Vergleich Seelenmodell Aristoteles und Freud

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Bis wann soll denn der Vergleich fertig vorgelegt werden?

Günstig ist, etwas aus zentralen Schriften zu lesen, zumindest einige Stellen zum Belegen der Darstellung zu verwenden: Aristoteles, Περὶ ψυχῆς (Über die Seele; lateinisch: De anima); Sigmund Freud, Das Ich und das Es (1923)

Bei Aristoteles und bei Freud (Instanzenmodell) gibt es eine Dreiteilung und eine Stufung. Was Freud als Aufteilung in einem Strukturmodell/Instanzenmodell vornimmt, ist aber nicht jeweils ein Gegenstück (zum dem dann möglicherweise andere Auffassungen bestehen) zu Teilen/Kräften/Funktionen/Aktivitätszentren der Seele nach Aristoteles.

Philosophie ist eine Grundlagenwissenschaft. Die an Körperlichkeit gebundenen Gesichtspunkte des Seelischen ordnet Aristoteles übrigens der Naturforschung zu. Ob Freuds Modell wissenschaftlicher als das von Aristoteles ist, kann auch bezweifelt werden. Wenn er seinen Untersuchungsgegenstand als psychischen Apparat bezeichnet, deutet dies auf ein eher materialistisches Weltbild. Ob sein Modell sich aber tatsächlich durch größere Wissenschaftlichkeit auszeichnet, ist damit noch nicht ausgenacht. Freuds Modell kann psychoanalytisch genannt werden. Seine Psychoanalyse setzt bei der Störung ein.

Aristoteles

Die Seele versteht Aristoteles als die erste Entelechie (Verwirklichung/Erfüllung/Vollendung) eines natürlichen, der Möglichkeit nach Leben habenden, mit Organen versehenen Körpers (ψυχή ἐστιν ἐντελέχεια ἡ πρώτη σώματος φυσικοῦ δυνάμει ζωὴν ἔχοντος Aristoteles, Über die Seele 2, 1, 412 a 31 – 32; ἐντελέχεια ἡ πρώτη σώματος φυσικοῦ ὀργανικοῦ Aristoteles, Über die Seele 2, 1, 412 b 5 - 6).

Der Körper/Leib ist der Möglichkeit nach (δυνάμει), was aus ihm in Verbindung mit der Seele wird. Als Verwirklichung (Aktualität) des Körpers ist die Seele dessen (wesensmäßige) Form, Zweck, Bewegungs- und Lebensprinzip.

Aristoteles nimmt in seiner Seelenlehre (Psychologie) eine Stufung von Seelenkräften an (wobei ein Lebewesen mit höheren auch die niedrigeren hat):

a) nährende/nährfähige (vegetative) Seele (θρεπτικὴ ψυχή), zuständig für Ernährung/Stoffwechsel, Wachstum, Fortpflanzung (sie haben alle Lebewesen, einschließlich der Pflanzen)

b) wahrnehmende (sensorische/sensitive) Seele (αἰσθητικὴ ψυχή), zuständig für Sinneswahrnehmung, verbunden mit Empfinden (sie haben Tiere)

c) denkende (rationale) Seele (νοητικὴ ψυχή), zuständig für das Denken (sie haben Menschen)

Der Geist (νοῦς) ist ein Vermögen in der Seele, das Denkvermögen (νόησις). Der Geist kann sowohl rezeptiv/aufnehmend/passiv/erleidend als auch spontan/aktiv/wirkend/tätig sein.

Zum Geist/Logos (λόγος) gehören Vernunft (νοῦς [nous]; lateinisch gewöhnlich mit intellectus wiedergegeben) und Verstand (διάνοια, lateinisch gewöhnlich mit ratio wiedergegeben). Die Vernunft ist für Aristoteles das Wertvollere und das oberste Erkenntnisvermögen (ihm kommt die Leitung zu).

Aristoteles unterscheidet (Nikomachische Ethik 1, 13, 1102 a – 1103 a) grob zwischen einem Teil der Seele, der Vernunft hat (das Vernunft/Logos habende: τὸ λόγον ἔχον), und einem, der nicht Vernunft hat (das ohne Logos/das Vernunftlose: τὸ ἄλογον).

Der nicht- rationale Teil kann noch einmal unterteilt werden: Das Vegetative (τὸ φυτικόν), das keinen Anteil an der Vernunft hat, und etwas, das auf die Vernunft hören kann, das Begehrende und insgesamt das Erstrebende (τὸ δ᾽ ἐπιθυμητικὸν καὶ ὅλως ὀρεκτικὸν). Orexis (ὄρεξις), Streben/Verlangen/Begehren, ist nach Aristoteles eine allgemeine Bewegungsart der Lebewesen. Beim Streben können Begierde (ἐπιθυμία), Mut/Eifer (θυμός) und Wunsch/mit Überlegung/Sich-Beratschlagen verbundener Wille(βούλησις) unterschieden werden (Aristoteles, Über die Seele 2, 3, 414 b).

Beim Menschen kann das Streben vernunftgelenkt oder nicht vernunftgelenkt sein. Wo die Wahrnehmung entscheidet, lebt der Mensch nach Leidenschaft und strebt nach dem scheinbar Guten, der Begierde und dem Affekt unterworfen. Wenn der Mensch der Vernunft folgt, strebt er nach dem schlichten und zugleich wahrhaft Guten. Andere Antriebskräfte werden nicht beseitigt, wohl aber gelenkt.

Freud

Die Instanzen (Teile/Bereiche/Stellen, die etwas bewirken) erleben und verarbeiten psychische Energie. Das Es ist die ursprüngliche, zuerst vorhandene Instanz, während sich die anderen später herausbilden.

Es: ist Quelle psychischer Energie, enthält alles Vererbte und natürlich Gegebene, ist eine chaotische Ansammlung von vielerlei Trieben (wobei grundsätzlich zwischen zwei Triebarten unterschieden wird, einer aufbauenden, erotisch-sexuellen, und einer abbauenden, aggressiv-destruktiven), Wünschen und Ähnliche, ist allein vom Lustprinzip beherrscht (auf sofortige Befriedigung von Bedürfnissen aus), irrational/ohne Logik und maßlos, sogar auf Kosten der Selbsterhaltung

Ich: hat die Aufgabe der Selbsterhaltung, vermittelt zwischen Es, Über-Ich und Umwelt/äußerer Wirklichkeit, versucht ihre Forderungen auszugleichen, handelt nach Realitätsprinzip, läßt Triebregungen zu oder wehrt sie ab (z. B. unterdrücken, verdrängen, verschieben, modifizieren oder sublimieren), ist wahrnehmend, lernend, erinnernd, denkend

Über-Ich: verinnerlichte Werte und Normen, die aus den Einflüssen der umgebenden Gesellschaft stammen, vor allem elterlicher Erziehung; ist Träger des Ich-Ideals, unternimmt Selbstbeobachtung, kontrolliert, mahnt, straft (die Erscheinung des Gewissens ist hier angesiedelt, wobei Freud ein von Autoritäten bestimmtes Gewissen meint, ein autonomes Gewissen nicht im Blick hat), vertritt Moralitätsprinzip

Wenn eine Parallele bei Aristoteles gesucht wird, ist das Es bei Fried dem nicht von Vernunft gelenkten Streben und der vegetativen Seele zusammengenommen am ähnlichsten.

Bedingtheit von unten trifft so einseitig bei Aristoteles überhaupt nicht zu, vielmehr gibt es in vielem ein komplexes Zusammenwirken.

Bei Freud hat das denkende Ich die Aufgabe einer Anpassung, es soll einen Einklang zwischen Regungen und Forderungen herstellen. Aristoteles hält Einklang/Harmonie auch für eine Aufgabe, aber das Denken geht über eine Anpassung an Gegebenheiten hinaus, kann die Berechtigung (ist etwas richtig, gut, angemessen?) prüfen und zwischen dem nur scheinbar Gutem (womit ein eigenes Ziel verfehlt wird) und dem wahrhaft Guten unterscheiden.

Bücher aus einer Bibliothek können bei Informationen zu den Seelenmodellen helfen, z. B.:

Aristoteles-Handbuch : Leben – Werk – Wirkung. Herausgegeben von Christof Rapp und Klaus Corcilius. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011. ISBN 978-3-476-02190-8

Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 167 – 492

Otfried Höffe, Aristoteles. 3., überarbeitete Auflage, Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 13 7 – 142

Freud-Handbuch : Leben, Werk, Wirkung. Herausgegeben von Hans-Martin Lohmann und Joachim Pfeiffer. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2006. ISBN 978-3-476-01896-0

Irene Berkel, Sigmund Freud. Paderborn : Fink, 2008 (UTB : Profile ; 3008), S. 75 – 80

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@Albrecht

Woow, vielen Dank ! Am Donnerstag muss ich es präsentieren, es zählt in mein Abi ;) Aber Philo ist nicht grad meine Stärke . Naja . Danke nochmal und schönes Wochenende !

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Freud und Aristoteles haben gemeinsam eine Entwicklungslehre der Seele, die sich (grob) in drei aufeinaderfolgenden Phasen oder Lebensstufen untergliedert:

  • die vegetativ-ernährende (Orale/ 1.-3. Lebensjahr) Phase
  • die animalisch-durchsetzungsfähige (Anale/ 3.-5. L.j.) Phase
  • die intellektuell-eigentlich menschliche (Genitale/ ab. 5. L.j.) Phase.

Darüber hinaus teilen beide die Auffassung, dass die Seele (bei Freud das Es) den Keim sowohl des Geistes als auch des Körpers darstellt, beim gesunden Lebewesen beide Instanzen miteinander harmonisierend. Zum Beispiel in Gestalt der Evolution und Selbstheilungskraft von erlittenen Schäden, wie hier ausgeführt: Freud - Einstieg.

Schließlich gehen beide Männer gleichermaßen davon aus, dass die Seele - die also identisch ist mit dem Gesamtorganismus jedes Lebewesens - von einer universalen Kraft oder Energiequelle sowohl erschaffen als auch angetrieben wird:

  • Freud nennt diese Triebenergie "Libido"; sie aktiviert nach 'oben' hin also den Geist mit seiner instinktiven Wissbegierde, und nach 'unten' hin den Körper mit seinen verschiedenen angeborenen Bedürfnissen: Verlangen nach Nahrung, sozialem Austausch usw.
  • Aristoteles bezeichnet dieselbe Quelle als "Schöpferisches Prinzip", auch "Demiurg" oder Unbewegter Beweger.

Eine Graphik, die Freuds 3-Instanzen-Modell und die Dynamik der Triebenergie zwischen ihnen darstell:

Entnommen aus o.g. Schrift

 - (Freunde, Psychologie, Philosophie)

Der Vergleich ist schon deshalb, vorsichtig ausgedrückt, sinnlos, weil es das Seelenmodell bei Aristoteles nicht gibt, sondern er in verschiedenen Schriften einen anderen Gegenstand hat. Der Antwort von @Albrecht ist nichts hinzuzufügen, außer nochmal der Hinweis, dass in de anima sowohl die Gurke als auch die Bisamratte und die Ameise eine Rolle spielen (unter "naturwissenschaftlichen" Gesichtspunkte), was bei Freud nicht der Fall ist, und dass in der Seelen-Diskussion in Rhetorik wiederum viele Seelen-Aspekte aus de anima und de partibus animalium keine Rolle spielen. Denn die Schriften verfolgen jeweils ein anderes Ziel und stammen aus unterschiedlichen Zeiten.

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