Verdienst/Gewinn/Gehalt oder Einnahmen/Ausgaben einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in (KJP) mit eigener Praxis?

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5 Antworten

Das ist zwar schon länger her, aber dennoch ein paar Klarstellungen:

1. Ein KJP bekommt keine 85 EUR / Stunde. Er erhält nach Abzug der Gebühren von der Kassenärztlichen Vereinigung ca. 85 EUR pro durchgeführter genehmigungspflichtiger Therapiestunde. Dies enthält bereits die zeitlichen und persönlichen Aufwendungen für die Dokumention, die Vor- und Nachbereitung, das Nachlesen, Kopieren usw. sowie fallbezogene Telefonate, Arztbriefe usw. wie auch Supervision (die schlägt z.B. mit rund 90-120 EUR / 45 Minuten zu buche). Damit ergibt sich ein realer Zeitaufwand für eine genehmigungspflichtige Sitzung von etwa 90-100 Minuten.

2. Zu genehmigungspflichtigen Stunden muss man erstmal kommen, nämlich durch unentgeltliche Telefonzeiten, schlecht bezahlte probatorische Stunden und das Schreiben von Berichten an den Gutachter; hier entsteht ein Arbeitsvolumen von 120-150 Minuten pro probatorischer Stunde (inkl. biografischer Anamnese), zzgl. des Berichts an den Gutachter (je nach Verfahren im Schnitt 4-20 Zeitstunden für rund 50 EUR Gesamtvergütung).

3. Die Kassenärztliche Vereinigung geht (zu recht) von 30 Tagen Erholungsurlaub und 10 Tagen für Weiterbildung aus. Hinzu kommen Ausfallzeiten durch eigene Erkrankung sowie Ausfall von ca. 20% der geplanten Stunden durch krankheitsbedingte und sonst. Terminabsagen, Urlaub der Patienten, Nichterscheinen usw.

Daher liegt man 4. bei einer im Durchschnitt angestrebten Arbeitswoche von 42 Zeitstunden bei geplanten 26 Terminen pro Woche, von denen ca. 21 stattfinden und von denen dann vielleicht 75% genehmigunspflichtig sind. Damit kommt man bei 42 Wochen (52 - 6 Urlaub - 2 Weiterbildung - 2 eigene Erkrankung) auf knapp 70.000 EUR Jahreseinnahmen.  

5. Abgezogen werden alle Betriebskosten (Miete, Nebenkosten, Abschreibung der Möbel, der Bodenbeläge, Streicharbeiten, kleinere Instandhaltung (Toilette usw.), Reinigungskosten, EDV, Kopierer, Telefonanlage usw., Gebühren und Updatekosten der Praxisverwaltung, ggf. KV-Safe-Net, Kartenlesegerät, Telefonkosten, Internet usw,), betriebesbedingte Versicherungen (Berufshaftpflicht, berufl. Rechtsschutz,  Praxisversicherung, Praxisausfallversicherung), Kranken- und Pflegeversicherung, Krankengeld- und Krankentagegeldversicherung, Kammerbeiträge, Beiträge zu Berufsverbänden, Beiträge zum Versorgungswerk (Basisrente) und private Altersvorsorge, Kosten für Abos, Fachliteratur, Supervision und Weiterbildung, inkl. Fahrt- und Übernachtungskosten,Tilgung der Ausbildungskosten und des Kredits für den Kauf einer Kassenzulassung und natürlich die Steuern.

Hier gibt es zu viele Stellschrauben, als dass sich allgemeine Aussagen tätigen ließen. Es ist ABSOLUT UNABDINGBAR zu einem auf Ärzte und Psychotherapeuten spezialisierten Steuerberater zu gehen, um eine persönliche Analyse (z.B. VOR dem Kauf einer Zulassung in einer Region) durchführen zu lassen; das ist gut investiertes Geld und sorgt für realistische Erwartungen (in der Regel sowohl bezügl. des Nettoeinkommens als auch der notwendigen realen Wochenarbeitszeit).

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Sorry, das wird hart

Bei einemstundensatz von 85€ und einem avisierten Umsatz Volumen i.h.v 120.000€ und vier wochenarbeitsfreier Zeit (Urlaub) müsste in den arbeits-aktiven Monaten ein stundenlevel von grob 130 therapiesitzungen absolviert werden.

Ich weiß nicht, in welchem Umfang so eine Therapie Stunde vor- und nachbereitet werden muss, wieviel Zeit in Kommunikation mit Ärzten, Krankenkassen etc aufgewendet werden muss, aber ich halte es für illusorisch.

Zum einen sagen regelmäßig Patientenkurzfristig ab (oder erscheinen gar nicht ) und zum anderen ist alles sehr zeitaufwändig!

Aber gehen wir davon aus, das du die 120 k erwirtschaftest:

Die 7200€ Miete p.a. sind überschaubar, Telefon und betriebshaftpflicht kann ich nicht beurteilen, bei Hebammen z.b. ist gerade letztere unbezahlbar geworden, Therapeuten haben ja afaik auch ein gewisses Risiko bei ihrer patientenverantwortung...

Ich weiß von den Zahnärzten, das die in ihre standesversicherung einen gewissen monatlichen Obolus als Altersversorgung einzahlen MÜSSEN, das sind bei denen ca 1000€ im Monat!

Krankenversicherung (gesetzlich freiwillig) richtet sich nach dem Einkommen, privatbe benso, rechne mal mit grob geschätzt 600-800€ im Monat.

Die Besteuerung ist wie bei allen Freiberuflern eine einnahmen -Ausgaben = zu versteuernder Betrag Sache...  Was du an zusätzlicher Altersvorsorge und Rücklagen für eventuelle Verdienstausfälle zur Seite legst, musst du natürlich entscheiden.

Der größte Vorteil bei deiner Praxis Einrichtung ist natürlich die nicht besonders kostenintensive Einrichtung (keine teuren Geräte wie Röntgen o.ä), kein benötigtes Personal (AB reicht) 

Was dir letztlich unterm Strich übrig bleibt, muss man ins Verhältnis setzen, dein Handy, Auto, und vieles weitere wird natürlich Alles über die Praxis abgewickelt, und nicht von deinem netto Gehalt bezahlt... Aber ich würde schätzen, das dir von 120k Jahresertrag nach Abzug aller Unkosten (!) und Steuern in Steuerklasse 5 (wenn dein Mann 3 behält) 3-3500€ netto bleiben

Klingt nicht viel? Wie gesagt, da ist dann vieles schon von der Praxis bezahlt das netto sonst noch bezahlt werden müsste...

Ihr könntet auch die Steuerklassen in 3/5 oder 4/4 wechseln, lass das doch mal deinen Steuerberater durchrechnen... DER kann dir das genau sagen

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zu Frage 1: zusätzlich zur Krankenversicherung (Rentenversicherung sollte über das Versorgungswerk der Kammer laufen) kommen Kammerbeitrag, Berufshaftpflichtversicherung, Steuerberatungskosten, Telefonkosten, Fortbildungskosten... - nicht abschließend

zu Frage 2: Wie bei jedem anderen Einkommensteuerpflichtigen auch.

zu Frage 3: Bei einem Gewinn vor Steuern von geschätzten 100.000,00 EUR bleiben nach Steuern ca. 65.000,00 EUR übrig - grob geschätzt.

PS: Diese Fragen kann Dir ein StB sehr viel besser (kostenpflichtig) beantworten.

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Du wirst mit Deiner Aufstellung hier wohl nur unbrauchbare Hausnummern als Antwort bekommen können, denn schon deine Annahmen bezüglich Einnahmen und Ausgaben sind lediglich Hausnummern.

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Kommentar von pillepallepeter
13.07.2016, 14:25

Danke für die schnelle Antwort!

Meine Bitte war ja schließlich, dass man den Kassensatz und den Honorarumsatz zugrunde legen soll, da diese belastbar und realistisch sind. Die kenne ich nämlich, da öffentlich einsehbar.

Ich habe nur ein Problem damit, dass im Internet Zahlen von 2.000€ bis 5.000€ kursieren. Kann ich zwar verstehen, da jeder wahrscheinlich unterschiedlich viele Patienten therapiert, aber deshalb habe ich den Honorarumsatz vorgegeben, damit da keine Varianzen entstehen.  

VG

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Schau doch mal auf der Seite des Statistischen Bundesamtes nach (www.destatis.de).

Dort gibt es Erhebungen zur Kostenstruktur in Arztpraxen. Unter anderem sind dort auch Psychotherapeuten erfasst.

Vielleicht hilft die das ein wenig weiter.


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