-Chef, der dieses Angebot ernsthaft gemacht und durchgezogen hätte, hätte das zumindest politisch nicht überlebt.

Dann wären die Polen gewesen, die einen solchen Schritt kaum akzeptiert hätten. Eine "Rückgabe" Ostpreußens wäre für die Polen nur das Vorspiel für eine Rückgabe ehemaliger deutscher Gebiete im heutigen Polen gewesen. Unvorstellbar!

Die Westalliierten sahen in der Bundesrepublik zwar einen wichtigen Partner, doch hatten die gar kein Interesse daran, die Bundesrepublik noch größer und mächtiger zu machen, als sie durch die Einverleibung der DDR werden würde. Ihnen war es wichtig, eine deutsche Hegemonie in Europa so lange wie möglich oder für immer zu verhindern. Die wären damit nie einverstanden gewesen und das Projekt Vereinigung hätte daran scheitern können.

Die Bundesregierung hatte daran kein Interesse, weil es mehr gravierende Probleme gegeben hätte, als eventuelle Vorteile.

Langer Rede kurzer Sinn, es war eine Schnapsidee, die politisch nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig die Wiedervereinigung war. Nicht wegen der Russen, nein, Gorbatschow war ein edler Mann. Wegen der westlichen Alliierten, an der Spitze Margaret Thatcher. Sie, die mit der Handtasche auf den Tisch geschlagen hat, wenn sie sich nicht durchsetzen konnte, hat Kohl immer wieder gefragt, ob er vergessen hätte, dass Deutschland den Krieg verloren hat. Erst nachdem die Amerikaner (Reagan) der Wiedervereinigung zugestimmt haben, und sich die Franzosen enthalten haben, blieb ihr Wiederstand erfolglos.

Was glaubt ihr, wieviel Gegenwind Kohl bekommen hätte, wenn er auf das Angebot Königsberg zurückzubekommen, eingegangen wäre.

Ich bin leider erst 18. Folglich habe ich die Wende verpasst. Kannst du mir etwas über diese Britin und den damaligen Ablauf berichten?

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@Lasse16

Ich könnte dir persönliche Eindrücke berichten, da ich damals in England studiert habe. Aber das kannst du nicht schulisch verwerten. Lies nach bei 

Klaus-Rainer Jackisch Eisern gegen die Einheit Magaret Thatcher und die deutsche Wiedervereinigung

oder

http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-einheit-fuer-thatcher-war-deutschland-eine-gefaehrliche-kroete-1.28579

http://www.spiegel.de/einestages/margaret-thatcher-und-die-wiedervereinigung-a-951099.html

http://www.zeit.de/2000/40/Ein_englisches_Dilemma

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@HansH41

Ich hörte gerade dir Rede des damaligen US-Außenministers Baker am Sarge von Dietrich Genscher, die er auf Deutsch schloss mit den Worten: "Gott segne Deutschland".

Das wäre Margaret Thatcher nie von den Lippen gekommen.

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