Unterschiede Kemal und Erdogan?

...komplette Frage anzeigen

3 Antworten

Meinst Du mit Kemal den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk oder den Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu?

Das Verhältnis zwischen Erdogan und dem IS

Eine exakte, mit Beweisen unterlegte Antwort kann man auf diese Frage nicht geben. Vieles deutet darauf hin, dass Erdogan dem IS in der Anfangszeit seiner Entstehung militärisches Training und logistische Unterstützung gegeben hat. In Vergangenheit ist immer wieder Video- und Fotomaterial aufgetaucht, auf dem man beispielsweise IS-Kämpfer bei Waffenübungen in Istanbul sehen kann oder Waffenlieferungen der türkischen Regierung nach Syrien. Vor allem war die Reaktion Erdogans auf die Fotos der Waffenlieferungen sehr verdächtig. Statt einer sachlichen Erklärung kam sofort ein Gerichtsverfahren gegen Can Dündar, den Redaktionsleiter der Zeitung, die die Fotos veröffentlichte. Nur getroffene Hunde bellen... Es ist außerdem kein Geheimnis, dass Erdogan darauf hofft, dass sein Erzfeind Assad in Syrien gestürzt wird. Da ist ihm jedes Mittel recht. Auch kommt es ihm entgegen, wenn die kurdischen Vertreter PKK, YPG, Peschmerga & co geschwächt werden. Für eine direkte Unterstützung des IS gibt es natürlich keine eindeutigen Beweise, denn sollte sie tatsächlich stattgefunden haben, dann selbstverständlich streng geheim. Eine indirekte Unterstützung hingegen ist für jeden offen ersichtlich gewesen. Die ganze Zeit über konnten IS-Kämpfer die türkische Grenze passieren, nachweislich Benzinschmuggel nach Syrien betreiben und sich in türkischen Krankenhäusern verarzten lassen. Als allerdings die kurdische Stadt Kobanê attackiert wurde und in der Türkei lebende Kurden ihren Kameraden zur Hilfe eilen wollten, wurden plötzlich Panzer und Sicherheitskräfte an die türkische Grenze bestellt, die die Kurden weitesgehend daran gehindert haben, nach Kobanê zu gehen. Auch hat die Türkei sich lange Zeit strikt gegen militärische Eingriffe gegen den IS geweigert, immer mit anderen Begründungen. Und das, obwohl Erdogan in Vergangenheit mehrmals seine Armee auf irakisches Gebiet befohlen hat, um seine Interessen durchzudrücken. Erst vor wenigen Monaten, in Absprache mit der NATO, hat die Türkei sich - zumindest formell - am Bündnis gegen den IS beteiligt. In der Realität blieben größere Eingriffe jedoch aus, in erster Linie richteten sich die Attacken der türkischen Luftwaffe gegen Kurdenstellungen (also gegen diejenigen, die den IS am intensivsten bekämpfen). Man muss natürlich anmerken, dass der IS Erdogan längst öffentlich als "Verräter" bezeichnet hat und der IS in der Türkei offiziell als Terrorgruppe gilt. Insofern ist davon auszugehen, dass der einst ganz gute Draht und Kontakt inzwischen nicht mehr vorhanden ist. Dass eine (zumindest indirekte) Unterstützung des IS seitens Erdogan stattfand, steht aber fest.


Raji97 05.11.2015, 19:39

Danke für die tolle Antwort! Ich meine Atatürk :)

1
uyduran 05.11.2015, 21:14
@Raji97

Danke für die tolle Antwort!

Gern geschehen :-)

Ich meine Atatürk

Zwischen Atatürk und Erdogan gibt es große Parallelen, aber auch große Unterschiede. Worin sich die beiden sehr ähnlich sind, ist ihre Führerrolle. Atatürk gründete die Türkiye Cumhuriyeti und regierte 15 Jahre lang. Er hatte eine feste Ideologie, den Kemalismus, und setzte diese recht autoritär durch. Auch über seinen Tod hinaus ist er eine Symbolfigur geblieben und wird von seinen Anhängern teilweise vergöttert, während ihn seine konservativen Gegner abgrundtief hassen. Erdogan regiert jetzt auch schon seit fast 15 Jahren und seine Politik hat genau wie die Atatürks sehr große Veränderungen in der Türkei hervorgerufen. Auch Erdogan verfolgt eine feste Ideologie und setzt diese mit immer autoritäreren Mitteln durch. Und auch Erdogan wird von seinen Anhängern prophetengleich verehrt, als "dünya lideri" bezeichnet, während ihn seine Gegner am liebsten am Galgen sehen würden. Was diese Aspekte angeht, also die Rolle, gesellschaftliche Position und Wirkung auf das Volk, sind sich Atatürk und Erdogan tatsächlich sehr ähnlich. Inhaltlich, also vom Weltbild, den politischen Zielen und den politischen Ausführungen her, könnten sie jedoch verschiedener nicht sein. Da sind sie wie Yin und Yang, wie Darth Vader und Luke Skywalker, wie George W. Bush und Wladimir Putin. Das komplette Gegenteil. Fangen wir bei Atatürk an: Atatürk hat die Türkei vom osmanischen Reich unabhängig gemacht, Kalifat und Sultanat abgeschafft und im Großen und Ganzen das Ziel verfolgt, einen eigenständigen, fortschrittlichen und souveränen Staat zu gründen. Seine Ideale spiegeln sich im Kemalismus wieder: Republikanismus im Sinne von Volkssouveränität, Nationalismus als Wendung gegen den Vielvölkerstaat des osmanischen Zuschnitts, Populismus als Ausdruck einer auf die Interessen des Volkes, nicht einer Klasse gerichteten Politik, Revolutionismus im Sinne einer stetigen Fortführung von Reformen, Laizismus, also die Trennung von Staat und Religion, und Etatismus mit partieller staatlicher Wirtschaftslenkung. Atatürk orientierte sich an dem Teil der Welt, der am weitesten fortgeschritten war, also dem Westen. Wie ich schon andeutete, herrschte unter Atatürk ein Militärregime, die Innenpolitik wurde also autoritär umgesetzt. Einige Proteste wurden brutal zerschlagen, darunter auch kurdische Widerstandsproteste gegen den Nationalismus. Der Nationalismus war jedoch nur nach innen gerichtet, außenpolitisch nahm die Türkei unter Atatürk eine sehr friedfertige Rolle ein und lehnte jegliche Formen des Imperialismus strikt ab. (Zitat Atatürk: "Heute sind alle Nationen der Erde fast Verwandte geworden oder bemühen sich, es noch zu werden. Infolgedessen muss der Mensch nicht nur an die Existenz und das Glück derjenigen Nation denken, der er angehört, sondern auch an das Vorhandensein und Wohlbefinden aller Nationen der Welt … Wir wissen nicht, ob uns nicht ein Ereignis, das wir weit entfernt glauben, eines Tages erreicht. Aus diesem Grund muss man die gesamte Menschheit als einen Körper und eine Nation als sein Glied betrachten."). Von Faschisten wie Hitler oder Mussolini distanzierte sich Atatürk unmissverständlich, er ließ sogar viele Wissenschaftler, Künstler und Architekten, die aus den genannten Diktaturen flüchten, in der Türkei Exil gewähren. Das Verhältnis von Atatürk zum Islam ist komplex. Atatürk lehnte den politischen Islam (Kalifat) eindeutig ab und verurteilte konservative und frauenfeindliche Gesellschaftsstrukturen. Die Islamfeindlichkeit, die ihm neuerdings zugeschrieben wird, würde ich anzweifeln. Es ist eben nur so, dass Atatürk der Ansicht war, dass Religion eine private Angelegenheit ist und nicht politisch instrumentalisiert werden sollte. Außerdem plädierte er für eine zeitgemäße und mit der Wissenschaft konforme Auslegung, sowie für eine Übersetzung des Koran auf Türkisch und Predigten in Moscheen auf Türkisch, damit das Volk auch versteht, statt nur auswendig zu lernen. In einer Rede von 1923 sagte er, der Islam sei die "letzte und vollkommenste Religion".

Meine persönliche Meinung: Ich halte es für übertrieben und sachlich falsch, Atatürk auf fanatische Weise vergöttern, so wie es viele Kemalisten tun. Er war nicht fehlerlos, wie seine repressive Politik gegenüber Kurden und anderen Minderheiten zeigt. Zweifellos sollte man aber feststellen, dass Atatürk wichtige gesellschaftliche und politische Reformen durchgesetzt hat, dank ihm ist die Türkei heute ein Land, das nach europäischen Standarts gemessen werden kann und unterscheidet sich deutlich von seinen arabischen Nachbarstaaten Syrien, Irak, Iran & co, in denen mehr oder weniger Chaos herrscht.

0
uyduran 05.11.2015, 22:04
@uyduran

und Erdogan?

Erdogan ist der komplette Gegenentwurf zu Atatürk. In jeglicher Hinsicht. Fangen wir bei seinen Idealen an: Erdogan wuchs in einem strengen und konservativen Elternhaus auf, besuchte eine Koranschule und wurde früh politisch aktiv. Sein politischer Ziehvater war Necmettin Erbakan, einer der größten Kritiker Atatürks, der von vielen als Islamist eingestuft wird. Erbakans Parteien, in denen Erdogan seit seiner Jugend aktiv war, setzten sich für die Abschaffung des Laizismus ein und wollten einen theokratischen Staat mit Scharia-Gesetz. Als die Erbakan-Parteien allesamt für verfassungswidrig erklärt wurden, gründeten ehemalige Mitglieder (darunter auch Erdogan) 2001 die AKP. Kein Wunder also, dass es für Erdogan laut eigener Aussage nicht möglich ist, gleichzeitig muslimisch und laizistisch zu sein. Er ist ein strikter Gegner des Laizismus, eines der obersten Prinzipien Atatürks. Während Atatürk sehr reformorientiert war, ist Erdogan extrem konservativ. Erdogan orientiert sich an Sultanat und Kalifat und möchte auch beim Volk eine Rückbesinnung auf konservative Werte hervorrufen. Sein Traum ist es, ein Bündnis mit den arabischen Ländern zu schließen und somit eine Art osmanisches Reich nachzubilden, in dem die Türkei die Vorreiterrolle einnimmt. Die meisten arabischen Staaten konnten damit aber nichts anfangen, vor allem Syrien und Ägypten sind seit Erdogan mit der Türkei verfeindet. Dies hängt auch damit zusammen, dass Erdogan mit Organisationen wie der Muslimbruderschaft, der Hamas und Al-Nusra zusammenarbeitet. Also sieht sich Erdogan gezwungen, sich doch wieder in Richtung Europa zu öffnen. Schon lange arbeitet er auf einen EU-Beitritt hin, auch wenn er das in seinen Reden vor dem Volk nicht erwähnt. Dabei stehen ihm allerdings sein autoritärer Regierungsstil, die Beschneidung von Bürgerrechten und die Missachtung jeglicher Gesetze im Weg. Rhetorisch deklariert er "den Westen" stets als Feindbild und moralisch wird er vermutlich in der Tat eher antiwestlich eingestellt sein. Paradox ist dabei jedoch, dass er trotzdem enge Handelsbeziehungen zu z.B. Deutschland und Israel pflegt.

Wirtschaftlich vertreten Atatürk und Erdogan (bzw. in heutiger Zeit CHP und AKP) ebenfalls komplett gegensätzliche Ansichten. Wie erwähnt gab es unter Atatürk partielle Verstaatlichungen und auch heute steht die CHP für eine sozialistische Politik. Erdogan ist hingegen der knallharte Kapitalist, seine Wirtschaft ist auf Auslandskrediten und Konsum aufgebaut und die Lohnverteilungen sind extrem ungleich.

Den Kurden gab Erdogan zu Anfang seiner Regierungszeit viele Rechte zurück und auch mit der PKK (die ja ein Resultat jahrelanger Unterdrückung ist) wurden Friedensverhandlungen geführt. Unter Erdogan sind unabhängig der Nationalität prinzipiell erstmal alle willkommen, die seine konservativ-sunnitischen Werte vertreten (Außer denjenigen, die ihn kritisieren, siehe Fetullah Gülen, Abdullah Gül etc). Anders verhält es sich mit religiösen Minderheiten, wie den Aleviten, orthodoxen Christen, Aramäern, Yeziden, Drusen und natürlich Atheisten, Agnostikern & co. Die werden von Erdogan nicht weiter berücksichtigt und häufig als Feindbild (Aleviten) ausgemacht. Anhand des letzten Wahlkampfes kann man aber erkennen, wie schnell sich das Blatt wendet, wenn der erwünschte Erfolg bei der AKP ausbleibt. Um die Stimmen von Nationalisten zu erlangen, schlug Erdogan plötzlich nationalistische Töne an, stoppte die Friedensverhandlungen mit der PKK, bombardierte Kurdenstellungen und bezeichnete die HDP als "Terrororganisation". Mit Erfolg, wie man sehen konnte, denn viele MHP-Wähler gaben bei der vergangenen Wahl der AKP ihr evet.

Erdogans Verhältnis zum Islam ist paradox. Auf der einen Seite vertritt er konservativ-sunnitische Werte, gibt sich als gottesfürchtigen Muslim aus und setzt den Islam in den Fokus seiner Politik und Rhetorik. Auf der anderen Seite weist er ein absolut unislamisches Verhalten auf: Islam und Kapitalismus schließen sich gegenseitig aus und auch der Korruptionsskandal ist eine schwere islamische Sünde. Ob Gott es so gerne sieht, dass Erdogan seinen Namen für politische Zwecke missbraucht und während seinen Reden den Koran in der Hand hält, wage ich auch mal stark zu bezweifeln.

0
uyduran 05.11.2015, 22:26
@uyduran

Meine persönliche Meinung zu Erdogan: Ich bemühe mich bei allen Dingen immer, eine möglichst ausgewogene und realitätsnahe Ansicht zu entwickeln. Somit kann ich mit Erdogan-Hitler-Vergleichen nichts anfangen und halte es für einseitig, zu behaupten, die letzten 14 Jahre unter der AKP seien durch und durch schlecht gewesen. Man muss akzeptieren, dass Erdogan seine berechtigte Regierungszeit hatte, denn er wurde immer wieder aufs Neue unter mehr oder weniger demokratischen Umständen gewählt und ein großer Teil des Volkes steht hinter ihm. Und im Vergleich zu den vorherigen Regierungen kommt man nicht drumherum zu sagen, dass die AKP einiges geleistet hat. Trotzdem halte ich Erdogan für eine Katastrophe und fühle mich in keinster Weise von ihm vertreten. Für mich zählt das Gesamtbild und der Blick in die Zukunft. Halten wir uns folgendes vor Augen: Das Volk ist gespaltener denn je. Unter der Ära Erdogan gab es die größten Proteste in der Geschichte der Türkei und den schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte des Landes. Die kapitalistische Kredit-Blasen-Wirtschaft weist zwar ihre arttypischen positiven Anfangseffekte auf, ist jedoch alles andere als nachhaltig (dazu ein guter Artikel: http://www.heise.de/tp/artikel/42/42498/1.html). Bezüglich Bildung und Menschenrechten (insbesondere Frauenrechten) befindet sich die Türkei in einer schrecklichen Situation. Das ganze Land wird immer abhängiger von einem Mann, die geplanten Verfassungsänderungen werden diesen Effekt verstärken. Aspekte eines demokratischen Rechtsstaats mit Gewaltenteilung wandeln sich immer stärker zu einer lupenreinen Autokratie. Erdogans Politik legt sich in erster Linie auf den eigenen Machterhalt aus, zum Schaden der Freiheiten und Bestimmungsmöglichkeiten des Volkes.

Das Kapitel Erdogan muss man akzeptieren, aber nun ist dringend Zeit für neuen Wind, die Flammen müssen gelöscht werden, ehe man die Kontrolle über sie verliert. Die Türkei muss ihre Kurve kriegen und ihren Fokus auf Bildung, Demokratie, Gleichberechtigung und eine nachhaltige wie gerechte Wirtschaftspolitik legen. Dazu muss eine starke linksgerichtete Regierung her. Leider ist das türkische Volk bei der vergangenen Wahl auf die plumpen Tricks Erdogans reingefallen und am eigenen Nationalismus gescheitert.

1

Hei, Raji97,  den wesentlichsten Unterschied hat Erdogan ungefähr so formuliert: Wem glaubt ihr mehre, Allah oder einem gottlosen Säufer? Kemal hat die Trennung von Religion und Staat durchgesetzt und vieles dafür getan, dass die Türkei ein moderner westlichen Staat wurde, z. B. durch die Gesetzgebung. Erdogan dagegen setzt auf die Religion; man sagt, seine AKP sei gemäßigt religiös, aber im öffentlichen Leben der Türkei kann man an der Rückkehr des Kopftuchs und am zunehmenden Alkoholverbot und anderen Indizien eine Islamisierung des Staates erkennen; dazu zähen auch die verstärkte Hinwendung der Türkei zu islamischen Ländern und im gleichen Atemzug die Abwendung vom Westen.  Die Entmachtung des Militärs als Garant für den Erhalt des liberalen (kemalistischen) Staates war ein weiteres Indiz. Die Türkei läuft auf eine religiös geprägte Erdogan-Diktatur hinaus. Und so. Grüße!

Kemal Kılıçdaroğlu ist Oppositionsführer der CHP, Recep Tayyip Erdoğan ist Präsident der Türkei und Mitglied der AKP. Die CHP ist eine sozialdemokratische Partei, die einen EU-Beitritt der Türkei und eine Verfassungsänderung als Ziel hat, jedoch das von Erdoğan geplante Präsidialsystem ablehnt. Weitere Ziele sind die Absenkung der Arbeitslosenquote von derzeit 11,2 Prozent auf unter 5 Prozent und die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns von derzeit 949 Lira pro Monat auf 1500 Lira pro Monat. 

Die AKP ist eine eher konservative Partei mit islamischen Wertvorstellungen. Sie will die Verfassung ändern und ein Präsidialsystem einführen. Weitere Ziele sind die Aufhebung des Kopftuchverbots an Schulen, Freihandel mit der EU, die Stärkung des ländlichen Raums und mehr Zensurbefugnisse für die Regierung, die bereits unter Erdoğan in abgeschwächter Form durchgesetzt wurden. 

Was möchtest Du wissen?