Transgender/ Transsexuell,Und jetzt?

9 Antworten

Ob Du transgender bist oder nicht, kann wohl kein Außenstehender ganz einfach und klar beantworten. Auch Du selbst schwankst ja (noch) zwischen 80 und 100 %. Das kann natürlich auch daran liegen, das Du bisher als Mädchen sozialisiert wurdest, und niemand kann seine eigene Sozialisierung von jetzt auf gleich abwerfen. Du bist jetzt noch ziemlich jung, und in Deinem Alter ist es fast bei jedem so, dass er seinen Orientierungsprozess noch lange nicht beendet hat.

Meines Wissens hat in Deutschland der Gesetzgeber auch verhindert, dass der Wechsel des Geschlechtes im Hinblick auf den Körper und die standesamtliche Erfassung mal so eben schnell möglich ist, damit keine voreiligen Entschlüsse gefasst werden, die der Betroffene später wieder bereut.

Du selbst kannst Dir ja auch Zeit lassen mit der Entwicklung. Erstmal solltest Du - und das war ja die Frage - auf jeden Fall mit Deiner Therapeutin darüber sprechen. Solltest Du merken, das sie für die Sache wohl nicht die richtige ist, sorge dafür, dass Du einen anderen Therapeuten bekommst.

Sowohl die Findungsphase als auch -wenn Du sicher bist , transgender zu sein - die Umstellungsphase wird ein langer Weg, den Du aber gehen musst, wenn es Dir Deine Gefühle sagen.

Mache Dir nicht zuviele Sorgen darüber, was andere denken, sagen, oder tun, wenn Du Dich offenbarst. Die Angst vor Ablehnung ist viel größer als was Du zu erwarten hast. Natürlich wird es Leute geben, die sich von Dir abwenden. Manche werden Dich vielleicht offen verspotten, manche vielleicht auch nur hinter Deinem Rücken (was noch schlimmer sein kann, wenn man kein Vertrauen mehr zu den Leuten haben kann).

Aber es wird viele andere geben, die Deine seelischen Probleme verstehen und akzeptieren, und die Dir dann vielleicht sogar näher stehen als heute. Es wird auch welche geben, die das Ganze - und es ist ja eher selten - positiv interessant finden. Und anderen ist es auch völlig egal, z.B. weil sie mit sich selbst genug zu tun haben.

Am meisten Angst hast Du sicher vor den Reaktionen Deiner Familie. Natürlich kann da theoretisch alles passieren, - vor allem im ersten Moment, aber Du kannst Deine Eltern sicher besser einschätzen als wir. Haben sie Dich bisher immer eher als Kind geliebt, dessen Glück ihnen wichtig ist? Oder bist Du von Deinen Eltern immer als vorzeigbares Püppchen für ihr eigenes Glück "kultiviert" worden? Unterschätze aber nicht die verbindenden elterlichen Gefühle: Blut ist dicker als Wasser, und ein Kind bleibt immer ein Kind!

Je nachdem kann für sie die Erkenntnis leichter oder schwerer fallen. Aber darauf könntest Du dauerhaft ohne Selbstopferung keine Rücksicht nehmen.

Was die Krankheit Deines Vaters betrifft: Klar, wenn er auf dem Sterbebett liegt, würde ich vor seinem Tod stillehalten. Wenn er aber wohl noch einige Monate oder länger leben wird, kann es sogar besonders gut für alle Seiten sein, wenn Du Deine Empfindungen offenbarst: Deine Eltern können sich darüber miteinander austauschen und gegenseitig Kraft sammeln, um mit der unerwarteten Wendung in ihrer Familie ihren Frieden zu schließen. Dein Vater hat vielleicht angesichts seiner Krankheit sowieso ein anderes Bild vom Leben bekommen und erkannt, dass das Leben zu schade und zu kurz ist, um es in Unglück und Unzufriedenheit  zu verbringen. Und vielleicht stirbt er eines Tages in der Gewissheit, dass auch Du einen Weg eingeschlagen hast, der Dich glücklich macht. Denn vielleicht hat er ja auch schon gemerkt, dass Du eigentlich seelisch nicht ausgeglichen bist.

Wie auch immer die Reaktionen sein würden: Sie werden Dich stark machen. Du musst Deinen Weg gehen und die Leute, die wollen, mitnehmen, und die anderen außer acht lassen. Du lernst, Dich zu behaupten, Dich von der Meinung anderer nicht unterkriegen zu lassen, und Du erkennst, wer denn wirkliche Freunde sind.

Aber wie gesagt: Nutze die psychologische Hilfe. Sie kann Dich auf Deinem Findungsprozess begleiten. Und vielleicht zeigt die Entwicklung auch, dass Du doch nicht transgender bist.

Auch sorry für den langen Text :-) 

Alles Gute!   


   


Ich würde erstmal mit der Psychologin darüber reden, zumindest wenn eine gewisse Sympathie besteht. (Psychologen können einem schlecht helfen, wenn man die Dinge, die einen beschäftigen/bedrücken verschweigt!)

Grundsätzlich würde ich an deiner Stelle erst mal "abwarten" und sehen, wie sich deine Gefühlswelt zu der ganzen Sache entwickelt. Du bist noch recht jung, vielleicht sogar noch in der Pubertät; dass du jetzt gefühlsmäßig eine 180° Kehrtwende machst ist natürlich unwahrscheinlich, aber in den nächsten Jahren wird deine Gefühlswelt sich da wahrscheinlich noch ein bisschen in die ein oder andere Richtung bewegen, vielleicht neue Dinge entdecken; mit der Zeit gewinnst du an Sicherheit, was genau du willst, wer du bist....  nach und nach kannst du dann entscheiden wem du was erzählst, wie du dich in Öffentlichkeit gibst, ob du vielleicht "medizinische" Eingriffe oder Hormone anstrebst.. und so weiter. Ich würd einfach nix überstürzen, was du im nachhinein bereust. Sich sein leben lang zu verstecken ist natürlich auch der falsche Weg, aber ich würde einen Schritt nach dem anderen gehen, und zwar NICHT in Lichtgeschwindigkeit. Sowas muss sich entwickeln, und auch deinem Umfeld wird es leichter fallen, wenn es sich an die Sache gewöhnen kann, und du nicht von heut auf morgen "vom Mädel zum Kerl" wirst.  ;-)

(P.S.: Ich bin weiblich und hetero - aber jeder zweite hält oder hielt mich für eine Lesbe, weil ich mein Leben lang sehr jungenhafte Züge und Hobbies/Interessen hatte bzw habe, als Kind wär ich auch wirklich lieber ein Junge gewesen. Natürlich hab ich mal drüber nachgedacht ob an den "Gerüchten" was dran ist, besonders in der Pubertät. Aber ich kann sagen, dass das eindeutig nicht der Fall ist. Ich bin halt ein eher jungenhaftes Mädel; es gibt mehr auf der Welt als schwarz und weiß! ) 

Hallo Pinie123, ich würde Dir raten, das auf jeden Fall der Therapeutin zu sagen. Sollte sie Dich bei diesem Thema nicht gut unterstützen können - Du merkst das dann schon - wechsele lieber die Therapeutin, als das Thema in Dir zu vergraben.

Du bist nicht allein - es gibt so viele, denen es genauso geht wie Dir!

Deiner Beschreibung nach glaube ich auch, dass Du ein Transjunge bist. Dass Du Dir manchmal zu 100% sicher bist, dann wieder nur zu 80%, ist dabei ganz normal. Eigentlich haben wir ja alle, ob trans* oder nicht, sowohl weibliche als auch männliche Anteile in uns.

Es spricht für Dich, dass Du Dir Sorgen darüber machst, ob es Deine Eltern evtl. zu sehr belasten könnte, das von Dir zu erfahren, zumal Dein Vater
schwer krank ist. Aber wenn Du Deine Probleme aus Rücksicht für Dich
behältst und dann schließlich nicht mehr kannst und psychisch erkrankst
deswegen, dann ist das für Deine Eltern mit ziemlicher Sicherheit noch
viel schlimmer!

Sprich also ruhig lieber früher als später mit Deinen Eltern, so dass Du ihnen dann Zeit lassen kannst, das für sich einzuordnen. Denn wenn sie, genau wie Du, bisher noch nie etwas darüber gehört haben sollten, müssen sie das natürlich erst "verdauen". Über diese Seite können Deine Eltern sich informieren und auch Kontakt aufnehmen zu anderen Eltern, deren Kindern es gerade so geht wie Dir:

http://www.trans-kinder-netz.de/erfahrungsberichte.html

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