Wäre Afrika nicht noch rückständiger, wenn die Kolonialisierung nicht gewesen wäre?

13 Antworten

Dein Beitrag zeigt, Du hast Dich nicht ganz mit der Geschichte befasst: Afrika ist ein Kontinent. Schon vor Ankunft der Europäer gab es funktionierende Staaten, so die Königreiche der Ashanti, der Bakongo, von Benin, das Songhay-Imperium, um nur einige zu nennen. Viele dieser Königreiche hatten sogar Armeen. Daher gelang es den Portugiesen nicht, alle Königreiche zu unterwerfen. Sie konnten nur Stützpunkte errichten, hatten aber auf das Hinterland kaum Einfluss. Ein bedeutendes Beispiel ist z.B. El Mina in Ghana, eine Festung der Portugiesen, die aber allenfalls ein paar Dörfer der Umgebung umfasste. Zumeist war das auch in Gebieten, wo Stämme lebten, nicht aber existierende Staatswesen. Der König des Königreiches der Bakongo z.B. lies sich von den Portugiesen taufen und auch Diplomaten lies er ins Land. Aber den Portugiesen gelang keine umfassende Eroberung Afrikas. Die Inseln- Kap Verde und Sao Tome und Principe- waren unbewohnt und wurden von Sklaven für den Zuckerrohran- und abbau bevölkert. Anhand des Kleinstaates Guinea-Bissau sieht man, dass Portugal nur Küstenregionen oder wie die vorgelagerten Bissagos-Inseln erobern konnte. Angola und Mosambik waren das Ergebnis von rießiger Landfläche, die einfachen Stämmen gehörten, die dann von den Portugiesen (leider) versklavt und nach Portugiesisch-Amerika (Brasilien) verschifft wurden. Funktionierende Staaten konnte Portugal in der Regel nicht erobern, nicht mal Fürstentümer. Bei der Afrika-Konferenz in Berlin 1885 gab es schließlich noch das Britische Ultimatum geben Portugal was Afrika anging, so das Portugal Teile des heutigen Simbabwe und Botswana den Briten überlassen musste, sonst wäre es zu einem lusitanisch-britischen Krieg gekommen, den Portugal niemals hätte gewinnen können.  Der damalige Unterhändler für Portugal bei der Afrika-Konferenz, der Marques de Penafiel- vom deutschen Kaiser sehr geschätzt und in Deutschland damals der berühmteste Portugiese- versuchte soviel wie möglich von Afrika für Portugal herauszuholen, was ihm nur in soweit gelang, dass wenigstens die Provinzen Portugiesisch-Westafrika (Angola) und Portugiesisch Ostafrika (Mosambik) sowie Portugiesisch Guinea (Kap Verden, Sao Tome und Principe und Guinea-Bissau) bleiben konnten.

1975 wurden alle Länder portugiesischer Zunge im Zuge der Nelkenrevolution ein Jahr vorher unabhängig. Portugal begründete einen eigenen, kleinen "Commenwealth", nämlich die CPLP- Communiade de Paises de Lingua Portguesa" zu der neben Brasilien und Ost-Timor auch die heutigen afrikanischen Staaten Republik Kap Verden, Republik Sao Tome und Principe, Republik Guinea-Bissau, Volksrepublik Angola und Republik Mosambik gehören. Portugal hat heute ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu seinen ehemaligen Kolonien und mischt sich - anders als Briten und Franzosen- nicht in die inneren Angelegenheiten dieser Länder ein.

Das fortschrittlichste dieser Länder ist Kap Verde, dass viele auch deutsche Touristen empfängt, als einziges Land Schwarzafrikas kostenlose Schulspeisung für Kinder anbieten kann, niemals einen Militärputsch hatte und eine funktionierende Demokratie ist und kürzlich sogar die Einführung der Schwulenehe dort diskutiert wurde (Parlament ist noch am diskutieren).

Ich bin Halbportugiese. Bitte entschuldige meinen ausführlichen Text, ich interessiere mich stark für die Geschichte Portugals und damit auch für die Länder portugiesischer Zunge. Zu den Briten und Franzosen dort kann ich Dir leider weniger sagen. Vielleicht hilft Dir dieser Text ein wenig. Viele Grüße.

Hallo giovanii,

Die Entwicklungsgeschwindigkeit spezifischer Menschengruppen hängt offenbar eng mit der Anzahl der Menschen und wahrscheinlich auch der verschiedenen Kulturen zusammen, die miteinander in Kontakt standen.

Eine chinesische Historikerin äußerte sich mal in einem Interview: "Die Römer wollten Seide und wir hatten Seide, also haben wir es geliefert!"

Das bedeutet, obwohl es keine direkten Kontakte gab, kannten die antiken Römer und die Chinesen sich. Und außer Seide im Tausch für Gold haben die Händler sicher auch Berichte der jeweils fernen Kultur zum besten gegeben, wenn sie in China, bzw. in Rom waren. Für den euro-asiatischen Raum sind Fernkontakte also belegt.

Aber für Afrika gilt das ähnlich. Bereits die Ägypter hatten Kontakte, teils kriegerische, mit dem Sudan und Äthiopien. Man darf davon ausgehen, daß antike Sudanesen und Äthiopier ihrerseits Kontakte zu anderen afrikanischen Staaten hatten und die Römer standen mit Ägypten in Kontakt und haben es zuletzt gar beherrscht.

Ein anderer Kontakt sind die Karthager, über die man wegen der punischen Kriege und der totalen Vernichtung durch Rom, herzlich wenig weiß. Gesichert ist aber, daß den Karthagern die britischen und kanarischen Inseln bekannt waren. Man vermutet, daß sie an der afrikanischen Küste auch weiter nach Süden vorgestoßen sind.

Afrika ist somit kein unbekannter Kontinent gewesen, sondern stand im Austausch mit dem euro-asiatischen Großraum, weshalb es sehr wahrscheinlich ist, daß die dortigen Kulturen sich auch eigenständig mehr oder weniger ähnlich wie die euro-asiatischen entwickelt hätten. Der Kolonialismus hat Afrika eher behindert.

Etwas anderes sind Amerika und Australien, die beide bis zur Ankunft der Europäer keinerlei Kontakte hatten - möglicherweise waren die Wikinger vor den Spaniern in Nordamerika, aber bis zu den Mayas und Inkas hatte sich das offenbar noch nicht herumgesprochen - beiden war das Rad völlig unbekannt.

In der Antike gab es auch Kolonialismus, aber der war vor allem ein Kolonialismus in direkten Nachbarstaaten/-Völkern. Der neue, europäische Kolonialismus war geprägt durch das Zusammenspiel einiger Innovationen, speziell hochseetauglicher Schiffe und moderner Waffentechnik. Das war bis dahin einmalig, was den durchschlagenden Erfolg erklärt. Die Chinesen kannten zwar auch Kanonen und Hochseeschiffe, aber nach einer einmaligen, kurzen Periode von Expeditionen wurden Hochseeflotten auf kaiserlichen Befehl dauerhaft verboten und das blieb so bis zur Ankunft der Europäer.

Der euro-asiatisch-afrikanische Siedlungsraum hätte sich ohne die Kolonialisierungsphase vermutlich langsamer, aber nicht zwingend anders entwickelt (in Afrika vermutlich besser). Der amerikanische und australische Siedlungsraum aber schon.

Die Fragestellung, ob man unbedingt Technologie entwickeln muß und ob man das als höhere Zivilisationsstufe betrachten kann, muß man eindeutig bejahen! Der Mensch ist grundsätzlich neugierig und das schließt jede Möglichkeit der Weiterentwicklung zwingend ein. Deshalb kann man Ur-Amerikaner und Ur-Australier nicht als weniger intelligent betrachten. Die hatten nämlich das Problem, daß sie erst sehr spät in diese Siedlungsräume gezogen sind und eine kleinere Gruppe waren (Amerika), oder daß sie eine viel zu kleine Gruppe waren (Australien).

Gruß

Die Frage ist: Müssen alle Menschen so leben wie wir? Man kann sich ja auch funktionierende Gesellschaften vorstellen, die ohne Autos und Strom auskommen. Insofern ist "Rückständigkeit" ein Begriff, der die Welt von Europa aus denkt.

Bei Star Trek gibt es die "Oberste Direktive", die sagt, dass sich die Förderation nicht in Zivilisationen einmischt, die noch keine Raumreisen machen können. Erst wenn sie die Warp-Reise erfinden, nehmen sie Kontakt auf - denn dann würden sie sich früher oder später ohnehin begegnen: http://de.memory-alpha.wikia.com/wiki/Oberste_Direktive

Die Sache ist halt: Wenn man sich einmischt, ist man für die Folgen verantwortlich.

Es gibt noch vereinzelt solche Inseln und Gebiete in Südamerika. Es ist interessant zu sehen, ob diese in 500 Jahren immer noch auf dem Entwicklungsstand verharren.

Womit sich die Frage stellt, ob unser Fortschritt nicht noch mehr auf Krieg beruht, als wir landläufig annehmen.

Wobei es die Afrikaner ja noch "gut hatten", die Indianer wurden nahezu vollständig auf dem nordamerikanischen Kontinent ausgerottet.

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@RischijKot

Es ist allgemein der Wettbewerb. In seiner Extremform ist das dann der Krieg.

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Wir können doch nicht halb Afrika bei uns aufnehmen, oder?

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