Türkische Politik?

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2 Antworten

Pro: Erdogan ist ein guter Rhetoriker, mit seinen Reden erreicht er das Volk. Früher als Bürgermeister von Istanbul hat er noch mehr Volksnähe gezeigt, z.B. hat er beim Marathon mitgemacht. Auch kann man einige Errungenschaften der Anfangsjahre seiner Regierungszeit loben. Dazu zählen beispielsweise die Friedensgespräche mit der PKK, die Rechte für Kurden oder die Abschaffung der Todesstrafe. Der wirtschaftliche Aufschwung hat der Türkei zumindest in Erdogans ersten beiden Legislaturperioden genutzt. (Längerfristig ist das auf Kreditblasen aufgebaute Wirtschaftswachstum jedoch ein großes Problem.)

Kontra:
Erdogan hat einen abartigen Charakter. Er ist ein Großmaul, ein Lügner, ein Dieb und ein skrupelloser Machtmensch. Das sind Persönlichkeitseigenschaften, die man als Muslim ablehnen sollte. Ich glaube zwar schon, dass Erdogan ein gläubiger Mensch ist. Sein Charakter ist aber absolut unislamisch und außerdem instrumentalisiert er den Islam für seine eigenen Machtzwecke. Wer den Koran auf die Bühne nimmt, um Wahlstimmen zu kriegen, der missbraucht Gottes Schrift. Und einem aufrichtigen Muslim würde es niemals in den Sinn kommen, Geld in Milliardenhöhe zu klauen (größter Korruptionsskandal in der Geschichte der Türkei). Demokratie ist für Erdogan nur Mittel zum Zweck. Er hat die Türkei so lange demokratisiert, wie es ihm zum eigenen Vorteil genutzt hat. Jetzt wo er oben an der Macht steht und die Kritik an ihm wächst, schafft er die Demokratie Schritt für Schritt ab. Es gibt keine Gewaltenteilung mehr in der Türkei, sowohl Polizei als auch Medien und Justiz sind unter Kontrolle Erdogans. Das bedeutet, die Gerichte entscheiden nicht mehr unabhängig - mit anderen Worten, Bürger können sich nicht mehr auf ihre Rechte berufen und Erdogan kann sich über alle Gesetze hinwegsetzen. Alles, was sich ihm in den Weg steht, wird weggepfegt, egal ob auf legale oder illegale Weise. Wir haben das bei der konservativen Zeitung Zaman gesehen, die kritisch berichtet hat und kurzerhand von Polizisten gestürmt wurde. Seitdem druckt sie nur noch Erdogan-Propaganda. Oder Ahmet Davutoglu, der in einigen Punkten andere Ansichten hatte als Erdogan und dann plötzlich "zurückgetreten" ist. Das alles bereitet mir Sorgen. Je autokratischer Erdogan regiert, je mehr Macht er bekommt, umso abhängiger wird die Türkei von ihm alleine. Das ist nie gut, wenn ein Land so abhängig von einem einzigen Menschen ist. Überhaupt steuert die Türkei aktuell in eine problematische Richtung. Erdogan legt sich mit alles und jedem an, mit den USA, mit Russland, mit Deutschland, mit Syrien, mit dem Iran, mit Ägypten. Somit steht die Türkei ziemlich isoliert da. Durch die Militäreinsätze gegen die PKK und mangelnde Konsequenz gegen den IS steht das Land wieder unter permanenter Terror-Gefahr. Die Folge ist, dass der Tourismus-Sektor (eine wichtige Einnahmenquelle) einbricht und sich viele ausländische Investoren aus der Türkei zurückziehen. Auch innenpolitisch ist die Türkei so gespalten wie nie, das türkische Volk hält nicht zusammen, sondern feindet sich gegenseitig an, ständig gibt es Konflikte zwischen konservativen und säkularen Türken. Diese Spaltung haben wir ebenfalls Erdogan zu verdanken, weil er ständig Sunniten und Aleviten, Konservative und Atatürk-Anhänger gegeneinander aufhetzt.

Fazit:
Für die Türkei wie für den Rest der Welt wäre es gut, wenn Erdogans Ära endlich beendet würde. Dies muss jedoch vom Volk aus kommen und darf nicht durch z.B. einen Militärputsch forciert werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass früher oder später eine bedeutsame Mehrheit gegen Erdogan sein wird, weil eine Wirtschaftskrise praktisch unausweichlich ist. Geht es den Leuten an den Geldbeutel, spielen Religion, Ideologie und Personenkult nur noch eine untergeordnete Rolle (vergleiche aktuelle Lage in Venezuela). Wie schon andere Größenwahnsinnige zuvor wird sich auch Erdogan durch seinen Fanatismus sein eigenes politisches Grab schaufeln.

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Kommentar von annablanka
16.07.2016, 12:35

Vielen Dank für Deinen wirklich gut und ausführlich geschriebenen Text und dass du Dir die Zeit genommen hast, das zu erklären.

Hier zeigt sich aber für mich erneut, dass es viel mehr und intensivere Punkte bei Contra gibt. Jedoch wurde in den Medien berichtet, dass selbst in Deutschland Menschen auf die Straße gegangen sind und GEGEN den Putsch demonstriert haben. Ich verstehe das nicht, wenn er doch wirklich so korrupt und falsch sein soll? Wo waren die Erdogan-Gegner? Warum hat keiner den Putsch dann unterstützt? Das ergibt für mich keinen Sinn und ich würde sehr gerne wissen warum das so gelaufen ist.

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Kommentar von cocky407
16.07.2016, 12:38

besser hätte man es gar nicht sagen können. er ist ein Diktator und solange er an der spitze ist wird nichts besser. aber wen er fällt kommen vielleicht noch schlimmeres Menschen an die macht. Gott bewahre!

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Kommentar von wfwbinder
16.07.2016, 13:04

@uyduran

Aus meiner Sicht eine kluge und zutreffende Einschätzung.

Aber man sollte jedem Volk seine Ansicht zugestehen und man kommt an der Tatsache nicht vorbei, dass er mit seiner AKP regelmäßig gute Wahlergebnisse erzielt.

Das er das seiner großen Klappe zu verdanken hat, die mit der von Donald Trump vergleichbar ist, ist einfach so.

Wenn die Wähler in der Türkei nicht aufwachen, dann bleibt Erdogan, bis ihn Allah ins Paradies ruft.

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Lange Rede kurzer Sinn erdogan kann nix !

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