Kann mir jemand den Grund sagen, warum 1945 viele Flüchtlinge nach Westdeutschland geflohen sind und welche Unterschiede es zu den heutigen flüchtlingen gibt?

7 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Bei "Flüchtlingen nach 1945" muss unterschieden werden werden:

  • 1944/45 sind viele Menschen vor der roten Armee geflohen. Es war verboten, Fluchtvorbereitungen zu treffen (konnte wg. "Zersetzung der Wehrkraft" o.ä. streng bestraft werden, im Extremfall mit Erschießung), und wenn dann (offiziell) evakuiert wurde, geschah das im letzten Augenblick (meine Mutter und deren Eltern hatten gerade mal eine Stunde, um im Bahnhof den letzten Zug zu erreichen). Diese Leute haben also meist in aller Eile nur das Nötigste einpacken kommen, und auch nicht Zeit gehabt zu überlegen, was sie am besten mitnehmen, kamen entsprechend schlecht versorgt in West- und Mitteldeutschland (spätere DDR) an.
  • Im Winter 1946/47 wurden aus dem polnisch bzw. sowjetisch besetzten Ostdeutschland alle Deutschen, die dort noch waren (einige wenige waren auch nach der Flucht zurückgekehrt) vertrieben. Nur wer sich eindeutig zum Polnischen Staat bekannte (was in dreisprachigen Oberschlesien einfacher war als in bisher rein deutschen Gebieten) konnte bleiben. Der Rest musste gehen, die genauen Umstände der Vertreibung waren örtlich verschieden (zuweilen gab es auch vorher schon eher private Vertreibungsaktionen). Auch aus deutschen Siedlungsgebieten im Ausland (z.B. Sudentenland) wurden die Deutschen vertrieben.
  • Spätestens ab 1948 begannen die Leute, aus der sowjetischen Besatzungszone (spätere DDR) in den Westen zu fliehen. Vom Nazi, der hoffte, im Westen weniger streng behandelt zu werden (was leider eine berechtigte Hoffnung war) bis zum SPD-Genossen, der gegen die Fusion mit der KPD zur SED war, und deshalb Gefahr lief, in Buchenwald oder einem anderen KZ zu landen, gab es da sehr unterschiedliche Gründe. Ab ca. 1955 auch der bessere Lebensstandard. Erst mit dem Bau der Mauer, als der letzte relativ gefahrlose Fluchtweg abgeschnitten war, kamen nur noch wenige Flüchtlinge an - das zählt aber kaum noch zu "nach 1945".
  • Schließlich gab es noch vergleichsweise kleine Gruppen (nur zigtausende, keine Millionen) von nichtdeutschen Flüchtlingen 

Mir fallen da übrigens erst mal Gemeinsamkeiten zu heute ein: die Leute wurden alle in einen Topf geworfen, als Schmarotzer gesehen, die den Einheimischen auf der Tasche liegen, sie wurden diskriminiert ...

Der Unterschied zu heute ist, dass es Deutsche waren, die kamen.

Dein letzter Satz ist zu betonen!

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@Nunuhueper

So wie Du das betonst, sind wohl die jetzigen Flüchtlinge in Deinen Augen Flüchtlinge 2. Klasse.

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Danke für den Stern!

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Der Grund für die große Flüchtlingswelle 1945 war die Rote Armee. Diese trieb die Flüchtlinge vor sich her. Die einzige möglichkeit ihr zu entkommen, war es, Westdeutschland zu erreichen, wo die Westalliierten einmarschierten.

Der Unterschied ist, dass die Flüchtlinge dabei ihr Land meist nicht verließen: Die meisten waren Deutsche, welche aus Ostpreußen und Schlesien (damals teil von Deutschland) weiter nach Westdeutschland getrieben wurden. Andere Länder waren keine Option, da aus ziemlich allen Himmelsrichtungen die Armeen nach Deutschland vorrückten. Zumal zu diesem Zeitpunkt niemand daran dachte Flüchtlinge aufzunehmen, oder gar das Leben der Menschen zu schonen.

Aus diesem Grund bezeichnet man diese Menschen  heutzutage nicht als Flüchtlinge, sondern eher als Vertriebene.

Der Grund für die große Flüchtlingswelle 1945 war die Rote Armee. Diese trieb die Flüchtlinge vor sich her.

Stimmt so nicht. Die Rote Armee hat keine Flüchtlinge vor sich hergetrieben, Trecks, die von ihr überrollt wurden, waren hinter der Front, ohne dass jemand gezwungen wurde, vor der Armee herzulaufen.

Die Leute sind schon von selber geflohen, aus verschiedenen Gründen. Mein Vater hat ab und zu einen Satz gesagt, den er von seinem Vater und dieser von seinem Großvater hatte: "Lieber die Franzosen zum Feind als die Russen zum Freund", ein Resümee der Jahre 1812-15. In Ostpreußen haben sich sicher die Leute an das Wüten der Kosaken 1914 erinnert ... und dazu kam die Nazipropaganda, die angesichts der Racheparolen für die Kämpfer der Roten Armee (und dem Verhalten, das daraus folgte) mal ausnahmsweise nahe bei der Wahrheit war.

Und wer nicht vor der Roten Armee floh, der wurde 1946/47 vertrieben. Und die Leute landeten keineswegs alle in Westdeutschland, sondern viele auch in der sowjetischen Zone. Nur waren sie meist eher bereit, aus der DDR in den Westen zu fliehen. Dort konnten sie offener reden als in der DDR, wo die Wahrheit ja als "antisowjetische Agitation" galt, weshalb da Vertriebene gewissermaßen unsichtbar waren.

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1945 war es vor allem in der ersten Welle die Flucht vor der "Roten Armee" vor dem Ende des Krieges. Und nach Ende des Krieges dann in einer 2. Welle wegen der Gebietsverluste des ehemaligen Reichsgebietes an Polen, Russland und Tschechien. 

( Westverlagerung der östlichen Staatsgrenzen und des gesamten Staates Polen als Reparationsleistungen gegenüber Russland und folgender Vertreibung deutscher Staatsbürger )

In einer dritten Welle dann erneut eine Landflucht aus dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR wegen sozialistischer Kontrolleinflüsse und schlechteren Lebensstandards gegenüber der später gegründeten BRD . Hierzu kamen auch noch über die Jahre bis ca. Anfang / Mitte der 60-er die deutschen  Kriegsgefangenen aus dem sowietischen Einflussbereich. Es waren also fast ausschliesslich "deutsche" Landsleute, die nach Westen fliehen mussten.

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