Theorie: Zu viel Reflexion führt zu Depression - Ist da was dran?

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6 Antworten

Du hast ja bereits in Deinem Kommentar zur Frage viele stimmige Aspekte beigetragen. Da ist es schon eine Herausforderung, sich der Problematik zu stellen. 

Nach Aristoteles strebt der Mensch nach Wissen, und ungezählte kluge Menschen nach ihm haben diese Aussage als zutreffend bewertet. Dabei hat er nicht das zusammenhangslose Faktenwissen gemeint, sondern das durchreflektierte kontextgebundene Wissen, das dem Menschen außer Erkenntnissen auch Einsichten innerhalb unterschiedlicher Abstraktionsniveaus ermöglicht. 

Wenn also der Mensch um die Erweiterung seines Wissens in dem dargestellten Sinne bemüht ist, dann sollte doch das Reflektieren über die bereits erworbenen Erkenntnisse nicht unlustbesetzt sein, so wie Du es darstellst. Im Gegenteil müsste es wie beim Betrachten eines Kunstwerkes immer wieder dazu kommen, dass durch neue Wahrnehmungen des vorliegenden Werkes, durch Perspektivenwechsel, durch das Einlassen auf modifizierte Stimmungen und versuchsweise Übernahme von fremden Bedenken, Grundstimmungen oder Vorurteilen die Erfahrungen beim Betrachten zu neuen Erkenntnissen führen, die wiederum als Bereicherung erlebt werden. 

So werden wir also durch das Reflektieren nicht zu depressiven Stimmungen, sondern vielmehr zur lustvollen vertieften Einsicht geführt, zur Möglichkeit der weiterführenden Verknüpfung mit anderen Wissensinhalten, oder zur Bereicherung durch Gestaltwechsel. Kurz: Die Erfahrung von Komplexität schafft lustvolle weiterführende Beschäftigung mit dem vertraut erscheinen Problemfeld.

Wenn Du nun ausführst, dass es Dir speziell im zwischenmenschlichen Bereich anders ergeht, sollten innerpsychische Faktoren mit im Spiele sein. Ich denke dabei an die Sehnsucht des Menschen nach stabilen und berechenbaren Beziehungen, auf die Verlass besteht. Die Unsicherheiten, ob man einen Mitmenschen richtig eingeschätzt hat, ob er vertrauenswürdig ist, ob er meine Erwartungen erfüllen wird, ob er in Krisensituationen nicht versagen wird, genau solche Unsicherheiten sind bekanntlich manchmal recht quälend. Dann reflektiert man alle noch so kleinen Anzeichen im Verhalten des Anderen, versucht aus winzigen Andeutungen prognostische Erkenntnisse zu gewinnen, wertet jede beiläufige Anmerkung, ob sich in ihr ein Verdacht verdichtet, dass man mit seinem Vertrauen vielleicht eine falsche Hypothek übernommen hat. 

Auch Deine Hinweise bezüglich selbstreflektiver Momente sind Indikatoren für die Unsicherheit, ob man sich in seinem Lebensentwurf nicht geirrt hat, ob man den richtigen Partner hat, ob man in seinen Erziehungsbemühungen nicht einem falschem Konzept folgt, ob man seine berufliche Karriere nicht mehr pflegen sollte, mehr Ehrgeiz entwickeln sollte, oder genau umgekehrt, die Dinge viel gelassener nehmen sollte. Hier kann tatsächlich die Lektüre von Lebensratgebern, die unterschiedlichsten Maximen verpflichtet sind, zu großen Irritationen führen. Da liest man von Exerzitien, die der Ichstärkung dienen, welche die Selbstdarstellung optimieren oder die Attraktivität erhöhen. Andererseits bieten alternative Lebenskonzepte Versprechungen auf mystische Glückseligkeit, schamanistische Heilkräfte, spiritistische Tiefeneinsicht mit Aurasehen oder substantieller Karmaaufwertung. Wer sich auf diesem Terrain orientieren will, kann tatsächlich von dem Überangebot depressiv werden, weil die Bilanz eigentlich immer im Zweifel mündet. 

Wenn also dies Deine Situation ist, hilft fast nur das beherzte Einschlagen eines Dir momentan für "selbstkonform" gehaltenen Weges, den man dann aber leidlich unbeirrt gehen muss. Dann einfach einen Kurs belegen, ein Studium beginnen oder eine andere langfristige Verpflichtung eingehen, die Dir hilft die anfänglichen Selbstzweifel zu unterdrücken. 

Bilanz: Bei Sachproblemen führt vertiefte Reflexion zu lustvoller Erweiterung des Erkenntnisniveaus. Bei zwischenmenschlichen grüblerischen und zweifelnden Reflexionen kann Unsicherheit durchaus zu depressiven Verstimmungen führen, die man schlicht durchstehen muss. Bei Problemen des richtigen Lebensentwurfs muss man sich zu Entscheidungen aufraffen und feste Ziele setzen, die man durch die Übernahme von langfristigen Verpflichtungen stabilisieren kann.

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Kommentar von Fantastulous
14.11.2016, 00:52

In Hochachtung vor Ihrer wissenschaftlichen Antwort:

Ein Aspekt ihrer Ausführungen hat sich besonders in meinem Kopf eingenistet. Stichwort Überfluss. Ich kann Ihnen nur zustimmen, dass auch zu große Mengen an Informationen und Gedanken zu depressiven Tendenzen führen können. Ich denke, wenn man erfasst, wie unendlich die Möglichkeiten des menschlichen Lebens auf der Erde sind, so kann dies unsere kognitiven Kapazitäten überschreiten. Tatsächlich hat sich seit meiner intensiveren Beschäftigung mit dem Thema Philosophie, der Wunsch nach einem simplistischen Leben in meinem Kopf breit gemacht. Während ich noch vor kurzem Politiker werden wollte, stelle ich mir jetzt ein Leben als Tänzer erfüllend vor. Aus diesem Grundgedanken entwickelte sich auch allmählich meine Theorie zur Depression. Der Kern liegt dabei in der philosophischen Frage nach dem Sinn des Lebens. Ich bin zwar noch jung, sehr jung um genau zu sein, doch es kommt mir so vor als hätte ich für mich bereits jetzt die Antwort darauf gefunden: Es gibt ihn nicht, den Sinn. Natürlich ist es für den Großteil der Gesellschaft möglich diesen Gedanken zu verdrängen, gar haben sie noch nie darüber nachgedacht, aber bei meinem Niveau an Selbstreflexion fällt mir genau dies sehr schwer. Es ist nennenswert, dass ich abseits sozialer Konventionen ein sehr introvertierter Mensch bin, mein ganzes Dasein spielt sich in meinem Kopf ab. So verbringe ich ganze Nachmittage damit, nur Nachzudenken - nicht über zwischenmenschliche Sachverhalte, sondern über gesamtheitliche Fragestellungen. Dabei analysiere ich meine eigenen Gedankengänge und suche in jedem meiner Taten einen Sinn und erörtere den Grund dafür. Gerade wegen DIESEM Überfluss an Gedankengut fühle ich mich manchmal überfordert.

Ich hoffe meine Ausführungen porträtieren meine Situation einigermaßen gut und legen meinen Gedankengang hinter der Theorie dar.

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Ich meine eher nein. Der Grund für eine Depression liegt eher nicht in der häufigen und intensiven Selbstreflexion, sondern eher darin, keine Lösungen für Probleme zu finden und sich gedanklich im Kreis zu drehen.

Ohne Perspektive wird's dann sehr eng für ein freudvolles Leben, wenn man meint, alles liefe nur noch schief.

Wenn man sich zusätzlich nicht von anderen abgrenzen kann und Probleme der anderen zu seinen eigenen macht, läd man sich ein noch größeres Päckchen auf, als man eh schon zu tragen hat.

DANN wird es ja fast unmöglich, NICHT depressiv zu werden.

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Meiner Meinung nach kann sehr viel Grübeln die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken schon erhöhen. Unter Grübeln verstehe ich über eine Sache nachzudenken, bei der man trotz des Denkens zu keiner Lösung kommt.
Wenn man außerdem die Situation in der man sich gerade befindet oft reflektiert kann sich das, so denke ich auch auswirken.
Da man sich dann ständig selbst vor Augen führt wie schlecht es einem wirklich geht.
LG :)

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Kommentar von Fantastulous
13.11.2016, 22:40

Ja und nein. Ich glaube auch, dass vor allem die Philosophie - eine Materie ohne jegliches richtig und falsch - zu einer Depression führen kann. Aber das mit dem bewusst werden seiner Situation... Meine Lebenslage ist ziemlich perfekt, ich kann mich keineswegs beklagen. Daher ist die Reflexion im Bezug auf mein eigenes Leben unproblematisch, aber was das Leben in dessen Gesamtheit angeht, so können Erkenntnisse darüber durchaus negative Auswirkungen haben..

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Wenn "zu viel Reflexion" in dauerndes Grübeln mündet, jede Aktivität verhindert, dann stimmt deine Theorie, denn zu grübeln bringst nichts außer, dass man sich in sich selbst zurückzieht, nicht mehr nach außen geht.  Großer Frust und damit Depression vorprogrammiert!

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Hm nein, Ich denke nicht. Durch Selbstreflexion gewinnt man nur Erkenntnisse über sich selbst. Wenn man die negativ bewertet sollte man nochmal darüber nachdenken warum man das eigentlich tut, dann kommt man zur eigentlichen Erkenntnis.

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Hallo. :-)

Aufjedenfall auch eher Nein.
Ihr habt glaube ich das Wort " Reflektion - Selbreflektion" ein bisschen falsch definiert.

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Kommentar von Fantastulous
14.11.2016, 09:41

Wie würdest du das Wort definieren/Was stellst du dir darunter vor?

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Kommentar von Android27
14.11.2016, 11:49

Soweit ich das beurteilen kann wenn ich das hier so lese... (Was zur Abwechslung mal sehr sehr interessant ist, danke dafür) ist dein Problem nicht wirklich die Reflektion oder deren Definition, sondern du suchst nach einer Erkältung für deiner Meinung nach kommenden, habenden oder nicht zu vermeidender Depression wenn man das Leben halt erstmal aus dem nicht zu vermeidender Blick der Realität sieht und das halt alles eh ein Ende hat. Seh ich das erstmal so richtig.? Ich habe keine Lust alles auszuführen oder darüber groß zu diskutieren wenn du eh was ganz anderes meinst und wir hier quasi nur aneinander vorbei schreiben :)

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Kommentar von Fantastulous
15.11.2016, 00:39

"(...) wenn man das Leben halt erstmal aus dem nicht zu vermeidender Blick der Realität sieht und das halt alles eh ein Ende hat." - Das bringt meinen Gedankengang vermutlich ziemlich gut auf den Punkt. Ich denke, dass uns das Bewusstsein unseres Lebens begeistern sowie verrückt machen kann...

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